Deutet sich mit der schrittweisen Eröffnung des "Dorotheen-Quartiers" mitten in Stuttgart ein Image-Wandel der Schwabenhauptstadt vom moralisierenden Wutbürgertum zum leichtlebig Mondänen an? Keine neue Shopping-Mall, sondern ein ganzes Shopping-Quartier bietet seit neuestem den "Reichen und Schönen" eine Bühne, die sie bislang nicht hatten. Aber das Quartier böte mehr als diese Bühne, wenn denn die Stadtverwaltung tätig werden wollte.
Bis in die 1980er-Jahre hinein gab es in Stuttgart kaum einmal Außengastronomie – so erinnert sich auch Stefan Behnisch in einem heiteren Gespräch an die Zeit, in der ich fürs Architekturstudium nach Baden-Wüttermberg zog. Stefan Behnisch bekennt sich zu Stuttgart als seiner Heimatstadt; hier lebt und arbeitet er, obwohl er sich charmant über die pietistische Mentalität der Hiesigen lustig macht: Der gottgefällige Schwabe schaffe, und in der Freizeit baue er fleißig sein Häusle oder putze sein Auto. Er – der Schwabe – verdiene gern viel Geld, zeige es aber nicht. Wer diese Klischees nicht als bittere Wahrheit selbst erlebt hat, kann den Wandel, der sich in den letzten Jahrzehnten in der Schwabenhauptstadt abgespielt hat, kaum ermessen. Vieles mag darin begründet sein, dass die gute Arbeitsplatzsituation viele Nicht-Schwaben einwandern ließ. Das vom Büro Behnisch Architekten gebaute und Anfang Juni eröffnete Dorotheen-Quartier bietet Anlass, die stadtgesellschaftliche Veränderung und weitere Konsequenzen für Städtebau und Architektur in der Landeshauptstadt zu differenzieren.
Stadtgrundrisse
Es gab ein "Stuttgart" vor der Erfindung des Autos und vor der Ideologie der autogerechten Stadt. Vergleicht man beispielsweise das Innenstadtquartier, um das es hier geht, in seinen Konturen von 1794 mit dem, was jetzt gebaut worden ist, dann fallen wiedererkennbare Stadträume ansatzweise auf. Das große Dilemma ist und bleibt jedoch bis auf weiteres, dass Richtung Osten eine teils zwölfspurige Bundesstraße (B 14) in autobahnähnlich raumgreifender Aggression die Innenstadt durchschneidet und ihr Wegenetz zu Stückwerk verunstaltet. Hoffentlich nicht mehr lang.
Es wäre so einfach: Auf der B14 im kleinen Innenstadtbereich vom Neckartor bis zum Marienplatz Tempo 30 vorschreiben – und schon ließe sich bewerkstelligen, was seit Jahrzehnten gefordert wird: eine fußgängertaugliche Vernetzung der Innenstadt mit den Wegen an den Hängen zu den Wohngebieten gen Osten hinauf, die für Stuttgart typisch sind. Für welche auch die Sichtachsen eminent wichtig sind. Ohne stinkende, trostlose Unterführungen, sondern mit Fußgängerampeln und vielleicht auch Zebrastreifen oder mehr. Ließen die bisher eingerichteten Ampeln den Autoverkehr mitnichten – wie von den Mitarbeitern des Tiefbauamtes dogmatisch prognostiziert – den Verkehr stadtweit zusammenbrechen, wäre eine solche Zivilisierung des Autoverkehrs im Bereich der sogenannten Kulturmeile zwischen Staatsoper, Theater, Staatsgalerie und Musikhochschule, Schloss und Stadtmuseum, Stadtkern und Bohnenviertel und, und, und ... eine Kleinigkeit.
Genau diese "Kleinigkeit" bereitet das neue Dorotheen-Quartier mit ortskenntnisreichen Blickbezügen vor, um nebenbei einem Teil der Stadtgesellschaft ein Bühnenszenario zu bauen, das diese bislang nicht hatte.
