Wo die kapitalisierte Ökonomie über Boden bestimmt, zählt der baukulturelle Wert von Räumen wenig. Die Denkmalpflege scheint kaum Ideen zu haben, wie sie anders als rein formal bewerten will. Drei Beispiele für den Abriss bemerkenswerter Häuser in Berlin in Köln.
Der Duden weiß, ein „größeres, vornehmes, in einem Garten oder Park (am Stadtrand) liegendes Einfamilienhaus“ nennt man heutzutage Villa. Alternativ, so Deutschlands beliebtes gedrucktes Nachschlagewerk, verstehe man unter diesem Begriff auch ein „großes, herrschaftliches Landhaus“. Mit dem zweiten Teil sind wir näher an der historischen Herkunft des Wortes, das seine bauliche Tradition in mitunter feudalen, stets aber mindestens repräsentativen Landsitzen des antiken römischen Stadtadels findet. Andrea Palladio hat im ausgehenden 16. Jahrhundert einige schöne Beispiele für Interpretationen dieses Typs in der Renaissance hinterlassen, hierzulande mag die Essener Villa Hügel aus den 1870er Jahren manchen ein Begriff sein, die architektonische Moderne hat – neben anderen – die Villa Savoye hervorgebracht, von Le Corbusier entworfen und 1931 vollendet. Andere ikonische „größere“ und „vornehmere“ Einfamilienhäuser „in einem Garten oder Park“ hören seit dieser Zeit aber mehr und mehr auf den schlichteren Namen „Haus“. Haus Müller in Prag etwa, von Adolf Loos entworfen, Haus Tugendhat in Brno von Ludwig Mies van der Rohe, Haus Schminke in Löbau von Hans Scharoun. Was die genannten Beispiele eint, ist nicht nur ihre typologische Zuordnung als „Villa“ oder eben „größeres, vornehmes (…) Einfamilienhaus“, sondern auch ihre verbriefte architekturgeschichtliche Bedeutung und ihr Status als Baudenkmal. Von allen gibt es zudem Fotografien, die sie in mitunter erbarmungswürdigen Zuständen und mithin vor ihrer Sanierung zeigen.Jenseits des Mangels
Lippenbekenntnisse
Gesamt-Lageplan (Bild: Innendekoration Heft 42/ 1931, S. 314-322, via https://digi.ub.uni-heidelberg.de)
Der NS-Propaganda-Regisseur Veit Harlan, der sich nicht zu dumm war, filmische Verbrechen wie „Jud Süß“ zu fabrizieren, kaufte die Villa 1936, nachdem Hans Poelzig gestorben war und die Nationalsozialisten Marlene Poelzig dazu gezwungen hatten, das von ihr weitergeführte Bauatelier zu schließen. Weil das Haus bis in die 1950er „zu stark“ überformt worden war, so die lokale Denkmalpflege, konnte es nun nicht unter Schutz gestellt werden. Aus dem Beispiel für die architektonische Moderne war eines für eine verbrämte Überformung im Heimatschutzstil geworden. Eine Initiative machte sich seit Frühjahr 2020 dennoch für den Erhalt des Hauses stark. Seiner Geschichte wegen. Vergebens. Der Abriss läuft seit Anfang August. Hier wird die Handlungsunfähigkeit der Behörden deutlich, die rein architektonisch formal argumentieren und Geschichtsträchtigkeit und Empowerment-Motive außer Acht lassen. Da können Architekt:innenverbände offiziell noch so oft beteuern, es gelte den Bestand zu schützen und den Abriss zu verbieten, es findet sich eben doch immer ein Kollege oder eine Kollegin, die den lukrativen Neubau samt Abriss gerne betreut.
Großzügige Zurückhaltung
Auch hier steht der Abriss unmittelbar bevor, auch hier ist das Grundstück allein inzwischen soviel wert, dass der baukulturelle Wert keinerlei Rolle spielt, auch hier kommen Denkmalschutzbehörden nicht auf die Idee, den Denkmalschutz einmal anders als nach Schema F zu denken. Auch hier haben sich Architekten gefunden, denen graue Energie, intakte Gebäude, gebrauchsfertige Materialien und sauber gestaltete Räume gleichgültig sind.
Welchen Wert messen wir heute?
Diese und andere Gebäude geben Anlass, jeweils unterschiedliche, inzwischen historisch relevante Diskussionen zu führen, ihre Architekt:innen haben versucht, räumliche Antworten auf sehr individuelle Fragestellungen zu geben. Der Umgang der Denkmalpflege mit den Häusern und ihrer soziokulturellen Zeitebene wischt all das im Handstreich bei Seite. Das, was an die Stelle dieser drei Beispiele treten wird – oder schon getreten ist – muss sich von späteren Generationen die Frage gefallen lassen, ob es wirklich einen baukulturellen Mehrwert leistet, der das rechtfertigt.