Planungsgebiet Waldstadt: Unter der Brücke der A8 am Rande des Areals. (Bild: Hauke Rehfeld)
Planungsgebiet Waldstadt: Unter der Brücke der A8 am Rande des Areals. (Bild: Hauke Rehfeld)
Pforzheim, die kleine Großstadt am Rande des Nordschwarzwaldes, leidet bei Fremden wie Einheimischen unter hartnäckigen Imageproblemen. Ein Großteil der Pforzheimer Bürgerschaft misstraut chronisch den lokalpolitischen Strukturen, Akteuren und Prozessen, weshalb Pforzheims Demokratie unter ausgeprägter Bürgerferne leidet. Ein Großprojekt, die Waldstadt, soll daran etwas ändern. Doch trotz vieler schöner Bilder und neuer Vokabeln werden alte Fehler wiederholt.
Der Beitrag über die Stadt von Jenni Rieger in den Tagesthemen vor einem Jahr passt bestens ins Bild. Er zeigt ein gängiges Klischeebild Pforzheims, plakativ zugespitzt auf drei Faktoren: gut zur A8 gelegen, günstiger Wohnpreis und spröder Charme. Die Rechnung geht 2:1 zu Pforzheims Gunsten aus – Pforzheim ist attraktiv, wenn auch „quasi nur zum Schlafen“. 1Diesem Klischee wohnen reale Kernelemente inne. Die Stadt hat die kritische Auseinandersetzung mit ihrer unüberwundenen Identitätskrise aus den Augen verloren, noch immer fehlt ein intelligenter Umgang mit dem stadtprägenden Neuaufbau der 1950er bis 70er Jahre. 2 Unkonventionelle Ideen werden selten aus den Ressourcen, Beständen oder Potenzialen entwickelt. Stattdessen werden unverhältnismäßige Neubaugebiete in Rand-Hanglage für private Häuslebauer und deren Traumhäuser erschlossen: südöstlich frei nach Gusto die Stadtviertel Lange Gewann und Kurze Gewann; südwestlich mit professionellem Gestaltungshandbuch Tiergarten und mehrtiergarten. Der Bauboom wird trotz eklatanter infrastruktureller Probleme und bislang ausgebliebener Wohnungsnot – obwohl für Pforzheim das zweitgrößte Bevölkerungswachstum in Baden-Württemberg prognostiziert wird 3 – euphorisch begrüßt, die Stadt nicht wie bei Rieger als „Schlafstadt an der A8“, sondern als „Schwarmstadt“ beschworen. So ziehen immer mehr Menschen nach Pforzheim, deren Hauptinteresse an der Stadt im schnellsten Weg zur Autobahn nach Stuttgart oder Karlsruhe besteht.
Modellfall Waldstadt
Das zur Debatte stehende Gebiet im Norden Pforzheims. (Karte: © OpenStreetMap)
Das zur Debatte stehende Gebiet im Norden Pforzheims. (Karte: © OpenStreetMap)
Kleingarten bestimmen die Atmosphären des Gebiets. (Bild: © Hauke Rehfeld)
Kleingarten bestimmen die Atmosphären des Gebiets. (Bild: © Hauke Rehfeld)
Impressionen aus dem Bewerbungsvideo von K+M+Z. (Bild: © Stadt Pforzheim, ZUS [Zones Urbaines Sensibles], Koschuch Architects, Marc Koehler Architects)
Impressionen aus dem Bewerbungsvideo von K+M+Z. (Bild: © Stadt Pforzheim, ZUS [Zones Urbaines Sensibles], Koschuch Architects, Marc Koehler Architects)
Wald und Wandel
Gemeinwohlorientierte Idee von gesellschaftlichem Wandel? (Bild: © Stadt Pforzheim, ZUS [Zones Urbaines Sensibles], Koschuch Architects, Marc Koehler Architects)
Gemeinwohlorientierte Idee von gesellschaftlichem Wandel? (Bild: © Stadt Pforzheim, ZUS [Zones Urbaines Sensibles], Koschuch Architects, Marc Koehler Architects)
Hier geht es also nicht um irgendeine Quartiersentwicklung, sondern um eine gemeinwohlorientierte Idee von gesellschaftlichem Wandel. Die große, uralte Frage nach dem guten Leben 11 wird darin aufgeworfen, die Antwort anhand zeitgeistiger Leitsätze und Bilder umrisshaft vorweggenommen. Als fundamentalen Bestandteil heben K+M+Z den „interaktiven und dynamischen Beteiligungsprozess“ hervor: „Die Waldstadt ist geprägt von einem metabolischen Ansatz. Sie lässt Stadtkultur und Landschaft durch ein hohes Maß an Partizipation in noch nie dagewesener Weise zusammenwachsen.“ 12 Sibylle Schüssler, Pforzheims Bürgermeisterin für Planen, Bauen, Umwelt und Kultur, wird nicht müde zu betonen, dass es dabei um einen offenen, partizipativen Prozess gehe, der auf Transparenz basiere.
Wo ist das Gold?
