Ein kürzlich erschienenes Buch dokumentiert und reflektiert die Stuckwerkstätten von Kairo: Zur Straße geöffnete Werkstätten, deren Innenwände und Fassaden mit Mustern übersät sind und die gleichzeitig wie ein Katalog fungieren. Die Grenzen zwischen Innen und Außen, Oberfläche, Materialität und Ornament werden in diesen wuchendern Raumfigurationen verwischt. Luc Merx hat sie dokumentiert, Rolf Sachsse analysiert dieses Fotoprojekt über eine inzwischen verschwundene Besonderheit Kairos.
Minutoli hatte für sein fotografisches „Museum im Kästchen“ – aus dem später das bis heute bestehende Kunstgewerbemuseum in Berlin wurde 4 – bereits ein zeichnerisches Vorbild, das er bis in den Titel hinein exakt zitierte: das von Christian P.W. Beuth für den preussischen Staat herausgegebene Vorlagenwerk mit Stahlstichen, unter anderem nach Zeichnungen von Karl Friedrich Schinkel. 5 Dort findet sich ein ähnliches Darstellungsmuster: Während die erste Illustration der „Architektonischen Verzierungen und Ornamente“ noch aus einer geordneten Reihe von Friesen besteht, werden spätere Beispielsammlungen zu eher unübersichtlichen Collagen aus antiken Toren, Akanthus- und Eierstabfriesen sowie ornamentalen Reliefs. 6 Schinkel, der sich seiner Darstellungsmodi immer außerordentlich bewusst war, 7 dürfte das Arrangement in klarer Kenntnis der Funktion seines Vorlagenblatts als Mustersammlung für die direkte Übertragung mittels Pentagraf getroffen haben, während der junge Mechanicus Belitski die Minutoli’schen Sammelstücke mit Mühe und Not auf einer einheitlichen Grundlage versammelte, um sie zu fotografieren; wenigstens bewegten sich weder die Objekte noch die Kamera während der langen Belichtungszeit. 8
Luc Merx‘ eigener Titel für diese Gruppe von Fotografien führt auch auf die Spur der Bildform: stucco graffiti. Die Ablichtung von street art hat bereits eine eigene Subgeschichte der Fotografie ausgebildet, die von der Dokumentation mexikanischer murals bis zu heutigen Instagram Accounts reicht und medial noch keineswegs abgeschlossen ist. 10 Drei Elemente sind für diese Art Abbildung mit reproduktivem Charakter unabdingbar: Präzision in Schärfe und Planparallelität, mildes Licht ohne Sonnenstreifen und Schlagschatten, Farbe als Grundlage der malerischen Wiedergabe. Die beiden ersten Elemente finden sich bereits im Werk von Ludwig Belitski; das letzte Element wurde natürlich nur von Luc Merx beobachtet – zu Minutolis und Belitskis Zeiten gab es noch keine Farbfotografie. Es gibt einige wenige Bilder in Schwarzweiß, vor allem dort wo die Lichtkontraste als sehr hoch erscheinen. Alle diese Elemente dienen einem einzigen Zweck: der bestmöglichen Abbildung von ästhetisch komplexen Objekten.
In diesen Bildern wird die Farbe zum wichtigsten Distinktionsmerkmal: Primär ist Stuck weiß bis hellgelb oder grau, doch zum einen kann man das Material gut einfärben, und zum anderen sind die gemauerten Wände der vorhandenen Gräber durchwegs rotbraun, wovor sich die hellen Ornamente gut abheben. Immer wieder tauchen in den Bildern einzelne Farbakzente auf: hier ein goldener Rahmen oder Löwe, dort einige rostrot bis blaugrau eingefärbte Arbeitsproben und Hohlformen, ab und an ein blauer Arbeitstisch und immer wieder einmal ein knallrotes Wandstück. Selbstverständlich ist meist ein blauer Himmel im oberen Bilddrittel die farbige Referenz des Tageslichts, genauso wie die gelben Streifen des Wüstensandes, die zwischen allen Bauten und Bebauungen sichtbar werden. Die Bilder dieser Arbeitsgruppe lassen sich überhaupt nicht anders als farbig vorstellen.
