Ein Traum von Stadtbaukunst? (Bild: Winsor McCay: Little Nemo in Slumberland, Ausschnitt, The New York Herald, Ausgabe 23. Mai 1909, Public Domain)
Bedarf es heute einer institutionalisierten Stadtbaukunst? Als Gegenbewegung zur schematischen, mechanischen Stadterweiterungspraxis entwickelte sich Stadtbaukunst gegen Ende des 19. Jahrhunderts und fand in Praxis und Diskurs ihren Höhepunkt vor dem Ersten Weltkrieg. Seit einigen Jahren wird nun von verschiedenen Seiten deren Neuentdeckung und Neubewertung eingefordert. Doch die Lage heute ist eine andere als die vor über hundert Jahren. Was bedeutet das für die Idee einer Stadtbaukunst im Zusammenspiel mit Städtebau, Architektur und Stadtplanung?
Städtebau als Kunstwerk
Obwohl Sitte sich als entschiedener Gegner der mechanischen Raster-Systeme zeigt (er spricht von „künstlerischen Misserfolgen des modernen Städtebaues”), schließt er ein „verbessertes modernes System” nicht aus und entwickelt im letzten Kapitel des Buchs seine Vision einer „Stadtregulierung nach künstlerischen Grundsätzen” 3 . Darunter findet sich auch der Typus des ,Windmühlenplatzes’, der heute wieder in zahlreichen Projekten (etwa im Hunziker Areal in Zürich) auftaucht.
Der Verlust des Straßenraums
Diesen Raumverlust nur dem Automobil anzulasten, greift daher zu kurz. Allerdings wirkte es als Brandbeschleuniger der räumlichen Diffusion der Stadt in der Nachkriegszeit.
Kritik und Wiederentdeckung
Einen neuen Blick auf die alte Stadt wirft die italienische Typologie-Debatte um 1960. Eine besondere Rolle spielt hier Saverio Muratori, der über die Analyse der traditionellen Stadt feststellt, dass Typologie, Gewebe (Morphologie) und der gesamte städtischen Organismus aufeinander aufbauen würden, und Stadtgeschichte, architektonische und städtische Neuplanung als Einheit zu werten seien. 6 Hier knüpft Städtebau wieder an seine Vergangenheit an.
Betrachtet man die Stadtbaugeschichte des 20. Jahrhunderts, so kann man vereinfachend konstatieren: Es ging vom Block zur Zeile – und wieder zurück. Oder vom geometrischen zum topologischen Raum der Stadt und wieder zurück, oft vereinfacht benannt als eine Bewegung vom Stadtraum zu dessen Auflösung und zurück. 7
Im Irrgarten der Begriffe
,Stadtplanung’ ist das „Bemühen um eine den menschlichen Bedürfnissen entsprechende Ordnung des räumlichen Zusammenlebens – auf der Ebene der Stadt oder der Gemeinde.” 8
Der ,Städtebau’ liegt an der Schnittstelle zwischen Stadtplanung und Architektur und kann als „baulich-räumliche Organisation” 9 der Stadt und auch als gestalterischer Teil der Stadtplanung bezeichnet werden.
,Stadtbaukunst’ (heute) will die ganzheitliche Betrachtung des Bauens, sozial, ökonomisch, politisch, ökologisch, technisch und kulturell – unter besonderer Berücksichtigung des „künstlerischen Charakter[s] und eine[r] ästhetisch-gestalterischen Seite der Stadt” – „für jegliche städtebauliche Planung in Deutschland” 10 etablieren.
Mit diesem Selbstverständnis einer heutigen Stadtbaukunst wird deutlich, dass Konflikte vorprogrammiert sind: nämlich, dass die Stadtbaukunst einerseits viel zu weit in das Metier der Stadtplanung einzudringen scheint, sie Architekt:innen andererseits nicht weit genug ausgreifen kann: zugunsten des eigenen Anspruchs wird Vertreter:innen der Disziplin des Städtebaus mehr oder weniger der Gestaltungsanspruch abgesprochen.
Braucht es wieder Stadtbaukunst?
Das jüngste ,Forschungsprojekt’ des Instituts, der ,Römerhof’ 11 in Frankfurt am Main, erinnert jedoch eher an die Mietskasernen der Berliner Terraingesellschaften als an den von Sitte erwähnten Grundsatz Aristoteles, „dass eine Stadt so gebaut sein solle, um die Menschen sicher und zugleich glücklich zu machen”.
Generell erscheint mir fraglich, ob der Begriff ,Stadtbaukunst’ aus seinem historischen Kontext – nämlich der Baukunst im Städtebau ein kongeniales Adäquat zur Seite zu stellen – herausgelöst werden und als Programm zur Lösung aller heutigen Probleme verwendet werden kann. Der Kunstbegriff impliziert, dass etwas Zeitloses und Vollendetes geschaffen wird. Sowenig man ein Werk der bildenden Kunst verbessern kann, dürfte man auch ein Stadtbaukunstwerk nicht mehr verändern. Stadt ist jedoch ständig in Bewegung. Dass es künstlerisch herausragende oder im Sinne des Denkmalschutzes erhaltenswerte städtebauliche Anlagen gibt und auch künftig geben wird, steht dabei außer Frage. Erst die Geschichte zeigt jedoch, ob sich das Layout der neu geplanten und gewachsenen historischen Schichten als ein „Kunstwerk des Städtebaus” (wie es Sitte auch genannt hatte) beweist. Als planerische Zieldefinition oder gar moralische Instanz scheint mir Stadtbaukunst wenig geeignet.
