Die Architektur der 1980er Jahre polarisiert bis heute durch ihre Eigenwilligkeit. Obwohl immer mehr Bauten der Postmoderne unter Schutz gestellt werden, gelten viele von ihnen noch als „zu jung“, um denkmalpflegerisch erfasst zu werden. Manche von ihnen sind aber bereits vom Abriss bedroht. 1 Doch welche Bauten dieser Zeit verdienen tatsächlich den Status eines Denkmals? 2 Eine Recherche in etablierten und neueren Fach- und Publikumsmedien öffnet neue Zugänge zur Architektur einer eben noch aktuellen Epoche.
„Postmoderne Zeitkapseln“ ist ein Rechercheprojekt, das neue Perspektiven auf die Architektur der 1980er Jahre eröffnen und einen Beitrag zur zeitgenössischen Denkmalforschung leisten will. Es wurde im Rahmen eines Fellowships der Wüstenrot Stiftung und mit Unterstützung des Deutschen Architekturmuseums und des Landesamts für Denkmalpflege Baden-Württemberg von Gunnar Klack begonnen und von Jennifer Dyck fortgeführt. Das Fellowship zur Evaluierung der Postmoderne ist Teil eines Programms der Wüstenrot Stiftung, das sich dem jungen kulturellen Erbe widmet. Jenseits der Frage nach dem Denkmalschutz sind auch generelle Wertschätzung, Verständnis und Nutzung der Architektur der 1980er Jahre essenziell.
Die Relevanz der sozialen Medien
Das Ergebnis der Recherche ist ein Verzeichnis mit rund 220 Einträgen, von denen etwa 30 Objekte ausschließlich durch Recherche über Social-Media-Hinweise zustande kamen. Dieses Verzeichnis wurde an die Inventarisierungsabteilungen der Landesdenkmalämter übergeben und soll die weitere Beschäftigung mit Kulturdenkmalen der Postmoderne unterstützen.
Vier Beispiele aus , , und zeigen, in welcher Weise Gebäude als „Zeitkapseln“ gelten können, die bisher noch nicht die verdiente Aufmerksamkeit gefunden haben.
Das Rathaus besteht aus einem denkmalgeschützten Altbau (1860/62) und einem viermal so großen Erweiterungsbau (1983–1988) den Lothar Götz geplant hat und der durch eine lichtdurchflutete Glashalle mit dem Altbau verbunden ist. 6 Diese dient sowohl als trennendes als auch als verbindendes Element, das die unterschiedlichen Bauphasen deutlich macht. Für den Erweiterungsbau wurde ein Mauerwerk aus regionaltypischem Sandstein verwendet. Fenstergewände aus demselben traditionellen Material zeigen moderne Sägetechniken und integrieren funktionale Details auf spielerische Weise, wie einen Regenwasserabfluss in die Blumenkästen unter den Fenstern. Der Eingang wird durch ein von der Fassade freigestelltes Portal ironisch inszeniert.
Die Halle, eine modernen Stahl-Glaskonstruktion, beherbergt die zentrale Erschließungsachse. Eine aus weißen Marmor gefertigte Treppe setzt optische und haptische Akzente. Im Obergeschoss befindet sich der Ratssaal, dessen offener Dachstuhl aus einer Kiefernholzkonstruktion besteht. Das Rathaus bleibt nicht nur funktionales Verwaltungsgebäude, sondern wird zu einem identitätsstiftenden Bauwerk, in dem Sandstein, Glas, Stahl, Holz und Marmor kontrastieren. Historische Substanz wird mit postmoderner Gestaltung durch die Verwendung sowohl traditioneller als auch moderner Materialien und Bearbeitungstechniken verbunden. 7
Nach Ansicht des bayerischen Denkmalamtes liegt der Erweiterungsbau mit seiner Fertigstellung im Jahr 1988 noch außerhalb der zeitlichen Erfassungsgrenze, soll aber künftig genauer betrachtet werden.
Das Konzept basiert auf der Idee einer „Stadt im Haus“, in der unterschiedliche Nutzungen entlang einer zentralen Achse – einer inneren Straße – angeordnet sind, die durch ein Glasdach belichtet wird. Mit der Passage greift das Gebäude die Tradition der Einkaufspassagen des 19. Jahrhunderts auf. Eine hohe, etwa 100 Meter lange Wand läuft durch das gesamte Gebäude und trennt die öffentlichen, gemeinschaftlich genutzten Bereiche von den privateren Rückzugsorten. Dabei tauchen immer wieder auch ironisch-paradoxe Elemente auf: So trifft etwa die Betonstruktur der Stützen auf das rhetorisch zugespitzte Bild einer Säule, oder der Brunnen ist durch seine blaue Farbgebung zugleich das Bild eines Brunnens.
