Bauen mit dem, was da ist
"Lass bleiben und baue mit dem, was schon ist!", fordern daher immer mehr Beschützer des rettbaren Gebäudebestandes; aber auch solche, die in der Grauen Energie, die ja in der gebauten Masse steckt, wertvolle Ressourcen erkennen und diese gerne in die CO2-Bilanz mit eingerechnet sehen wollen. Der Verein Architects for Future ("A4F"), der sich im Einklang mit der Fridays for Future-Bewegung dafür einsetzt, dass auch die Baubranche ihren Teil für die Einhaltung der Ziele des Pariser Klimaabkommens beiträgt, sieht die Abriss-für-Neubau-Strategie ebenfalls kritisch. Für das Erreichen des 1,5°C-Ziels ist es laut einer Studie des Wuppertal Institutes essentiell, dass unser gesamter (!) Gebäudebestand bis 2035 klimaneutral wird.2) Laut dem dena Gebäudereport 2016 gehen mehr als zwei Drittel des Wärmeverbrauchs auf Bestandsgebäude zurück, die vor 1979 gebaut worden sind. Immerhin knapp zwei Drittel unseres Wohngebäudebestandes stammt aus der Zeit vor 1979, bietet also ein riesiges Potential an Energieeinsparungen und damit auch CO2-Reduktion.
Hemmnisse torpedieren den Gebäudeerhalt
Ressource versus Energieeffizienz
Auch unsere Nachbarn in der Schweiz beschäftigen sich ausgiebig mit der Thematik. Eicke-Hennig bezieht sich in seinem Artikel auch auf eine Publikation der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt,2 die 2005 in einem nationalen Zukunftsszenario berechnet hat, dass auf die gesamte Neubau- und Sanierungstätigkeit in allen Wohn- und Nichtwohnbauten der Schweiz 10 % der Grauen Energie auf den gesamten baulichen Primärenergiebedarf entfallen. Hingegen gingen 90 % der Energieflüsse am Gebäude auf das Konto des Heizungs- und Stromverbrauchs während der langen Gebäudelebensdauer. Eicke-Hennig benennt als wichtigste Ergebnisse der Studie, dass der Energiesparstandard die Graue Energie nur unwesentlich beeinflusst, jedoch der größte Anteil an Grauer Energie in den Massivbauteilen eines Gebäudes steckt.
Der Rohbau ist des "Pudels" Kern
Von der Wiege zur Wiege – Vision oder bald Realität?
2) Wuppertal Institut (Hrsg.), Georg Kobiela, Sascha Samadi, Jenny Kurwan, Annika Tönjes, Manfred Fischedick, Thorsten Koska, Stefan Lechtenböhmer, Steven März, Dietmar Schüwer: CO2-neutral bis 2035 – Eckpunkte eines deutschen Beitrags zur Einhaltung der 1,5-°C-Grenze; Diskussionsbeitrag für Fridays for Future Deutschland, Abgerufen am 14.2 2021: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:wup4-opus-76065
3) Klimaschutz in Zahlen – Fakten, Trends und Impulse deutscher Klimapolitik (Ausgabe 2020), Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU), www.bmu.de/publikationen (Hrsg.), Berlin, 2020 [Link: --> https://www.bmu.de/fileadmin/Daten_BMU/Pools/Broschueren/klimaschutz_zahlen_2020_broschuere_bf.pdf]
4) Abfallwirtschaft in Deutschland – Fakten, Daten, Grafiken (Ausgabe 2020), Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU), www.bmu.de/publikationen (Hrsg.), Berlin, 2020
5) Energieinstitut Hessen, Frankfurt am Main, www.energieinstitut-hessen.de
6) Werner Eicke-Hennig: Grau ist alle Theorie. In: Gebäude-Energieberater 01-2021, Stuttgart, 2021, www.geb-info.de
7) Umweltbundesamt (Hrsg.), Krusche, Weig-Krusche, Althaus, Gabriel: Ökologisches Bauen, Wiesbaden 1982; K. Weller, S. Rehberg: Formulierung der zukünftigen umweltbezogenen Anforderungen an industriell herstellbare Wohnbauten und Erarbeitung von Lösungsansätzen, TU Berlin, 1979