Die dritte Bildgruppe dieses Buchs widmet sich dem Kairoer Ort al Fustat, in dem wohl der Großteil der ägyptischen Stuckwerkstätten angesiedelt war. Von der Anlage der alten Stadt, die es bereits vor Kairo gab, ist in den Bildern nichts zu sehen; selbst gelegentliche Mauern, die älter sein könnten als die Behausungen der Werkstätten, stammen nicht aus der ursprünglichen Stadtanlage. Menschenleer sind die Aufnahmen zudem, nur selten parkt ein Auto im Bild, ebenso selten deuten zwei Stühle auf die Anwesenheit von Arbeitern hin. Die Werkstätten in al Fustat wurden visuell domiert durch die großen Berge von Zement- und Gipssäcken, die quasi einen Rayon um die jeweiligen Werkstatt legen und den Fotografen zu einer breiten, panoramatischen Sicht auf die jeweilige Arbeitssituation zwingen. Diese wird immer wieder einmal durch hochformatige Nahsichten unterbrochen, auf Ecken voller Werkstücke, auf Durchgänge mit übereinander an die Wand gesetzten Friesen, ganz wie in den Musterbüchern der preussichen Gewerbedeputation.
In dieser Bildgruppe wird das serielle Arbeiten und Denken von Luc Merx deutlich: Er nähert sich einer Werkstatt oder ihren Aushängen von der Seite, übereck, solange bis er sich planparallel davor stellen kann mit seiner Kamera. Dann geht er weiter hinein in den Raum, erkennt Wände mit Musterstücken, die ihn besonders interessieren, und nähert sich ihnen wieder, bis er auch hier einen Ausschnitt bestimmen kann, mit dem er in orthogonaler Abbildung die reliefierten Werkstücke plastisch hervorheben kann, durch seitliches Sonnenlicht oder die Platzierung auf dunklem Untergrund. Bei genauerer Betrachtung der Merx’schen Serien kann man bemerken, dass es gar nicht so viele Werkstätten sind, die er besucht hat: Aber jede war in ihrer räumlichen und skulpturalen Eigenart, auch in ihrem ästhetischen Angebot als eigenständiges und damit künstlerisches Unternehmen über alle Handwerklichkeit hinaus gekennzeichnet.
Räume ohne Dach sind keine Häuser, sondern Ruinen, und die Nähe der Merx’schen Fotografien zu den Grafiken von Gianbattista Piranesi wird in diesem Buch mehrfach thematisiert. Daher gibt es kaum einen besseren Abschluss der Fotoserien als den Blick auf eine Wand mit bereits stark verwitterten Stukkaturen, die an die fallenden Säulen auf den Fresken der Sala dei Giganti von Giulio Romano im Palazzo Te zu Mantua erinnern. 16 Auch die Wände rechts und links daneben wirken in keiner Weise vertrauenerweckend und verweisen auf vorherige Motive des Buchs mit zugenagelten Fenstern und abbröckelnden Ornamenten zurück. Damit führt jedoch der Anlass des Buchs direkt in die Zeit seiner Entstehung hinüber: Ornamente des 19. Jahrhundert sind nicht nur in der nordeuropäischen Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in höchstem Maße gefährdet 17 , dasselbe gilt auch für die Arbeit der Stukkateure von Kairo. Wer weiß, wie lange es sie in dieser Form noch gibt. Immerhin ist ihre Transformation in die Bilder dieses Buchs in jeder Hinsicht gelungen, haben sie die Relevanz erhalten, die ihnen der Architekt und Fotograf Luc Merx gibt.
Lux Merx (Hg.): Cairo’s Plaster Casts. 307 Seiten, 16,8 x 24 cm, englisch, zahlreiche textbegleitende Abbildungen und Fotos von Luc Merx Design: Something Fantastic
Mit Beiträgen von Matthias Castorph, Federico Garrido, Holger Gladys, Christian Holl, Luc Merx, Werner Oechslin, Christian Rabl, Rolf Sachsse, Heiner Stengel, Francesca Torello, Dalia Wahdan, Gijs Wallis-de-Vries, Holger Zinke.