Keineswegs entstand nun im Dorotheen-Quartier eine geschlossene Shopping-Mall wie beim "Gerber" und beim "Milaneo" (siehe Beiträge in der Randspalte), sondern eine – salopp gesagt – vergleichsweise normale Stadtstruktur mit kommerziell genutzten Erdgeschossen, vielen Büroetagen und wenigen Wohnungen. Im Einzelnen dazu unten mehr – doch zunächst zurück zur Stuttgarter Zivilgesellschaft.
Genau diese "Kleinigkeit" bereitet das neue Dorotheen-Quartier mit ortskenntnisreichen Blickbezügen vor, um nebenbei einem Teil der Stadtgesellschaft ein Bühnenszenario zu bauen, das diese bislang nicht hatte.
Keineswegs entstand nun im Dorotheen-Quartier eine geschlossene Shopping-Mall wie beim "Gerber" und beim "Milaneo" (siehe Beiträge in der Randspalte), sondern eine – salopp gesagt – vergleichsweise normale Stadtstruktur mit kommerziell genutzten Erdgeschossen, vielen Büroetagen und wenigen Wohnungen. Im Einzelnen dazu unten mehr – doch zunächst zurück zur Stuttgarter Zivilgesellschaft.
Sansibar in Stuttgart – Sehen und gesehen werden
Weil ein Foto von Personen ein publizistisches Problem ist, sei diese Klientel kurz mit Worten skizziert. Bei reiferen Paaren fällt "er" mit weichen Lederslippern, hellen Hosen und pastellfarbenem Kaschmirpulli auf. "Sie" ist braungebrannt, blondiert oder schwarzgefärbt und gibt sich in goldschimmernden Turnschuhen und alltagstauglichem Lametta sportlich, zumindest jugendlich. Jüngere Klientel – gut versorgte Familien mit zwei Kindern, die sich das Wohnen in und um Stuttgart erlauben können – orientiert sich deutlich am Markendogma, mit dem das Dorotheen-Quartier wirbt. Geschmacklich noch nicht gefestigt, wählt diese Familie das Modegenre "Casual" mit obligatorischen Turnschuhen, bestellt schmallippig oder auch polternd laut "Veganes" oder die 12 Euro teure Curry-Wurst. Auch ein magerer Dreißiger fällt auf, der mit patinierten Turnschuhen, einer Schirmmütze auf kahlem Kopf, Sakko und einem Designerucksack umherschlendert und ein Schreibblöckchen mit Bleistift mit sich führt. Ein Literat? Man fragt sich, wie dieses Quartier "funktioniert".
Nicht kommerzialisierte Stellen – Bänke, Sitzplätze welcher Art auch immer–, die das Büro Behnisch vorgeschlagen hatte, wurden nicht genehmigt. Ganz so öffentlich, wie er sich gibt, ist der öffentliche Raum im Dorotheen-Quartier also keineswegs. Darin gleicht es dem vor einigen Jahren sanierten "Bosch-Areal" in Stuttgart-West, unterscheidet sich aber beispielsweise essentiell von einem anderen, zentrumsnahen Quartier nahe am Nordbahnhof, das eine nichtkommerzielle Oase ist: das von Künstlern bestückte Terrain neben den > Wagenhallen.
Mit dem Dorotheen-Quartier kommt jetzt dennoch eine Facette des in Stuttgart stadttypologisch Fehlenden vor, ob es einem gefällt oder nicht: Es gehört zur inflationär beschworenen und inhaltlich wenigsagenden "Urbanität" irgendwie dazu und fehlte bislang im pietistisch geprägten Stuttgart. OB Manfred Rommel, so Stefan Behnisch, habe Stuttgart sozial befriedet. Städtebaulich aber nichts bewegt. OB Wolfgang Schuster wurde bundesweit mit der Aktion "Let's putz" bekannt, widmete sich ansonsten Prestige-Projekten. Und verantwortet als städtischer Bauherr durchaus vieles, das zu erläutern hier zu weit führt. Hinterließ seinem "grünen" Nachfolger Fritz Kuhn aber mit dem Dorotheen-Quartier ein Kuckucksei.
