Fragen zur Architektur (36) | In der Ferienzeit fahren viele Menschen in Landschaften, Städte, an Orte, an denen ein großer Aufwand getrieben wird, um eine tourismusfreundliche Alltagsferne zu inszenieren. Konstruktionen einer heilen Welt, von der wir genau wissen, dass sie einer Welt gegenüberstehen, die überhaupt nicht heil ist. Das ist schon oft und wirklungslos kritisiert worden. Vielleicht wäre es hilfreich, die Kritik nicht an den Orten des Tourismus zu üben.
Ferien. Die Zeit einer zumindest vorsichtigen Urlaubsplanung. Wir lassen an dieser Stelle als Gedankenexperiment einmal gnädig außer acht, dass die Möglichkeit besteht, wir könnten die Urlaubsplanung wieder ändern müssen. Denn wir wissen: Experimente liefern Erkenntnisse, weil sie die Realität vereinfachen. Also Urlaubsplanung. Bei mir ist es so: Wenn einmal ein Urlaubsziel festgelegt und eine Unterkunft gebucht ist, vergesse ich schnell, warum es dieses Mal genau dieses Ziel sein musste. Es wäre sonst, als würde man nach dem Einkauf Preise vergleichen. Es soll die Ardèche sein. Und so beginnen die Urlaubsvorbereitungen, bei denen ich im Durchwühlen meines nicht auf einer strengen Systematik aufgebauten Archivs auf einen Zeitungsartikel von 2015 stoße, in dem es heißt: „Wer weiß, vielleicht wird man eines Tages bei der Ardèche nur noch an Wollhaarmammuts und nicht mehr an Felsschluchten denken.“ 1 Mir scheint, dass dieser Tag noch nicht gekommen ist, zumindest waren die Wollhaarmammuts für uns nicht entscheidend, soviel weiß ich dann doch noch.
Detail im Nachbau der Chauvet-Höhle. (Bild: Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, Claude Valette)
Detail im Nachbau der Chauvet-Höhle. (Bild: Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, Claude Valette)
Verblüffung und Kritik
Bild: Christian Holl
Bild: Christian Holl
Horst Bredekamp hat in seinen Untersuchungen zum „Bildakt“ festgehalten, dass „Mensch ist, wer Naturgebilde in Bilder umformen und diese als eigene Sphäre zu bestimmen vermag.“ 2 Er konstatiert, dass unter anderem Platon, aber auch Heidegger und Lacan um die Wirkung von Bildern wussten, hinter ihren Überlegungen aber auch eine Angst stehe: nämlich die, „im Bild einer Sphäre zu begegnen, die der Philosoph nicht zu kontrollieren vermag.“ 3 In seiner Definition des Bildaktes schreibt Bredekamp, dass im Bildakt das Bild eine aktive Qualität annimmt. Das Bild ist mehr als ein Ding und mehr als eine Abbildung, die einen gerade das sehen lässt, was ohne das Bild nicht zu sehen wäre. Das Abgebildete ist mehr als nur visuell präsent. Beschwörungen, Beseelungen, Bestrafungen, Verarbeitungen von Traumata – zu alldem können Bilder dienen, und sie haben deswegen auch eine immense politische Bedeutung.
Verblüffend, wie gut selbst ungeschickte Täuschungen funktionieren. (Bild: Christian Holl)
Verblüffend, wie gut selbst ungeschickte Täuschungen funktionieren. (Bild: Christian Holl)
Alltagsferne Alltagsbewältigung
Urlaubsvorbereitung. (Bild: Christian Holl)
Urlaubsvorbereitung. (Bild: Christian Holl)
Für diese Ausnahmesituation Urlaub hält der Mensch viel aus. Er hält es aus, dass Kanonen mit unglaublichem Wasser- und Energieverbrauch Schnee liefern. Er hält es aus, dass im Winter Sand an die Strände gekarrt und gebaggert wird, damit man im Sommer drauf liegen kann. Er hält es aus, dass eine Parallelwelt konstruiert wird, die die eigene Sphäre um etwas erweitert, was sie erst zu der komplexen macht, in der er es aushalten kann. Im Urlaub ist unerreichbar, wer sonst immer erreichbar ist, im Urlaub wird der Körper belastet, weil man sonst immer am Computer sitzt. Im Urlaub genießt man die Illusion einer Welt von räumlich überschaubaren Beziehungen, weil man sich danach wieder um die Eltern in Bayern kümmern muss, die beste Freundin in Köln wohnt, während man selbst in der Nähe Osnabrück zuhause ist. Und zum Einkaufen in den Supermarkt am Ortsrand, die Kinder in den Sportunterricht fährt und sich nicht mit den Darbietungen des örtlichen Kulturvereins zufrieden gibt. Zum Beispiel. Wir genießen im Urlaub ein Leben, das wir im Alltag als unzureichend empfinden würden. Das machen wir, weil wir dafür im Urlaub Bilder intakter Natur bewohnen (in der Ardèche), um die Nachrichten der brennenden Tundra und des abschmelzenden Polareises aushalten.