Die zweite Phase der Bürgerbeteiligung: „Plan-BAR Workshop“ mit „TraumTischen“ im Mai 2022. (Bild: © Stadt Pforzheim, ZUS [Zones Urbaines Sensibles], Koschuch Architects, Marc Koehler Architects)
Die zweite Phase der Bürgerbeteiligung: „Plan-BAR Workshop“ mit „TraumTischen“ im Mai 2022. (Bild: © Stadt Pforzheim, ZUS [Zones Urbaines Sensibles], Koschuch Architects, Marc Koehler Architects)
Auf dem Weg durch das Gebiet dominieren Hecken, Zäune, Lärmschutzwände. (Bild: © Hauke Rehfeld)
Auf dem Weg durch das Gebiet dominieren Hecken, Zäune, Lärmschutzwände. (Bild: © Hauke Rehfeld)
Eine Fährte von Ballons weist den Weg zum Kindergeburtstag. (Bild: © Hauke Rehfeld)
Eine Fährte von Ballons weist den Weg zum Kindergeburtstag. (Bild: © Hauke Rehfeld)
Im Planungsareal, etwa 200 Meter von der Autobahn entfernt. (Bild: © Hauke Rehfeld)
Im Planungsareal, etwa 200 Meter von der Autobahn entfernt. (Bild: © Hauke Rehfeld)
Wohin richte ich mich, wenn ich den perfekten Platz zum Aufstellen einer Bank im öffentlichen Raum gefunden habe, sich seit Jahren viele im Stadtteil über das Fehlen eines Zebrastreifens ärgern, ich Flussschwimmen nach Schweizer Vorbild in Enz, Nagold oder Würm ins Leben rufen möchte? Hierfür bräuchte es einen stadtgeführten, barrierefreien Kommunikationsraum, in dem effizient und pragmatisch Verwaltung, Politik und Stadtbevölkerung zusammenwirken könnte. Von einem solchen dauerhaften Alltagsdialog könnte etwa auch die gesellschaftsgetragene Entwicklung von klima- und sozialgerechten Wohnvisionen, wie die Waldstadt eine sein möchte, profitieren. Wo in der Stadt gibt es solche Visionen bereits? Wer hat hierzu welche Ideen oder Kenntnisse? Wo werden Visionen schon wie gelebt? Mit kommunikativen Formaten, die ähnliche Fragen stellen, könnten sich lokale Stakeholder aus der Bürgerschaft leichter finden und städtische Akteur:innen müssten nicht mehr auf kaum umsetzbare Top-Down-Strategien zurückgreifen. Auf diese Weise ließen sich vielleicht sogar Waldstadt-Akupunkturen denken, die auf Standorte der ganzen Stadt, in kontextspezifischen Varianten, übertragbar sein könnten – vielleicht sogar auch in mehrtiergarten, Kurze Gewann und der bedürftigen Innenstadt?
(10) Für Infos zur kulturpolitischen Initiative New European Bauhaus von Ursula von der Leyen, vgl.: https://new-european-bauhaus.europa.eu/about/about-initiative_en
><p><a href="https://vimeo.com/507872691">Koschuch Architects, Marc Koehler Architects, ZUS (Zones Urbaines Sensibles) / Entwurf für den Pforzheimer Norden</a> from <a href="https://vimeo.com/user132734507">KOKONSULT</a> on <a href="https://vimeo.com">Vimeo</a>.</p>- 1Jenni Rieger, Boomtown stößt an die Grenzen, SWR, Tagesthemen-Serie „mittendrin in Deutschland“, 2021, https://www.tagesschau.de/inland/mittendrin/mittendrin-pforzheim-wohnraummangel-101.html
- 2Nach dem verheerenden Luftangriff am 23. Februar 1945 entschied sich Pforzheim gegen Wiederaufbau und stattdessen für einen revolutionären Neuaufbau im Sinne der „autogerechten Stadt“ und der „Charta von Athen“, was auch zur heute gescholtenen Funktionstrennung führte.
- 3Bevölkerungsvorausberechnung im Kreisvergleich, Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, 2022, https://www.statistik-bw.de/BevoelkGebiet/Vorausrechnung/Kreisdaten.jsp
- 4„Wohnen im Norden“, https://www.pforzheim-norden.de/
- 5Stadt Pforzheim, https://www.pforzheim.de/stadt/bauen-stadtentwicklung/stadtentwicklung/leben-und-wohnen-im-pforzheimer-norden.html
- 6Für die einzelnen Formate des Bürgerbeteiligungsverfahrens, vgl.: https://www.pforzheim-norden.de/
- 7„Waldstadt Pforzheim“, http://www.koschuch.com/projects/waldstadt-pforzheim/
- 8„Wohnen im Norden“, https://www.pforzheim-norden.de/
- 9Für die Ergebnisse der Online-Beteiligung zu den Planungsentwürfen von M-E-S-S (Kaiserslautern), BJP (Dortmund), Snohetta (Innsbruck) und Koschuch Architects (Amsterdam), vgl.: https://www.pforzheim-norden.de/wp-content/uploads/2021/03/2021-03-10_Auswertung_Online-Dialog.pdf
- 10Zitate aus KMZs Bewerbungsvideo: https://www.pforzheim-norden.de/
- 11Die Frage nach dem guten Leben ist eine Grundfrage der praktischen Philosophie, die im westlichen Kontext gegenwärtig ein Revival erfährt.
- 12Im Original heißt es: "Waldstadt is marked by a metabolic approach. It allows urban culture and landscape to forge in unprecedented ways through a high level of participation.”, vgl.: https://zus.cc/koschuch-architects-marc-koehler-architects-and-zus-win-international-design-competition-in-pforzheim-met-radical-plan-waldstadt
- 13Zitate BI-Nord: https://www.meinenzkreis.de/startseite_artikel,-Erbitterter-Widerstand-gegen-Wohnprojekt-zwischen-Hachelallee-und-A8-_arid,1406128.html
- 14Klaus Selle, Öffentlichkeitsbeteiligung in der Stadtentwicklung. Anstiftungen zur Revision, vhw – Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung e. V., Berlin, 2019, https://www.vhw.de/fileadmin/user_upload/08_publikationen/vhw-schriftenreihe-tagungsband/PDFs/vhw_Schriftenreihe_Nr._15_OEffentlichkeitsbeteiligung_in_der_Stadtentwicklung.pdf
- 15Zitat: Ebd.