Transport der Kaiserlichen Schutztruppe für Deutsch-Süd-West-Afrika. Abfahrt des Dampfers „Alexandra Woermann" von Hamburg nach dem Kriegsschauplatz. (Bundesarchiv, Bild 146-2008-0181 / Franz Spenker / CC-BY-SA 3.0)
Transport der Kaiserlichen Schutztruppe für Deutsch-Süd-West-Afrika. Abfahrt des Dampfers „Alexandra Woermann" von Hamburg nach dem Kriegsschauplatz. (Bundesarchiv, Bild 146-2008-0181 / Franz Spenker / CC-BY-SA 3.0)
Die Debatte um die Erinnerung an den Kolonialismus in Hamburg ist kontrovers und andauernd. Bislang gibt es jedoch keinen öffentlichen Gedenkort für diese Geschichte, obwohl der Hamburger Hafen die Drehscheibe kolonialer Kriegslogistik war. Wie könnte am Baakenhafen, der seit wenige Jahren neu bebaut wird, künftig ein würdiger Umgang mit diesem kolonialen Erbe aussehen?
Der Beitrag erschien zuerst auf Geschichte der Gegenwart. Wir danken für die Möglichkeit, ihn zu veröffentlichen. red
Der Petersenkai im Baakenhafen, um 1900. (Bild: Wikimedia Commons, Franz Schmidt; Otto Kofahl)
Der Petersenkai im Baakenhafen, um 1900. (Bild: Wikimedia Commons, Franz Schmidt; Otto Kofahl)
Gerade an einem Ort wie dem Baakenhafen, der eine zentrale Rolle in der kolonialen Infrastruktur spielte, stellt sich die Frage, wie ein würdiger Umgang mit diesem kolonialen Erbe aussehen könnte und welche Rolle dieser Ort in der postkolonialen Erinnerungstopographie Hamburgs in Zukunft spielen wird.
Der Baakenhafen in Hamburg steht heute im Zentrum städtischer Entwicklungsprojekte und wird als moderner, „familienfreundlicher“ urbaner Raum in „doppelter Wasserlage“ beworben. Als Teil der HafenCity, einem neu entstandenen Stadtviertel auf ehemaligen Hafenflächen im Südosten des Hamburger Stadtzentrums, sollen dort in den nächsten Jahren weitere etwa 2.400 Wohneinheiten und über 2.000 Arbeitsplätze entstehen. Seit 2012 wird dort gebaut, etliche Wohngebäude stehen schon. Eine Schule, ein Park und ein Platz säumen bereits das Ufer. Allmählich wird es enger im Baakenhafen.
Doch diese zunehmende Bebauung droht einen bedeutenden Erinnerungsort für den Krieg des Deutschen Reiches gegen die Herero und Nama und den an ihnen begangenen Völkermord (1904–08) im heutigen Namibia zu verdecken. Denn der Hamburger Hafen im Allgemeinen und der Baakenhafen im Besonderen waren Schlüsselorte der kolonialen Infrastruktur des Deutschen Reiches. Im Laufe des Krieges in Deutsch-Südwestafrika wurde der Baakenhafen zur logistischen Drehscheibe des kolonialen Völkermordes. Der Baakenhafen ist in der Erinnerungstopographie Hamburgs noch immer eine Leerstelle. Dies sollte nicht so bleiben. Eine aktive und nachhaltige Auseinandersetzung am historischen Ort ist erforderlich, um der „Entinnerung“ entgegenzutreten.
Der Hamburger Hafen als Drehscheibe kolonialer Kriegslogistik
Kaiserlichen Schutztruppe für Deutsch-Süd-West-Afrika. Die letzte Ansprache und Verabschiedung auf heimatlichem Boden; 1905 (Bundesarchiv, Bild 146-2008-0178/ Franz Spenker / CC-BY-SA-3.0)
Kaiserlichen Schutztruppe für Deutsch-Süd-West-Afrika. Die letzte Ansprache und Verabschiedung auf heimatlichem Boden; 1905 (Bundesarchiv, Bild 146-2008-0178/ Franz Spenker / CC-BY-SA-3.0)
Anschließend begann der festliche Teil. Am Kai hatten sich hunderte Zuschauer:innen und Schaulustige versammelt. Es waren so viele, dass die Woermann-Linie kurzerhand begann, bei Transporten dieser Art Zutrittskarten auszugeben. Um kurz nach fünf Uhr nachmittags begann die Militärkapelle Musik zu spielen. Hochrangige Generäle hielten kurze Reden, ein Vertreter der Hamburger Regierung übergab den Soldaten sogenannte Liebesgaben, Zigarren, Etuis und Postkarten. Danach fuhren die Schiffe ab, während die Kapelle Lieder wie „Deutschland, Deutschland über alles“ und die „Wacht am Rhein“ spielte. Die Zuschauer:innen stimmten mit ein und unter großen „Hurra“-Rufen fuhren die beiden Schiffe davon. In einen Krieg, der zu einem Völkermord werden sollte.
