Nutzungsänderungen, die Konfrontation verschiedener Ansprüche in der Stadt und unvorhergesehene Entwicklungen erzeugen Kontraste, Lücken, Leerstellen – Brüche, die meist als Defizite wahrgenommen werden. Dabei wird übersehen, dass sie auch Raum- und Nutzungsreserven bieten, die erst zu einem noch nicht definierten, späteren Zeitpunkt produktiv werden. Dann aber bieten sie eine Flexibilität, die Stadt zukunftsfähig und resilient macht. Könnte Ineffizienz nicht aktiver als strategisches Werkzeug der Stadtentwicklung eingesetzt werden?
In diesem Essay werden einige Gedanken über die Mechanismen diskutiert, die alte Quartiere interessanter, lebendiger und menschlicher erscheinen lassen als neue. Hierzu werden zwei Prozesse unter die Lupe genommen, Umnutzung und Abschreibung, die beide auf unterschiedliche Weise mit der Zeit Ineffizienz entstehen lassen. Mit Ineffizienz ist hier eine Diskrepanz zwischen Programm und gebauter Struktur gemeint, die nicht aufgelöst werden kann und gerade dadurch Qualität erzeugt. Zum Schluss wird darüber spekuliert, ob und wie man diese Diskrepanz zu einem Element der Entwurfsplanung machen könnte, und wie man so zu einem anderen Umgang sowohl mit dem Bestand als auch mit dem Neubau gelangen könnte.
Die Lücke, die die Umnutzung lässt
Bild: Maren Harnack
Bild: Maren Harnack
Ebenso können Elemente, die einmal aus wirtschaftlichen Gründen eingesetzt wurden, ihre Funktion verlieren, womit sie neu interpretiert werden und eine neue Bedeutung gewinnen können. Beispiele hierfür finden sich in großer Zahl in dem Buch „Die gemordete Stadt,“ das Gina Angress, Elisabeth Niggemeyer und Wolf Jobst Siedler 1964 herausgebracht haben. (2) 2 Das Buch ist gefüllt mit Fotos stark verzierter, gußeiserner Schilder und Geländer und dergleichen, die damals modernen Beispielen gegenübergestellt werden – mit der klaren Absicht, letztere als minderwertig und gestalterisch anspruchslos zu kritisieren. Die verzierten Elemente aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert, obwohl industriell hergestellt, werden demgegenüber als etwas Positives dargestellt, das den Bewohner*innen Ankerpunkte für Identifikation mit der Umwelt bieten, die moderne Architektur verweigert.
In der Berliner Dennewitzstraße fährt die U-Bahn durchs Haus. (Bild: Maren Harnack)
In der Berliner Dennewitzstraße fährt die U-Bahn durchs Haus. (Bild: Maren Harnack)
Aus heutiger Sicht besonders interessant ist, dass das Berliner Hansaviertel bei Niggemeyer und Siedler immer wieder als Beispiel für eine aus der Sicht der Autor*innen allzu effizienzorientierte und menschenfeindliche Form des Bauens und der Stadtentwicklung dient. Anders als die Autor*innen sich zu der Zeit vermutlich haben vorstellen können, ist das Hansaviertel nun seit 1995 insgesamt denkmalgeschützt, weil es ein herausragendes Beispiel für Städtebau und Architektur der Nachkriegsmoderne ist. Mit heutigen Augen angeschaut, ist auch im Hansaviertel vieles von dem, was in der Entstehungszeit noch als vor allem zweckmäßig erkennbar war, heute als Ausdruck sorgfältiger Planung und handwerklicher Qualität lesbar. In einer Zeit, in der Arbeitskraft deutlich wertvoller ist als Material, bekommt der ehemals betont einfache Charakter der Architektur eine neue Bedeutung, wird mit heutigen Maßstäbe gemessen ineffizient und gleichzeitig wertvoll – weil man heute so nicht mehr bauen könnte. Auch ohne Denkmalschutz bleibt dieser Mechanismus aktiv, wie große Initiativen zum Erhalt von Nachkriegsbauten zeigen, beispielsweise die Initiative SOS Brutalism des deutschen Architekturmuseums, der Kampf um den Erhalt des erst seit kurzem denkmalgeschützten Diesterweg-Gymnasiums in Berlin-Wedding oder um die mittlerweile abgebrochenen Esso-Häuser in Hamburg-St. Pauli.
Auch der von Niggemeyer und Siedler gescholtene Städtebau der Moderne und insbesondere der Nachkriegsmoderne ist aus heutiger Sicht ineffizient: zu wenig dicht, zu große Flächen, die von der Allgemeinheit gepflegt werden müssen, eine vermeintlich unausgewogene Mischung von frei finanziertem und geförderten Wohnungsbau – dabei müssten wir uns gerade heute im Neubau eigentlich wieder mehr als 30 oder 40 Prozent geförderten Wohnungsbau leisten, um die Wohnungsnot in den Ballungsräumen wirksam zu lindern.
