Das Karstadt-Gebäude am Hermannplatz ist teilweise denkmalgeschützt. Hier sieht man zwei denkmalgeschützte Segmente: links ein Fragment des 1929 zerstörten Baus von Philipp Schaefer (1927-1929) und rechts die anschließende Eckbebauung von Alfred Busse (1951-52). Foto: Landesdenkmalamt Berlin, Wolfgang Bittner.
In Berlin soll wieder abgerissen und rekonstruiert werden. Als hegemoniale architektonische Identitätskonstruktion, durch eine vermeintlich „authentische“ historische Architektur wird aber vor allem ein makelloses Umfeld für die ökonomischen und politischen Interessen eines Immobilienkonzerns geschaffen. Ein Lehrstück über die kommerzielle Aneignung von Geschichte und spekulative Stadtentwicklung am Neuköllner Hermannplatz.
Die große Offensive
Hybride Strategien
Ein Bild dieser historischer Bekannheit und Dimension – die Traufhöhe beträgt 32 Meter, die beiden Türme ragen mit den Lichtsäulen 71 Meter in die Höhe –, zumal geplant von einem der bekanntesten Architekten weltweit, hat stadträumliche und ideologische Strahlkraft und beeinflusst das Umfeld, die Gewerbestruktur sowie die Bevölkerungsstruktur nachhaltig. Von der Politikerin Gaby Gottwald mit der Kritik konfrontiert, er wolle am Hermannplatz einen Monumentalbau errichten, entgegnete René Benko auf einer IHK-Wirtschaftsveranstaltung, dass sie „im Gegenteil funktionierende Stadtentwicklung betreiben“ wollten. 9 Doch ist Monumentalbau hier nicht das „Gegenteil“ von Stadtentwicklung – beides bedingt einander. Stadtsoziologe Andrej Holm beschreibt Signas Vorgehen am Hermannplatz daher als „Hybrid“. Es sei sowohl globale Anlagestrategie und finanzmarktgetriebene Stadtentwicklung, die üblicherweise ohne Ortsbezug stattfindet, als auch Bezugnahme auf eine vermeintliche „Authentizität“ des Ortes mittels ihrer architektonischen Monumentalität. Das Geld zirkuliert in globalen Finanzkreisläufen anonymer Anleger, und zugleich tritt hier der Eigentümer prominent auf, hat ein Gesicht, ist kommunikationsfreudig 10 und tritt gerne mit Politiker*innen auf seinen Festen vor die Kamera. 11
Geschichte wird gemacht
Die kommerzielle Aneignung der Geschichte des Ortes und dessen historischer Architektur suggeriert, dass auch das historische und 1945 zerstörte Gebäude Signa „gehört“. Die Architektin und Theoretikerin Tatjana Schneider stellt fest, dass das Rekonstruktions-Projekt nicht nur für den Konsum neu errichtet werden soll, sondern ein Konsumobjekt ist und selbst Geschichte und Kultur konsumiert. 12 Mit der Ausstellung „Kiezgestein“, mit der Signa für das Vorhaben wirbt, mit der Reproduktion des Renderings von David Chipperfield Architects, selbst mit den Postkarten, die das historische Gebäude von 1929 abbilden, wird eine Identitätskonstruktion und kulturelle Verankerung initiiert, die nichts Geringeres als die Zukunft des Bezirks zu gestalten sucht. In der Öffentlichkeit wird schnell verkannt, dass Geschichte so zum Produkt wird und wenig mit der Geschichtlichkeit des Ortes oder mit seiner Gegenwart etwas zu tun hat. Jegliche Kritik prallt so gegen ein historisches Antlitz, und gegen vermeintliche Hochkultur zu argumentieren ist nicht einfach – darin liegt das Perfide dieser architektonisch-finanzspekulativen Komplizenschaft zwischen Architekturbüro und dessen Auftraggeber.
Monopoly Rent
Das „nicht replizierbare“ Gut ist in diesem Fall paradoxerweise eine historische Replik – eine, wie es in der Signa-Kommunikation heißt, „Projektentwicklung der besonderen Art“. Das bestehende Karstadt-Gebäude ist mit dem Titel „Berlin Hermannplatz“ 14 im Signa-Portfolio „Prime Selection AG“ 15 angesiedelt – der Prämium-Auswahl ihrer ikonischen Warenhaus-Immobilien, zu der beispielsweise auch das KaDeWe (1907) in Berlin, das Alsterhaus (1911–12) und die Alsterarkaden (1843) in Hamburg, Oberpollinger (1905) in München oder Wiens Goldenes Quartier (1838-40) zählen: allesamt historische Gebäude mit hohem kulturellen Ansehen, oftmals denkmalgeschützt und mit hohem symbolischen Kapital besetzt. Aber auch neue, von Star-Architekten geplante Warenhaus-Architekturen wie in Bozen, Innsbruck oder Wien sind im Portfolio enthalten.
Die Ware Architektur wird in diesem Portfolio als „prestigeträchtig“ 16 , „exklusiv“ (18) ,„Landmark-Immobilie“ 17 , „außergewöhnliche Spitzenarchitektur“ 18 , „historisch“ 19 bezeichnet und auch mal als „asset“ 20 , als Anlageobjekt. Das von O.M.A. entworfene Warenhaus in der Wiener Mariahilfer Straße wird gar in einer bemerkenswerten Kombination als „modern, world-class traditional“ 21 beschrieben. Auf der Werbeseite der Immobilie „Oberpollinger“, dem „legendären“, „erstklassigen“ und „traditionsreichen“ Kaufhaus, fasst Signa erstaunlich offen und kondensiert zusammen, worum es dem Konzern innerhalb des Portfolios „Prime Selection“ vor allem geht: „Die absolute Top-Lage mit dem deutschlandweit höchsten Mietniveau weist eine extrem hohe Passantenfrequenz auf.“ 22 Kurz: Zentrale Lage, hohe Mieten, kaufkräftige Passanten.
