Die bei uns inzwischen fest etablierten Beteiligungsprozesse im Städtebau haben eine inzwischen über 50-jährige Geschichte. Angesichts der Kritik an den routinierten Verfahrensabläufen lohnt es sich, die Anfänge der Beteiligung mit heutigen Konflikten zu vergleichen. Es schärft den Blick auf das, was auch heute in den Aushandlungen im Mittelpunkt stehen sollte, und es könnte helfen, vor Illusionen zu schützen.
Wirksame Überforderung
Sanierung in Kreuzberg. Stadtteilbüro. (Bild: Kreuzberger Stadtteilzeitung, Nr. 2 (1971) Seite 22, Archiv des FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museum)
Sanierung in Kreuzberg. Stadtteilbüro. (Bild: Kreuzberger Stadtteilzeitung, Nr. 2 (1971) Seite 22, Archiv des FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museum)
Sowohl in Kreuzberg als auch im Märkischen Viertel wurde die Stadtteilarbeit in den 1960/70er Jahren von einer Ablehnung von städtebaulichen Planungen des Senats angetrieben, die an den Bedürfnissen der Bewohner*innen – vor allem armen und oft benachteiligten Gruppen – vorbeigingen. Die Studierenden waren sich jedoch uneinig, wie sie die Bewohner*innen unterstützen könnten. Verschiedene Positionen standen sich offen gegenüber, auf der einen Seite die Kritik am kapitalistischen Städtebau, gepaart mit der Hoffnung auf eine proletarische Revolution und auf der anderen Seite pragmatischere Reform- und Anpassungsvorschläge, die sich in neuen planerischen Ansätzen und Prozessen ausdrückten.
Auch wenn sich die oben beschriebenen ersten Gruppen von Studierenden aus der Stadtteilarbeit zurückzogen, so haben sie und ihre diversen engagierten Nachfolger*innen – basierend auf der Kritik an der damaligen Stadtpolitik und ihren konkreten städtebaulichen Projekten – einen wichtigen Beitrag geleistet, neue partizipative Planungsansätze zu etablieren und das berufliche Selbstverständnis von Städtebauer*innen und Stadtplaner*innen sowie ihre Ausbildungswege zu verändern. 9
Unvermindert aktuell
Plakat für die Diagnose-Ausstellung zum Bauen in Westberlin, 1968, gestaltet von Jürgen Holtfreter. (Bild: Privatsammlung Klaus Brake)
Plakat für die Diagnose-Ausstellung zum Bauen in Westberlin, 1968, gestaltet von Jürgen Holtfreter. (Bild: Privatsammlung Klaus Brake)
Arbeit am St. Pauli Code: Die Ergebnisse des Planbuden-Prozesses. (Bild: Planbude)
Arbeit am St. Pauli Code: Die Ergebnisse des Planbuden-Prozesses. (Bild: Planbude)
Beim Haus der Statistik und dem Dragoner Areal in Berlin wurden ebenfalls nach Protesten von stadtpolitischen Gruppen („Initiative Haus der Statistik“ 15 als Bündnis unterschiedlicher Gruppierungen beim Haus der Statistik; und „Stadt von unten“ 16 beim Dragonerareal) sogenannte „integrative Werkstattverfahren“ als informelle planerische Beteiligungsformate für die städtebaulichen Wettbewerbe durchgeführt, nachdem der Verkauf der öffentlichen Liegenschaften durch die Proteste abgewendet wurde. Auch hier standen Ziele, die der Gemeinwohlorientierung zugeschrieben werden können, wie die Schaffung von günstigen Wohnungen für einkommensarme Bewohner*innen und bezahlbaren Räumen für Künstler*innen und Gewerbetreibenden sowie der Wunsch nach einer kleinteiligen Nutzungsmischung im Vordergrund. Eine Reihe von Planungsteams wurde eingeladen, ihre Entwürfe für die jeweiligen Gebiete im Prozess und in Auseinandersetzung mit allen Beteiligten, inklusive den lokalen Akteuren und stadtpolitischen Gruppen, aber auch den Wohnungsgesellschaften sowie den Bezirken zu entwickeln.