Variantenreichtum durch Ineffzienz
Brüssel: Früher Kirche, heute Hochschule. (Bild: Christian Holl)
Brüssel: Früher Kirche, heute Hochschule. (Bild: Christian Holl)
Diesem Gedanken folgend profitieren diejenigen von der Ineffizienz, die sie neu füllen, die das Potenzial eines obsolet gewordenen Raums erkennen und sich aneignen ebenso wie diejenigen, die sie nicht mehr gebrauchen können. Nutzer*innen ehemals ineffizienter Räume entrichten einen reduzierten Preis, die Bereitsteller*innen brauchen nicht zu investieren, um Gewinne zu machen. Und sogar die Stadtbewohner*innen profitieren davon, denn ihre Umgebung wird variantenreicher, das Angebot an Läden, Wohnungen und Unternehmen vielfältiger.
Versuche, diesen durch Ineffizienz erzeugten Variantenreichtum in neuen Quartieren zu bauen, funktionieren so gut wie nie. Das Wertheim Village (ein 2003 in Unterfranken nahe der Autobahn errichteten Factory Outlet Center, das eine pittoreske Altstadt simuliert) am einen Ende der Skala und Frankfurts Neue Altstadt am anderen sind als Stadt – oder Teile von Stadt – im eigentlichen Sinne gleichermaßen unbefriedigend. Sie sind als Surrogate erkennbar, weil sie gerade nicht die Möglichkeit der Aneignung und Neuinterpretation bieten, die alten Bestand auszeichnet. Um Ineffizienz auch planerisch produktiv zu nutzen, muss man diese alten Bestände an erster Stelle so gut wie möglich erhalten und pflegen – auch die der jüngeren Vergangenheit.
Bestände, die gepflegt werden müssen. (Bild: Maren Harnack)
Bestände, die gepflegt werden müssen. (Bild: Maren Harnack)
Wenn man Ineffizienz als Ressource versteht, die neuen Entwicklungen und Ideen Raum verschafft, lassen sich sicher auch Mechanismen entwickeln, die dafür sorgen, dass sie nicht so leicht durch Abrisse zum Verschwinden zu bringen ist. Oder dafür, dass diejenigen, die die Raumpotenziale heben, die in der Diskrepanz von Programm und Raum liegen, die Gewinne, die sie damit erwirtschaften, auch behalten, oder dass sie zumindest dem Gemeinwohl und nicht privaten Eigentümern zugutekommen. Zwar gibt es heute schon Ansätze und Instrumente, die es Kommunen ermöglichen, eine aktive Immobilienpolitik zu betreiben, aber das Instrumentarium könnte ohne Zweifel noch ausgebaut und verfeinert werden – nicht vorrangig, um romantische Straßenbilder zu schützen, sondern um die urbane Produktivität zu stärken, die eine ausreichende Menge programmatisch obsolet gewordener Räume braucht, um sich weiter entwickeln zu können.
Bild: Maren Harnack
Bild: Maren Harnack
- 1(1) Laut DomRömer GmbH war das Investitionsvolumen 186 Mio Euro (>>>), der Tagesspiegel gibt „weit mehr 200 Mio Euro“ an (>>>). Die Frankfurter Allgemeine Zeitung geht von davon aus, dass „die Stadt Frankfurt nach fundierten Schätzungen gut 100 Millionen Euro in das Areal investiert“ hat (>>>) (2) Wolf Jobst Siedler, Elisabeth Niggemeyer, Gina Angress: Die gemordete Stadt. Ein Abgesang auf Putte und Straße, Platz und Baum. Herbig, Berlin 1963 (3) Werner Hegemann: Das Steinerne Berlin. 1930 – die größte Mietskasernenstadt der Welt. Ullstein, Berlin / Frankfurt a.M. 1963 (4) Jane Jacobs: Tod und Leben großer amerikanischer Städte, Frankfurt / Berlin 1963, S. 114 ff
- 2(1) Laut DomRömer GmbH war das Investitionsvolumen 186 Mio Euro (>>>), der Tagesspiegel gibt „weit mehr 200 Mio Euro“ an (>>>). Die Frankfurter Allgemeine Zeitung geht von davon aus, dass „die Stadt Frankfurt nach fundierten Schätzungen gut 100 Millionen Euro in das Areal investiert“ hat (>>>) (2) Wolf Jobst Siedler, Elisabeth Niggemeyer, Gina Angress: Die gemordete Stadt. Ein Abgesang auf Putte und Straße, Platz und Baum. Herbig, Berlin 1963 (3) Werner Hegemann: Das Steinerne Berlin. 1930 – die größte Mietskasernenstadt der Welt. Ullstein, Berlin / Frankfurt a.M. 1963 (4) Jane Jacobs: Tod und Leben großer amerikanischer Städte, Frankfurt / Berlin 1963, S. 114 ff