In Kooperation mit Felsberg Academy/Felsberg Future Laboratories
Ruby Press, Berlin, 2025
Weitere Information >>>
Einladung zur Buchvorstellung am 2. Oktober in Maastricht >>>
Die Stuckwerkstätten von Kairo haben die Grenzen zwischen Atelier, Ausstellungsraum und künstlerischem Statement verwischt. Ihre Fassaden und Innenwände waren mit Mustern verziert, die gleichzeitig als Kataloge der Ornamente fungierten, die in Auftrag gegeben werden konnten. Hier treffen Akanthusblätter auf Mickey Mouse, die dekorativen Systeme der Belle Époque auf Ikonen der Popkultur.
Das Buch zeigt diese Räume und offenbart deren einzigartige Ästhetik, die mit der kolonialen Vergangenheit, der Moderne und der Identität Ägyptens verbunden ist. Heute existieren diese Werkstätten nicht mehr: sie wurden für die Errichtung generischen Wohnungsbaus geräumt und zerstört.
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(9) Nathan Lyons, Notations in Passing, Cambridge MA 1974.
- 1Alexander Freiherr von Minutoli (Hg.), Vorbilder für Handwerker und Fabrikanten, aus den Sammlungen des Minutoli’schen Instituts zur Veredelung der Gewerbe und Beförderung der Künste zu Liegnitz, 3 Bde., Liegnitz 1855.
- 2Bernd Vogelsang, „Das Museum im Kästchen, oder Die Erfindung des Kunstgewerbemuseums als Photosammlung durch den Freiherrn von Minutoli“, in: Bodo von Dewitz, Reinhard Matz (Hg.), Ausst.Kat. Silber und Salz. Zur Frühzeit der Photographie im deutschen Sprachraum 1839-1860, Heidelberg 1989, S.522-547.
- 3Hannavy, John (ed.): Encyclopedia of 19th-century photography, New York London 2008, pp.141-142.
- 4Mundt, Barbara: Die deutschen Kunstgewerbemuseen im 19. Jahrhundert, München 1974, S.106-176. Zitat wie Anm.2.
- 5Königlich Technische Deputation für Gewerbe (Hg.), Vorbilder für Fabrikanten und Handwerker, Berlin 1821-30, Tafel 1.
- 6Ebda., Fortgesetzte Abteilung 1, Berlin 1836, Blatt 6.
- 7Rolf Sachsse, Bild und Bau, Zur Nutzung technischer Medien beim Entwerfen von Architektur, Braunschweig Wiesbaden 1997, S.24-28.
- 8Josef Maria Eder, Ausführliches Handbuch der Photographie, Achtes Heft (Zweiter Band, Drittes Heft), Collodion-Emulsionen, Collodion-Trockenplatten und orthochromatische Collodionverfahren, Halle a.Saale 1897.
- 9Lev Manovich, “„Find Your Own Filter“, Creating Instagram Photography”, in: Photoresearcher 2016 (27), No. 27, pp.78-89.
- 10Gisela Parak, “The Eye of Change”, in: Gisela Parak (ed.), Exh.cat. Camilo José Vergara. Tracking Time - Documenting America’s Post-Industrial Cities, Bielefeld Berlin 2014, unpag.
- 11Pierre Cabanne, Arman, Paris 1993.
- 12Geoffrey Batchen, Burning with Desire. The Conception of Photography, Cambridge MA London 1996, pp.127-143.
- 13Wayne Shumaker, The Occult Sciences in the Renaissance : A Study in the Intellectual Patterns, Berkely CA 1976.
- 14Richard Sennett, Handwerk, Frankfurt am Main 2008, S.31-37.
- 15Anja Schlamann, Ladentische, o.O. (Köln) 2015.
- 16Bodo Guthmüller, „Ovidübersetzungen und Mythologische Malerei. Bemerkungen zur Sala dei Giganti Giulio Romanos“, in: Mitteilungen des Kunsthistorischen Instituts in Florenz 21.Jg. 1977, S.35-68.
- 17Hans-Peter Hilger, „Einleitung“, in: ders. (Hg.), Raum und Ausstattung rheinischer Kirchen 1870-1914, Düsseldorf 1981, S.9-12.