Was Schönheit heute ist, können wir als Zeitgenoss:innen womöglich nicht immer in Gänze und abschließend abschätzen. Anhand des jüngst verliehenen Architekturpreises max40 zeigt sich jedoch, dass sich Virulenzen in der Architektur nicht auf die Frage nach dem Schönen reduzieren lassen.
Umso besser, wenn es Preisverfahren gibt, die die Arbeit junger Büros sichtbar machen. Noch bis zum 22. März sind im Deutschen Architekturmuseum jene Projekte zu sehen, die in diesem Jahr mit dem Architekturpreis max40 ausgezeichnet wurden. In München wird die Wanderausstellung, nach der Vernissage am 25. März, bis zum 17. April gezeigt. Es folgen Stationen in Baden-Württemberg, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen. Die dortigen Landesverbände des Bundes Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) loben den Preis gemeinsam mit den BDA-Verbänden aus Hessen und Bayern aus. Mitmachen durften all jene Architekt:innen, die am 1. Januar 2026 das 41. Lebensjahr noch nicht vollendet hatten und zum Zeitpunkt der Auslobung in einer Architektenkammer eines der auslobenden Bundesländer eingetragen waren. Wichtig: Nur realisierte Bauwerke können honoriert werden, ein Preisgeld gibt es nicht. Dafür aber Sichtbarkeit. Immerhin.
1. und 2. v.l.: Umbau eines 60er-Jahre-Hauses in Gauting bei München von Lena Maria Eder und Benjamin Eder (architekturbuero eder), Bilder: Sebastian Schels
3. und 4. v.l.: Pionierwohnen im NQ, Neckarspinnerei Quartier in Wendlingen am Neckar von Christiana Weiß, Paul Vogt und Elif Kälberer (Adapter e.V.), Bilder: Vuk Kokot
Sichtbarkeit durch Preise
In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung war es Matthias Alexander, der mit Blick auf den ebenfalls im DAM ausgestellten DAM-Preis fragte: „Sehen so die besten Bauten in ganz Deutschland aus?“[1] Eine vom Autor verneinte und mithin rhetorisch formulierte Frage. Kurze Zeit später setzte die Neue Züricher Zeitung in Person ihres Feuilletonleiters Rico Bandle, ehemals Kulturchef der Weltwoche, noch einen drauf. Recht wahllos warf Bandle da unter der Überschrift „Hässlich gilt als gut“[2] Begriffe zusammen, die irgendwie etwas mit Architektur zu tun haben, weiß um den einen „schlichte[n], rationale[n] Bauhaus-Stil“[3] und ordnet das Lebenswerk des aus vielen Gründen kritisch zu sehenden Le Corbusier – sagen wir vorsichtig sehr verkürzend – dem Brutalismus zu.
oben links und Mitte: Kulturdachgarten in München von Benedict Esche, Lionel Esche (Kollektiv A), Bilder: M.T.M. Group
oben rechts und unten links: Haus mit gehobenem Dach in Tiefenbach bei Passau von Maximilian Hartinger Architekt, Bilder: Simon Burko
unten Mitte und rechts: Föhringsmühle, Umbau einer Scheune in Dudeldorf von Ines Streit und Dominik Marx (Ideenschmiede), Bilder: Ideenschmiede/Streit, Marx
Gute Prämissen, unausgegorene Schlussfolgerungen
Es geht nicht um Argumente, sondern um eine Interpretation von Schönheit, die vermeintlich derart klar auf der Hand liegt, dass sie gar nicht mehr erläutert zu werden braucht. Dabei könnte man schon mit Blick auf den DAM-Preis fragen, ob das nicht an der Sache vorbeigeht. Ausgezeichnet werden dort die „besten“ und nicht die „schönsten“ Häuser. Gut, besser, am besten aber sind keine per se ästhetischen Kategorien. Wer hier bloß nach dem Schönen ruft, scheut den notwendigen Umweg in unserer Gegenwart nach der Entwicklung der Bodenpreise und den daraus resultierenden Folgen für das Bauen zu fragen, nach den Chancen und Potenzialen, mit denen sich durch Architektur CO2 einsparen[6] und binden ließe, nach Chancengleichheit. Schöne Häuser müssen all dies nicht unbedingt. Gute Häuser hingegen können all dies.
