Gottfried Böhm, 2008 (Bild: Christian Schaulin)
Gottfried Böhm, 2008 (Bild: Christian Schaulin)
Der Hundertjährige, der nicht aus dem Fenster stieg
Gottfried Böhms Architektur lässt sich nicht in gängigen Kategorien rubrizieren. Dies mag der Grund dafür sein, dass er trotz seines umfangreichen Werkregisters in der Darstellung „Moderne und Postmoderne“ von Heinrich Klotz (erstmals 1984 erschienen) nur mit seinem Rathaus in Bensberg Erwähnung findet. Allerdings mit dem achtungsvollen Hinweis, das Rathaus zeige, „wie weit ein Architekt im Bekenntnis zur eigenen Zeit und ihren Möglichkeiten gehen kann, ohne die bestehende Stadt und die landschaftliche Situation ignorieren oder ganz zerstören zu müssen“.
Gottfried Böhm: Wallfahrtskirche „Maria, Königin des Friedens“, Neviges / 1963–68 (Bild: Inge und Arved von der Ropp /Irene und Sigurd Greven Stiftung, ca. 1968)
Gottfried Böhm: Wallfahrtskirche „Maria, Königin des Friedens“, Neviges / 1963–68 (Bild: Inge und Arved von der Ropp /Irene und Sigurd Greven Stiftung, ca. 1968)
Es geht auch anders, immer
Gottfried Böhm: Wallfahrtskirche „Maria, Königin des Friedens“, Neviges / 1963–68 (Bild: Inge und Arved von der Ropp /Irene und Sigurd Greven Stiftung, ca. 1976)
Gottfried Böhm: Wallfahrtskirche „Maria, Königin des Friedens“, Neviges / 1963–68 (Bild: Inge und Arved von der Ropp /Irene und Sigurd Greven Stiftung, ca. 1976)
Für Wolfgang Pehnt sind die Böhms „ein in dieser Kontinuität rarer Familienverband von Baumeistern“. Gottfried Böhm hat nach dem Studium der Architektur und der Bildhauerei bis 1955 im Büro seines Vaters Dominikus mitgearbeitet. Auch seine Frau Elisabeth war Architektin, und mit dreien seiner Söhne setzt sich die Dynastie der Baukünstler fort: vier Kölner Büros in einem Haus. Neben den wieder aufgebauten und neu geschaffenen Kirchen, beginnend mit der Kapelle St. Kolumba („Madonna in den Trümmern“) umfasst sein Werkverzeichnis eine Fülle von öffentlichen Bauten, Büro-, Geschäfts- und Wohnhäusern, in denen er sich immer um einen einprägsamen Ausdruck bemüht, aber sich nicht unbedingt auf freie Formen kapriziert. So behauptet sich das Diözesanmuseum in Paderborn als ein mit Bleibahnen verkleideter hermetischer Behälter, beim Amtsgericht in Kerpen sind die Ziegelwände wie mit Teppichornamenten geschmückt, und beim Saarbrücker Schloss faltet Böhm den neuen Mittelrisalit als gläsernen Klassizismus in die historische Fassade.
Gottfried Böhm baute in den 1980er Jahren das von Johann Joachim Stengels gebaute Saarbrücker Schloss um; Oskar Lafontaine war noch Oberbürgermeister in Saarbrücken. (Bild: Wilfried Dechau)
Gottfried Böhm baute in den 1980er Jahren das von Johann Joachim Stengels gebaute Saarbrücker Schloss um; Oskar Lafontaine war noch Oberbürgermeister in Saarbrücken. (Bild: Wilfried Dechau)
Saarbrücken: Das Schloss, gebaut von Johann Joachim Stengel Mitte des 18. Jahrhunderts, 1981-89 umgebaut von Gottfried Böhm (Bild: Saarbrücken Marketing)
Saarbrücken: Das Schloss, gebaut von Johann Joachim Stengel Mitte des 18. Jahrhunderts, 1981-89 umgebaut von Gottfried Böhm (Bild: Saarbrücken Marketing)
Ob man es tragisch nennen soll, dass nicht wenige seiner Bauten von Bauschäden eingeholt wurden, was seine Studenten an der RWTH Aachen immer aufmerksam registriert haben? Besser in Erinnerung bleibt er als Lehrer, der mit seinem Brillenetui auf einen ausgestellten Entwurf klopft und fragt: Isses denn nett? Gottfried Böhm war kein Theoretiker, sondern einer, der spürte, ob sich Architektur sinnlich mitteilt.
