(Foto: Maximilian Kürten / Die Betonisten)
Die 2017 als „Freunde des Mainzer Rathauses“ ins Leben gerufene Initiative firmiert seit 2019 als „Die Betonisten“. Die zehn Mitglieder kümmern sich darum, „Mainzerinnen und Mainzern ihre Denkmale und denkmalwürdigen Bauwerke näher zu bringen sowie Verständnis und Wertschätzung für die Architektur der Nachkriegszeit zu gewinnen“, wie sie es selbst formulieren. Vor kurzem erschien das erste von ihnen selbst herausgegebene Buch, es behandelt die Architektur von Mainz aus der Zeit von 1970 bis 2000. Wir veröffentlichen hier das Vorwort in abgeänderter und erweiterter Form.
Postmoderne in Mainz: Die neue Wohnanlage auf dem Kästrich aus den 1980er/1990er Jahren. (Foto: Rainer Metzendorf)
Postmoderne in Mainz: Die neue Wohnanlage auf dem Kästrich aus den 1980er/1990er Jahren. (Foto: Rainer Metzendorf)
Gewerbe und Wohnen in den Vororten
Die rechtsrheinischen Gebiete Amöneburg, Kastel und Kostheim wurden endgültig aufgegeben. Man hatte sie nach dem Zweiten Weltkrieg an das unter amerikanischer Besatzung stehende Wiesbaden abgebgeben. Um den Verlust dieser Gewerbe- und Industriestandorte zu kompensieren, wurde ein Ausbau der Gewerbegebiete in den westlichen und südlichen Vororten forciert. Insbesondere Hechtsheim muss hier erwähnt werden wo in den 1960er Jahren mit der Anbindung an die Autobahn A60 die infrastrukturellen Voraussetzungen geschaffen wurden, damit innerhalb weniger Jahre eine ganze Gewerbestadt aus dem Boden schießen konnte, die bald flächenmäßig mit dem Wohngebiet des Stadtteils konkurrieren sollte.
Das Eingangstor zur Stadt
Bonifazius-Türme am Mainzer Bahnhof, 1976/77. (Foto: Leonie Matt / Die Betonisten)
Bonifazius-Türme am Mainzer Bahnhof, 1976/77. (Foto: Leonie Matt / Die Betonisten)
Stadtentwicklung westlich der Bahntrasse: Agentur für Arbeit. (Foto: Rainer Metzendorf)
Stadtentwicklung westlich der Bahntrasse: Agentur für Arbeit. (Foto: Rainer Metzendorf)
Diese direkte Fußgängerverbindung ist neben der Alicenbrücke zudem ein wichtiger Baustein für die Stadtentwicklung jenseits der Bahntrasse. In den kommenden Jahrzehnten entstanden hier zwei Hotels, Wohnungen und ein großes Geschäftshaus mit Ärztezentrum. Hierzu gehört auch das 1989–92 errichtete Parkhaus City Port mit direktem Anschluss an die querende Hochstraße. Diese wurde zwar erst wegen Geldmangels, dann aufgrund einer veränderten Verkehrsplanung nicht mehr weitergeführt. Dennoch entstanden die vorgesehenen Hochpunkte an diesem Verkehrsknotenpunkt, die seit 1978 in Form der beiden Bonifazius-Türme den Hauptbahnhof in der Stadtsilhouette markieren.
Altstadt im neuen Gewand
Saniert, umgebaut und erweitert: Die Lampenfabrik, Severain Architekten. (Foto: Barbara Pfeifer / Die Betonisten)
Saniert, umgebaut und erweitert: Die Lampenfabrik, Severain Architekten. (Foto: Barbara Pfeifer / Die Betonisten)
Erst am Ende des Jahrtausends fand die Altstadtsanierung jenseits der Dagobertstraße ihren Abschluss. Hier ist der Umbau der ehemaligen Lampenfabrik (2001) hervorzuheben, die das Büro Severain Architekten durch einen glasüberdachten Innenhof mit dem Neubau entlang der Holzhofstraße verbindet. Die gegenüberliegende Blockrandbebauung des Multiplexkino CineStar (Heinz Laubach, 1998–1999) und des neuen Gebäudekomplexes am Südbahnhof (Severain Architekten, 2006–2009; seitdem „Bahnhof Römisches Theater“) entstanden mit ihrer Material- und Formenvielfalt im typischen Zeitgeist der späten Postmoderne.
Neue Repräsentanz am Rhein
Neue und kräftige Akzente wurden in den 1990ern zwischen dem Bahnhof Römisches Theater und dem Rhein mit dem Fort Malakoff Park und der Hauptverwaltung der DBCargo (im Bild) gesetzt. (Foto: Barbara Pfeifer / Die Betonisten)
Neue und kräftige Akzente wurden in den 1990ern zwischen dem Bahnhof Römisches Theater und dem Rhein mit dem Fort Malakoff Park und der Hauptverwaltung der DBCargo (im Bild) gesetzt. (Foto: Barbara Pfeifer / Die Betonisten)
Der Fort Malakoff Park mit Hyatt Regency Hotel am Winterhafen stellt den südlichen Abschluss der innerstädtischen Rheinsilhouette dar. Er bildet somit als ein weithin sichtbarer Ausdruck der Mainzer Architekturmoderne des späten 20. Jahrhunderts ein architektonisches Gegengewicht zum Rathaus samt Rheingoldhalle mit Hilton-Hotel und zu den weiter flussabwärts befindlichen Repräsentationsbauten aus kurfürstlichen Zeiten.
Das Buch „Mainz 1970–2000. Das neue Selbstverständnis in der Architektur“ ist die Nachfolgepublikation zu „Mainz 1945–1970. Die verkannte Epoche des Wiederaufbaus“ (hg. von Rainer Metzendorf, 2021). Die Sammlung verschiedenster Projekte dokumentiert die architektonische Entwicklung der letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt.
Die Betonisten (Hg.): Mainz 1970–2000. Das neue Selbstverständnis in der Architektur
24 cm x 29 cm, 112 Seiten mit etwa 150 Abbildungen
ISBN: 978-3-943915-69-3, 26,00 Euro
Morisel Verlag Asbach