Die TU Berlin besitzt eine einzigartige Sammlung. In ihr werden Theaterbauten dokumentiert – aber viel mehr noch: In ihr wird dokumentiert, wie Theaterbauten verstanden wurden, wozu sie dienen sollten, wie sie politische und gesellschaftliche Systeme repräsentierten. In einem Forschungsprojekt wurde diese Sammlung systematisch analysiert und erschlossen.
Jan Lazardzig; Bri Newesely; Kerstin Wittmann-Englert; Franziska Ritter; Halvard Schommartz; Marie-Charlott Schube (Hg.): Theaterbauwissen Objekte, Medien und Diskurse zwischen Kaiserreich und Kaltem Krieg. 17 × 24 cm, 304 Seiten, 80 farbige Abbildungen, 42 EuroJovis verlag, Berlin, 2025
Jan Lazardzig; Bri Newesely; Kerstin Wittmann-Englert; Franziska Ritter; Halvard Schommartz; Marie-Charlott Schube (Hg.): Theaterbauwissen Objekte, Medien und Diskurse zwischen Kaiserreich und Kaltem Krieg. 17 × 24 cm, 304 Seiten, 80 farbige Abbildungen, 42 EuroJovis verlag, Berlin, 2025
Das Konvolut an Fotografien, das dieses Projekt hinterlassen hat, lässt deutlich werden, worum es dem Wissenschaftsteam aus den Disziplinen Architektur-, Technik- und Theatergeschichte an den Berliner Hochschulen geht, das „Theaterbauwissen. Objekte, Medien und Diskurse zwischen Kaiserreich und Kaltem Krieg“ Ende letzten Jahres herausgab: das in den Bauten, ihrem Planmaterial und den entsprechenden Medien, meist Fotografien, eingelagerte Wissen aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Denn als öffentliche Bauaufgabe waren Theater besonders disponiert, die Zusammenhänge von ideologischen Repräsentationen und Diskursen zur Schau zu stellen.
Am Beispiel des Nationalsozialismus wurde dies zwar bereits häufig behandelt, dennoch stellt der monumentale Fundus des Speer’schen Projektes, der in der Theaterbausammlung der TU archiviert ist und den Kerstin Wittmann-Englert, Professorin der Architekturgeschichte an der TU Berlin, und ihre Doktorandin Franziska Ritter analysieren, eine einzigartige Quelle für völkische Konzepte dar.
Eine einzigartige Sammlung erschließen
Eine dritte Ebene, neben Speer und Kranich, bilden schließlich Bauten der Nachkriegsmoderne, etwa durch den Nachlass Gerhard Graubners, Professor für Entwerfen und Gebäudekunde an der Technischen Hochschule Hannover und Architekt zahlreicher Theater der 1950 und 1960er Jahre. Er war zudem einer der ersten Vertreter des Lehrgebiets Theaterbau und Bühnentechnik in der BRD. Hier werden die „epistemischen Kontinuitäten und Brüche“ (ein Partikel des etwas sperrigen Arbeitstitel des DFG-Projektes) deutlich, weil sich tradierte Raum- und Inszenierungsordnungen mit einer neuen modern-funktionalistischen Oberfläche verschränken.
Bühnenarbeiter. (Foto aus dem Nachlass Friedrich, Universitätsarchiv TU Berlin, Gemeinfrei)
Bühnenarbeiter. (Foto aus dem Nachlass Friedrich, Universitätsarchiv TU Berlin, Gemeinfrei)
Was heißt hier „Wissen“?
Der Prozess selbst ist seit vielen Jahren unter anderem in der französischen Philosophie mit der Intertextualität- und Diskursanalyse der Philosophen Foucault oder Derrida mit dem Begriff „Lire“ („lesen“) beschrieben worden – als ein Dekodieren und Dekontextualisieren, das die Strukturen von Macht, Wissen und Bedeutung offenlegt, die in Texten, Diskursen (und hier Bildern) eingeschrieben sind. In dem vorliegenden Band geht es aber nicht um die übliche methodenlastige Auseinandersetzung mit wissenschaftstheoretischen Referenzen, sondern sehr konkret um deren Anwendung. Theaterbau wird als „epistemisches Objekt“ (Günter Abel) vorgestellt, ein „situiertes Wissen“ (Deuber-Mankowsky/Holzhey), das sich konkret auf Objekte mit ihrem inkarnierten Wissens- und Erkenntnisbegehren richtet.
