Vorläufig ungenutztes Potenzial für die zukünftige Entwicklung: Pforzheims Erbe der Nachkriegsmoderne. Im Bild das Ensemble am Schlossberg. Bild: Hauke Rehfeld
Großprojekte zur Stadtentwicklung haben eine Leuchtkraft, die ihnen eine verführerische Attraktivität verleiht. Einfach und bildhaft vermitteln sie Verbesserung, Fortschritt und Innovation; im großen Maßstab stehen sie für das Versprechen auf die vermeintlich bessere Zukunft. Geht es auch anders?
Pforzheim, die kleine Großstadt am Rande des Nordschwarzwaldes, ist derzeit Feuer und Flamme für seine "Innenstadtentwicklung-Ost". Der Pragmatismus des Projekttitels täuscht, denn unter ihm kursiert das ersehnte imaginierte Bild einer endlich schönen, angenehmen, vielfältigen, zeitgemäßen und vorwärts strebenden Stadt. Das bestimmende Leitbild ist ebenso simpel wie verständlich: Rund um das Rathaus soll ein lebhaftes Miteinander aus „Wohnen und Arbeiten“, „Freizeit und Einkaufen“, verbunden mit „Kultur und öffentlichem Leben“ entstehen.1 Das visionäre Bild beinhaltet Grünoasen, in das Stadtleben integrierte Gewässer, gemütliche und belebte Aufenthaltsorte, nachverdichtete Urbanität und (selbst in Pforzheim) autofreie Zonen.2 Wer möchte dazu nicht "Ja" sagen?"Pforzheim hat besondere baulich-räumliche Qualitäten, die es so einzigartig macht [sic!]. Dies erfordert besondere Sorgfalt bei der Planung und Gestaltung der Stadt. Als Stadt der Nachkriegsmoderne ist Pforzheim stark durch seine Bebauung aus den 1950er und 1960er Jahren geprägt. Mit dieser Bausubstanz wird gestalterisch wertschätzend umgegangen. Das Vorhandene wird verstärkt aufgegriffen, positiv besetzt und erhalten. Für einen guten Umgang mit der vorhandenen Bausubstanz gibt es Beratung und Förderung, um die stadtbildprägenden Qualitäten an den Fassaden aus den 1950er Jahren wiederherzustellen und gleichzeitig aktuelle energetische Standards einzuhalten.“ 4
Anspruch und Wirklichkeit
So wirken diese Gebäude heute wie aus der Zeit gefallen; unfunktional, verwahrlost und hoch sanierungsbedürftig warten sie regelrecht darauf, dass ihnen die Totenglocken geläutet werden. Eine Stadt, die ihr architektonisches Erbe bewahrt, vermittelt, klug weiterentwickelt und an die aktuellen Bedürfnisse ihrer Bewohner intelligent und einfallsreich anpasst, würde anders aussehen. Von authentischer, heute inflationär geforderter Imagepflege oder wirklichem Innovationsgeist ganz zu schweigen.
Ungenutzte Chancen
Dafür wird der holländische Großinvestor Ten Brinke Pforzheim jenes pseudo-moderne Erscheinungsbild bescheren, das aus x-beliebigen Fußgängerzonen unzähliger Großstädte genaustens bekannt ist. Aufpolierte Renderings kursieren bereits dazu im Netz. Doch das ersehnte lebhafte Miteinander an erholsamen, wohltuenden innerstädtischen Orten, die hauptsächlich den Bedürfnissen der Menschen dienen, ist damit nicht garantiert – Großinvestoren verfolgen ökonomische Ziele. Garantiert ist jedoch, dass Pforzheim Identität, Authentizität und Alleinstellungsmerkmale verlieren wird – auch den nur etwas querdenkenden Ökonomen müsste das eigentlich zu denken geben.
Viele kleine Schritte
Damals galt diese Entscheidung als fortschrittlich – ja, gar als Chance, heute wird sie von der Mehrheit als Fehler bewertet. Wir vermissen die kleinen Gassen, gewachsenen Strukturen und historischen Fassaden, wie sie etwa das Stadtbild Freiburgs oder Karlsruhes prägen, welche nach dem Zweiten Weltkrieg vermehrt auf Erhalt und traditionellen Anpassungsneubau setzten.
