In einer wichtigen Ausstellung geht das Deutsche Architekturmuseum dem Zusammenspiel von Protest und Architektur nach. Dabei wird der Architekturbegriff so weit gefasst, dass auch die Aktionen der Letzten Generation aufgenommen werden können. Gut so. Mit einem solch weitgefassten Verständnis von Architektur lässt sich besser erkennen, was sie leisten kann.
In einem Beitrag vom 13. September der FAZ nimmt sich Claudius Seidl die zur Brust, die Ressentiments schüren. Ressentiments gegen die „da oben“. Ressentiments der angeblich schweigenden angeblichen Mehrheit. Aiwanger will sich mit ihnen die Demokratie zurückholen, Merz schließt Kreuzberg aus Deutschland aus und die Poschardts dieser Welt werfen anderen vor, im Elfenbeinturm zu sitzen. Seidl hält dagegen: „Wer da spricht, sind nicht die Normalbürger, es sind Minister, Parlamentarier, einflussreiche Journalisten“. Sie geben vor, ein Problem zu beschreiben, das sie erst schaffen, um es instrumentalisieren zu können. Sie suggerieren Verschwörungen, Verbote, Einfluss, wo sie nicht zu finden sind – um Gründe zu haben, den Status Quo zu verteidigen und sich dabei noch als Befreiungskämpfer inszenieren zu dürfen. Um „abzulehnen, was zu tun ist.“ 1Aneignungen, Blockaden, Ikonen
Und schließlich geht es im Protest auch darum, mit Bildern mediale Wucht zu entfalten. Damit kann die Wirkung des Protestes, der Druck erhöht werden, kann internationale Aufmerksamkeit geweckt werden. Die Bilder dienen der Selbstvergewisserung, sie tragen dazu bei, dass sich die Protestierenden als Gemeinschaft erleben. Es entstehen Ikonen. Dieser Rolle der Architektur seien sich die Protestierenden immer mehr bewusst, so Oliver Elser, der kuratorische Leiter der Ausstellung, gezielt würden Erkennungszeichen und Zeichen produziert – auch wenn die mediale Bedeutung auch früher eine große Rolle gespielt habe. Barrikaden etwa seien lange schon mehr Symbolbilder des Protestes als wirkungsvolles Instrument. Mit der symbolhaften Wirkung und der ästhetischen Qualität setzt auch ein, dass so manches Plakat nach dem Ende des Protestes wie ein Kunstwerk gehandelt wird und in einen ökonomisch-kulturellen Kontext eingespeist wird. Der mag wiederum rückwirkend legitimierend wirken, dabei wird allerdings auch das Objekt gegenüber dem sozialen, politischen, gesellschaftlichen Anliegen überbewertet.
2020–2021, Farmers-Proteste, Delhi, Indien. Umgebaute Traktoranhänger mit Bannern und Dekoration an der Singhu border. Wo sonst reger Verkehr herrschte, befand sich während der Farmers-Proteste in Delhi eine bis zu zehn Kilometer lange, dichte Siedlung aus Zelten, Hütten und in Traktoren. (Bild: Satdeep Gill, 15. Februar 2021, CC BY-SA 4.0)
2019–2020, Hongkong Aktivist*innen mit Masken, Helmen, selbstgebauten Schilden und Regenschirmen, um sich vor den Tränengas- und Wasserwerfereinsätzen der Polizei zu schützen. Im Gegensatz zu den ortsbezogenen Strategien von 2014 waren die Proteste von 2019–2020 von „fluiden“ Taktiken geprägt, die unter dem Motto „Be Water“ standen. Foto: Studio Incendo, 1. Juli 2019 (CC BY 4.0)
Den Blick öffnen
Studierende der TU München der HfT Stuttgart haben unter der Leitung von Andreas Kretzer Modelle zu diesen Case Studies erstellt, die in ihrer Realitätstreue hohe Anschaulichkeit bieten. Die ist ohnehin zentral für die Ausstellung: Die gezeigten Fotos sind von hoher dokumentarischer Qualität, die Texte gut lesbar; ein aus Dokumentationen zusammengestellter Film von Oliver Hardt ordnet die Bewegungen nach den verschiedenen Stadien während des Protestes. Beindruckend gleich der erste Raum: Wenige Zentimeter über dem Boden schwebt eine Hängebrücke, die im Hambacher Wald drei Baumhäuser in luftiger Höhe miteinander verbunden hatte; ein berückendes Modell der Hambacher Baumhaussiedlung im Maßstab 1:10 macht die eigene Schönheit dieser filigranen Architektur sichtbar.