Böhms 1983-84 gebauter Theater-Pavillon in Stuttgart (Bild: Karl Hugo Schmölz)
Böhms 1983-84 gebauter Theater-Pavillon in Stuttgart (Bild: Karl Hugo Schmölz)
Kaum zu glauben, aber wohl wahr: Im Zuge einer angedachten, mehr als fragwürdigen, wenn nicht sogar unsinnigen Sanierung des Stuttgart Opernhauses, soll der Böhm-Pavillon von 1984 geopfert werden. (...) Übrig geblieben von einem internationalen Wettbewerb zu Beginn der 1980-iger Jahre, bei dem es in erster Linie um die Neugestaltung des Innenraums des Opernhauses ging und den seinerzeit Tobias Scarpa gewann, realisierte Böhm in den Folgejahren diesen Pavillon. Bescheiden und von großer Selbstverständlichkeit steht seither in beengter Hofsituation dieser aufgeständerte Kuppelbau: klassisch in seiner Typologie, zeitgemäß und zeitlos in seiner architektonischen Haltung und meisterhaft in der Materialwahl und seiner feinen, höchst individuellen, typisch Böhm’schen Detaillierung. Einmal mehr hatte er bewiesen, welch großer Meister er war, wenn es darum ging, wertvolle alte Bausubstanz umzubauen, anzubauen oder zu erweitern. Nie suchte er den Gegensatz oder die vordergründige Konfrontation. Seine Interventionen waren dennoch immer als solche erkennbar, sie waren aber immer Teil eines neuen Ganzen.
Böhm hat einen zweigeschossigen Raum geschaffen, der mit zu den schönsten gehört, der in den letzten 60 Jahren in Stuttgart entstanden ist. Überwältigend seine fast sakrale und dennoch heitere und spielerisch anmutende Raumwirkung, die einen immer wieder aufs Neue fasziniert. Einmalig sind für Stuttgart seine Gestaltung der weiß verputzen Wand- und Pfeilerflächen sowie seine plastische, aber überaus feingliedrige Behandlung der ganz subtil bunten, bleiverglasten Fenster. Vielleicht eine der letzten Raumschöpfungen, bei der eine überzeugende Verbindung von Architektur und Kunst gelungen ist.
Vor kurzem erst ist das Haus Köster von Schmitthenner in der Eduard-Pfeiffer-Straße abgerissen worden. Es muss alles versucht werden, dem Pavillon, diesem Architekturkleinod, das gleiche Schicksal zu ersparen. Der Denkmalschutz sollte deshalb schnellstens aktiv werden. Hans Klumpp
Der Böhm-Pavillon vom Oberen Schlossgarten aus gesehen (Bild: Denkmalpflege Baden-Württemberg, Projekt Youngtimer – Denkmalwerte der 1980er Jahre)
Der Böhm-Pavillon vom Oberen Schlossgarten aus gesehen (Bild: Denkmalpflege Baden-Württemberg, Projekt Youngtimer – Denkmalwerte der 1980er Jahre)
Arno Lederer und Thomas Rossmann erläutern im Exkurs den Kontext der Entscheidung, den Pavillon von Gottfried Böhm abzureißen und kommentieren.
„Das macht doch nichts, das merkt doch keiner“ – sang 1979 der Kabarettist und Satiriker Hans Scheibner. Vom Seitensprung über das Leck im Atomkraftwerk oder die Nachricht eines Engels an den Gott, die Erde habe sich gerade selbst verpufft, kommt die Antwort „Das macht doch nichts das merkt doch keiner“. Scheibner ergänzte die Strophen des Liedes im Laufe der Jahre um aktuelle Ereignisse.
Ob er wohl den Streit über das Opernhaus in Stuttgart als Strophe eingefügt hätte? Man erinnert sich sofort an die satirischen Verse angesichts des Sachverhalts, dass in Stuttgart ein Simulations-Video die Runde macht, in dem die Fassade des Littmann-Baus um 2,50 m schnell mal in Richtung Landtag verschoben wird. Vielleicht betrifft das auch die Kosten, also die für Sanierung und Erweiterung errechneten 1 000 000 000 Euro. Falls, wie manche Stimmen voraussagen, der zukünftige Bahnhof die Bausumme von 10 000 000 000 Euro übersteigt, dann sind es doch lediglich 10 % des Betrages, der für das Vorhaben aufzubringen wäre – ein Klacks.
