Das Konzeptvergabeverfahren des Berliner Senats für das Internationale Congress Centrum ICC unterm Funkturm endete am 24. Juni 2026 mit einer „Vergabeempfehlung“. Kongresse werden wohl kaum noch stattfinden, stattdessen will man das Haus zu einem Zuhause für Kunst und Kultur machen. Ob das gelingt, ist noch nicht ausgemacht. Auch schon 1979 hatte man sich vom ICC Großes erhofft.
Berlins Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey bemühte immer wieder den Begriff vom „Meilenstein“ und anekdotelte von einem Tori-Amos-Konzert, das sie als 23-jährige in Saal 1 des ICC erlebt habe. Stadtentwicklungssenator Christian Gaebler sprach vom signature building und erinnerte sich an einen SPD-Parteitag mit Willy Brandt im Dezember 1989. Thomas Willemeit von Graft beschwor gar den „Geist der Entstehungszeit“, die Maschinenästhetik und den Fortschrittsglauben, der in jedem Detail des Gebäudes zu finden sei – und an dem man mit den neuen Entwürfen natürlich anknüpfen wolle. Graft sind ein Teil eines aus neun Parteien bestehenden Konsortiums, das sich im Rahmen eines zweijährigen, streng vertraulichen Ideenwettbewerbs des Berliner Senats mit einem Umnutzungskonzept für das ICC beworben hatte. Die Ideen dieses Bündnisses wurden am 24. Juni 2026 erstmals öffentlich vorgestellt.Zurück in die Zukunft
Die beiden jungen Architekten Ursulina Schüler-Witte und Ralf Schüler hatten sich gegen diesen Standort ausgesprochen. Sie hatten im Senatsauftrag vier Grundstücke rings ums Messegelände untersucht. Das schmale Grundstück schien ihnen für das geforderte Programm nicht nur zu eng, sondern vor allem durch den Lärm und die Erschütterungen der ringsumher tosenden Verkehrsströme schlicht ungeeignet.
Ausschnitt der Westfassade, 2026 (BIld: Jonathan Danko Kielkowski)
Ausschnitt der Westfassade, 2026 (BIld: Jonathan Danko Kielkowski)
Zweiteiliger Maßanzug
In dieser Hülle liegt ein inneres Gebäude als Stahlbetonkonstruktion, das alle 80 Säle für insgesamt 28 unterschiedliche Veranstaltungsformate aufnimmt. Bis zu 20.000 konnten diese Maschine mit ihren weitläufigen, geschickt verschachtelten Foyerlandschaften aus Brücken, Balkonen, Terrassen und Rolltreppen gleichzeitig nutzen. Mechanische Anzeigetafeln wiesen die Wege zur Veranstaltung. Zudem wurden die Besucher:innen von einem grandios inszenierten Neonröhren-Leitsystem des Berliner Künstlers Frank Oehring geführt: Rote Leuchten nach links, blaue Leuchten nach rechts, wie die Blutkörperchen in Arterien und Venen.
Das labyrinthische Innere ist überraschend offen, hell und freundlich. Eine innere Flaneurslandschaft, die umso surrealer wirkt, wenn der Blick durch die großen Fensterscheiben nach außen auf die Stadtautobahn fällt, die zwar zum Greifen nahe vorbeirauscht, aber drinnen trotzdem kaum zu hören und nicht zu spüren ist. Kein Zweifel: Das ICC ist eine perfekte Maßanfertigung für genau diesen Ort. Und eine von großem Erfindergeist. Die beiden großen Säle unter der akustisch getrennten Dachkonstruktion sind auf eine gemeinsame, zentrale Bühne ausgerichtet – eine Bühne, die sich nach beiden Seiten öffnen lässt, die sich aber auch für parallel stattfindende Veranstaltungen trennen lässt. In Saal 2 gibt es zudem eine steile Sitztribüne, die sich über schwere Eisenketten in drei Teilen in die Decke klappen lässt, sodass sich ein weiter Saal mit Holzfußboden für feierliche Bankette oder Tanzveranstaltungen freilegen lässt.