Für eine Ethik der Distanz
Bild: Christian Holl
Bild: Christian Holl
Es wäre also besser, das Humboldt Forum würde funktionieren wie die Höhlenreplik in der Ardèche. Das macht es aber nur unzureichend, auch wenn man in der rüden Ostfassade eine Entsprechung der ungelenke Anmutung einer Felsformation sehen könnte; eine Herausforderung für das intellektuelle Freeclimbing gewissermaßen. Das Schlimme am Humbordt Forum ist, dass es zu sehr täuschen will und zu wenig die Doppeldeutigkeit der Replik auslotet – und dass ein Kreuz auf der Kuppel steht, mit einem Zitat darunter, das ein Schlag ins Gesicht von zu vielen ist, die in diesem Land eine Heimat gefunden haben. Wenn man auf diese Weise meint, demonstrativ ein überkommenes Welt- und Gesellschaftsbild zu vermitteln zu müssen, bedroht man genau dies: dass dieses Land Menschen zur Heimat werden kann. 5
Dass wir keine Bilder bewohnen, dass haben uns die letzten Tage auf grausame Weise gezeigt. Dass die Natur so einige Unwägbarkeiten hat, haben wir leider ein wenig zu sehr vergessen: Die Welt ist kein Bild, in dem man wohnt; wir wissen das schon lange, nur waren die Katastrophen bislang offensichtlich noch viel zu lange viel zu weit weg, als dass daraus Konsequenzen gezogen worden wären. Die schön inszenierten Städte und Landschaften, das behagliche Wohlstandsidyll auf Kosten von Umwelt, Klima und dem Wohlergehen von anderen Menschen konnte und kann auf Dauer nicht gut gehen. Bredekamp fordert eine Ethik der Distanz – eine solche müssten wir gewinnen: „weil erst dieses Insistieren auf dem Abstand die zerstörerische Dimension zu begreifen vermag, welche ihre Absenz auslöst.“ 6 Wir müssen wieder lernen, mit der Konstruktion von Wirklichkeit umzugehen, die nicht unabhängig von der Welt ist, mit der die Bilder einen Umgang zu finden versprechen. Schönen Urlaub.
Das ist es mir wert
- 1Rob Kieffer: Die Magie der Kopie, FAZ, 7. Mai 2021
- 2Horst Bredekamp: Der Bildakt. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2007, Neufassung 2015, Berlin 2015, S. 36
- 3ebd., S. 50 f.
- 4siehe die Arte-Dokumentation „Der geklonte Eiffelturm“, https://www.youtube.com/, Bianca Bosker, 5.50 – 9:34
- 5Das Zitat, eine Kombinaton aus zwei Bibelstellen lautet: „Es ist kein ander Heil, es ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn der Name Jesu, zu Ehren des Vaters, daß im Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Kniee, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.“ Es stammt von Friedrich Wilhelm IV. Er hatte es anbringen lassen, „auch um im Zuge der von ihm abgelehnten Revolution von 1848/1849 das Gottesgnadentum seiner Herrschaft und das aus heutiger Sicht verhängnisvolle Bündnis von Thron und Altar gegen die Forderungen nach einer Demokratisierung des Herrschaftssystems zu verteidigen." (siehe >>>)
- 6Bredekamp, a.a.O., S. 12