Mit dem Dorotheen-Quartier kommt jetzt dennoch eine Facette des in Stuttgart stadttypologisch Fehlenden vor, ob es einem gefällt oder nicht: Es gehört zur inflationär beschworenen und inhaltlich wenigsagenden "Urbanität" irgendwie dazu und fehlte bislang im pietistisch geprägten Stuttgart. OB Manfred Rommel, so Stefan Behnisch, habe Stuttgart sozial befriedet. Städtebaulich aber nichts bewegt. OB Wolfgang Schuster wurde bundesweit mit der Aktion "Let's putz" bekannt, widmete sich ansonsten Prestige-Projekten. Und verantwortet als städtischer Bauherr durchaus vieles, das zu erläutern hier zu weit führt. Hinterließ seinem "grünen" Nachfolger Fritz Kuhn aber mit dem Dorotheen-Quartier ein Kuckucksei.
Und damit zum Projekt
Abreissen, Erhalten, Weiterbauen
Dass das Hotel Silber erhalten blieb und heute eine Art Kontinuität im Gefüge der Innenstadt, außerdem als Gedenkstätte eine nicht-kommerzielle Bereicherung sondergleichen bietet, ist allein privaten, kulturell ambitionierten Initiativen zu danken; genannt seien sich Persönlichkeiten wie Max Bächer, Karl Ganser, Edzard Reuter, Jörg Schlaich, Gottfried Kiesow, Roland Ostertag und viele andere. Für Behnischs Projekt zeichnete sich nach der Entscheidung für das Hotel Silber etwa 2013 ein Neustart ab, der – so Stefan Behnisch heute – dem Projekt gut getan habe.
Statt zwei riesiger Blockbauten gibt es jetzt drei neue Baukörper und das erhaltene Hotel Silber, und mit dieser kleinteiligeren Ensemble-Struktur wird das einstige Stadtgefüge reanimiert. Die Traufhöhen legte die Stadt mit etwa 20 Metern analog zu Martin Elsaessers Markthalle von 1912-13 fest, und was nun darüber hinausragt, sind nicht etwa Dachgeschosse, sondern Vollgeschosse, die so aussehen, als gehörten sie zum Dach. Ein geplantes Luxus-Hotel kam nicht ins Raumprogramm, stattdessen Büroetagen für Landesbeamte und außerdem 19 "exklusive" Wohnungen.
Aus der Fußgängerperspektive entwickeln die nicht rechtwinklig angeordneten öffentlichen Räume mit überzeugenden Sichtbezügen einen bemerkenswerten Charme. Die Vollgeschosse über den Traufen wirken im Blick nach oben wie gen Himmel wegretuschiert – es ist nunmal ein gewaltiges Volumen, das sich in die Höhe türmt. Vor allem die Außenhaut der Obergeschosse gab Rätsel auf: Wann wohl die Schutzfolie von den Gläsern abgezogen würde? Die Architekten wollten die Glashülle so wie sie jetzt ist, und nun nimmt sich die "fünfte Fassade" des Quartiers, die von den Stuttgarter Hängen aus als eine Art Stadtlandschaft wahrgenommen wird, neben der Glastonne am Königsbau vergleichsweise harmlos aus.
Aus der Fußgängerperspektive entwickeln die nicht rechtwinklig angeordneten öffentlichen Räume mit überzeugenden Sichtbezügen einen bemerkenswerten Charme. Die Vollgeschosse über den Traufen wirken im Blick nach oben wie gen Himmel wegretuschiert – es ist nunmal ein gewaltiges Volumen, das sich in die Höhe türmt. Vor allem die Außenhaut der Obergeschosse gab Rätsel auf: Wann wohl die Schutzfolie von den Gläsern abgezogen würde? Die Architekten wollten die Glashülle so wie sie jetzt ist, und nun nimmt sich die "fünfte Fassade" des Quartiers, die von den Stuttgarter Hängen aus als eine Art Stadtlandschaft wahrgenommen wird, neben der Glastonne am Königsbau vergleichsweise harmlos aus.
