Fragen zur Architektur (28) | Die Verantwortung von Architekten besteht nicht nur darin, möglichst ressourcenschonend zu bauen. Architektur kann auch sichtbar machen, dass es Alternativen zur gewohnten Praxis gibt. Der Alnatura Campus in Darmstadt und die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin zeigen exemplarisch, was möglich ist.
Treppenhaus der Hochschule für Schauspielunst Ernst Busch in Berlin. Foto: Christian Holl
Treppenhaus der Hochschule für Schauspielunst Ernst Busch in Berlin. Foto: Christian Holl
Zu spät für Beschwichtigungen
Tun und zeigen, was möglich ist: Alnatura Arbeitswelten in Darmstadt. Foto: Roland Halbe
Tun und zeigen, was möglich ist: Alnatura Arbeitswelten in Darmstadt. Foto: Roland Halbe
Der Innenraum ohne Wände, ein Großraum freundlicher Offenheit. Foto: Roland Halbe
Der Innenraum ohne Wände, ein Großraum freundlicher Offenheit. Foto: Roland Halbe
Die Akustik ist angenehm gedämpft, dafür sorgen der an der Innenseite mit Kasein bestrichene Lehm, der Teppichboden und Absorberstreifen an der Decke. Foto: Roland Halbe
Die Akustik ist angenehm gedämpft, dafür sorgen der an der Innenseite mit Kasein bestrichene Lehm, der Teppichboden und Absorberstreifen an der Decke. Foto: Roland Halbe
Man darf wohl von einem Signalbau sprechen, und dass er es wurde, hängt wesentlich damit zusammen, dass in ihm kombiniert und weitergetrieben wurde, was an Gedanken und Konzepten nachhaltiger Architektur bereits bekannt ist und getestet wurde. Vor Ort gefertigte Lehmwände aus einzelnen Blöcken von 1 mal 3,5 Metern, mit einer Kerndämmung aus receyceltem Schaumglasschotter, passive Belüftung über Erdkanäle, eine am Raumklima orientierte Ausrichtung und Belichtung. Ein akustisch erstaunlich gelungener Großraum ohne Wände, von freundlicher Offenheit, mit Brücken und Stegen, der den Wunsch des Bauherrn, dass die Architektur keine Hierarchien abbilden oder suggerieren solle, in eine anregende Arbeitslandschaft übersetzt. Transsolar sind für das Energiekonzept, Knippers Helbig für das Tragwerk zuständig, der Lehmpionier Martin Rauch hat seine Expertise eingebracht – keine Mannschaft aus Unbekannten, die an diesem Projekt arbeitete.
Kritik, die ins Leere zielt
In die Lehmwände ist eine geothermische Wandheizung eingelassen, Streifen aus Trasskalk und Tonzuschläge schützen vor Erosion. Foto: Christian Holl
In die Lehmwände ist eine geothermische Wandheizung eingelassen, Streifen aus Trasskalk und Tonzuschläge schützen vor Erosion. Foto: Christian Holl
Die Frage stellt sich daher erst recht, warum dieses Gebäude dennoch deutlich mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, als etwa das Holzhaus der Heilbronner Bundesgartenschau, das immerhin auch mit dem Prädikat „höchstes Vollholzhaus Deutschland“ aufwarten kann. Man kann diese Frage beantworten, und die Antworten zeigen, was für die Zukunft wichtig wird. Zum ersten hat es etwas Befreiendes, dass das Experiment überhaupt gewagt und realisiert wurde, dass hier das Risiko des Scheiterns eingegangen wurde. Auch die Frucht vor Kritik, dass der Lehm nicht in einen Bau reiner Lehre, ohne Glasschotter, ohne Beton integriert wurde, dass der Vorwurf des Opportunismus zumindest denkbar wurde, hat letztlich keine Rolle gespielt. Zum zweiten lässt sich das Haus nicht auf ein Hauptfeature reduzieren. Es ist eben nicht nur ein Lehmbau. Die Bushaltestelle liegt vor der Türe, es gibt Radparkplätze und ein öffentliches vegetarisches Restaurant, das Haus hat eine offene und anregende Atmosphäre, die Kreativität nicht als Marketinglabel behauptet – es ist eine Mischung aus vielen Aspekten, ein ganzheitlicher Ansatz, der überzeugt. Das ist gerade deswegen sympathisch, weil nicht fertige Antworiten geliefert werden. Das Haus ist weder eine perfekte Technikmaschine noch ein nicht mehr zu verbesserndes Kunstwerk: Änderungen und Erweiterungen sind möglich.
Soll einladen, nicht überwältigen. Im Foyer. Foto: Christian Holl
Soll einladen, nicht überwältigen. Im Foyer. Foto: Christian Holl
Und viertens ist die Ästhetik eben nicht unerheblich. Und dabei ist nicht die Rede davon, dass es sich hier nicht um eine spektakuläre Architektur handeln könnte – das ist ja nicht der Fall. Es ist eine Ästhetik, die etwas von dem erzählt, was dieses Haus entstehen ließ, welche Haltung ihm zugrunde liegt und wie über die gedacht wird, die es nutzen. Auch hier geht es nicht um das eine Feature der sichtbaren, dreigeschossigen Lehmwände, so wichtig sie auch sind – die helle Freundlichkeit des Innern, die nicht bis ins Letzte durchgestylten Arbeitsplätze, die Mischung aus industriell Rohem und hochwertiger Möblierung gehören genauso dazu. Dass Details kritisiert werden können, sind nicht Mängel, sondern Teil dieser erzählenden Ästethik, der man zutraut, auch Menschen jenseits des Fachdiskurses zu erreichen. Hoffen wir, dass sich diese Hoffnung einlöst.
