Stilkritik (135) | Wenn am 14. Juni die Fußball-Europameisterschaft der Männer beginnt, machen sich wieder annähernd 40 Millionen Bundestrainer und mutmaßlich deutlich weniger -trainerinnen auf, um ungefragt zu erklären, warum Julian Nagelsmann doch gut daran getan hätte, Mats Hummels mitzunehmen, was die Körperhaltung von Ilkay Gündogan angeblich mit Sieg und Niederlage zu tun hat und weshalb die Mannschaft, die nicht mehr „Die Mannschaft“ heißt, nach dem Auftaktsieg gegen Schottland nun wirklich Europameister und das Turnier ein Sommermärchen reloaded wird. Zeit also, einmal ungefragt jene Orte zu kommentieren, in denen ab Freitag für rund vier Wochen gekickt, gesungen und vielleicht sogar gefeiert wird.
Beruhigendes vorab: Die inzwischen vom ehemaligen Bayern-, Leipzig- und Hoffenheim-Trainer Julian Nagelsmann betreute deutsche Fußballnationalmannschaft der Männer ist für die sogenannte „Heim-EM“ qualifiziert. Als Gastgeber automatisch. Wichtig nach dem miserablen Abschneiden bei der letzten Weltmeisterschaft in Qatar unter dem ehemaligen und künftigen FCB-Trainer Hansi Flick – Bayern oder Barcelona, Hauptsache Triple. Regenbogenbinde, Mund zu halten, Graugänse, wir erinnern uns: alles furchtbar. Jetzt dagegen: eitel Sonnenschein, wohin man schaut. Eine lang vermisste „Aufbruchstimmung“ wird allenthalben konstatiert, sogar von „alten print-Leuten“, wie dem 11-Freunde-Chefredakteur Philipp Köster. Mitverantwortlich dafür sind neben den überraschend frisch-eloquenten Auftritten des Bundestrainers und dem wohligen Gefühl, das Rudi Völler nicht nur, aber eben auch als Sportdirektor der Nationalmannschaft stets zu vermitteln vermag, auch clevere Marketing-Moves wie der viral gegangene Clip zur Vorstellung der neuen Trikots oder dem Adeln von Peter Schillings „Major Tom“ zur offiziellen Tor-Hymne, also jenem Lied, das im Stadion immer dann läuft, wenn das deutsche Team ein Tor erzielt hat.Fan-Kultur ≠ Baukultur
Gespielt wird in Berlin, Dortmund, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Gelsenkirchen, Hamburg, Köln, Leipzig, München und Stuttgart. Da in Berlin im Olympiastadion und in Hamburg im Volksparkstadion („Für mich wird es immer die AOL-Arena bleiben“, auch daran erinnern wir uns) gespielt wird, hält sich die Verteilung von Erst- und Zweitligastadien die Waage, und ein erstes schiedlich-friedliches 5:5-Unentschieden kann verzeichnet werden.
Bemerkenswert ist, dass sich in der Auswahl dieser Spielstätten verschiedene Probleme des hiesigen Männer-Fußballbetriebs manifestieren. Der Osten ist unterrepräsentiert: Geografisch liegen nur zwei Stadien im Osten des Landes, historisch ist das Berliner Olympiastadion als Heimstatt der dortigen Hertha jedoch ein West-Stadion. Nordrhein-Westfalen ist dagegen überrepräsentiert: Düsseldorf, Dortmund, Gelsenkirchen und Köln, für einen Gutteil des Turniers genügt das Deutschland-Ticket als Grundlage der eigenen Fortbewegung in der Theorie, dank ausbleibenden Deutschland-Taktes jedoch… aber lassen wir das.
Blechdose mit Autobahnanschluss oder Ausdruck gewachsener Kultur
Die hier spielenden Fußballvereine sind mitunter ein ähnlicher Wirtschaftsfaktor für Städte und Kommunen wie die Präsenz großer Firmen. Entsprechenden Druck üben sie von Zeit zu Zeit auf die jeweiligen Stadtverwaltungen aus. Gestaltungssichernde Maßnahmen werden da als Hemmschuh begriffen und ausgehebelt, indem mit dem Wegzug in die Nachbargemeinde gedroht wird. So stehen Stadien wie die in Düsseldorf oder Gelsenkirchen – aber auch in Gladbach, Sinsheim und andernorts, wo im Rahmen der EM nicht gespielt wird – häufig in Bereichen der Stadt, in denen bestimmte Kriterien, die sonst die Güte eines Gebäudes wenigstens mit zu sichern versuchen, schlicht weniger gelten. Das Minimum eines Paragrafen 34 des Baugesetzbuchs sucht man in den Gewerbeparks dieses Landes wahlweise vergebens, oder man möchte sich bei dessen Anwendung ob des Bestands der näheren Umgebung resignierend abwenden: Die Baumärkte, Industriehallen, Waschparks, Discounter und Getränkemärkte an den Rändern unserer Ortschaften sehen überall gleich aus. Und die Stadien eben auch. Wo kein Ort ist, kann kein entsprechender Geist wehen. Wer erinnert sich schon an städtebauliche Wettbewerbe für den lokalen Gewerbepark? Statt auf einen guten Städtebau zu achten, geht es beim Stadienbau nach wie vor in erster Linie um die Anbindung an den Autoverkehr, sprich die Nähe zu einer Autobahnausfahrt.
Von links nach rechts: Westfalenstadion, Dortmund, 1971–1974, Erweiterungen 1995–1999 und 2002–2003 (Bild: Валерий Дед, Wikimedia commons, CC BY 3.0)
Stadion Düsseldorf, JSK, 2002–2004 (Bild: Peter Weihs, Wikimedia commons, CC BY-SA 4.0)
Neckarstadion, Stuttgart, zuletzt von asp Architekten 2022–2024 umgebaut nach nachzahlreichen vorhergehenden Um- und Ausbauten unter anderem durch Schlaich Bergermann und Partner und asp Architekten)
Paragraf 34 im Gewerbepark
Sonderfall Dortmund
Mit dem Westfalen-Stadion in Dortmund findet sich im Reigen der Stadien eine jener merkwürdigen Spielstätten, die im klassischen Sinne nicht schön sind, als mit dem Amalgam der Zeit gewachsener Ort dennoch atmosphärisch gut funktionieren. Da es während eines von der UEFA ausgerichteten Turniers keine Stehplätze geben darf, passen jetzt nur 61.524 Zuschauende ins Stadion, das sonst allein auf „der Süd“ mehr Menschen fasst als das ganze Stadion des FC Heidenheim.
Mit dem von Herzog & de Meuron entworfenen Stadion in München findet sich ein offenkundiges Design-Objekt im illustren Kreis der EM-Stadien: vielfach besprochen, immer wieder publiziert auch in Fachzeitschriften und blogs. In Stuttgart ist es gelungen, das Stadion im laufenden Betrieb umzubauen, die Laufbahn zu entfernen und so eine tradierte Sportstätte einem Update zu einem guten Fußballstadion zu unterziehen. Auch in Köln und Frankfurt merkt man zum einen, dass die Verantwortlichen des Büros gmp ihr Handwerk verstehen, dass steile Tribünen wichtig für die Atmosphäre in einem sehr guten Stadion und der angestammte Ort relevant für die Fan-Seele sind. Gleiches gilt übrigens auch für das Hamburger Volkspark-Stadion. Am Ende wird es wohl so sein, wie bei jeder guten Party: mit den richtigen Leuten ist es überall nett. Oder eben nicht. Baukultur hin oder her.