Als vor ein paar Jahren in Aussicht gestellt wurde, das eigentliche Bauvorhaben sei mit 300 Millionen und das Interim mit 50 Millionen zu veranschlagen, mussten die Verantwortlichen sich kurz darauf korrigieren. Der Preis für die Interimsspielstätte war rasch auf mehr als 130 Millionen geklettert. Immerhin darf man davon ausgehen, dass der nunmehr geschätzte Betrag einigermaßen solide gerechnet ist und (endlich) einmal auf eine politische Zahl verzichtet wurde. Der Landesbetrieb Vermögen und Bau Baden-Württemberg hatte da keine leichte Aufgabe. Doch selbst die heutige Summe ist eine Grobkostenschätzung, keine nach DIN, denn eine konkrete, spezifische Planung liegt noch nicht vor.
Die Littmann-Oper
Umbaufragen
Der Einbau einer Kreuzbühne ist keine Petitesse und genau das ist der Unterschied zu einer reinen Sanierung. Denn der Abbruch wesentlicher (und nach dem Denkmalrecht schützenwerter) Bauteile ermöglicht erst den erforderlichen Raumgewinn, unabhängig von den Problemen, die sich aus neuen statischen und konstruktiven Bedingungen ergeben. Es ist, als wolle man eine Musik-Komposition teilweise durch eine neue ergänzen, ohne dass der Zuhörer oder Zuschauer etwas bemerkt. Etwa, die Arien der Carmen verdoppeln, die Ouvertüre des Fliegenden Holländers in die Länge ziehen.
Theaterstücke und Opern sind ein großes Kulturgut, die Architektur keineswegs weniger. Aber, Architektur ist keine Theaterkulisse für ein paar Stunden. Mag sein, dass der Mehrheit der Bevölkerung die Änderung des Gebäudes ebenso wenig auffallen wird wie eine verkürzte Version einer noch so berühmten Ouvertüre.
Die Mehrzahl der Theaterleute, denen die oben erwähnte Visualisierung gezeigt worden sein soll, also der Zustand des Gebäudes nach einer eventuellen Verschiebung der Fassade, hat angeblich die Veränderung gar nicht bemerkt. Es wäre besser gewesen, diesen Umstand nicht als Beweis für eine vorgeblich unwesentliche Änderung anzuführen, weil das nicht für ein über die eigene Profession hinausgehendes Verständnis von Architektur, von Proportionen und von Ästhetik dieser Personen spricht.
Aber, schnell geschnittene Visualisierungen sind ohnehin ein Teufelszeug. Erst ein ruhiger, bedachter Blick auf Grundrisse, Schnitte und Ansichten lässt den Unterschied tatsächlich zu Tage treten. Visualisierungen sind lediglich wie herausgegriffene Akkorde einer Komposition – das unterscheidet sie von der Partitur, also den Grundrissen, Schnitten und Ansichten.
Arglist
Rettet Böhm!
Das Vorhaben impliziert aber die Gefahr, damit das Gegenteil zu erreichen, dass nämlich das Gesicht der Oper verschandelt wird und letztlich der Stadtraum darunter leidet. Wie die bekannte Schlange auf das Kaninchen, so starren Stadt und Land auf den Säckel mit 1 000 000 000 Euro für die Oper. Mit diesem Geld in der Hand sollte man vorrangig auf das verhunzte Areal entlang der Konrad-Adenauer-Straße und der beiden Plätze, welche sie begrenzen, schauen, um sich dann zu fragen, welchen wesentlichen Beitrag der Littmann-Bau bei der Entwicklung dringend notwendiger Verbesserungen des Stadtraums beitragen könnte.