Titel der Veröffentlichung "Die Woermann-Linie in Deutsch-Südwest-Afrika" (Archiv Kim Tzodis)
Titel der Veröffentlichung "Die Woermann-Linie in Deutsch-Südwest-Afrika" (Archiv Kim Tzodis)
Als der Krieg gegen die Herero im Januar 1904 begann, hatte der Woermann-Konzern bereits massiv in Deutsch-Südwestafrika investiert. Bereits 1891 hatte die Woermann-Linie einen regelmäßigen Schiffsverkehr zwischen dem Deutschen Reich und Namibia eingerichtet, maßgeblich gefördert durch Subventionen des Deutschen Reichs. Gemäß den Verträgen mit der Kolonialverwaltung bestand die Verpflichtung, den gesamten Nachschub für die Kolonialbehörden und die „Schutztruppe“ in Deutsch-Südwestafrika auf den Schiffen der Woermann-Linie zu transportieren: Pferde, Waffen, Ausrüstung und Proviant. Ein Monopol auf Truppentransporte, wie immer wieder behauptet wird, hatte Woermann nicht.
Ermöglicher des Völkermordes
Transport der Kaiserlichen Schutztruppe für Deutsch-Süd-West-Afrika. Abfahrt des Dampfers „Ernst Woermann" von Hamburg nach dem Kriegsschauplatz. (Bundesarchiv Bild 146-2008-0180, Hamburg, Abfahrt "Ernst Woermann", CC BY-SA 3.0)
Transport der Kaiserlichen Schutztruppe für Deutsch-Süd-West-Afrika. Abfahrt des Dampfers „Ernst Woermann" von Hamburg nach dem Kriegsschauplatz. (Bundesarchiv Bild 146-2008-0180, Hamburg, Abfahrt "Ernst Woermann", CC BY-SA 3.0)
Die „Arbeiterfrage“ wurde zentral im Kriegsverlauf. Im Mittelpunkt standen dabei die so genannten Krumen aus Liberia, die diese Arbeit an der gesamten westafrikanischen Küste übernahmen. Die Woermann-Linie, die über Jahrzehnte hinweg Seeleute aus Liberia beschäftigte, hatte bei der Anwerbung der Krumen einen deutlichen Vorteil gegenüber konkurrierenden Reedereien. Doch auch das Angebot an liberianischen Arbeitskräften versiegte mit der Zeit und konnte die Nachfrage nicht mehr decken. Die Woermann-Linie suchte nach Alternativen und die Kolonialregierung bot ihr einen Ausweg: den Einsatz von Kriegsgefangenen.
Die Woermann-Linie wurde 1905 zum Unternehmen im Bezirk Swakopmund, das sich am stärksten am System der „Arbeitergestellung“ beteiligte, bei dem Kriegsgefangene vom Kolonialgouvernement an Unternehmen und Privatpersonen zur Zwangsarbeit verliehen wurden. Ab 1905 war fast jeder zehnte der 1200 in Swakopmund beschäftigten Arbeiter der Woermann-Linie ein Kriegsgefangener. Die Zwangsarbeiter sollten die „niederen Arbeiten im Landungsbetrieb“ übernehmen, die bis zum Kriegsbeginn von Ovambo- und Herero-Vertragsarbeiter:innen verrichtet worden waren.
Die Existenzbedingungen für die zwangsbeschäftigten Afrikaner:innen bei der Woermann-Linie waren geprägt von karger Ernährung, harter Arbeit und körperlichen Strafen. Gerade die harten Landungsarbeiten im eiskalten Wasser führten zu Krankheits- und Todesfällen. Von 115 im April 1905 bei der Woermann-Linie in Swakopmund zwangsbeschäftigten Herero starben im Zeitraum von einem einzigen Monat sechs Zwangsarbeiter:innen. Das entspricht einer Sterblichkeitsrate von 5,2 Prozent. Damit lag die Sterblichkeitsrate der Zwangsarbeiter:innen im Konzentrationslager der Woermann-Linie zynischerweise deutlich höher als die der Pferde auf ihren Transporten von Hamburg nach Swakopmund. Diese lag bei nur 0,6 Prozent.