Bei der Umsetzung dieses Modells könnte sich die Lektüre des Soziologen Lucius Burckhardt als hilfreich erweisen: Bereits zu deren Entstehungszeit ein vehementer Kritiker der autogerechten Stadt und großdimensionierter stadtplanerischer Interventionen, erläutert er die Qualität der kleinen städtischen, dynamischen Eingriffe und empfiehlt, diese in kleinen Schritten, etappenweise, prozessorientiert und gemeinsam mit dem Nutzer zu entwickeln. Im Zweifelsfall zieht er das unentwegte Aufschieben von Entscheidungen halbgaren Ad-hoc-Beschlüssen eines „Wenn nicht jetzt, dann nie“ vor. Denn in der Zwischenzeit entwickeln sich häufig reizvolle Zwischennutzungen auf Initiative der Bevölkerung, die das Potential von abgeschriebenen Orten wieder aufzeigen.12
Mögen die visionären Bilder der Großprojekte noch so glänzen und glitzern: die Diskrepanz zwischen politischer und planerischer Intention und faktischem Ergebnis dieser Planung ist zu oft desaströs und wird nicht nur in Burckhardts Analyse offensichtlich. Das sich im Entwicklungsstadium befindende Projekt Innenstadtentwicklung-Ost, aber auch schon fertiggestellte Teile des Masterplans, etwa die missglückte Verschönerungsaktion in der Zerrennerstraße und der für die Stadtgröße und Verschuldung Pforzheims überdimensionierte Busbahnhof zeugen beispielhaft davon.
1 Planungsamt Stadt Pforzheim, Projektleiter Innenstadtentwicklung-Ost, Michael Wolf, >>>
2 Ebd.
3 Masterplan Pforzheim, Pforzheim Zukunft Gestalten, 2012, S. 17. >>>
4 Ebd.
5 Die Lösungsansätze basieren auf einem Architekten-Workshop von 1987, worauf aufbauend die Stadt Pforzheim unter dem Motto „Projekt Pforzheim 2000“ Rahmenpläne für zukünftige Entwicklungen in Auftrag gab. Vgl. hierzu dessen zweiteilige Dokumentation: Stadtverwaltung Pforzheim (Hg.), Pforzheim Projekt 2000, Juni 1993.
6 Vgl. bspw.: Greschat (Hg.), Visionen für eine Stadt. 50er-Jahre-Architektur in Pforzheim, Verlag Schnell & Steiner, Regensburg, 2011; Gerbing/Greschat/Timm (Hg.), Sie bauten eine neue Stadt. Der Neuaufbau Pforzheims nach 1945, Verlag Schnell & Steiner, Regensburg, 2015; Friese/Greschat/Grob (Hg.), Ausstellungspublikation: Freie Sicht auf Pforzheim. Auf der Suche nach dem Bild der Stadt, Verlag Schnell & Steiner, Regensburg, 2015.
7 Masterplan Pforzheim, Pforzheim Zukunft Gestalten, 2012, S. 12 >>>
8 Planungsamt Stadt Pforzheim, Projektleiter Innenstadtentwicklung-Ost, Michael Wolf >>>
9In 20 Minuten wurden 80 Prozent der Innenstadt von 3 km Länge und 1,5 km Breite zerstört. Dabei wurden 65 Prozent der Wohnungen, 30 Prozent der Geschäfts- und Fabrikgebäude und 5 Prozent der öffentlichen Bauten ausgelöscht, vgl.: Fritz von Massow, Historie – Konzepte – Leitideen zum Wiederaufbau der Stadt Pforzheim in der Nachkriegszeit, Pforzheim, 1994, S. 31.
10 Zur Charta von Athen im Allgemeinen, vgl. >>> Zum Konzept der Charta von Athen in Pforzheim, vgl.: Chris Gerbing, Die Charta von Athen als Blaupause für den Neuaufbau Pforzheims, in: Gerbing/Greschat/Timm (Hg.) 2015, S. 29-52.
11 Christoph Timm, Pforzheim. Kulturdenkmale im Stadtgebiet, Heidelberg, 2004, S. 72.
12 Fezer/Schmitz (Hg.), Wer plant die Planung? Architektur, Politik und Mensch, Berlin, 2004; Ritter/Schmitz (Hg.), Warum ist Landschaft schön? Die Spaziergangswissenschaft, Berlin, 2004; Ritter/Schmitz (Hg.), Der kleinstmögliche Eingriff. Oder die Rückführung der Planung auf das Planbare, Berlin, 2013.