1912, das Jahr der Einweihung der Staatstheater, hatte Stuttgart rund 300 OOO Einwohner. Heute sind es mehr als doppelt so viel. Im Einzugsbereich von Oper und Theater, also der der Region, wohnen ca. 2,5 Millionen Menschen. Eine dritte Spielstätte könnte also durchaus sinnvoll und Ertrag bringend sein. Zumal sich die Frage stellt, welche Räume für zeitgemäße und bislang noch nicht bekannte spätere Aufführungsformate und deren (immateriellen) Medien geeignet wären.
Sinn der Oper
Seit jeher haben gerade solche Bauten Städte weitergebracht, sie verbessert, sie zu begehrenswerten und lebenswerten Orten gemacht. Von den Öffentlichen Bauten der Klassik, über die des Mittelalter, der Renaissance, des Barock, des Neunzehnten Jahrhunderts bis in die Moderne: Es sind jeweils diese Bauten, die die Städte prägen, die sie attraktiv machen, welche sie lebendig machen. Das Centre Pompidou in Paris, des Guggenheim Museums in Bilbao, die „Elphi“ in Hamburg: Glücklich sind diejenigen Städte und deren Bürgerinnen und Bürger, die über solche Sehens- Erlebniswürdigkeiten verfügen. Sie sind der Grund für das Ansehen einer Stadt und die damit verbundene Wertschöpfung, deren ökonomische Bedeutung ebenso wertvoll ist wie der kulturelle Gewinn – ein Standortvorteil. Der Bau der Staatsgalerie von James Stirling, Eröffnung 9. März 1984, hatte einen derartigen Effekt für Stuttgart. Das ist, sieht man vom eher peripher gelegenen Mercedes-Benz-Museum ab, sehr lange her. Es kommt unter diesem Aspekt gerade dem Schildbürgerstreich gleich, ein Opernhaus teilweise abzureißen um eine Kreuzbühne einzubauen, also eine Summe von 1 000 000 000 Euro in ein Gebäude zu stecken, dessen Bauch erheblich dicker wird, aber nur so, dass es keiner merken soll, also hälinge. Diese Methode, die in der Modewelt vielleicht Erfolg hat, schadet der Stadt und ihrer Entwicklung auf Dauer.
Und wieder: die Stadt
Mit dem Kulturquartier besitzt Stuttgart ein bislang unterbewertetes Kulturgut. In keiner anderen Stadt kann man fußläufig auf einer Fläche von gerade mal 400 auf 500 Meter eine solche Dichte an hervorragenden Kultur- und Bildungsbauten bewundern. Die Bewunderung kann nicht stattfinden, weil es an der Qualität des Öffentlichen Raums mangelt. Nicht nur wegen des Verkehrsaufkommens, auch wegen der Hilflosigkeit und des Dilettantismus, wie mit den Straßen und Plätzen umgegangen wird. Auch mit der Unfähigkeit, eine positive Perspektive dafür zu entwickeln. Unfähig, das große Ganze zu erkennen und zu handhaben, nur die einzelnen Objekte sehend, die ohne Bezug zueinanderstehen.
Angenommen, Gebäude und Freiräume könnten sprechen; angenommen, wir würden die Staatsgalerie fragen, wem sie gerne gegenüberstehen, in die Augen blicken, wen sie anlächeln würde. Was würde die Straße sagen, welche Gebäude sie gerne als ihre Begleitung hätten? Was würde der Akademiegarten sagen, dem der Mantel fehlt, der ihn gegen Lärm und Schmutz der Straße und dem Verkehrsbauwerk Charlottenplatz schützt? Was würden die drei Verblichenen im Himmel sagen, deren Namen für eine unwirtliche Straße und zwei Plätze missbraucht wurden?
Warum schämen wir, die Stadtgesellschaft, uns nicht dafür?
Die Oper wäre der Schlüssel für die bessere Zukunft des Quartiers, würde man so mit der Aufgabe umgehen, dass es jeder nachvollziehen und merken kann. Dass die Menschen im In-und Ausland von Stuttgart reden, wie sie es von Sidney, von Hamburg oder bald von München tun und wie sie es bei dem Bau von Stirlings Staatsgalerie getan haben. Nicht für eine kleine Elite der Opernbesucher ist das Haus da: Es muss ein Baustein in der Stadt sein, der alle Bürgerinnen und Bürger mit Stolz erfüllt. Sie sollten merken, dass die Stadt besser wird, denn erst wer mitbekommt, dass die Stadt besser wird, wird sie lieben.