Das Wilhelm-Kempf-Haus wurde 1985 mit dem Deutschen Architekturpreis und 1986 mit dem Architekturpreis des Landes Hessen ausgezeichnet. Auch die zeitgenössische Architekturpresse urteilte lobend, abgesehen von einem kritischen Dämpfer der Bauwelt: „man entdeckt eine Menge Anleihen etwa bei jenen quadrat- oder kreisbesessenen Designern, die ein veräußerlichtes Motiv mit Inhalt verwechseln. Und es zeigt sich eine Liebe zum Detail, die (…) den Eindruck allzu reichlich geflossener Baugelder aufdrängt.“ 8
Das Haus ist vom Landesamts für Denkmalpflege Hessen noch nicht zur Inventarisation vorgesehen und wird demnächst überprüft werden.
Während die ursprünglichen Gebäude aus den 1960er und 1970er Jahren zweckorientiert und unscheinbar gestaltet waren, wurde beim Umbau in den späten 1980er Jahren ein anderer Weg eingeschlagen. Die Projektgruppe Architektur und Städtebau (PAS) von Jochem Jourdan und Bernhard Müller, die auch den Umbau des Heizkraftwerks West in Frankfurt am Main plante, wählte eine Formensprache, die alte und neue Bauteile miteinander verknüpft und Fortschritt in Technik und Ökologie architektonisch sichtbar macht. Die technischen Funktionen der Anlage wurden nicht hinter einer Fassade verborgen, sondern sichtbar in den Mittelpunkt gestellt. Das markante Bauwerk wird durch spielerische und dekorative Elemente ergänzt, es wurde von Beginn an in Zusammenarbeit mit bildenden Künstler:innen (Thomas Schütte, Peter Fischli & David Weiss, Edward Allington, Katharina Fritsch) gestaltet. 9
Die „Häuserlandschaft“ von Thomas Schütte schmückt die Fassade des Kesselhausblocks durch die Verbindung von roten Plexiglasgiebeln, gelben Leuchtstoffröhren und 28 quadratischen Fenstern. Bei Tageslicht ist sie ein Element der postmodernen Fassadengestaltung. In der Dunkelheit erweckt die Beleuchtung das Piktogramm einer kleinen Siedlung zum Leben, ein Zeichen dafür, dass das Kraftwerk die Stadtbevölkerung mit Energie versorgt.
In einer Glasvitrine neben der Pförtnerloge befindet sich das Kunstwerk „Schneemann“ von Fischli & Weiss. Es symbolisiert das Zusammenspiel der Elemente bei der Energieerzeugung und repräsentiert den stetigen Kreislauf von Wärme und Abkühlung. Sein Zustand zeigt an, ob im Heizkraftwerk Strom produziert wird, dann werden die Kühlaggregate der Vitrine mit Strom versorgt und es bildet sich durch Kondenswasser, ähnlich wie in einem Gefrierschrank, eine Eisschicht. So verwandelt sich der kugelförmige Betonkörper des Kunstwerks in einen echten Schneemann.
Der 6 x 13 Meter große „Fallende Tempel“ von Edward Allington schließlich befindet sich schief montiert zwischen den Kühlblöcken des Heizkraftwerks und scheint jeden Moment abstürzen zu können. Der Künstler thematisiert so kritisch die Bedeutung von Kraftwerken als moderne Tempel der Wissenschaft. Nachts beleuchtet ein Lichtstrahl die Saar und verbindet den Industriebau mit dem Fluss.
Das Landesdenkmalamt Saarland hatte das Objekt noch nicht im Blick, zieht eine Überprüfung der Denkmalwürdigkeit aber in Betracht.
Zunächst vermutet man in dem Gebäude keine Bibliothek. Schon der gepflasterte Eingangsbereich erinnert eher an einen Marktplatz. Zwei unterschiedlich lange Baukörper werden durch eine glasüberdachte Passage verbunden, die in eine markante Kuppelhalle mündet. Wie beim Wilhelm-Kempf-Haus wird auch hier an historische Passagentypen angeknüpft, allerdings ist die Passage eher vertikal ausgerichtet. Die Kuppelhalle, in dem sich ein offenes Lesecafé befindet, bildet das Herzstück des Gebäudes. Die klassische Fensterform Rundbogen mit Sprossen wird mehrfach in der Fassade aufgegriffen, Fensterglas und -rahmung wurden jedoch umgekehrt. 10
Das Objekt ist aktuell noch kein Denkmal, steht aber auf der Prüfliste der LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen.
