Der Wunsch nach Orientierung ist groß. Was macht die Krise mit uns, was aus den Städten? Wird irgendwann alles gut? Sicher nicht. Wir müssen damit leben, dass das Wissen nicht ausreicht, um Entscheidungen zu treffen. Das ist eigentlich nicht neu: Architekten und Planer müssten das kennen.
Schaut man in die Literatur der 1990er Jahre über die Stadt, findet man dort allerhand Bedrohliches. Ende des 20. Jahrhunderts drohe der Stadt „der Untergang in der flächendeckend ,urbanen‘ Welt der Telekommunikation und der schnellen Verkehrsverbindungen (...) Der öffentliche Raum und die Stadt haben jede Berechtigung verloren, alles ist kolossaler, gigantischer Privatraum geworden: Leere“, menetekelte der damalige Präsident der Bundesarchitektenkammer Roland Ostertag zum Architektentag 1994. 1 „Die heutige Architektur und die auf den Städten der Vergangenheit beruhende Urbanität wird vergessen sein. Das Vergessen hat schon begonnen“, so der englische Architekturkritiker Martin Pawley 1997. 2 Bazon Brock sprach von Kulturghettos: In ihnen „verschwindet selbst der letzte Rest eines urbanen Verhaltens. In ihnen herrscht die Rigidität dörflicher Stammesgemeinschaften.“ 3 Florian Rötzer sah die abgehängten Stadtteile und Regionen voraus. „Viele Städte verlieren allmählich ihre Wirtschaftskraft, da auf dem Weg zur Informationsgesellschaft mehr Arbeitsplätze verlorengehen als neue entstehen. Ohne die tiefgreifende gesellschaftliche Neuordnung der Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums wird das zu großen Konflikten führen.“ 4 Dieser Zitatereigen ließe sich lange fortsetzen. Die damals tatsächlich (und nicht erst irgendwann 2017) einsetzende Digitalisierung führte zu Ängsten und Verunsicherungen. Sie waren nicht unberechtigt, aber dass man einige dieser Passagen kaum verändert auch heute noch veröffentlichen könnte, ohne dass man ihnen ihr Alter ansähe, ist nur insofern tröstlich, als sich die befürchteten Entwicklung doch nicht in der Geschwindigkeit vollzogen haben, die prognostiziert worden war. Manche Prognosen waren auch zu schwarz gemalt, weil nicht in Rechnung gezogen wurde, dass zur Komplexität der Welt gehört, dass sich Menschen organisieren und wehren. Die düstere Diagnose will möglicherweise gerade dies erzeugen: Gegenwehr. Die mutigen Menschen, die sie leisten, brauchen wir nach wie vor.
Abstand halten im öffentlichen Raum. Bild: Christian Holl
Abstand halten im öffentlichen Raum. Bild: Christian Holl
Es bleibt komplex
Wird endlich das Abstandsgrün rehabilitiert? Bild: Christian Holl
Wird endlich das Abstandsgrün rehabilitiert? Bild: Christian Holl
Das setzt die, die Entscheidungen treffen müssen, unter erheblichen Druck. Man sollte denen Respekt entgegenbringen, die sich ihm aussetzen. Aber auch wenn man kein Politiker ist, darf man sich an Wissenschaftlern orientieren, und es sich gönnen, keine vorschnelle Schlüsse zu ziehen. Zum Beispiel darüber, wie sich Architektur und Stadt ändern wird und muss. Ob die ländlichen Räume gewinnen. Dass Bürogebäude anders werden müssen. Wie sich die Innenstädte verändern werden. Wie der öffentliche Raum erlebt werden wird. Wir können nur spekulieren. Spekulieren ist erlaubt, mehr noch, es ist wichtig, denn es hilft, sich darüber zu verständigen, was wichtig ist. Für Prognosen außer der, dass sich wohl einiges ändern wird, ist es allerdings noch ein bisschen zu früh.
Was schon vorher wichtig war
Folgen der Erderwärmung: schrumpfende Gletscher. Im Bilder der Yakutat-Gletscher in Alaska. (Bild: NASA Earth Observatory Bild, Robert Simmon)
Folgen der Erderwärmung: schrumpfende Gletscher. Im Bilder der Yakutat-Gletscher in Alaska. (Bild: NASA Earth Observatory Bild, Robert Simmon)
Dass die Klimakrise die weitaus größere Krise ist, ist fast schon eine Allgemeinplatz. Sie lässt weder die Hoffnung auf einen Impfstoff zu, noch die auf eine Mutation des Virus, die ihm seine Gefährlichkeit nimmt. Von falscher Bodenpolitik, die Niklas Maak im NDR After-Corona-Club ansprach über den Kampf um den Datenschutz bis zur offensichtlichen Benachteiligung von Frauen in der Krise – was an dieser Diskussion beängstigend ist, ist gerade die brennende Aktualität all der Dinge, die zu bearbeiten wir viel zu lange vor uns hergeschoben haben. Das Beispiel der Frauen, die wieder in alte Rollenbilder gedrängt werden, zeigt, dass wir sogar hinter mühsam Errungenes zurück fallen. Vielleicht, weil es die trügerische Sicherheit des vermeintlich traditionell Bewährten verspricht? Weil dem mühsam Errungenen keine breite Überzeugung entsprach, die es nun tragen könnte? Aber es ist nicht nur dies. Homeschooling verschärft die Ungleichheit, Inklusion wird noch mehr zur Nebensache, als sie es ohnehin schon war. Wir reden vom Homeoffice und vergessen all die Arbeit, die nicht im Homeoffice erledigt wird. Diskursive Segregation könnte man das nennen. Wir erfahren eine beunruhigende Re-Nationalisierug, an der Europa zu zerbrechen droht. Da hieß es kürzlich „Verspielen wir unseren Vorsprung?“ – als wäre die Pandemie eine Europameisterschaft. Ist nicht der Pkw, wenn die Reichweite des Fahrrads nicht reicht, gerade wieder attraktiver als der Zug oder der ÖPNV? Und dabei reden wir noch nicht einmal von denen, die vollständig vergessen zu sein scheinen: Die Flüchtlinge an den Rändern Europas, die Bewohner der Slums, die Opfer des Bürgerkriegs in Syrien. Es muss einen verrückt machen, dass es einer Pandemie bedurfte, bis die skandalösen Zustände in den Schlachthöfen zum Thema werden.