Es geht um die Zukunft
Denn die spezifische „Identität“ der rekonstruierten Hülle hat mit der Realität und den vielfältigen Identitäten vor Ort nichts gemein. Die Entscheidung aber genau diese Hülle auszuwählen stellt, so Tatjana Schneider, „keine wertfreie, keine neutrale, keine beliebige Wahl“ dar und daher gelte es vehementer der Frage nachzugehen, für wen denn eigentlich geplant werde. 24 Und genau an diesem Punkt, ausgehend von einem Projekt, das einer radikale Fortsetzung von Verdrängung und einem Gnadenstoß für die übriggebliebene Neuköllner und Kreuzberger Nachbarschaft gleichkommt, wird die Gewalt erkennbar, die dieses Projekt für die Nachbarschaft bedeutet und deren Vorahnung in den Gesichtern schockierter Anwohner*innen sichtbar wird.
(14) Die Grundstückspreise stiegen in der Berliner Innenstadt von 2008 bis 2018 durchschnittlich um 1.000%: https://www.presseportal.de/pm/51580/3889404
(18) https://www.signa.at/de/real-estate/goldenes-quartier-wien/
Links geprüft am 28. Febraur 2020
- 1https://initiativehermannplatz.noblogs.org
- 2„[...] im Mai 2019 [wird] das ‚Ibiza-Video‘ veröffentlicht, in dem Heinz-Christian Strache im Sommer 2017 behauptet, dass Benko über illegale Konstrukte Geld an die FPÖ gespendet hat.“ https://lowerclassmag.com/2020/02/17/das-benko-netzwerk-portraet-eines-oesterreichischen-milliardaers/
- 3https://taz.de/Karstadt-am-Hermannplatz/!5657860/
- 4Die Initiative Hermannplatz fordert „Kein Abriss! Kein gigantischer Neubau! Keine ‚Aufwertung’ des Hermannplatzes!“ https://initiativehermannplatz.noblogs.org/files/2019/09/2019-08-30_IniHermannplatz_Pressemitteilung_02.pdf
- 5„Ich denke der Abriss ist nicht die zentrale Frage.“ Der Projektmanager der Signa, Thibault Chavanat in einem Interview am 21. November 2019 im Tagespiegel: https://leute.tagesspiegel.de/friedrichshain-kreuzberg/unter-nachbarn/2019/11/21/102724/
- 6In ihrer öffentlichen Präsentation am 21. Januar 2020 im Stadtentwicklungsausschuss des Neuköllner Bezirksamtes sprach Thibault Chavanat über zwei Aspekte, die für Signa Holding „unverhandelbar“ wären: 1. Dass soziale Nutzungen querfinanziert werden müssen und 2. dass diese Querfinanzierung über Büronutzungen stattfinden müsse. Die Audio-Aufnahme befindet sich im Besitz der Autorin.
- 7ebd.
- 8In einem informellen Gespräch nach einer BVV-Sitzung des Bezirks Neukölln am 19. Juni 2019 fragte die Autorin den Projektmanager der Signa, wer die Idee der Rekonstruktion ins Spiel gebracht hätte, und er nannte David Chipperfield Architects.
- 9Audioaufnahme im Besitz der Autorin von dem IHK-Wirtschaftsfrühstück am 4. November 2019
- 10Vortrag von Andrej Holm auf einer Veranstaltung der Linken Kreuzberg „Karstadt-Abriss dann Mega-Shoppingmall. Nicht mit uns!“ am 23. Januar 2019, Audioaufnahme im Besitz der Autorin
- 11https://mosaik-blog.at/rene-benko-toerggelen-kurz-rendi-wagner/
- 12Interview der Autorin mit Tatjana Schneider, noch unveröffentlicht
- 13Jede Rente basiert auf der Monopolmacht privater Eigentümer über bestimmte Vermögenswerte. Monopolrenten entstehen, wenn soziale Akteure aufgrund ihrer alleinigen Kontrolle über ein bestimmtes, direkt oder indirekt handelbares Gut, das in entscheidenden Hinsichten einzigartig und nicht replizierbar ist, [...] einen erhöhten Ertragsstrom erzielen können.“ Harvey, David: „Rebellische Städte. Vom Recht auf Stadt zur urbanen Revolution“, Suhrkamp Verlag, Berlin, 2013, S. 165
- 14https://www.signa.at/de/real-estate/berlin-hermannplatz/
- 15https://www.signa.at/de/realestate/signa-prime-selection-ag/
- 16https://www.signa.at/de/real-estate/alsterhaus-hamburg/
- 17https://www.signa.at/de/real-estate/upper-west/
- 18https://www.signa.at/de/real-estate/kaufhaus-tyrol-innsbruck/
- 19https://www.signa.at/de/real-estate/kunstforum-wien/
- 20https://www.signa.at/en/real-estate/munich-karstadt-station/
- 21https://www.signa.at/en/real-estate/mariahilfer-strasse-10-18/
- 22https://www.signa.at/de/real-estate/oberpollinger-muenchen/
- 23https://www.berlin.de/ba-friedrichshain-kreuzberg/aktuelles/pressemitteilungen/2019/pressemitteilung.842018.php
- 24Interview der Autorin mit Tatjana Schneider, noch unveröffentlicht