Im Bild: Die Laubenganghäuser an der heutigen Karl-Marx-Allee. (Foto: Wikimedia Commons, CC-BY-SA 3.0, Lotse)
Der Dichter und die Baukunst – vorlaute und zeitgemäße Kommentare von Bertolt Brecht
Brecht-Philologen entschlüsseln diese Zeilen als Einwand gegen Henselmanns ursprünglichen, an der Sachlichkeit des Bauhauses orientierten Entwurf. An der Weberwiese waren zwei „geometrische“ Laubenganghäuser entstanden, die bis heute aus den klassizistischen Wohnpalästen hervorstechen. Dagegen schmetterte Brecht sein Verdikt.: „Die Kästen an der Stalinallee sind unmöglich“. Auch die SED-Führung tadelte diesen Stil als „formalistisch“ und bürgerlich, zur Bestürzung von Henselmann und Kollegen. Doch der Chefarchitekt des Ost-Berliner Magistrats ließ sich offenbar von Brecht und Genossen überzeugen, „dass das Bauen für Millionen Menschen ausgehen muss von den ästhetischen, den emotionalen, den geschmacklichen Vorstellungen dieser Millionen einfacher Menschen, und nicht, dass ich ihnen eine Kultur beibringe.“
Ehemalige Stalinallee, Block C Nord, Architekt: Richard Paulick, 1953. Foto: Wikimedia Commons, Gryffindor
Ehemalige Stalinallee, Block C Nord, Architekt: Richard Paulick, 1953. Foto: Wikimedia Commons, Gryffindor
Lebenswerte Umgebung, stilistische Vielfalt?
Im Juni 1953 waren es dann ausgerechnet die Bauarbeiter an der Stalinallee, die gegen hohe Arbeitsnormen protestierten und den Volksaufstand probten. Dem brachte Brecht durchaus Verständnis entgegen und tadelte die SED-Führung in dem berühmten Gedicht „Die Lösung“ (sich am besten ein anderes Volk zu wählen) und in „Die neue Mundart“ (des Kaderwelschs) ob ihrer Indolenz. Doch erblickte er im 17. Juni einen faschistischen Putsch und schickte Ulbricht eine fatale Ergebenheitsadresse.
Ein Erdgeschoss-Bereich: Fenster und Balkone vor öffentlichen Wegen und Abfall- beziehungsweise Fahrrad-Shelter; die Dachgeschosse bieten erkennbar die beste Wohnqualität. (Bild: Ursula Baus)
Ein Erdgeschoss-Bereich: Fenster und Balkone vor öffentlichen Wegen und Abfall- beziehungsweise Fahrrad-Shelter; die Dachgeschosse bieten erkennbar die beste Wohnqualität. (Bild: Ursula Baus)
Literatur:
Bertolt Brecht, Buckower Elegien. Mit Kommentaren von Jan Knopf, Frankfurt 1986 (Edition Suhrkamp 1397)
Michael Bienert, Brechts Berlin. Literarische Schauplätze, Berlin 2018, 133ff.
Thomas Flierl (Hg.): Der Architekt, die Macht und die Baukunst. Hermann Henselmann in seiner Berliner Zeit 1949–1995, Berlin 2018
Elmar Kossel: Hermann Henselmann und die Moderne. Eine Studie zur Modernerezeption in der Architektur der DDR, Königstein im Taunus 2013