Fragen zur Architektur (21): Einfamilienhausgebiete – bestehende wie neue – sind eine Herausforderung für Stadtplanung und Stadtentwicklung. Die Aufgaben stellen sich in jedem Gebiet in einer anderen Zusammensetzung. Erste Erfahrungen liegen vor, an Forschung, Förderung und Austausch besteht aber noch ein hoher Bedarf. Das Bewusstsein dafür, dass Einfamilienhausgebiete in den Blick genommen werden müssen, wächst. Sorge machen muss aber etwas anderes.
Fachsenfeld (Aalen), 1984. Im immer weiteren Bau von Einfamilienhausgebieten setzt sich eine Planungshaltung der Nachkriegszeit fort, die die vielen kleinen Orte im Land prägen. Viele der neuen Gebiete von damals sind zu den Problemen von heute geworden – die neuen von heute werden die von morgen sein. Alle Bilder dieses Beitrags: Landesarchiv Baden-Württemberg - Staatsarchiv Sigmaringen, Fotograf: Erich Merkler, CC BY 3.0.
Fachsenfeld (Aalen), 1984. Im immer weiteren Bau von Einfamilienhausgebieten setzt sich eine Planungshaltung der Nachkriegszeit fort, die die vielen kleinen Orte im Land prägen. Viele der neuen Gebiete von damals sind zu den Problemen von heute geworden – die neuen von heute werden die von morgen sein. Alle Bilder dieses Beitrags: Landesarchiv Baden-Württemberg - Staatsarchiv Sigmaringen, Fotograf: Erich Merkler, CC BY 3.0.
Das macht anschaulich: Ähnlich wie durch die Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt in den 1990ern steht die Zunft der Planer hier vor einer enormen Herausforderung. Sie heißt einerseits: Schrumpfung und Abriss in Einfamilienhausgebieten, in denen Lücken entstehen werden. Wie lange lohnt es sich, in die Infrastruktur zu investieren, wann müssen Straßenzüge aufgegeben werden, wie reagiert man auf solche Entwicklungen in Fragen der Daseinsvorsorge, des Nahverkehrs, wie organisiert man Kindertageseinrichtungen, Schulen, was bedeutet es für die Nahversorgung, wenn der letzte Laden schließt?
Sie heißt andererseits: das Wachstum zu steuern. Denn allein ein steigender Bedarf ist keine Blaupause für eine gesunde Ortsentwicklung, er kann im Gegenteil heute die Voraussetzungen für die Probleme von morgen legen. Das hat der Gesetzgeber, um es einmal vorsichtig auszudrücken, noch nicht in seiner Dramatik erkannt. Der unglückselige §13b, mit dem die neue Gebietskategorie im BauGB, das „Urbane Gebiet“, so teuer erkauft wurde, sorgt dafür, dass neue Einfamilienhäuser an den Rändern kleinerer Gemeinden entstehen, weil sie nun im beschleunigten Verfahren ausgewiesen werden dürfen. Das wird den Donut-Effekt verstärken, der die Ortskerne veröden lässt. Jegliches Bemühen, Innenentwicklung zu fördern, ist damit wirkungsvoll unterhöhlt.
Nordhausen bei Heilbronn, 1984
Nordhausen bei Heilbronn, 1984
Es geht um den Bestand: 15,7 Mio Einfamilienhäuser
Ebenso übereinstimmend lässt sich in der Literatur die Erkenntnis ausmachen, dass eine engagierte Bewohnerschaft die Basis für eine Weiterentwicklung des Bestandes ist – und darauf scheint man noch nicht vorbereitet: „Das gängige Förderinstrumentarium hat bislang weder das bürgerschaftliche Engagement noch den Gebietstyp 'Einfamilienhaus' ausreichend im Blick“, heißt es in der Broschüre „Hausaufgaben", die von der Landesinitiative StadtBauKultur NRW 2020 herausgegeben wurde ; das Forschungsprojekt "Einfamilienhäuser 50/60/70 – Stadtentwicklung und Revitalisierung“ der Wüstenrot Stiftung nennt einen hohen Grad an kommunalem Engagement und die intensive Beteiligung als Voraussetzungen für eine gelingende Entwicklung. Dabei müssen die Kommunen aber zu diesem Engagement in der Lage sein und die Mittel haben, die Beteiligung entsprechend zu organisieren – personell, aber auch fachlich und methodisch.