Im Inneren des ICC: eine Flaneurslandschaft mit einem bis ins Detail durchentworfenen, futuristischen Ambiente. Aufnahmen von 2021. (Alle Bilder: Zara Pfeifer)
Der vorerst letzte Vorhang und die mühsame Suche nach Investoren
2011 gab der Senat dem ständigen Gequengel der Messe schließlich nach. Im Süden des Messegeländes wurde die Deutschlandhalle abgerissen und stattdessen bis 2014 ein quadratisch-praktischer Kongress-Würfel mit dem passend fantasielosen Namen „CityCube“ errichtet. Im April 2014 fand die letzte Veranstaltung im ICC statt, seitdem organisiert die Messe ihre Kongresse im CityCube. Das ICC steht seitdem leer. Die Betriebsstillstandskosten betragen aktuell zwei Millionen Euro im Jahr. Für die Sanierung des inzwischen denkmalgeschützten Gebäudes werden Kosten in Höhe von 400 bis 800 Millionen Euro geschätzt. Die Stadt Berlin hatte von Anfang an klar gemacht, dass diese Summe aus Haushaltsmitteln nicht investiert werden könne. Gleichzeitig stand ein Abriss zum Glück nie ernsthaft zur Debatte, da dieser vermutlich noch teurer wäre. Zumal ein besseres Gebäude für dieses komplizierte Grundstück schwer vorstellbar ist.
Umso merkwürdiger ist die jahrelange Unentschlossenheit der Berliner Politik im Umgang mit dem Gebäude. Fragwürdige Umnutzungs-Ideen wie ein Spielkasino, ein Spaßbad, eine Shopping Mall oder ein Bordell wurden aussortiert. Die Messe Berlin, die das Gebäude nachweislich „auf Verschleiß“ gefahren hat, wurde nicht stärker in die Verantwortung genommen – wo doch jede Berliner Mietwohnung vom Ausziehenden zuerst noch einmal gründlich renoviert werden muss.
Visualisierung des Konzepts, das vorgestellt wurde: mit einem neuen Hotel im Süden (links) und einem Wohnturm im Norden (rechts oben). (Bild: GRAFT GmbH / Max Dudler GmbH)
Visualisierung des Konzepts, das vorgestellt wurde: mit einem neuen Hotel im Süden (links) und einem Wohnturm im Norden (rechts oben). (Bild: GRAFT GmbH / Max Dudler GmbH)
Ein „Meilenstein" fürs ICC?
Es handelt sich um eine Projektpartnerschaft von insgesamt neun Partnern. Federführend ist die MIB AG Immobilien und Beteiligungen, die sich mit ihrer Kreativagentur-Tochter Coloured Fields seit einigen Jahren auf die Umnutzung leerstehender Immobilienareale spezialisiert hat. Zu den Vorzeigeprojekten gehört die jahrzehntelange Entwicklung der „Spinnerei“ in Leipzig, die AEG Waschmaschinenfabrik in Nürnberg, das „Stelzenhaus“ in Leipzig oder das „Wirkhaus“ in Chemnitz. Dazu kommen der Baukonzern Hochtief und die Arup Deutschland GmbH. „Die bauen, was andere nicht bauen können“, strahlte MIB-Geschäftsführer Bertram Schultze bei der Pressekonferenz. Und sie kennten sich mit Haustechnik aus, und das ICC bestünde ja, so Schultze, „in der Hauptsache aus Haustechnik.“ Weitere Partner sind die KVL Projekmanagment Berlin GmbH, die ICCA Projektgruppe als Vermittlungsnetzwerk zwischen Kunst und Politik sowie gleich drei Architekturbüros: Max Dudler, Graft sowie schneider+schumacher.
