Ansicht von Osten mit den beiden experimenta-Häusern, dem umgebauten Speicher (links) und dem Neubau von Sauerbruch Hutton rechts. Bild: experimenta/Roland Halbe
Der zweite sollte schon 2017 eröffnen sein – wegen archäologischer Funde hat sich die aber verzögert. Sauerbruch Hutton aus Berlin hatten 2013 den Wettbewerb unter 18 Büros gewonnen, mit einem Entwurf, der zumindest als Konzept eine fast schon etwas altertümliche Hoffnung versinnbildlicht, die man in die Naturwissenschaft setzt. Um einen Kern drehen sich Ausstellungs- und großzügige Erschließungsflächen, offene Treppen, und Labors nach oben bis zur Dachterrasse, wo eine Sternwarte den Blick in die weiten Welten des Alls öffnet: Naturwissenschaft als die große Fortschrittsgeschichte, die keine Grenzen kennt und sich immer weiter in den Weltraum wagt.
Kantig, sperrig, aber nicht nur
Geeignet für eine solche Architektur ist der Standort in jedem Fall: Er liegt zwischen Bahnhofsvorstand und Innenstadt auf einer Neckarinsel, von der Innenstadt aus sieht man ihn hinter dem Nackar am Wasser hochragen, frei ist er auch aus den anderen Richtungen zu sehen, vom Gelände der sich etwas weiter nördlich anschließenden Buga-Geländes und vom es zur Bahnhofsvorstadt auf Abstand haltenden, hellen Parkhaus (Wittfoht Architekten).
Auch sonst ist das Innere nicht von der Kraft, die das Äußere zeigt. Abgesehen vom Blick im Innern durch die Geschosse sowie den bisweilen großzügigen offenen Räume der Erschließungsspirale mit den Ausblicken auf die Stadt in alle Richtungen, ist der Experimentabau kein Ort der beeindruckenden oder überraschenden Räume geworden; immer wieder zwickt es bei den durch die unregelmäßigen Grundrisse entstehenden Flächenzuschnitten.
Erweiterung eines Science-Centers mit Ausstellungs- und Lernbereichen, Café und 360°-Kuppelkino
Kranenstraße / Experimenta-Platz
Bauherr: Dieter Schwarz Stiftung
Architekten: Sauerbruch Hutton Gesellschaft von Architekten
Bruttogeschossfläche: 17.720 m²
Wettbewerb: 2013
General Construction Management: Drees & Sommer Stuttgart GmbH
Bauphysik und Fassade: Drees & Sommer Advanced Building Technologies GmbH
Tragwerksplanung: sbp - schlaich bergermann und partner GmbH
TGA: Drees & Sommer Advanced Building Technologies GmbH
Brandschutz: hhpberlin - Ingenieure für Brandschutz GmbH
Landschaftsplanung: Hager Partner AG, Zürich/Berlin
Baudynamik: Müller-BBM GmbH
Lichtplanung: Licht Kunst Licht AG
Objektüberwachung Bau: Wenzel + Wenzel Freie Architekten Dipl.-Ing. Partnerschaft
Science Dome: Kraftwerk Living Technologies GmbH
Neue Architektur in direkter Nähe
Etwas weiter entfernt, aber noch zu Fuß zu erreichen, ist in der Sichererstraße 17 die vom städtischern Hochbauamt sensibel sanierte Werkstatthalle des Technischen Schulzentrums (2014) zu finden. Die Sheddachhalle aus den 1950ern wurde durch ein neues Kupferkleid nobilitiert, im Innern auf den Rohbau zurückgeführt und danach Werkstatt- und Unterrichtsräume neu strukturiert und gestaltet. Weitere lohnende Ziele sind im weiteren Umfeld die sanierte Augustinuskirche (Pfeifer Kuhn Architekten, Giethestraße 75) sowie das um ein Zentrum für Einsatztrainig erweiterte Polizeipräsidium (Berd Zimmermann Architekten, Karlstraße 108).
