Das kalte Herz des Kapitalismus: Dem Wittwer-Gebäude, direkt neben dem Kunstmuseum Stuttgart, könnte es 2028 an den Kragen gehen. (Bild: Christian Holl)
Erneut ist ein prominentes Beispiel vom Abriss-Alltag betroffen. Im Zentrum Stuttgarts soll ein Haus zerstört werden, das Teil der Nachkriegsgeschichte der Stadt und untrennbar mit ihr verbunden ist: das Haus der Buchhandlung Wittwer. Entworfen haben es Hans Kammerer, Walter Belz und Max Bächer. Das Gebäude ist nicht nur das Zeugnis einer Bauepoche, sondern auch das einer jungen Demokratie im Aufbruch – deren Zeugnisse aber auch anderswo verschwinden.
Zunächst sah es noch ganz gut aus. Im September 2025 vermeldete Thalia, dass „die bisherige Fläche umfassend saniert werden muss.“ 1 Diese „bisherige Fläche“, von der die Rede ist, ist die in einem Haus in prominentester Stuttgarter Lage: in der Königstraße, neben dem städtischen Kunstmuseum, am Schlossplatz. Das Gebäude, 1968–1970 nach dem Entwurf von Hans Kammerer und Walter Belz errichtet, entstand in Zusammenarbeit mit Max Bächer und gehörte zum Ensemble des Kleinen Schlossplatzes, das Anfang der Nuller-Jahre durch den Neubau des Kunstmuseums transformiert wurde. Der Bau von Kammerer, Belz und Bächer entstand im Auftrag der Landesgirokasse und einem der immer noch bekanntesten Stuttgarter Familienunternehmen: der Verlagsbuchhandlung Wittwer. Sie eröffnete 1970 auf drei Etagen und 700 Quadratmetern die damals größte Buchhandlung der Republik. Fast alle Stuttgarter:innen kannten „den“ Wittwer – entsprechend ist das Gebäude bis heute mit diesem Namen verbunden, auch wenn seit 2018 Thalia hier Bücher verkauft. Noch.
Bilder des Wittwer-Gebäudes und des Kleinen Schlossplatzes aus den 1970ern; die Königstraße wurde erst später Fußgängerzone, die Einfahrten unter dem Platz schloss man später mit einer Freitreppe. (Bilder: Deutsches Architekturmuseum (DAM), Nachlass Max Bächer, Albrecht Brugger)
Nicht geschützt
Ansicht Königstraße, 2026. (Bild: Christian Holl)
Ansicht Königstraße, 2026. (Bild: Christian Holl)
Ansicht Kanzleistraße, Ecke Calwer Straße, 2026. (Bild: Christian Holl)
Ansicht Kanzleistraße, Ecke Calwer Straße, 2026. (Bild: Christian Holl)
Immer noch, so könnte man argumentieren, ist die unverwechselbare Erscheinung des Baus besonders – seine sorgfältig abgewogene Mischung aus horizontaler Schichtung und vertikalen Komponenten, seine Komposition aus verschiedenen Volumen, dem über dem Erdgeschoss versetzten und mit großen Betonträgern aufgesetzten Obergeschossen, seine bis ins Detail ausgearbeitete Skulpturalität der Sichtbetonelemente. Wäre es möglich, Denkmalschutz und Offenheit für Änderungen anders zu kombinieren, dann könnte auch das Haus von Rolf Gutbrod am Kleinen Schlossplatz in direkter Nachbarschaft unter Denkmalschutz stehen, wo ebenfalls beim späteren Umbau stark in die Substanz eingegriffen wurde.
Beim Wittwer-Haus ist der Abriss für 2028 angepeilt, bis Ende 2027 soll es leergezogen sein. Ihm wird auch zur Last gelegt, dass die innere Organisation in Split-Level-Geschossen, die als Teil der Vermittlung zwischen der Königstraße und dem erhöhten Kleinen Schlossplatz zum architektonischen Konzept gehören, eine Vermarktung erschwere. Dabei ist die Splitlevel-Konzeption keine willkürliche gestalterische Marotte. Die äußere Promenade auf den erhöhten Platz, der der damaligen Neuordnung der Verkehrsinfrastruktur eine stadträumliche Gestalt gegeben hatte, und die innere durch das Gebäude gehören zusammen, sie wird heute ergänzt durch ein Café in den Räumen der Buchhandlung, das sich zum Kleinen Schlossplatz öffnet.
