Stand am Beginn der Renaisancve des Lehms in moderner Architektur: Versöhnungskapelle in Berlin (Architekten: Sassenroth und Reitermann, Lehmbau: Lehm Ton Erde, Martin Rauch; Bild: Flemming Ibsen, flickr.com CC BY-NC 2.0)
Lange bekannt dafür, historische Holzkonstruktionen trocken zu halten, wird Lehm inzwischen immer öfter in neuer Architektur eingesetzt. Dabei ist er geradezu zu einem Synonym für nachhaltiges Bauen geworden. Doch es kommt – wie immer – darauf an, was man daraus macht. Ein Überblick über aktuelle Entwicklungen und innovative Projekte.
Dabei ist Lehm ausgesprochen nachhaltig. Er ist einfach wiederzuverwenden und leicht zu verarbeiten. Zusammen mit dem geringen Energieeinsatz im Lebenszyklus und seiner regionalen Verfügbarkeit führt das zu einer besonders guten Ökobilanz. Seit Jahrhunderten wird sein sehr guter Brandschutz und seine gute Feuchtepuffer für Spezialbauten eingesetzt, etwa für traditionelle japanische Lagergebäude mit bis zu einen Meter dicken Lehmwänden – Bauten, die heute noch stehen. heute noch stehen. Heute wird die befeuchtende Wirkung auf die Raumluft gerne in den Vordergrund gestellt, (1) auch wenn andere offenporige, kapillaraktive Baustoffe fast ebenso gut befeuchten, hygroskopische Raumausstattung wie Stoffe und Textilien sogar deutlich besser. (2) Jahrhundertelang stand vor allem die entfeuchtende Wirkung innerhalb einer Holzkonstruktion im Vordergrund.
Sichtbar – Unsichtbar
Eine Sanierung, die Tradition und modernes ökologisches Bauen mit verschiedenen Lehmbaustoffen auf einem hohen Niveau verbindet, ist der Sandberghof in Darmstadt von Schauer + Volhard. (Bild: Schauer + Volhard Architekten BDA)
Die Vermutung, dass Lehm ein Nischenbaustoff sei, liegt auch daran, dass er in Altbauten erst zu sehen ist, wenn man die Bauteile öffnet. Nur erfahrene Sanierer kennen und schätzen ihn. Ein Beispiel für seine Dauerhaftigkeit ist die ökologische und baubiologische Sanierung und Umnutzung einer denkmalgeschützten Hofreite in Darmstadt durch Schauer + Volhard. Hier hält er wie in traditionellen Bauten anfallende Kondensationsfeuchte von der Konstruktion und neuer Innendämmung fern. Architekten, wie Franz Volhard und Ingenieure wie Gernot Minke 1 benutzten Lehmbaustoffe für Alt- wie auch für Neubauten. Franz Volhard dokumentiert in dem Buch „Bauen mit Leichtlehm“2 die Entwicklung verschiedener Leichtlehmtechniken anhand von nachhaltigen und schönen Gebäuden.
Weil Lehm ein nachhaltiges Baumaterial ist, machte sich der Dachverband Lehm daran, neue Lehmbauregeln zuerarbeiten. 1998 veröffentlichte er erstmals die Lehmbauregeln 3, die für industriell und auf der Baustelle hergestellte Lehmbaustoffe gelten.
2013 wurden dank der Vorarbeiten des Verbands neue Normen für werksmäßig hergestellte Lehmsteine, Lehmmauermörtel und Lehmputzmörtel veröffentlicht. 2018 wurden sie überarbeitet und durch eine Norm für Lehmplatten ergänzt. Durch die neuen Normen ist Bauen mit Lehm rechtssicherer geworden und einfacher umzusetzen:
Lehmproduktnormen
DIN 18942-1:2018-12 Lehmbaustoffe – Teil 1: Begriffe
DIN 18942-100:2018-12 Lehmbaustoffe – Teil 100: Konformitätsnachweis
DIN 18945:2018-12 Lehmsteine – Anforderungen und Prüfverfahren
DIN 18946:2018-12 Lehmmauermörtel – Anforderungen und Prüfverfahren
DIN 18947:2018-12 Lehmputzmörtel – Anforderungen und Prüfverfahren
DIN 18948:2018-12 Lehmplatten – Anforderungen und Prüfverfahren
Um auf den historischen Einsatz von Lehm hinzuweisen, werden gerne pittoreske Bilder von lehmfarbigen Gebäuden außerhalb Europas gezeigt, wie etwa von marokkanischen Kasbahs. Gernot Minke war ein ökologischer Planer, der auch in Europa dunklen Lehm ästhetisch für Oberflächen von Neubauten einsetzte. Er realisierte Kuppeln und Gewölbe mit einer mitunter wulstigen Ästhetik, was wohl auch zu Ablehnung führte.