Beteiligung wird professioneller. Workshops für die Bürgerschaft wurden im Corona-Sommer hybride und damit aufwändige Verfahren, was auch für die weitere Zukunft besipeilgebend sein könnte. Bilder einer Werkstatt im "Planspiel Zukunft Leonhardsvorstadt", Stuttgart. (Bild: Fernandino Iannone)
Beteiligung wird professioneller. Workshops für die Bürgerschaft wurden im Corona-Sommer hybride und damit aufwändige Verfahren, was auch für die weitere Zukunft besipeilgebend sein könnte. Bilder einer Werkstatt im "Planspiel Zukunft Leonhardsvorstadt", Stuttgart. (Bild: Fernandino Iannone)
Auch die Werkzeugkoffer für die Beteiligungsverfahren werden immer ausgefeilter.
Auch die Werkzeugkoffer für die Beteiligungsverfahren werden immer ausgefeilter.
Für das Planspiel Zukunft Leonhardsvorstadt wurde eigens ein Tool entwickelt:Der Städtebausimulator.
Für das Planspiel Zukunft Leonhardsvorstadt wurde eigens ein Tool entwickelt:Der Städtebausimulator.
Mit ihm konnten Babeuungsalternativen ohne Vorkenntnisse getestet werden. (Alle Bilder: ©BeL)
Mit ihm konnten Babeuungsalternativen ohne Vorkenntnisse getestet werden. (Alle Bilder: ©BeL)
Stadt ist Aushandlung ohne Ende
Es geht also im Kern bis heute darum, die politischen Dimensionen des Städtebaus anzuerkennen, die sich weder durch architektonische oder städtebauliche Gestaltung, noch durch technokratische (Beteiligungs-)Verfahren eliminieren lassen. Es geht darum, sich von der Illusion zu verabschieden, es gebe Möglichkeiten, Konflikte endgültig auflösen und offene Verhandlungen von sich widersprechenden Interessen zu ersetzen.
Der Fokus auf Konflikte suggeriert, dass ein sozialerer und politischerer Städtebau vor allem dort möglich ist, wo sich Protest aus städtischen Bewegungen regt. Dabei ist die Forderung nach Gemeinwohlorientierung und sowohl breiterer als auch tieferer Beteiligung längst in jenen Städtebau-Debatten und Praktiken angekommen, die sich in Abgrenzung zur „Stadtbaukunst“ und ihrem einseitigen Fokus auf formal-ästhetischen Aspekten der „europäischen Stadt“ entwickeln. Mit Blick auf die aufwändigen Verfahren scheint es für die weitere Durchsetzung eines gemeinwohlorientierten Städtebaus aber darüber hinaus vor allem entscheidend, inwieweit die öffentliche Hand bereit ist, die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Im Vergleich zu den 1960er/70er Jahren sind die Bedingungen erschwert, weil die öffentliche Hand über weniger Liegenschaften verfügt und mit knappen Ressourcen umgehen muss. 19 Aber zugleich lässt sich auf einen deutlich größeren Erfahrungsschatz städtebaulicher Praktiken zurückgreifen, die es als selbstverständlich betrachten, Stadt in immer wieder neuen Aushandlungsprozessen gemeinsam mit verschiedenen Akteuren zu gestalten. Dass dabei das Gemeinwohl keine automatische Folge von Beteiligung ist, versteht sich von alleine – nach mittlerweile mehr als 50 Jahren Erfahrung im partizipativen Städtebau.
Das ist es mir wert
- 1Büro für Stadtsanierung und soziale Arbeit Berlin-Kreuzberg (Hg.) (1971) Sanierung für wen? Gegen Sozialstaatsopportunismus und Konzernplanung, Berlin, Agit Druck.
- 21968 hatten sie diesem Umstand im Rahmen der “Diagnose Ausstellung” bereits prägnant formuliert: “Die herrschenden Parteien haben die Stadt gegen ihre erklärten Ziele herabsinken lassen zu einem gigantischen Rendite-Objekt.” (Aktion 507 (Hg.) (1968) Diagnose Ausstellung Dokumentation, Berlin: S. 1 – Manifest).
- 3Obwohl die Sanierungsplanung u.a. auch mit dem Verweis auf die Interessen der Arbeiter*innen gerechtfertigt wurde.