Die dritte Umdrehung
1. und 2. v.l.: Das robuste Haus, Mehrgenerationenhaus Görzer Straße in München von Gesche Bengtsson, Elena Masla und Zora Syren (etal. ArchitektInnen), Bilder: Federico Farinatti
3. und 4. v.l.: Das Bedürfnis, Projektraum in ehemaliger Bedürfnisanstalt in Halle (Saale) von Tim Mahn Architekt, Bilder: Tim Mahn; bekko.art/Adrian Gross
Man könnte nun mit Matthias Alexander, Rico Bandle und anderen trefflich über genau diesen Punkt streiten: Braucht es dafür eine „neue“ oder andere Art des Schönen, mit dem wir als Zeitgenossen vielleicht genauso fremdeln wie jene im 18. und frühen 20. Jahrhundert, oder ist das, was wir unter anderem im DAM sehen – hinsichtlich der Ästhetik –, einfach eine Sackgasse? Dass es sich die Bauten, die im Rahmen von max40 und DAM-Preis ausgezeichnet wurden, aber so einfach nicht machen, und nicht nur nach Ästhetik, sondern auch nach Ethik fragen, ist ihnen, wie den jeweils auszeichnenden Preisgerichten hoch anzurechnen. Dass die Moral wiederum seit geraumer Zeit eine großflächige Verunglimpfung erfährt, scheint gleichen Ursprungs wie die kurzspringende Kritik am DAM-Preis zu sein: Der so laute Aufschrei mancher gegen „das Gendern“, gegen das Einhalten von Recht und Mindeststandards im Umgang miteinander, gegen ressourcenschonendes Leben, erscheint wie das versehentliche Eingeständnis, dass ethisches Handeln schlichtweg egal ist. Wenn der realistische Blick auf die Welt und das Suchen nach Lösungen immer gleich als „moralinsauer“ abgetan wird, fragt es sich eben leichter bloß nach Schönheit.
Das robuste Haus, Mehrgenerationenhaus Görzer Straße in München von Gesche Bengtsson, Elena Masla und Zora Syren (etal. ArchitektInnen); Bauherrschaft: Görzer128GmbH, bestehend aus Hausverein und Mietshäuser Syndikat
Umbau eines 60er-Jahre-Hauses in Gauting bei München von Lena Maria Eder und Benjamin Eder (architekturbuero eder); Bauherrschaft: privat
Haus mit gehobenem Dach in Tiefenbach bei Passau von Maximilian Hartinger Architekt; Bauherrschaft: Christina und Robert Roßgoderer
Föhringsmühle, Umbau einer Scheune in Dudeldorf von Ines Streit und Dominik Marx (Ideenschmiede); Bauherrschaft: Silke Germann
Pionierwohnen im NQ, Neckarspinnerei Quartier in Wendlingen am Neckar von Christiana Weiß, Paul Vogt und Elif Kälberer (Adapter e.V.); Bauherrschaft: Adapter e.V.
Das Bedürfnis, Projektraum in ehemaliger Bedürfnisanstalt in Halle (Saale) von Tim Mahn Architekt; Bauherrschaft: Das Bedürfnis e.V.
Kulturdachgarten in München von Benedict Esche, Lionel Esche (Kollektiv A); Bauherrschaft: M.T.M. Group, München
[1]Alexander, Matthias: Sehen so die besten Bauten in ganz Deutschland aus? https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/architektur/sehen-so-etwa-die-besten-bauten-in-ganz-deutschland-aus-110831150.html; Seitenaufruf: 12.03.2026
[2]Bandle, Rico: „Hässlich gilt als gut“. Neue Züricher Zeitung. Dienstag, 17.2.2026, Feuilleton, S. 32
[3]Bandle, 2026
[4]Bandle, 2026
[5]„It’s a shame that some people in this country are so debilitated with Trump Derangement Syndrome, they can’t even recognize or respect beauty when they see it“; https://edition.cnn.com/2026/03/05/politics/trump-east-wing-ballroom-commission-vote; Seitenaufruf 12.03.2026
[6]„Im Gebäudesektor besteht nach wie vor großer Handlungsbedarf. Die Emissionen lagen 2025 bei 103,4 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente, dies entspricht einer Steigerung um 3,4 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente, die vor allem auf die kühlere Witterung in der Heizperiode zurückzuführen ist.“: https://www.bundesumweltministerium.de/pressemitteilung/treibhausgasdaten-zeigen-klimaschutz-braucht-neuen-schub; Seitenaufruf 16.03.2026; https://www.bundesumweltministerium.de/media/kohlenstoffdioxid-fussabdruck-pro-kopf-in-deutschland; Seitenaufruf 16.03.2026
[7]Denk, Andreas: „Drei Umdrehungen. Zur Möglichkeit einer neuen Ästhetik“. In: der architekt 3/09. Ästhetik der Ökologie. Aufbruch in die klimatische Moderne. Berlin 2009, S. 30–35
[8]Perrault, Claude: „Kommentar zur Synopse der fünf Säulenordnungen“, Paris 1684; siehe auch: Digitalisat d. franz. Orig.: https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k85663c/f2.item; Seitenaufruf 16.03.2026
[9]Anonym: „Untersuchungen über den Charakter der Gebäude“, Leipzig 1788; siehe auch Digitalisat: https://archive.org/details/11081537bsb/page/6/mode/2up
[10]Semper, Gottfried: „Der Stil in den technischen und tektonischen Künsten oder Praktische Ästhetik“. Verlag für Kunst und Wissenschaft, Frankfurt am Main 1860