Ein Fazit
- 1Vier Beispiele: Internationale Bauausstellung Berlin IBA '87, Wohnbebauung am Westrand des Lützowplatz Berlin, Oswald Mathias Ungers, 1979–1983 gebaut, 2013 abgerissen; Galerie M (ehemals), Marzahner Promenade 13 Berlin-Marzahn, Wolf R. Eisentraut, 1990 eröffnet, 2014 abgerissen; FAZ-Redaktion (ehemals), Hellerhofstraße 9 Frankfurt am Main, Planungsgruppe Arthur C. Walter, 1988 fertiggestellt, 2023 abgerissen; Parkhaus Lederstraße, Lederstraße 96 Reutlingen, Dieter Herrmann und Eberhardt Wahl, 1987 eröffnet, bedroht durch geplanten Abriss.
- 2Mehr zum aktuellen Forschungsstand zur Architektur und Denkmalpflege der Postmoderne lässt sich in der Publikation Kirsten Angermann, Hans-Rudolf Meier, Matthias Brenner, Silke Langenberg (Hgg.): Denkmal Postmoderne. Bestände einer (un)geliebten Epoche, Basel 2024 nachlesen. Der Band ging hervor aus einer gemeinsamen Tagung der Bauhaus-Universität Weimar und der ETH Zürich mit Unterstützung der Wüstenrot Stiftung.
- 3Das Jahr 1984 wegen der Eröffnung der Staatsgalerie Stuttgart und des Deutsche Architekturmuseums, dessen erste Ausstellung „Revision der Moderne“ einen hitzigen Diskurs über postmoderne Architektur anstieß, dem sich medial z.B. die FAZ widmete. Vgl. auch marlowes.de/heinrich-klotz-aktuelle-revisionen und klotzprojekt.wordpress.com; Das Jahr 1989, weil es das letzte Jahr vor der deutschen Wiedervereinigung ist und auch die postmodernen Tendenzen in der DDR berücksichtigt werden sollten.
- 4Konkret wurden folgende Medien gesichtet und ausgewertet (bei Zeitschriften, Zeitungen und Rundfunkbeiträgen jeweils Jahrgänge 1984 und 1989): Bauwelt; Baumeister; Häuser Magazin; db Deutsche Bauzeitung; DBZ Deutsche Bauzeitschrift; Architektur der DDR; DIE ZEIT; FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung; DRA Deutsches Rundfunkarchiv; Helge & Margret Bofinger: Junge Architekten in Europa, Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz 1983; Widfried Nerdinger und Cornelius Tafel: Architekturführer Deutschland. 20. Jahrhundert, Basel 1996; Falk Jaeger: Bauen in Deutschland. Ein Führer durch die Architektur des 20. Jahrhunderts in der Bundesrepublik und in West-Berlin, Stuttgart 1985; Diapositiv-Archiv von Heinrich Klotz; Moderne regional – Best of 90s, best-of-90s.moderne-regional.de; Facebook-Gruppe „Postmodernism Appreciation Society“, facebook.com/groups/pomo.architecture; Carina Kitzenmaier, Matthias Noell: Tendenzen der 80er-Jahre. Architektur und Städtebau in Deutschland. Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 101, Berlin 2022; Deutsches Architekturmuseum: Bauen heute. Architektur der Gegenwart in der Bundesrepublik Deutschland, Stuttgart 1985.
- 5Vgl. Klaus-Dieter Weiß: Details im Widerstreit. Rathaus Alzenau, in: Bauwelt, Heft 17, 1990, S. 860–863, hier S. 860.
- 6Im März 2024 wurde ein weiterer Neubau eröffnet, geplant vom Aschaffenburger Büro B3 Architekten. Es ist über einen Glassteg mit dem vorherigen Anbau verbunden.
- 7Vgl. Klaus-Dieter Weiß: Details im Widerstreit. Rathaus Alzenau, in: Bauwelt, Heft 17, 1990, S. 860–863; Lothar Götz: Rathaus in Alzenau, in: DBZ – Deutsche Bauzeitschrift, Heft 9, 1990, S. 1231–1234.
- 8Vgl. DETAIL, 06/1985, S. 575–583; DBZ – Deutsche Bauzeitschrift, Ausgabe Jan., 1986, S. 31–36; Bauwelt, Ausg. 35, 1985, S. 1352–1363, hier S. 1363.
- 9Vgl. db deutsche bauzeitung, 10/1989, S. 26; Baumeister, 4/1986, S. 30–31; Petra Wilhelmy: Heizkraftwerk Römerbrücke Saarbrücken, Kunstlexikon Saar Architektur und Raum, 2014.
- 10Vgl. Bauwelt, Heft 21, 1984, S. 865; db deutsche bauzeitung, 11/1984, S. 6; DBZ – Deutsche Bauzeitschrift, Ausgabe Aug., 1984, S. 1003–1008.