Stimmen gegen den Abriss
Die lokalen BDA-Repräsentanten Jan Theissen und Tobias Bochmann schließlich gehen dann auf die wahrscheinlich entscheidende Komponente ein: die „rein ökonomische Zwecklogik eines Immobilienwirtschaftsfunktionalismus.“ 6 Tatsächlich wurden in der Königstraße und den sie angrenzenden Straßen in den letzten Jahrzehnten einige Gebäude abgerissen; dass Thalia nun in einen Neubau ziehen wird, dem ein Kaufhaus weichen musste, ist deswegen eine wenig überraschende Pointe: Bis heute ist es nicht gelungen, ökologische, kulturelle, soziale und wirtschaftliche Kriterien aneinander zu koppeln – in den wirtschaftlichen Modellen und Systemen spielen Ressourcenabbau und deren ökologische Folgen keine Rolle.
Ansicht des Wittwer-Gebäudes vom Kleinen Schlossplatz aus (Bild: Christian Holl)
Ansicht des Wittwer-Gebäudes vom Kleinen Schlossplatz aus (Bild: Christian Holl)
Haus Speiser, Ansicht Königstraße, Rolf Gutbier, 1951, denkmalgeschützt. (Bild: Christian Holl)
Haus Speiser, Ansicht Königstraße, Rolf Gutbier, 1951, denkmalgeschützt. (Bild: Christian Holl)
Ansicht des hinter dem Wittwer-Gebäude stehenden Bankgebäudes von Rolf Gutbrod; es war 2002 zuletzt im Innern grundlegend umgebaut worden. (Bild: Julian Herzog; Wikimedia Commons, CC BY 4.0)
Ansicht des hinter dem Wittwer-Gebäude stehenden Bankgebäudes von Rolf Gutbrod; es war 2002 zuletzt im Innern grundlegend umgebaut worden. (Bild: Julian Herzog; Wikimedia Commons, CC BY 4.0)
Blick auf die Baustelle, in wenigen Metern Entfernung zum Wittwer-Haus: hier soll bis Ende 2027 das Gebäude entstehen, in das Thalia einziehen soll; vorher kann der Wittwer-Bau nicht abgerissen werden. Bis 2023 stand hier ein Sport-Kaufhaus; da es damals der Signa Real Estate gehörte, heißt diese Baustelle unter Stuttgarter:innen das Benko-Loch. (Bild: Christian Holl)
Blick auf die Baustelle, in wenigen Metern Entfernung zum Wittwer-Haus: hier soll bis Ende 2027 das Gebäude entstehen, in das Thalia einziehen soll; vorher kann der Wittwer-Bau nicht abgerissen werden. Bis 2023 stand hier ein Sport-Kaufhaus; da es damals der Signa Real Estate gehörte, heißt diese Baustelle unter Stuttgarter:innen das Benko-Loch. (Bild: Christian Holl)
Bandbreiten von Umbau und Sanierung. Für das Kaufhaus Lerche von Max Bächer ist bis auf den Rohbau wenig geblieben, LRO Architekten transformierten es grundlegend. Rechts das Hofbräu-Eck von Paul Stohrer wurde von Auer+Weber saniert, die Architekten bleiben dabei näher am Original (Bild: Christian Holl)
Bandbreiten von Umbau und Sanierung. Für das Kaufhaus Lerche von Max Bächer ist bis auf den Rohbau wenig geblieben, LRO Architekten transformierten es grundlegend. Rechts das Hofbräu-Eck von Paul Stohrer wurde von Auer+Weber saniert, die Architekten bleiben dabei näher am Original (Bild: Christian Holl)
Abriss an der B10: Ein Teil des Schwabenzentrums von Gerhard Kilper wurde gerade abgerissen, das Haus war keine 40 Jahre alt. Nun bauen Blocher Partners hier für Deloitte ein Haus mit dem nichtssagenden Titel "Central One". Hintergründe unter taz.de/!6154544/ (Bild: Christian Holl)
Abriss an der B10: Ein Teil des Schwabenzentrums von Gerhard Kilper wurde gerade abgerissen, das Haus war keine 40 Jahre alt. Nun bauen Blocher Partners hier für Deloitte ein Haus mit dem nichtssagenden Titel "Central One". Hintergründe unter taz.de/!6154544/ (Bild: Christian Holl)
Im direkten Umfeld des Wittwer-Gebäudes: Geschichten von Erhalt, Umbau und Abriss.