- 4“Jetzt reden wir”: Betroffene des Märkischen Viertels (Hrsg.) (1975) Wohnste sozial, haste die Qual. Mühsamer Weg zur Solidarisierung, Reinbek, Rowolt Verlag. Für die Bewohner*innen war das Engagement in der Stadtteilarbeit eine Gratwanderung zwischen Resignation (vor dem marxistischen Jargon und dem teils überbordenden Ego der Studierenden) und Selbstermächtigung, die zudem eine hohe Beharrlichkeit nahe der Selbstausbeutung erforderte.
- 5Einzelne Konzepte, wie z.B. die Anwaltsplanung, in der fachliche Vertreter*innen benachteiligte Gruppen bei der Durchsetzung ihrer Belange gegenüber der institutionalisierten Planung unterstützten, wurden durch erste Veröffentlichungen von Übersetzungen gerade erst bekannt (siehe z.B. ARCH+8-10, 1969/70).
- 6Böttcher, L., Fricke, E., v. Kodolitsch, P., Leber, B., Richter, H.P., Schulz z. Wiesch, J. (1978) “Strategien für Kreuzberg”: Bericht der Vorprüfergruppe über den Wettbewerb, in: ARCH+ 37: S. 63-73.
- 7„Mitwirken sollten die Bewohner im Rahmen des Wettbewerbs durch eigene Verbesserungsvorschläge und Programme. Mitentscheiden sollten sie in der Projektkommission bei der Auswahl und Bewertung der Wettbewerbsbeiträge. Mitdenken sollten die Bewohner in den ausgewählten Projektgruppen an den Lösungsmöglichkeiten für die offensichtlichen sozialen und baulichen Probleme im Quartier. Mitarbeiten sollten die Bewohner bei der Durchführung der von der Projektkommission als realisierbar ausgewählten Modernisierungsprogramme.“ (Ebd. S. 64).
- 8Gerade in Bezug auf das mittlerweile wieder stark von sozialer Verdrängung gekennzeichnete Kreuzberg hat sich mittlerweile jedoch gezeigt, dass der Schutz dieser Belange nicht immer von Dauer war.
- 9Siehe Gribat, N., Misselwitz, P., Görlich, M. (Hrsg.) Vergessene Schulen: Architekturlehre zwischen Reform und Revolte um 1968, Leipzig, Spector.
- 10Siehe Eintrag "Gemeinwohl", Bundeszentrale für politische Bildung >>>
- 11Siehe: Gailing, Ludger, Moss, Timothy (2018) Gemeinwohl, in: ARL – Akademie für Raumforschung und Landesplanung (Hrsg.): Handwörterbuch der Stadt- und Raumentwicklung. Hannover: 773-778.
- 12In der Bauleitplanung wird z.B. laut BauGB schon seit dem Inkrafttreten 1960 unterschieden zwischen frühzeitiger Beteiligung der Bürger (BauGB §3, Abs. 1) und der förmlichen Beteiligung der Öffentlichkeit (Bau GB §3, Abs. 2). Erstere Beteiligungsform kann in bestimmten Verfahren umgangen werden, während die förmliche Beteiligung nur in sehr wenigen Ausnahmefällen wegfallen kann (siehe >>>). Auch im Städtebauförderungsgesetz von 1971 wurde die Beteiligung der von der Planung Betroffenen formal festgelegt (siehe >>> , S. 1128)
- 13Tribble, R., Wedler, P. und Katthagen, V. (2017) „PlanBude Hamburg. Kollektives Wissen als Grundlage von Stadtgestaltung“, sub\urban. zeitschrift für kritische stadtforschung, 5(1/2), S. 267–276. doi: 10.36900/suburban.v5i1/2.277.
- 14Ebd. S. 272.
- 15Siehe >>>
- 16Siehe >>>
- 17Unsichtbares Design ist: „ein Design von morgen, das unsichtbare Gesamtsysteme, bestehend aus Objekten und zwischenmenschlichen Beziehungen, bewußt zu berücksichtigen imstande ist.“ (Burckhardt, Lucius (2012) Design ist unsichtbar: Entwurf, Gesellschaft & Pädagogik. Berlin, Martin Schmitz Verlag: S. 25).
- 18Burckhardt, Lucius (2013) Der kleinstmögliche Eingriff. Berlin. Martin Schmitz Verlag: S. 30
- 19Siehe Florian Hertweck: Das große Missverständnis, 19. Oktober 2020 >>>