Saal 1, mögliche Zukunft (links) und Aufnahme von 2021. (Bild links: GRAFT GmbH /Max Dudler GmbH; Bild rechts: Zara Pfeifer)
Die Zukunft der ikonischen Säle 1 und 2
"Fundamental neue Raumerlebnis" – aha. Visualisierung des Konzepts für den Saal 2. (Bild: GRAFT GmbH / Max Dudler GmbH)
"Fundamental neue Raumerlebnis" – aha. Visualisierung des Konzepts für den Saal 2. (Bild: GRAFT GmbH / Max Dudler GmbH)
Saal 2, 2021. Die Sitztribünen lassen sich mittels Eisenketten nach oben heben; doch diese Technik sei „anfällig und extrem wartungsintensiv", so Bertram Schultze. (Bild: )
Saal 2, 2021. Die Sitztribünen lassen sich mittels Eisenketten nach oben heben; doch diese Technik sei „anfällig und extrem wartungsintensiv", so Bertram Schultze. (Bild: )
Unter den Tribünen in Saal 2: Werden die Tribünen hochgeklappt, wird ein Holzfußboden freigelegt, der sich für für feierliche Bankette oder Tanzveranstaltungen nutzen lässt. (Bild: )
Unter den Tribünen in Saal 2: Werden die Tribünen hochgeklappt, wird ein Holzfußboden freigelegt, der sich für für feierliche Bankette oder Tanzveranstaltungen nutzen lässt. (Bild: )
Die taz hofft auf den größten Späti Berlins
Ein Hotelneubau im Süden soll das Parkhaus ersetzen.
Ein Hotelneubau im Süden soll das Parkhaus ersetzen.
Ein neuer Wohnturm im Norden des ICC könnte hundert Meter hoch werden. (Beide Bilder: GRAFT GmbH /Max Dudler GmbH)
Ein neuer Wohnturm im Norden des ICC könnte hundert Meter hoch werden. (Beide Bilder: GRAFT GmbH /Max Dudler GmbH)
Wie geht es denn nun weiter?
Es sollen „Gelingensbedingungen“ vereinbart worden sein, die sowohl das Land als auch das Konsortium erfüllen müssen. Bei Nicht-Erfüllung wird beiden Parteien ein Recht eingeräumt, von den Verhandlungen zurück zu treten. Auch juristisch steht den Partnern wohl noch einiges bevor, denn für die drei Projekt-Teile – die beiden Hochhäuser und das ICC – könnten drei verschiedene Erbbaurechtsverträge geschlossen werden, die dann allerdings so miteinander verzahnt werden sollen, dass auf keinen Fall am Ende das Land Berlin wieder auf einem weiter verfallenen ICC sitzenbleibt, während auf beiden Seiten zwei neue, strahlende Türme entstanden sind.
Es ist also einiges zu tun bis 2028, wenn dem Abgeordnetenhaus ein dann sehr viel konkreteres Konzept zur Abstimmung vorgelegt werden soll. Ab 2029 könnte mit einer schrittweisen Umsetzung begonnen werden, und ab 2032 könnten erste Teile des ICC wieder für die Öffentlichkeit zugänglich werden. Absurderweise sprach Frau Giffey davon, dass bald endlich „die Bagger rollen könnten“ – was nun wirklich nicht nach der behutsamen Sanierung klingt, die man dem ICC vor allem anderen wünscht.
Buchtipp: Zara Pfeifer: ICC Berlin, 128 Seiten, 100 farbige Abbildungen, 21 × 28,5 cm, Jovis Verlag, Berlin, 2022
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Die Aufnahmen von Zara Pfeifer in diesem Beitrag stammen aus diesem Buch. Wir danken der Künstlerin für die Möglichkeit, sie hier zeigen zu können.
- 1Mitglieder der Fachjury waren neben Kahlfeldt auch Andreas Hild, Peter St John, Elisabeth Endres, Karen Eisenloffel und Gerd Geburtig. In der Sachjury saßen Dunja Wolff, Michael Dietmar, Kirstin Bauch (Bezirksbürgermeisterin Charlottenburg-Wilmersdorf), Birgit Möhring (BIM), Sarah Wedl-Wilson (Kultursenatorin), Ute Bonde (Verkehrssenatorin), Franziska Giffey (Wirtschaftssenatorin) und Hinrich Holm (Vorstandsvorsitzender der Investitionsbank Berlin).