Nutzungen wandern lassen
Das ehemalige Horten-Kaufhaus, im Besitz der Stadt, sollte eigentlich zum Haus der Kulturen werden; daraus wird allerdings nichts, angesichts der Haushaltskrise ist die Mehrheit des Gemeindrats umgeschwenkt. Nun soll das Kaufhaus zu einem Verwaltungszentrum umgebaut werden. Vielleicht gelingt es wenigstens, die Untergeschosse für eine kulturelle Nutzung zu sichern, die Entscheidung darüber fällt der Gemeinderat Mitte Mai. (Bild: Christian Holl)
Das ehemalige Horten-Kaufhaus, im Besitz der Stadt, sollte eigentlich zum Haus der Kulturen werden; daraus wird allerdings nichts, angesichts der Haushaltskrise ist die Mehrheit des Gemeindrats umgeschwenkt. Nun soll das Kaufhaus zu einem Verwaltungszentrum umgebaut werden. Vielleicht gelingt es wenigstens, die Untergeschosse für eine kulturelle Nutzung zu sichern, die Entscheidung darüber fällt der Gemeinderat Mitte Mai. (Bild: Christian Holl)
Ein Abstecher nach Süden – Abriss in Sindelfingen
Hallenbad, Badezentrum Sindelfingen, 2014. (Bild: Wikimedia Commons, qwesy qwesy, CC BY 3.0)
Hallenbad, Badezentrum Sindelfingen, 2014. (Bild: Wikimedia Commons, qwesy qwesy, CC BY 3.0)
Petition zum Erhalt des Wittwergebäudes unter >>>
Wittwer ist nicht fertig: Initiiert vom BDA Baden-Württemberg findet sich nun unter https://wittweristnichtfertig.de/ ein Zusammenschluss unterschiedlicher Stimmen, der die aktuelle Debatte um den drohenden Abriss des Wittwer-Gebäudes (Kammerer + Belz, 1968–1970) aufgreift und in einen öffentlichen Zusammenhang stellt.
- 1Siehe Meldung der Thalia Bücher GmbH vom 24. September 2025 >>>
- 2Thomas Ströbele: Wittwerhaus wird abgerissen – und was kommt dann? Stuttgarter Zeitung vom 11. März 2026. Online unter >>>
- 3Nicole Golombek: Warum das Denkmalamt den Stuttgarter Wittwer nicht schützen will. Stuttgarter Zeitung vom 20. April 2026. Online >>>
- 4Nicole Golombek und Tomo Pavlovic: „Weder zeitgemäß noch verantwortungsvoll“ – Architekten über Wittwer-Abriss. Stuttgarter Zeitung vom 20. Apri 2026. Online >>>
- 5ebd.
- 6ebd.
- 7Stefan Kurath: Der Idee verpflichtet – im Alltag verhaftet. Marlowes, 21. April 2021. >>>
- 8Vgl. Obsolete Stadt: Raumpotentiale für eine gemeinwohlorientierte, klimagerechte und ko-produktive Stadtentwicklung in wachsenden Großstädten. Online unter >>>
- 9Meldung der Wählervereinigung "Die Stadtisten" am 21. April 2026 >>>
- 10Julia Theermann: Hallenbad wird abgerissen – Freibad wird überdacht. Stuttgarter Zeitung vom 30. März 2026. Online >>>
- 11Christian Spöcker, Katharina Kurz: Sindelfingen lässt neues Badezentrum bauen. SWR; 25. März 2026. Online >>>
- 12Information zur Konstruktion des Sindelfinger Hallenbades: K. Möhler: Hallenbad Sindelfingen (Bundesrepublik Deutschland), IABSE structures = Constructions AIPC = IVBH Bauwerke, Band 2 (1978), S. 4-5. Online >>>