Mahatma-Gandhi-Straße 7, 64295 Darmstadt
Campus Fläche: 55.000 qm
Alnatura Arbeitswelt: 13.500 qm
Bauherr: Alnatura Produktions- und Handels GmbH
Architektur: haascookzemmrich STUDIO2050, Stuttgart
Projektleitung: Sinan Tiryaki, Elena Krämer, Philip Furtwängler
Planungsteam: Lena Götze, Yohhei Kawasaki, Eduardo Martín Rodríguez,
Eva Engele, Ioannis Siopidis
Freiraumplanung Ramboll Studio Dreiseitl, Überlingen
Ausschreibung und Objektüberwachung: BGG Grünzig Ingenieurgesellschaft, Bad Homburg
Lehmbau Lehm Ton Erde, Schlins, Österreich, Martin Rauch, Thomas Honermann, Bauleitung: Leonar Stieger
Tragwerksplanung: Knippers & Helbig, Stuttgart
Bauphysik: KNP, Köln
Energiekonzept: Transsolar, Stuttgart, Thomas Auer, Christian Frenzel
Brandschutz Tichelmann & Barillas, Darmstadt
HLS Henne & Walter, Reutlingen
Elektro: Ib.Schwarz, Stuttgart
Der Alnatura Campus wird als Forschungsprojekt von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt gefördert
Umdenken sichtbar machen
Zeichen für die neue Nutzung, aber auch für die Haltung, die dem Haus zugrunde liegt: Der in Holz gekleidetet Bühnenturm ragt aus der Bauflucht heraus. Foto: Schnepp Renou / O&O Baukunst.
Zeichen für die neue Nutzung, aber auch für die Haltung, die dem Haus zugrunde liegt: Der in Holz gekleidetet Bühnenturm ragt aus der Bauflucht heraus. Foto: Schnepp Renou / O&O Baukunst.
Der um Cafe und Bühnenturm ergänzte Bestand wird neu genutzt. Bild: euroluftbild.de/Robert Grahn
Der um Cafe und Bühnenturm ergänzte Bestand wird neu genutzt. Bild: euroluftbild.de/Robert Grahn
Unfertiges als Bekenntnis
Oben roh, unten verfeinert. Foto: Schnepp Renou
Oben roh, unten verfeinert. Foto: Schnepp Renou
Blick in das dem Bestand neu zugefügte Cafe. Foto: Christian Holl
Blick in das dem Bestand neu zugefügte Cafe. Foto: Christian Holl
Architektinnen und Architekten können gewiss nicht alleine die Verantwortung für zukünftige Generationen übernehmen, aber sie haben eben auch ihre spezifische Verantwortung. Sie ernst zu nehmen, bedeutet auch, darüber nachzudenken, wie sich mitteilt, dass sie sie wahrnehmen. Und damit auch andere dazu zu animieren, das Ihre zu geben, ist eben eine Frage der Ästhetik.
Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch
Zinnowitzer Straße 11, 10115 Berlin
BGF: 16 200 qm, Nutzfläche: 8 900 qm
Baukosten: 44,65 Mio. Euro (KG 200-700)
Bauherr: Land Berlin, vertreten durch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, Abteilung V – Hochbau
Architekten: Ortner & Ortner Baukunst, Berlin, Gesellschaft von Architekten mbH
Team: Roland Duda (Geschäftsführer O&O Baukunst), Tobias Ahlers (Projektleiter), Nino Schiddel, Markus Müller, Frank Illing, Magdalena Schwalke-Sauer, Bernd Gotthardt, Jessica Seidel, Lars Riebschläger, Pascal Dworak, Markus Lemcke
Tragwerksplanung: fd-ingenieure Dipl.-Ing. Frank Dröse, Berlin
Haustechnik HLS: Engineering-Consult GmbH, Karlsruhe
Haustechnik ELT: Raible + Partner GmbH & Co. KG, Lutherstadt-Wittenberg
Außenanlagen: Lesniak Landschaftsarchitekten & Ingenieure, Potsdam
Bühnen- und Fördertechnik: Kunkel Consulting International GmbH, Bürstadt
Raum- und Bauakustik Müller-BBM GmbH, Planegg
Projektsteuerung: BJP Ingenieure GmbH, Leipzig
Objektüberwachung PMS AG – Architekten und Ingenieure, Berlin
Das ist es mir wert
- 1Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Frankfurt am Main 1979/2003. S. 81
- 2ebd., S. 8
- 3Eine Auswahl der Beiträge: in der db deutsche bauzeitung, der bauwelt und der Süddeutschen Zeitung
- 4Auch hier möchten wir auf bereits erschienene Beiträge hinweisen: in der db deutsche bauzeitung und in der taz