Beruf und Berufung
Das sakrale Moment der Profession leitet sich aus der lateinischen Herkunft des Wortes ab, die bewusst oder unbewusst in uns weiterwirkt. Das lateinische professio verfügt wie seine deutsche Entsprechung über einen Doppelsinn, da es sich nicht nur mit Beruf und Gewerbe übersetzen lässt, sondern ebenso mit Bekenntnis und (Mönchs-)Gelübde! Etwas Ähnliches liegt vor, wenn ein Beruf als Berufung verstanden wird, im Sinne von: sich zu etwas „Höherem“ berufen fühlen.
Denen, die in der Schule Latein lernen mussten, wird vielleicht, wenn sie “Bekenntnis“ lesen, statt professio die Vokabel confessio einfallen, nicht zuletzt wegen der "Confessiones" des Augustinus. Das wäre nicht ungeschickt, da die berühmte Schrift des Kirchenvaters den Unterschied deutlich macht, der beiden Begriffen innewohnt: professio ist ein “Glaubensbekenntnis“ mit optimistischer Perspektive; es unterstellt, dass Menschen zu besonderen Leistungen fähig sind, während confessio eher in die Richtung “Sündenbekenntnis“ zielt und auf der pessimistischen Ansicht beruht, dass die Menschen ohne die Gnade Gottes nichts wert sind.
Demut und Hochmut
Mit all dem gebe ich keine wissenschaftlichen Erkenntnisse preis, sondern Ansichten, die viele ArchitektInnen (insgeheim) hegen. Sie verdeutlichen, warum ihrer Meinung nach die Profession in eine andere Richtung zielt als Professionalität. Professionell kann man auch in einem Beruf sein, den man nicht liebt. Interesse und gute Bezahlung reichen in der Regel aus, um den Fleiß und Ehrgeiz aufzubieten, der nötig ist eine Tätigkeit professionell ausüben zu können. Hierzu muss man nicht über eine spezielle Begabung verfügen. Viele, die in ihrem Beruf eine Profession sehen, halten ein Zuviel an Professionalität sogar für schädlich. Ähnlich wie Alberti die den Bauwerken immanente Schönheit für wesentlicher hielt als äußerlichen Zierrat, halten seine modernen Nachfahren die Profession für wichtiger als die Professionalität. Letztere kommt ja nicht von innen, sondern ist “bloß“ antrainiert.
Von Opferbereitschaft war schon die Rede, da zur Profession neben dem Bekenntnis, dass man in seinem Leben nichts anderes tun will als schöne Häuser bauen (oder Tennisturniere gewinnen oder in New Yorker Jazzclubs Saxophon spielen), auch die Bereitschaft gehört, lieber mit der eigenen Berufung untergehen als von ihr ablassen zu wollen. An jede Profession knüpfen sich größere und kleinere Dramen. Nie geht es um Gewinn und Profit allein, jedenfalls nicht in erster Linie, sondern um gesellschaftliche Anerkennung und, in zweiter Linie, auch darum ein “gutes Leben“ führen zu können mit Italienreisen, leckerem Essen, Konzertbesuchen …
Haltung und Handschrift
Belassen wir es also dabei: Profession zielt auf Ruhm und Ehre, Professionalität aufs Honorar. Kaum findet man unter ArchitektInnen solche, die sich nicht schämen, wenn ihnen der Verdienst wichtiger geworden ist als ihr ästhetischer Anspruch. Geld allein macht nicht glücklich, pfeifen die Spatzen von den Dächern, drum identifizieren sich auch geschäftlich erfolgreiche ArchitektInnen mit ihren Bauten nur, wenn ihre “Handschrift“ erkennbar wird. Sie ist der Beweis, dass ästhetische Entscheidungen, die beim Entwerfen getroffen wurden, die Zwänge und Vorschriften, die nicht zu umgehen waren, überstrahlen und vergessen machen. Die Kunst soll über die Ökonomie triumphieren!