Für den Woermann-Konzern war der deutsche Kolonialismus kein Verlustgeschäft, als das er bis heute in der öffentlichen Debatte bezeichnet wird. Im Gegenteil: Die umfangreichen Truppen- und Gütertransporte ermöglichten hohe Profite. Insgesamt konnte die Woermann-Linie kriegsbedingte Mehreinnahmen in Höhe von bis zu 26,5 Millionen Mark verbuchen. Während die Gewinne privatisiert wurden, wurden die finanziellen Kosten der deutschen Kolonialherrschaft sozialisiert. Die mit dem Krieg in Deutsch-Südwestafrika verbundenen Kosten von knapp 600 Millionen Mark führten – auch weil der Reichstag über das Budgetrecht verfügte – zu einer intensiven Debatte und zu massiver öffentlicher Kritik an der Woermann-Linie und an Adolph Woermann persönlich. So warf der Zentrumsabgeordnete Matthias Erzberger der Woermann-Linie vor, sie habe aufgrund von überhöhten Fracht- und Passagepreisen „einen Überverdienst von drei Millionen Mark“ verbucht und damit das Deutsche Reich übervorteilt.
Der Baakenhafen 2022. (Bild: Wikimedia Commons, Uwe Rohwedder, CC BY-SA 4.0)
Der Baakenhafen 2022. (Bild: Wikimedia Commons, Uwe Rohwedder, CC BY-SA 4.0)
Erinnerungspolitische Leerstellen
Gegen die neuesten Bebauungspläne haben Jürgen Zimmerer und ich im Mai 2024 daher offiziell Einspruch eingelegt. Doch was würde es bedeuten, wenn durch die geplante Bebauung Fakten geschaffen würden, die ein Gedenken vor Ort unmöglich machen? Würde dadurch nicht eine Chance vertan, einen Ort zu schaffen, der einer würdigen Erinnerung an die Opfer des Kolonialkriegs und an die Rolle Hamburgs im Völkermord gerecht wird? Die Fragen, an wen und was erinnert wird, wie wir erinnern, wer in die Erinnerungskultur eingeschlossen und wem diese Anerkennung verweigert wird, sind von zentraler Bedeutung für eine an Aufklärung und Gerechtigkeit interessierte demokratische Gesellschaft. Wie kann eine Geschichtskultur gestaltet werden, die auch die Würde derjenigen anerkennt, deren Geschichte und Leid bisher marginalisiert oder ignoriert wurde? Im Kern dieser Auseinandersetzung geht es um das Recht der damaligen Kolonisierten und ihrer Nachfahren, dass die Erfahrungen und Perspektiven der Betroffenen Teil der offiziellen Gedenkkultur der ehemaligen Kolonialmächte werden.
Dies ist umso bedeutender, als dass es gegenläufige Tendenzen gibt und geschichtsrevisionistische Kolonialapologie aus rechten Kreisen auf eine zunehmende Skandalisierung postkolonialer Ansätze und eine allgemeine Ignoranz der historischen Verantwortung trifft. So wurde etwa in Thüringen die erst 2021 geschaffene wissenschaftliche Koordinierungsstelle „Koloniales Erbe“ nicht verlängert, während in Bremen die versprochene Aufarbeitung nie umgesetzt und institutionell verankert wurde. Zudem soll die Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“ in ihrer derzeitigen Form abgewickelt werden. Das von der Bundesregierung versprochene Konzept für einen „Lern- und Erinnerungsort Kolonialismus“ harrt noch immer der Fertigstellung. Ob es überhaupt kommt, ist fraglich.
DIe Informatioen zum Baakenhafen enthalten keinen Hinweis auf dessen Rolle im Kreieg gegen Herereo und Nama. (Bild: Kim Todzi)
DIe Informatioen zum Baakenhafen enthalten keinen Hinweis auf dessen Rolle im Kreieg gegen Herereo und Nama. (Bild: Kim Todzi)
Eine Forderung ist daher, im Baakenhöft ein Dokumentationszentrum für die Geschichte des kolonialen Genozids zu errichten und damit einen Lern- und Gedenkort für die Geschichte des Kolonialkriegs und die Rolle des Hamburger Hafens darin zu schaffen. In Anbetracht des langwierigen, schmerzvollen und oftmals unwürdigen Prozesses der Anerkennung, Aufarbeitung, Entschuldigung des Völkermordes wäre es ein kaum rückgängig zu machender Fehler, die Möglichkeit für einen solchen Gedenkort sprichwörtlich zu verbauen, die Geschichte quasi zu versiegeln. Denn diese Geschichte wurde auch in Hamburg viel zu lange verdrängt – es ist an der Zeit, ihr wortwörtlich endlich Raum zu geben.