Kreuz und quer, privat und öffentlich
Die Intention Behnischs, eine stärkere Verbindung aus der Stadtmitte über die B14 zum Bohnenviertel hin vorzubereiten, ist deutlich erkennbar. Blickbezüge nötigen als vorweggenommene Querspangen jetzt ständig dazu, die Bundesstraße innenstadtverträglich zurückzubauen, was die Stadt aufatmen ließe.Zugleich meldeten sich in der regionalen Presse Stimmen, die endlich auch den benachbarten Marktplatz – einen in früher Nachkriegszeit auf historischem Grundriss umbauten Platz – ähnlich "belebt" wissen wollen. Nun bietet der Marktplatz aber genau das, was das Dorotheen-Quartier verweigert: Aufenthaltsstellen ohne Konsumzwang. Er muss, weil er Marktplatz ist, ohnehin weitgehend frei bleiben, kann womöglich etwas Gastronomie oder kulturelle Nutzung vertragen. Wo die Stadt Eigentümerin am Platzrand ist oder anders Einfluss nehmen kann, muss sie dies in gemeinnützigem Sinne tun. Doch man erschrickt, wenn jetzt davon die Rede ist, dass sie den Marktplatz als Ganzes "endlich in Angriff" nehmen will. Das wird für Stuttgart wieder eine andere Baustelle... Zudem wird in Sichtweite des Dorotheen-Quartiers, gegenüber der Stiftskirche, wieder einmal abgerissen. Ein geschickt positionierter und gegliederter Bau aus der frühen Nachkriegszeit verschwindet – was stattdessen kommen wird, konnte in den letzten Tagen nicht herausgefunden werden. (Ergänzung vom 14. Juni 2017: Es wird ein Bau von Wulf-Architekten sein, der die übliche Rasterarchitektur mit Anschlussproblemen an den Bestand in sich trägt, siehe facebook)
Fassaden, Falten und Facetten
Bewirkt die Abkehr vom rechten Winkel in den Grundrisskonturen unumstritten eine angenehme Raumfolge, gehen die Meinungen über die kommerzialisierten Erdgeschosse und die plastisch reliefierten Fassaden auseinander. Passanten schauen hoch und diskutieren, die Heterogenität der Gebäudehüllen – Stein, Stahl, Glas – gibt in ihrer ungewohnten Geometrie Anlass genug dazu. Einförmige Raster wollte das Büro Behnisch nicht. So bleibt auch abzuwarten, was eine Beleuchtung in der dunklen Jahreszeit hier bewirken kann.
In Stuttgart wurde ein Stück Stadt ein bisschen luxuriös, aber nicht peinlich prätentiös oder mit Talmi herausgeputzt. Das Dorotheen-Quartier bleibt, weil der vermeintlich öffentliche Raum kommerzialisiert und damit latent privatisiert ist, zwar exklusiv – und schließt damit Teile der Stadtgesellschaft aus. Strukturell und mit der Architektur sind aber keine funktionalen Perspektiven verbaut, die à la longue zu weiterer Stadtaufwertung zu öffnen sind.
Bauherr:
E. Breuninger GmbH, Stuttgart
Architekten:
Behnisch Architekten, Stuttgart
Wettbewerb: 2010
Überarbeitungsstudie: 2013
Ausführung: 2014-2017
E. Breuninger GmbH, Stuttgart
Architekten:
Behnisch Architekten, Stuttgart
Wettbewerb: 2010
Überarbeitungsstudie: 2013
Ausführung: 2014-2017