Dienstleistung und Obsession
Allgemein gesprochen ist Professionalität immer auch Ausdruck der Distanz. Sie etabliert das Primat des nüchternen Verstandes und rechnerischen Kalküls. Kunst fordert hingegen beides: dass man den Abstand zu seiner Arbeit jederzeit einhalten und aufheben kann. Zur Profession gehören Intensität, Nähe, Unmittelbarkeit und in gleicher Weise ein streng methodisches und systematisches Vorgehen. In naiver Wortwahl dürfte es wohl heißen, dass der Professionalität als Ausdruck der Verstandeskälte die Herzenswärme der Profession gegenübersteht, die sich zur Gluthitze künstlerischer Obsessionen aufheizen und zur Eiseskälte ästhetischer Verfahrensweisen abkühlen kann.
In grober Zuspitzung könnte man behaupten, dass Profession Sache der Künstler und Professionalität Sache der Experten ist. Das Spezialistentum ist Folge einer Arbeitsteilung, die in der Baukunst nicht angelegt ist. Jedenfalls nicht ursprünglich. Zwar konnte der Architekt nie alles alleine besorgen und war insbesondere bei Großbauten auf die Hilfe zahlloser Mitstreiter angewiesen, doch machte er ja – wenn wir die Architektur im Unterschied zu den ausführenden Künsten als anleitende Kunst definieren – im Bereich dieser Anleitungen das meiste immer selbst! Zumindest war er in der Vergangenheit nie nur für Entwurf, Ausführungsplanung, Statik, Kostenrechnung, Bauorganisation und -aufsicht zuständig, sondern ebenso für die Konstruktion von Baumaschinen und anderes mehr. Das ist der Grund, weshalb ArchitektInnen, die weiterhin die Verantwortung für den gesamten Planungs- und Bauprozess tragen wollen, sich als Generalisten verstehen, in Abgrenzung zur Heerschar der Experten, von denen sie sich unterstützt und bevormundet fühlen.
Wie die Profession mit der Professionalität so konkurrieren Generalisten mit Experten. Zugleich kooperieren beide Gruppen mit Erfolg, sonst liefe jede Baustelle Gefahr, sich in ein Schlachtfeld zu verwandeln. Entscheidend für das Gelingen dieser Kooperation und ihr Produkte ist die Frage, auf welches gemeinsame Ziel sich Architekten und Ingenieuren einigen können? Im 19. Jahrhundert bestand hierüber Uneinigkeit, solange Kunst, Funktion, neue Baustoffe und Konstruktionsmethoden um die Vorherrschaft stritten. In alten Bahnhöfen kann man heute noch die Erfahrung machen, dass sich dieser Streit in den grandiosen Widerspruch steigerte, in dem die pompösen Empfangsgebäude der Architekten zu den filigranen, aus Stahl und Glas konstruierten Gleishallen der Ingenieure stehen. Ästhetische Widersprüche können eben sehr spannend sein.
War da was?
Gottfried Semper (1803-1879) gehörte zu den ersten Kulturtheoretikern der Moderne, die das erkannt hatten. Er identifizierte die Architektur mit dem Ornament, indem er das Textil zum Urmaterial erklärte, auf den alles Bauen zurückgeht. Damit war das Ornament nichts mehr, das der Architektur äußerlich ist. Semper hatte bereits ein Bewusstsein davon, dass der Mensch ein sexuelles Wesen ist, das aus der Not heraus und mit Lust an die Arbeit geht. Entsprechend lag es für ihn auf der Hand, dass die gewebten Stoffe, die der “glückliche Wilde“ fabrizierte, um daraus seine zweite und dritte Haut (Kleidung und Behausung) herzustellen, stets mit schmückenden Motiven und bunten Farben versehen waren. Und so wie die frühen Behausungen verzierte Zelte waren, so hielten laut Semper auch alle nachfolgenden Steinbauten an der Synthese von Material und Schmuck fest.
Der von Adolf Loos (1870-1933) gepredigte Verzicht aufs Ornament war gegen Semper gerichtet und zugleich in seinem Sinne formuliert, denn er bewirkte zweierlei: zum einen, dass die Vorstellung um sich griff, Architektur sei keine Kunst (contra Semper), und zum andern, dass nun neue ästhetische Strategien entwickelt werden konnten, die eine Verwandlung des Ornaments in das bewirkten, was der Philosoph Ludwig Wittgenstein unter dem Gestus der Architektur verstanden haben mochte (pro Semper). Da das Kunstverbot die lautstärkste Propaganda erfuhr und mit der Ökonomisierung des Bauens dem sozialen Wohnungsbau ebenso entgegen kam wie Kapitalinteressen, gewöhnten sich die Architekten daran, ihre wichtigste Kompetenz – die ästhetische – zu verheimlichen. Insgeheim wuchs aber ihre Vorliebe für die plastische Qualität der Architektur und das „kunstvolle Spiel der unter dem Licht versammelten Baukörper“ etc. immens an.