Ein „meta-epistemisches Objekt“ (Jan Lazardig) stellt auch die Sammlung selbst sowie deren einzelne Bestandteile dar, da sie die eigene Ordnung und die Systematisierung deutlich machen, denen die Objekte unterliegen. Auch dieses, teils hegemoniale oder von diversen Interessen geleitete Wissen, das sich insbesondere in Museumssammlungen niederschlug, ist seit einigen Jahren in der Mittelpunkt forschenden Interesses gerückt.
Neben dem Speer’schen Handbuch werden Theaterbauten der Kaiserzeit untersucht. Die Theaterwissenschaftler:innen Jan Lazardzig und Bri Newesely wenden sich der Architektur dieser Zeit zu, die zu einem großen Teil erhalten ist und die patriarchal verordnete Feiertagskultur im Kaiserreich mit ihrem bürgerlich-konservativen Verständnis von Theater, aber auch dessen Transformationen beschreibt.
Graubner Gerhard (1899-1970): Nationaltheater, München: Ansicht Bühne. (Bild: Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin Inv. Nr. GG 103,109)
Graubner Gerhard (1899-1970): Nationaltheater, München: Ansicht Bühne. (Bild: Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin Inv. Nr. GG 103,109)
Aneignung und Transformation
In der Nachkriegszeit wurde die Bauaufgabe neu gestellt; sie bestand nun darin, ein Bild der sogenannten Stunde Null und der Bundesrepublik zu vermitteln, die Distanz zur jungen Vergangenheit und die Hinwendung zu einer transparenten Demokratie zu inszenieren. Das ist nur wenigen Architekten gelungen, wofür das Gelsenkirchener Musiktheater von Werner Ruhnau samt der avantgardistischen Kunst in seinem „Spielraumkonzept“ immer wieder stellvertretend zitiert wird.
In der Sammlung ist aber ausgerechnet ein Protagonist der Traditionalisten der Nachkriegsmoderne, Gerhard Graubner, mit seinem Nachlass vertreten. Marie-Charlott Schube widmet sich seiner Theaterbaulehre, die durch seine gesamten Vorlesungskonzepte in der Sammlung nachvollziehbar ist – er engagierte sich als Lehrstuhlinhaber insbesondere für die Institutionalisierung der Theaterbaulehre. Eingebettet und kritisch beleuchtet wird sie mittels der in den Nachkriegsjahren vehement geführten Debatte um ein zeitgemäßes Theater unter demokratischen Vorzeichen und eines „Theater für morgen“ – so der Titel eines studentischen Wettbewerbs an der TH Hannover. Sie weist nach, wie Graubner sein traditionelles Verständnis der Bauaufgabe nicht verlässt, wenngleich es in das Gewand einer modernen ästhetischen Oberfläche gekleidet ist.
Gerhard Graubner: Schauspielhaus, Bochum, Außenansicht Eingangsseite. (Postkarte, Fotograf unbekannt, Architekturmuseum der TU Berlin, Inv. Nr. TBS 704,024)
Gerhard Graubner: Schauspielhaus, Bochum, Außenansicht Eingangsseite. (Postkarte, Fotograf unbekannt, Architekturmuseum der TU Berlin, Inv. Nr. TBS 704,024)
Kontinuitäten und Dissonanzen
Dissonanzen finden sich auch unter den vielen namhaften modernen Fotografen, die „völkische Konzeptionen“ (Kerstin Wittmann-Englert) im Handbuch von Speer abbilden wollten (oder sollten). Auf das Bild der Architektur geht an diesem Beispiel Franziska Ritter ein. Sie weist Kontinuitäten bei einigen dieser Fotografen nach, die sich in den Nachkriegsdekaden enormer Nachfrage erfreuten, so in den scheinbar neutral-modernen Abbildungen von Nachkriegsbauten von Karl-Hugo Schmölz, einem brillanten Könner seines Metiers.
Das Buch ist keine leicht konsumierbare Lektüre, aber eine ausgesprochen produktive Auseinandersetzung mit Architektur. Es macht den Erkenntnisgewinn eines interdisziplinären Zugangs sehr deutlich. Die Zusammenstellung der Beiträge lässt das Buch zu einem ausgesprochen produktiven Fundus an Wissen werden, der auch zur weiteren Forschung anregt.