Wendet man sich wieder zurück in Richtung Neckar, so trifft man, nicht unweit der Experimenta, auf den neu gestalteten und durch Verkehrsberuhigung und neue Randbebauung der autogerechten Stadt abgerungenen Platz am Bollwerksturm (Biegert Landschaftsarchitektur GmbH, Bad Friedrichshall, 2015) der sich zum Fluss hin mit einer beliebten Terrasse verbindet. Direkt angrenzend steht das von MGF Architekten 1999 errichtete und mehrfach ausgezeichnete Parkhaus am Bollwerksturm. Wer etwas mehr Zeit hat,
Für die Zukunft der Stadt: Bildungscampus und Buga
von Prof. Cengiz Dicleli, Konstanz/ Berlin, 10. Mai 2019
Ich muss zugeben, dass ich das Bauwerk weder im Bauzustand noch nach der Fertigstellung besucht habe. Bisher habe ich lediglich Bilder vom Bau- bzw. Montagezustand und eben vom fertigen Bauwerk, ein Video von einem Interview mit Herrn Sauerbruch und einige Veröffentlichungen gelesen, so auch Ihre.
Wie erwartet, geht das Renommierstück für Heilbronn jetzt durch die Fachpresse und wird mit schönen Bildern mit Langzeitbelichtungen in der Blauen Stunde mit voller Innenbeleuchtung, sowie mit wohlformuliertem Lob bedacht. Schon auf Ihrem zweiten Bild sieht das Gebäude bereits recht nüchtern aus. „Kraft und Noblesse“? Überall Fachwerkträger! Man weiß nicht recht, ob sie zur tragenden Konstruktion gehören oder Teil der Fassade sind, wahrscheinlich beides. Dann ist von einer Spirale die Rede, die man von außen nicht ausmachen kann. Der Ingenieur fragt sich, ob eine Stahlkonstruktion die richtige Wahl für eine gebäudebestimmende Spirale ist, wenn man an das Guggenheim Museum in New York denkt, an die Mutter aller Spiralen.
An den Fotos von der Montage glaubt das geübte Auge des Ingenieurs zu entdecken, dass an jeder Ecke und jedem Anschluss man sich Sonderlösungen hat einfallen lassen müssen und nimmt das Ächzen der Ingenieure wahr, die sich an der verschrobenen Konstruktion abarbeiten mussten, auch wenn sie dies so schnell nicht zugeben würden. Können sich die versetzt gestapelten Fünfecke wirklich entfalten? Ist ein solcher Aufwand für die Behausung von Wissenschaft wirklich erforderlich? Macht hier sich das Gebäude nicht wieder wichtiger als der Inhalt? Wie so oft, hat auch Heilbronn beschlossen, namhaften Vorbildern in anderen Städten folgend, sich eine werbewirksame Architektur von einem renommierten Büro zu leisten.
Bei einem Videointerview gibt Herr Sauerbruch selber zu, wie „schwierig und komplex“ das Ganze geworden ist. Gleichwohl ist er stolz darauf, dass sie es meistern konnten, obwohl sie an “die Grenzen“ gehen mussten. Sich erst die Schwierigkeiten zu schaffen, um diese dann doch noch zu bewältigen, zählt für mich weder zur Baukunst noch zur Baukultur. Das Center wird sich in die Reihe derjenigen Bauwerke einsortieren, bei denen die Städte glauben, dass sie sich solche wegen des werbewirksamen Spektakels leisten zu müssen.
Es tut Not, über den Sinn dieser Art von Architektur, die immer mehr um sich greift, und über die Rolle der Tragwerksplanern dabei zu streiten. Leider fehlen den Ingenieuren die Tradition und somit auch die Möglichkeit, einschlägige Kritik in einem seriösen Rahmen äußern zu können.
Cengiz Dicleli