Als Steuerzahler hat Klaus-Michael Kühne privat und mit Kühne+Nagel-Unternehmen der Stadt Hamburg längst den Rücken gekehrt. Er ist ins (für ihn) steuerlich attraktive Schindellegi im Kanton Schwyz in der Schweiz ausgewandert. Steuerflüchtlinge weist die Schweiz natürlich nicht aus. Nun will der Milliardär und Opernfreund seiner "Heimatstadt" Hamburg am Baakenhöft ein neues Opernhaus schenken. Ein Danaergeschenk? Für die Stadt entstehen Vorkosten von etwa 150 Mio Euro, das eigentliche Opernhaus koste – so heißt es – die Kühne Stiftung etwa 330 Mio Euro – anschließende Betriebskosten trägt wieder die Stadt. Es stellen sich Fragen zur Stadtplanung, zum Architekturwettbewerb, zur Macht des Geldes und zur Planungstransparenz. Red.
Geschenk? Oder Deal?
Der Bund der Steuerzahler schlug wegen Kühnes Pläne Alarm und warnte vor den erheblichen Risiken, die Großbauprojekte in Deutschland mit sich brächten. Die dynamischen Ereignisse um den Bau der Elbphilharmonie sind trotz ihrer mittlerweile großen, internationalen Anerkennung als Spielstätte und insbesondere ihrer Architektur in der Hansestadt noch nicht vergessen.
Philanthrop? Oder Geschäftsmann?
Als die mit Hamburg eng verbundene Reederei Hapag-Lloyd in finanzielle Schwierigkeiten geriet, war Kühne zur Stelle und erwarb Anteile, die sich heute mit hohen Dividenden für ihn auszahlen. Auch seit mit dem Elbtower ein im Hamburger Stadtbild wichtiges Bauprojekt durch das wilde Gebaren des Konjunkturritters René Benko zur Ruine und zum Gespött zu werden droht, ist Klaus-Michael Kühne zur Stelle – zwar nicht als weißer Ritter. Dafür ist das Projekt dann doch wohl zu riskant. Er wäre aber schon bereit, einen Teil zu dessen Erfolg beizutragen. Dieses Engagement für die Stadt Hamburg ist schon ehrenwert. Doch mit einer wissenschaftlichen Aufarbeitung der Geschichte des Fuhrunternehmens Kühne + Nagel während des Nationalsozialismus, das sein Vater betrieb und offenkundig von den Deportationen jüdischer Menschen aus Deutschland und dem Einziehen von deren Hab und Gut profitierte, hapert es. Immerhin war dieses Kapital eine Grundlage für Kühnes heutiges Vermögen. Gelinde gesagt, fördert Klaus-Michael Kühne die Aufarbeitung dieser Geschichte nicht gerade. Damit bekommen die Spenden aus seinem Besitz einen schalen, wenn nicht bitteren Beigeschmack.
Neuer Anlauf – neues Glück?
Der Baakenhafen hatte allerdings, das unterstreichen aktuelle historische Forschungen, große Bedeutung für den Schiffsverkehr mit den ehemaligen deutschen Kolonien und war eine wichtige Drehscheibe für den Völkermord an den Herero und Nama in Namibia, dem früheren Deutsch-Südwestafrika. An diese Geschichte erinnert in der hier entstandenen östlichen HafenCity nichts mehr. Deshalb möchte die Kulturbehörde hier auch einen Gedenkort schaffen. Es war auch ein Dokumentationszentrum im Gespräch, das dem prominenten Ort des Baakenhöft auch gut angestanden hätte. Darüber hätte man in der diskutieren können und sollen. Das geschah aber nicht, vielleicht auch deshalb, weil sich die Gerüchte um den Bau der Oper an diesem Ort schon verdichtet hatten. Die Gespräche, die die lokale Presse mit Klaus-Michael Kühne oder mit Kultursenator Carsten Brosda führte, kamen dann auch stets auf seine Beteiligung am Elbtower und auf den Bau der Oper.
Symphonie mit Paukenschlägen
Die Stadt bereite das Grundstück in der HafenCity mit allen an diesem Ort vorgegebenen Maßnahmen vor, verkündete Senator Brosda. Der Betrag, der von der Stadt dafür aufzubringenden Geldsumme ist auf 147, 5 Millionen Euro beschränkt. Alle weiteren Kosten trägt bis zur Fertigstellung inklusive aller möglichen Kostensteigerungen die Stiftung. Anders als bei der Elbphilharmonie wird also eine Erhöhung des öffentlichen Anteils ausgeschlossen. Zur Erinnerung: Der öffentliche Anteil am Bau der Elbphilharmonie war auf mehr als das Zehnfache angestiegen. Der damalige Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz hatte mit einer Deckelung zumindest der öffentlichen Kosten die Fertigstellung des Gebäudes erst möglich gemacht. Also ein weiterer, der fünfte Paukenschlag!
Man werde also mit großer Freude mit der Oper ein – um es mit Alexander Kluge zu sagen – „Kraftwerk der Gefühle“ bauen, rief Carsten Brosda aus. Sie entstehe an einem öffentlichen Ort am Baakenhöft, solle begehbar sein und mit dem an der Höftspitze anzulegenden Park zu einem öffentlichen Treffpunkt in der Stadt werden. Und sie solle Menschen ähnlich wie bei der Elbphilharmonie davon überzeugen, kulturelle Veranstaltungen wahrzunehmen, deren Besuch sie sich zuvor nicht hätten vorstellen können.
Also, alle Bedenken ausgeräumt, alles in bester Ordnung? Die Stadt kann sich glücklich schätzen? Wie geht es weiter?
Durchgetaktestes Verfahren, klare Vorstellungen zur Architektur
Jörg Dräger, geschäftsführender Stiftungsrat der Kühne-Stiftung, beschrieb dazu drei Schritte. Der erste sei mit der direkt bevorstehenden Vertragsunterzeichnung getan, der nächste sei die Planungsphase des Gebäude und der dritte der Bau des Gebäudes, das dann nach Fertigstellung an die Stadt übergeben werden soll. Die Kühne-Stiftung wolle Exzellenz fördern, und dafür brauche man ein exzellentes Opernhaus auf modernstem Niveau und im neuestem Stand der Technik. So etwas wie die 1973 eröffnete Sydney-Oper, nur als Hamburg-Oper. Sie solle sich architektonisch aber eher zurücknehmen und nicht so sehr im Vordergrund stehen – also: sichtbar und unsichtbar zugleich?Wer macht den Bebauungsplan?
Das letzte Wort des Stifters
Architektur: res publica
So handeln auch Oligarchen. Es klingt nach der Macht des großen Geldes, nach "potere del denaro" – und nicht nach Demokratie.