Im Städtebau wird zunächst nur die baulich-räumliche Struktur betrachtet. Dabei wird wenig Einfluss darauf genommen, was die Politik, Bürger, Investoren und Unternehmen daraus machen. Zur Lösung dieser Problematik haben sich mittlerweile bewährte Instrumente herausgebildet, die von vorbereitender Bürgerbeteiligung über darauf aufbauende Wettbewerbe, partizipative Prozesse, Konzeptvergabeverfahren bis hin zur baukulturellen Qualitätssicherung reichen.
Nicht erst seit den aktuellen pandemischen Geschehnissen wissen wir, dass sich die Transformation unserer Städte beschleunigt. Alleine der Klimawandel ist ein epochales Ereignis. Mit Forderungen nach höherer Dichte und gleichzeitiger Deregulierung sollte man vorsichtig umgehen, denn es ist fraglich, inwiefern damit auf neue Herausforderungen angemessen reagiert werden kann.
Lebenswerte Stadt ist mehr als Gestaltung
Und noch immer lohnt es, über die Bedeutung des Parzellenbaus nachzudenken, auf den Hoffmann-Axthelm 1990 in seinem Aufsatz Warum Stadtplanung in Parzellen vor sich gehen muß hinweist: Für ihn ist die Parzelle Verteilungseinheit, Nutzungseinheit für Funktionsmischung und Grundlage der Stadtökologie. Darüber hinaus funktioniere das städtische Haus auf der Parzelle als soziale Einheit, historische Speichereinheit und Wahrnehmungseinheit. Selbst der Ausfall einzelner Zellen lasse das System insgesamt nicht kollabieren. Hoffmann-Axthelm spricht von der „Belastbarkeit der Stadt”, von einem „stabilen Raster”, das es dem Einzelnen erlaube, den eigenen Ort zu behaupten, und davon, dass die Siedlung oder Wohnmaschine der Moderne dies alles nicht zu leisten vermag. 12
Wie die wenigen Beispiele zeigen, mangelt es an guten Empfehlungen jenseits einer institutionalisierten Stadtbaukunst nicht, sie werden leider nur allzu oft in den Wind geschlagen. Die wichtigste Erkenntnis aber vielleicht ist, dass wir Stadtstrukturen und Architekturen bauen müssen, die resilient, multifunktional und wandlungsfähig sind, die heute hervorragend und auch in Zukunft gut funktionieren und von der Bewohnerschaft angenommen werden. So wie wir die Qualität vieler historischen Stadtquartiere schätzen, sollten auch die zeitgenössischen von künftigen Generationen wertgeschätzt werden können. Eine gute Gestaltung und ein Schuss Stadtbaukunst stehen dem nicht im Weg, im Gegenteil.
(11) Deutsches Institut für Stadtbaukunst: Forschungsvorhaben Stadt 2020, online >>>
- 1Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2009.
- 2Theodor Goecke, Camillo Sitte: An unsere Leser, in: diess. (Hg.): Der Städtebau. Monatszeitschrift für die künstlerische Ausgestaltung der Städte nach ihren wirtschaftlichen, gesundheitlichen und sozialen Grundsätzen, 1. Jahrgang/Heft 1, Berlin 1904, S. 1.
- 3Alle Zitate aus: Camillo Sitte: Der Städte-Bau nach seinen künstlerischen Grundsätzen, Wien 1901 (3. Auflage, zuerst 1889).
- 4Vgl. Osterhammel, 2009 (alleine das 6. Kapitel „Städte: Europäische Muster und weltweiter Eigensinn” ist lesenswert).
- 5Le Corbusier, zit. n.: Thilo Hilpert (Hg.): Le Corbusiers Charta von Athen. Kritische Neuausgabe, Braunschweig 1988, S. 128.
- 6Vgl. Vittorio Magnano Lampugnani: Die Erfindung der Erinnerung. Die Abenteuer der typologischen Stadt in Italien 1966-1997, in: Meier, Hans R./ Wohlleben, Marion (Hg.): Bauten und Orte als Träger von Erinnerung. Die Erinnerungsdebatte und die Denkmalpflege, Zürich 2000, S. 157.
- 7Vgl. Stephan Günzel: Raum. Eine kulturwissenschaftliche Einführung. Bielefeld 2017, S. 35.
- 8Gerd Albers: Stadtplanung. Eine praxisorientierte Einführung, Darmstadt 1988, S. 4.
- 9Dieter Frick: Theorie des Städtebaus, Tübingen/Berlin 2006, S. 15.
- 10Beide Zitate aus: Deutsches Institut für Stadtbaukunst >>>
- 11Sitte, 1901, S. 2.
- 12Dieter Hoffmann-Axthelm: Warum Stadtplanung in Parzellen vor sich gehen muß, in: Bauwelt (1990), Heft 48, S. 2488–2491.
- 13siehe >>>
- 14Vgl. Sophie Jung: Einkaufszentrum ohne Dach, in: Neue Altstadt Frankfurt am Main, Baunetzwoche#519 vom 13.09.2018, S. 23, online >>>