Wie sieht die Zukunft der Architekturpraxis aus? Eine Antwort auf diese Frage gibt die Gegenwart. Eine Antwort geben die, die heute das Morgen gestalten, die noch länger als andere mit den Konsequenzen des Handelns von heute zu leben haben werden. Wir sollten uns für das interessieren, was sie tun.
Erklärungen dafür gibt es viele. Die Sicherheit, auf dem Arbeitsmarkt gefragt zu werden, hat in den letzten Jahren die Schwelle erhöht, den risikobehafteten Weg in die Selbstständigkeit zu gehen. Der Beruf ist komplexer geworden und deswegen in etablierten Teams besser zu bewältigen. Regeln und Verordnungen haben zugenommen, Bauherrschaften sind oft Firmen mit Gremien, innerhalb derer die Personen wechseln können und eine weniger enge persönliche Bindung zur Bauaufgabe haben, die sie in Auftrag geben. Haftungs- und Versicherungsrisiken sind größer geworden. All dies lädt nicht gerade zur Neugründung eines Büros ein.
Der Haken der Statistik
Das Nachdenken über Zukunft von jungen Absolvent:innen ist demnach auch eines über die Architekturpraxis generell. Experimente, eine Praxis, die aktuelle Herausforderungen reflektiert, aufgreift und berücksichtigt, haben es schwer. Deswegen darf man noch etwas tiefer bohren. Denn die hier genannten Zahlen erfassen nur einen Teil der Wahrheit. Gemein ist den üblichen Erklärungsmustern, dass sie von einem unveränderten Bild der Berufspraxis ausgehen. Was sie nicht berücksichtigen, sind neue Praktiken, neue Arbeitsformen, neue Aufgabengebiete. Architekt:in und Stadtplaner:in sind geschützte Berufsbezeichnungen, die Architekten- und Stadtplanerkammern sind die Instanzen, die diesen Titelschutz gewährleisten. Es liegt auf der Hand, dass sie den Änderungen in der Berufspraxis nur zögernd folgen, das ist ja gerade Teil der Titelschutz-Logik. Es soll ja nicht beliebig und kurzfristig geändert werden, unter welchen Voraussetzungen man sich Architekt:in oder Stadtplaner:in nennen darf, dann wäre der Titelschutz nicht viel wert und wenig verlässlich. Zunächst einmal heißt das aber, dass in Statistiken über Architekt:innen und Stadtplaner:innen unsichtbar bleiben, die mit dem Wissen, das sie an den Hochschulen und Universitäten gewonnen haben, anders umgehen, als es den Erwartungen entspricht.
Eine gute Idee
Für all das muss man aber gut und viel nachdenken. Man muss zuhören und sich überlegen, was man braucht und was man vielleicht nur gerne hätte. Der Bestand ist immer auch ein sozialer Bestand: Es muss beim Arbeiten im Bestand Rücksicht auf die genommen werden, die ihn bislang genutzt haben, in deren Leben man eingreift, muss über die Beziehungen nachdenken, in die er eingebunden ist. Das heißt auch, dass man schon bevor man ans Bauen denkt, sich fragen sollte, wo Nachbarschaftsgefüge gestört sind, wo das Zusammenleben erschwert wird. Eine HOAI beispielsweise berücksichtigt ein entsprechendes Vorgehen kaum. Wenn wir den Ungerechtigkeiten auf dem Wohnungsmarkt etwas entgegensetzen wollen, ohne immer weiter für die zu bauen, die keine Wohnungen finden, müssen wir darüber nachdenken, wie man Wohnraum besser nutzt und gerechter verteilt. Wie man Ressourcen an Freiraum gerechter zugänglich macht, damit es einfacher wird, weniger Fläche in Anspruch zu nehmen.
Es geht um viel
Wir müssen darüber diskutieren, wie diese Erkenntnis den Weg in die Mitte der Architekturpraxis findet. Das ist wichtig, weil neben den vielen interessanten, neuen Wegen, mit Architektur, Bestand, Stadt als auch einem sozialen Gebilde umzugehen, der konventionelle, immobilienwirtschaftliche Baubetrieb weiterläuft – sozial und ökologisch auf eine Weise unsensibel, wie wir es uns eigentlich schon lange nicht mehr leisten können. Eine Diskussion über das Berufsbild steht dringend an – hören wir denen zu, die dazu etwas zu sagen haben.
In einer Serie werden wir in den nächsten Woche exemplarisch einige der Menschen zu Wort kommen lassen, die ihren eigenen Weg suchen, die Herausforderungen der Gegenwart anzunehmen. Ihre Arbeiten und Positionen werden in einer Ausstellung der Architekturgalerie am Weißenhof gezeigt.
"Und jetzt – Akute Positionen junger Büros zu Architektur und Planung"
Architekturgalerie am Weißenhof, Stuttgart, 17. Oktober – 1. Dezember 2024
Kuratiert von Lena Engelfried, Christian Holl und Hanna Noller
Zu den Interviews mit den an der Ausstellung beteiligten Büros:
- 1Statista, Anzahl der Unternehmen auf dem Architekturmarkt in Deutschland in den Jahren 2003 bis 2021, Januar 2023, siehe: >>>
- 2Bundesarchitektenkammer, Bundeskammerstatistik, 30. 6. 2023, siehe: >>>
- 3Sebastian Freier: "Viele sind verzweifelt, auch über den Habitus der Generation Z“, Die Welt, 11. 4. 2024, siehe >>>
- 4Nicolai Blank, Carlo Sporkmann, Maike Rubel: Monitor 2022: Wettbewerbe in der Sackgasse. Competitionline, 8.4. 2022, siehe >>>
- 5Lucius Burckhardt: Bauen – Ein Prozess ohne Denkmalpflichten (1967) In: ders.: Wer plant die Planung? Architektur, Politik und Mensch. Martin Schmitz Verlag, Berlin 2004, S. 26-45; hier s. 26
- 6Anna-Maria Meister: Abriss, Pflege oder Umbau? Konstruktion einer anderen Lehre. In: Die Architekt, 2/2024, Berlin, S. 42-47, hier S. 42. Das Heft mit dem Schwerpunkt „Weiterbauen, weiterdenken. Annäherung an eine Theorie des Umbaus“ bietet zudem weitere interessante Beiträge.