Ist das Architektur? Die Frage, auf die beim Presserundgang ebenso wie in der Ausstellung selbst eingegangen wird, ist schon in diesem ersten Raum beantwortet: Das ist Architektur, was denn sonst? Die Rechtfertigung, die das Kurator:innen für die Ausstellung meint geben zu müssen, zeigt möglicherweise, wie eng das Verständnis des Publikums von Architektur befürchtet wird; wie sehr befürchtet wird, dass dieses Verständnis von einer materiellen Qualität des Beständigen abhängig ist, wie sehr befürchtet wird, dass Architektur als Objekt gesehen wird, dessen autonome Qualität vom gesellschaftlichen Kontext unabhängig ist.
Unpolitisch geht nicht
Aber wer das Politische der Architektur zeigt, ergreift noch nicht Partei. Dieses Politische wird erst sichtbar, wenn man nicht die konkrete Botschaft zum Thema macht. Die Häuser sind politisch, weil sie in das Geflechts aus materiellen und immateriellen Beziehungen und Verknüpfung eingewoben sind, das den Protest konstituiert. Und deswegen kann die Ausstellung helfen, Architektur auch jenseits des Protestes als Medium unter Medien zu verstehen, wie es in einer aktuellen Veröffentlichung heißt: ein Medium, „das Zugänge, Anschlüsse und Abschirmungen organisiert – und Wissen, Subjektivität und soziales Verhalten ebenso verändert wie Klima und Umwelt.“ 2
In der Ausstellung heißt es: „Wer sich mit Sekundenkleber auf einer Straße fixiert, errichtet zwar kein Bauwerk, aber für kurze Zeit entsteht eine Art menschlicher Barrikade.“ Und genau diese Protestform wird ja kriminalisiert, gegen sie wird mit harten Strafen, mit Vorbeugehaft vorgegangen. Merz, Aiwanger und Konsorten geht es darum, Proteste wie diese, wie die von Lützerath oder dem Hambacher Forst zu delegitimieren wollen, ihnen die Basis zu entziehen. Die Verschiebungen, die damit einhergehen, sind kalkuliert: Industrie- und kapitalfreundliche Politik wird so verschleiert, der Aufschub von notwendigen Transformationen zum Widerstand verklärt. Um so wichtiger ist deswegen diese Ausstellung, die gerade im Rückblick zeigt, wie wichtig Proteste sind, dass Proteste ohne Architektur und Architektur ohne den Kontext des Politischen nur unzureichend beschrieben sind. Und dass Protest und Architektur in ihrem Zusammenwirken unentbehrlich für die Kultur der Aushandlungskultur und der Teilhabe in einer Gesellschaft sind, gerade weil sie die Grenzen dieser Kultur ausloten.
Protest/Architektur – Barrikaden, Camps, Sekundenkleber. Ausstellung im DAM im Ostend. Bis zum 14. Januar 2024. In Kooperation mit dem MAK Wien, das die Ausstellung im Anschluss zeigt.
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Der empfehlenswerte Katalog »Protestarchitektur – Barrikaden, Camps, raumgreifende Taktiken 1830–2023«, aufgebaut wie ein Lexikon, ist im Verlag Park Books erschienen und kostet 19 Euro
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