Damit war er aber auch Vorreiter einer Mode. Nachdem Lehm in unserem europäischen Klima so lange unsichtbar eingesetzt wurde, prägt er heute die Optik unterschiedlicher Bauteile sichtbar – von Wandfarbe, -putz und Spachtel über massive Böden und Vorblendungen, bis hin zur tragenden Fassade. Lehmputze sind am differenziertesten entwickelt und werden am häufigsten verarbeitet, etwa beim Teehaus im japanischen Garten des Karlsruher Zoos 5 von 2018.
Die Ästhetik von Wänden mit mineralischer Farbigkeit, Böden mit fundamentaler Erdigkeit und Schutz vermittelnden Decken ist heute fast schon ein Synonym für nachhaltiges Bauen.
Es gibt aber auch bauphysikalische Gründe für den Einsatz von Lehm auf Oberflächen: beim Wandputz des Museum Kolumba des Pritzkerpreisträgers Peter Zumthor konnten dank dem spannungsarmen Lehm auch große Flächen fugenfrei verputzt werden. Beim Vorarlberg Museum von Cukrowicz Nachbaur Architekten unterstützt er auch die technische Klimatisierung.
Wasserlöslich und weich
Vor- und Nachteile
Auch Franz Volhard argumentiert in einem Artikel in der Fachzeitschrift „Bauen im Bestand“, dass hochfeste Baustoffe mitunter unnötig sind und ausreichend fester Lehm in diesem Fall ökologischer ist. 7
Ein weiterer Vorteil von Lehm ist, dass er Feuchteschäden schnell und ortstreu abzeichnet. So half er etwa 2018 beim Kölner Museum Kolumba schnell die Durchfeuchtung der Klinker-Fassade zu erkennen.
Nachhaltige Beispiele
Ein aktuelles Beispiel für kleine Materialkreisläufe ist Haus St. Wunibald des Klosters Plankstetten in Oberbayern. Hier wurden neben Lehm auch Holz und Stroh aus der Klosterproduktion verbaut. Auch ein Bauen mit dem Aushub spart Transportwege sowie Deponiebelastungen und kann daher zu kleineren Materialkreisläufen führen. Firmen wie Lehmag haben es sich zur Aufgabe gemacht, den Aushub vor Ort zu verwenden. 2021 bauten sie einen von Roger Boltshauser entworfenen Ofenturm im Ziegelei-Museum Cham, einen vorgespannten, überhohen Ausstellungsraum mit Brennofen. 8
Ein besonderes ökologisches Wohnhaus ist Haus J in Darmstadt von Schauer + Volhard Architekten BDA. Dessen Außenwand ist eine solare Strahlungsgewinne speichernde Leichtlehmschale, außen kalkverputzt, innen gedämmt. Sie benötigt je Quadratmeter Fassade nur ein Zehntel des Lehms des Alnatura Gebäudes und keine Geogitter aus Kunststoff zur Bewehrung. Die Innenwände wurden zum sommerlichen Hitzeschutz mit schweren Lehmsteinen ausgefacht. 2013 wurde das Haus mit der Joseph-Maria-Olbrich-Plakette des BDA Hessen ausgezeichnet. 9
Es gibt also durchaus Beispiele, wie mit Lehm nachhaltig gebaut werden kann. Dabei helfen ein schonender und gekonnter Umgang mit dem Material – wie bei jedem Baustoff auch.
(1) Achim Pilz (Hrsg.): Lehm im Innenraum - Eigenschaften, Systeme, Gestaltung, 2. Auflage, Fraunhofer IRB Verlag. 2012, S. 24
(2) ebd., S. 33
(1) Knapp vorgestellt auf der Büroseite >>>
- 1Übersichtartikel auf baubiologie-magazin.de >>>
- 2Franz Volhard: Bauen mit Leichtlehm. Handbuch für das Bauen mit Holz und Lehm. 9. Auflage. Birkhäuser-Verlag. 2021
- 3Dachverband Lehm e.V. (Hrsg ): Lehmbau Regeln - Begriffe – Baustoffe – Bauteile, 3. Auflage. Springer Vieweg Verlag. 2009
- 4R. Eberl-Pacan, K.-J. Edelhäuser, B. Gigla (Hrsg.): Edition Bauen+ 1 Schwerpunkt: Gebäudetechnik. Fraunhofer IRB Verlag 2021. S. 8 ff.
- 5Der Architekt Kazuhisa Kawamura berichtet auf Link auf https://baubiologie-magazin.de/japanisches-teehaus-in-karlsruhe baubiologie-magazin.de >>>
- 6"Einzigartige Projekte aus Stampflehm von Martin Rauch" auf cradle-mag.de >>>
- 7Franz Volhard: Lehmbaustoffe für die schadenfreie Sanierung älterer Gebäude gezielt nutzen. B+B Bauen im Bestand Heft 1.2019. Verlagsgesellschaft Rudolph Müller. S.20-24
- 8Vorgestellt auf der Büroseite der Architekten >>> und bei den Lehmbauern >>>
- 9https://www.bda-hessen.de/awards/haus-j/ Vorgestellt auf bda-hessen.de >>>