Lauffen am Neckar, 1985
Lauffen am Neckar, 1985
Die Fragen, die sich für die Weiterentwicklung von Einfamilienhausgebiebten stellen, liegen auf der Hand: Wie lässt sich der Bestand aufwerten, umbauen, erweitern? Wie das Angebot an Wohnraum diversifizieren, der es erlaubt, dass ältere Menschen aus ihren zu groß gewordenen Häusern ausziehen, ohne das vertraute Umfeld zu verlassen? Wie können in Einfamilienhausgebieten andere Wohnformen als die einer traditionellen Kleinfamilie etabliert werden? Wie lassen sich Unterstützungsnetzwerke jenseits der Kleinfamilie im Einfamilienhausquartier aufbauen und organisieren? Wie lassen sich Begegnungsorte im öffentlichen Raum schaffen? Wie lassen sich Angebote und Finanzierung der sozialer und technischer Infrastruktur aufrechterhalten? Wie lässt sich dort, wo die Nachfrage das erfordert, der Rückzug organisieren? Formelle Instrumente wie Festsetzungen oder B-Plan-Änderungen können genauso richtige Antworten liefern wie es ein installiertes Quartiersmanagement oder Beratungen sein können. Die Fragen machen deutlich, dass sich einfache, generalisierbare Lösungen kaum werden finden lassen, und sie lassen auch erkennen, dass es nicht darum gehen kann, alle Fragen alleine im Bestand zu lösen. Einfamilienhausgebiete müssen verändert werden können, sie müssen durch Neubauten wie durch Ersatzneubauten angepasst werden können. Und sie sind nicht isoliert vom Rest des Ortes zu betrachten. Oder, auf einen Nenner gebracht: Man muss beginnen, auch diese Wohngebiete wie Quartiere zu verstehen.
Oberriexingen, 1983
Oberriexingen, 1983
Eine erste Bilanz
Dürrenzimmern, 1985
Dürrenzimmern, 1985
Ein neues Denken ist gefragt
Bargau (Schwäbisch Gmünd), 1983. Alle Bilder dieses Beitrags: Landesarchiv Baden-Württemberg - Staatsarchiv Sigmaringen, Fotograf: Erich Merkler, CC BY 3.0
Bargau (Schwäbisch Gmünd), 1983. Alle Bilder dieses Beitrags: Landesarchiv Baden-Württemberg - Staatsarchiv Sigmaringen, Fotograf: Erich Merkler, CC BY 3.0
Dafür muss man sich aber von einem stadtpolitischen Denken verabschieden, das in einem zeitlichen Expansionsdenken verhaftet ist, das den Raum auf ein Mittel der Konsumaktivierungspolitik reduziert und dessen Überwindung als zentrale Herausforderung versteht. Städte und Ortschaften vor Ort zu stärken, ihre Wohngebiete in ein Gesamtkonzept zu integrieren und sie gleichzeitig als einen Teil eines regional vernetzten kooperativen Systems zu verstehen, hieße das Einfamilienhaus als eine Wohnform unter vielen zu verstehen. Es hieße, einen kulturell, sozial wie ökonomisch beweglicheren Austausch zwischen den einzelnen Netzknoten zu organisieren, der sich von der Scholle und der Idealisierung der Sozialgemeinschaft der Ortschaft löst, die letztlich nur dazu beigetragen hat, die Raumwirksamkeit von laufenden Entwicklungen zu übertünchen. Ein solches Verständnis wächst nicht von heute auf morgen, zumal nicht, wenn man mit einem Heimatministerium wieder einen Schritt auf dem Weg zurück macht. DIe IBA in der Region Stuttgart könnte hier Pionierarbeit leisten. Das Einfamilienhausgebiet war das städtebauliche Mittel, Individualisierung, Glücksversprechen und konsumgetriebene Wirtschaftswachstum zu organisieren. Man wird den in die Jahre gekommen Gebieten genausowenig wie dem neuen Bedarf städtebaulich nicht gerecht, wenn man es weiterhin unter diesen Prämissen sieht.
Die nach wie vor gründlichste und umfassende Publikation zum Thema Einfamilienhaus ist m.E.: Tilman Harlander (Hg.): Villa und Eigenheim. Suburbaner Städtebau in Deutschland. Ludwigsburg und Stuttgart München, 2001
Das ist es mir wert
- 1Martin Vaché und Markus Rodenfels: Der Wohnraumbedarf in Hessen nach ausgewählten Zielgruppen und Wohnformen, im Auftrag des Hessischen Ministeriums für Umweltschutz, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Darmstadt: Institut Wohnen und Umwelt, 2016. Oline: >>> (2) siehe hier: >>> (3) siehe Christian Holl: Nach der Diät ist vor der Diät. In db, deutsche bauzeitung 8/2017. Online >>> Zur aktuellen Entwicklung: Stuttgarter Zeitung vom 9. März: Mehr Bauland in Region Stuttgart. Online >>>(4) Landesinitiative StadtBausKultur NRW 2020 (Hg.), Yasemin Utku, Stephan Gudewer, Carolin Krüger-Willim, Torsten Bölting: Hausaufgaben. Bürgerschaftliches Engagement in alternden Einfamilienhausgebieten. Gelsenkirchen 2017. Online >>>(5) Wüstenrot Stiftung (Hg.), Christina Simon-Philipp, Josefine Korbel: Einfamilienhäuser 50/60/70 – Stadtentwicklung und Revitalisierung. Ludwigsburg 2016. Information und Bestellung: >>>(6) Karl Schögel: Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik. München/Wien 2003 (7) siehe: Michael Müller: Drei Stadtmodelle. In: ders.: Kultur der Stadt. Essays für eine Politik der Architektur. Bielefeld 2010, S. 55–68