Improvisieren, experimentieren
Autokinos erfahren eine Renaissance. Kann man hier nicht auch Theater spielen? Es wäre nicht das erste Mal. (Bild: Christian Holl)
Autokinos erfahren eine Renaissance. Kann man hier nicht auch Theater spielen? Es wäre nicht das erste Mal. (Bild: Christian Holl)
Es ist hingegen ziemlich tückisch, lang verfolgten Forderungen nun an die Pandemie zu knüpfen: Wie erhält man dann diese Forderungen aufrecht, sollte die Pandemie überwunden worden sein? Man könnte der Gefahr erliegen, all das, was uns beunruhigen muss, so für die Krise zuzuspitzen, dass wir irgendwann auf die Zukunftsprognosen aus der Pandemie-Zeit so schauen werden, wie wir heute auf die der 1990er schauen. Dass wir einerseits darüber erschrecken, wie aktuell die Befunde bleiben und andererseits die falschen Prognosen belächeln. Im schlimmsten Fall kommt man als Trittbrettfahrer daher und nutzt die Krise, um nochmals zu erzählen, was man schon immer erzählt hat. Und reichert es entsprechend an, auch wenn die Zusammenhänge zu Corona so mühselig zusammengezimmert werden, dass es körperlich schmerzt.6
Pop-up Radweg in Berlin. (Bild: Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0, Nicor)
Pop-up Radweg in Berlin. (Bild: Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0, Nicor)
Das ist es mir wert
- 1Roland Ostertag: Risiko Stadt? in: Risiko Stadt?: Perspektiven der Urbanität. Im Auftrag der Hamburgischen Architektenkammer für die Bundesarchitektenkammer hrsg. von Ullrich Schwarz. Hamburg 1995, S. 8–17; hier S. 10
- 2Martin Pawley: Auf dem Weg zur digitalen Desurbanisierung. In: Virtual Cities: Die Neuerfindung der Stadt im Zeitalter der globalen Vernetzung, hrsg. von Christa Maar und Florian Rötzer, Basel Boston, Berlin 1997, S: 17–29, hier S. 29
- 3Bazon Brock: Zivilisationsraum und Kulturghetto. In: Mythos Metropole. Hrsg. von Gotthard Fuchs, Bernhard Holtmann und Walter Prigge, Frankfurt am Main 1995, S. 98–103, hier S. 101
- 4Florian Rötzer. Auszug aus der Stadt. In: Virtual Cities: Die Neuerfindung der Stadt im Zeitalter der globalen Vernetzung, hrsg. von Christa Maar und Florian Rötzer, Basel Boston, Berlin 1997, S: 11–16, hier S. 14
- 5Ulrich Beck: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt am Main 2015 (Erstauflage 1986), S. 202
- 6So etwa Christoph Mäcklers Beitrag in der FAZ vom 13. Mai. Dort heißt es: "In den Medien war von dem 'seltenen Moment des Miteinanders' die Rede, der seinen Ausdruck im gemeinsamen Singen und Händeklatschen an den geöffneten Fenstern in den Straßenräumen der Städte gefunden hat. Konnte man das in unseren Neubauvierteln erleben? Nein, denn diese locker bebauten Viertel kennen keinen gefassten Straßenraum, der zur Bühne für seine Bewohner werden könnte. Das Zuhause im Neubauviertel findet im eigenen Wohnzimmer, nicht aber im öffentlichen Straßenraum statt, da es diesen hier nicht gibt." Ein einziges Video – das der Bamberger Solidarität mit Italien vom März pulverisiert all diese Behauptungen. Es wurde in einem Neubauviertel aufgenommen. Argumentationen wie die Mäcklers untergraben letztlich den sozialen Zusammenhalt, denen verpflichtet zu sein sie nur vorgegeben. Wie zynisch muss man auch sein, um das Klatschen von den Balkonen der teuren Quartiere als Beweis für sozialen Zusammenhalt anzuführen – und den Quartieren derer, denen dieser Applaus gilt, zu attestieren, dass hier sozialer Zusammenhalt veröde?