Die angeblich vom Ornament befreite Architektur war originär und ästhetisch hoch ambitioniert. Kaum waren die Architekten mehr Künstler gewesen als in der Zeit, in der sie es nicht sein sollten. Verstrickt in den Professionalisierungsanspruch einer radikal rationalisierten Disziplin sorgte die Einheit von Material und Ornament (man denke an die ausdrucksstarke Maserung des von Adolf Loos benutzten Marmors) dafür, dass das Neue Bauen unverwechselbar war in Form, Farbe und Gestalt. Eine Zeitlang blieb so die Architektur eine Profession trotz zunehmender Professionalisierung. Beides war ineinander verwoben und das Bauen nicht ausschließlich an das eine oder andere verloren. Ob das auch für die letzten Jahrzehnte und die nähere Zukunft noch gilt, müssen Spätere beurteilen.
Wer steuert die Fortschrittslokomotive?
Drückt der Fortschritt allzu sehr aufs Gaspedal, dann ziehen Kapitalismus- und Kulturkritik vereint die Handbremse mit der Kraft des besseren Arguments, das von vielerlei Schutzgedanken (Natur-, Klima-, Arten-, Denkmalschutz und ebenso Schutz der Minderheiten, der Presse- und Meinungsfreiheit ...) flankiert wird. Zum Stehen kommt die Fortschrittslokomotive aber nur, wenn sie vor die Wand fährt oder entgleist. Bevor das passiert, hören wir die Kassandren dieser Welt immer lauter rufen, dass es Fünf vor Zwölf ist. In Zeiten dislozierter Katastrophen heißt es sogar, es sei längst Fünf nach Zwölf. Da das allgemeine Warngeschrei nicht mehr aufhört, befinden wir uns im permanenten Wartezustand. Wie die Trojaner von den Griechen, so fühlen wir uns von künftigen Katastrophen belagert. Die nächste Krise wird kommen, wird wie ein Komet einschlagen und ein Beben auslösen, das jeden erreichen kann und trotzdem die meisten verschonen wird. Warten kann sich also lohnen.
Vor allem dann, wenn man sich das Warten durch allerlei Bremsmanöver verkürzt, obwohl es heißt, dass derjenige, der zu spät kommt, schon verloren hat. Das ist ein Widerspruch, den wir dialektisch lösen müssen: Wir müssen schnell und fest auf die Bremse treten, damit der technische Fortschritt, das grenzenlose Wachstum, das Profitstreben und seine weltzerstörenden Auswirkungen nicht völlig aus dem Ruder laufen. Wie das geht, kann man von einer Architektur lernen, die seit Jahrtausenden Produkt des menschlichen Dilemmas ist. Von einer Architektur, die immer schon altmodisch war und modern sein wollte so wie die Menschen, die in ihr leben.
Der Beitrag wurde zuerst im Buch schneider+schumacher: 30 veröffentlicht. Im Mittelpunkt stehen in diesem zum 30 jährigen Jubiläum des Büros schneider+schumacher herausgegebenen Band nicht allein und nicht in erster Linie die Bauten und Projekte des Büros, sondern eine Gliederung nach Begriffen, unter denen sich wichtige Zugänge des Büros zu den Aufgaben und Projekten, die sie bearbeitet haben, zusammenfassen lassen.
Diese Begriffe sind aber auch Werte und Themen, die für die Zeit der 30 Jahre den Architekturdiskurs eine wichtige Rolle spielen. Sie werden deswegen in Essays von bekannten Autoren und Autorinnen behandeld und spannen so einen weiteren Horizont dessen was Architektur allgemein bedeuten kann.
Wir danken den Herausgebern, Till Schneider und Michael Schumacher, für die Erlaubnis zur Wiedergabe dieses Textes