Die Begeisterung war groß. Mit pathetischen Worten rief die Präsidentin der EU-Kommission im letzten Oktober ein „neues Europäisches Bauhaus“ ins Leben. 2050 will die EU durch den „Green Deal“ klimaneutral werden. Dafür muss der Gebäudebestand saniert und die Bauwirtschaft reformiert werden. Nun soll aber nicht nur quantitativ die Wende eingeleitet werden, auch qualitativ hat Ursula von der Leyen große Ziele: Europa könne und solle eine führende Rolle einnehmen. Was heißt das?
„Wir sind dabei!“ rief die DGNB, die Holzwirtschaft applaudierte und Nordrhein-Westfalen etikettierte sich kurzerhand zum Bauhausland. „Heute heißt es: ‚Form follows planet‘, und da haben wir bereits heute in Nordrhein-Westfalen einiges zu bieten.“ Aha. Die Bundesarchitektenkammer schien verzückt – „geradezu enthusiastisch“ begrüßte sie die Initiative eines neuen Europäischen Bauhauses und bot „spontan unsere uneingeschränkte Unterstützung an!“ Solchen Beifall bekommt die Kommission der Europäischen Union nicht alle Tage, schon gar nicht von den Architektinnen und Architekten, seit der EuGH nach einer Klage der EU-Kommission aus der HOAI die verbindlichen Höchst- und Mindestsätze gestrichen hatte.Im Herbst letzten Jahres hatte EU-Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen die Gründung eines „neuen Europäischen Bauhauses“ angekündigt. „Ich wünsche mir das neue Europäische Bauhaus als kreative und interdisziplinäre Bewegung“, so hatte sie es in der FAZ dargelegt. „Das Europäische Bauhaus sucht und gibt praktische Antworten auf die gesellschaftliche Frage, wie modernes Leben der Europäerinnen und Europäer im Einklang mit der Natur aussehen kann. Und es wird helfen, das 21. Jahrhundert schöner und humaner zu machen.“ Schöner und humaner als was?
Beginn der Bewegung
© The New European Bauhaus
© The New European Bauhaus
Begleitet von einem Expertenkommitee sollen Ideen und Projekte gesammelt und gesichtet werden, um „die Bewegung zu gestalten“. Es soll ein Preis ausgelobt werden, bevor ab dem Herbst „fünf Europäische Bauhaus-Projekte in verschiedenen Ländern der Union entstehen sollen.“ Alle sollen dem Thema Nachhaltigkeit verpflichtet sein, aber verschiedene Schwerpunkte setzen, und irgendwann soll dann in einer dritten Phase dafür gesorgt werden, dass sich diese Ideen in der Union und in der Welt verbreiten.
Die große Aufgabe: Arbeiten mit dem, was es gibt. Templin. (Bild: Pixabay)
Die große Aufgabe: Arbeiten mit dem, was es gibt. Templin. (Bild: Pixabay)
Die Zeit drängt
Wie gelingt es uns, den Weg von der Wegwerfgesellschaft zur Kreislaufwirtschaft zu finden? (Bild: Pxhere)
Wie gelingt es uns, den Weg von der Wegwerfgesellschaft zur Kreislaufwirtschaft zu finden? (Bild: Pxhere)
Wahrlich ein Grund für schlaflose Nächte. Und einer, Tempo zu machen. Es geht um sehr viel, und deswegen sollte genau hingeschaut werden. Um so mehr, als wieder einmal auf das Bauhaus Bezug genommen und damit ein Mythos aktiviert wird, den man in Frage stellen muss. Weder war das Bauhaus alleiniger Treiber einer Moderne, in der eine neue Technik und eine neue Ästhetik zusammenfanden, noch war das Ergebnis dieser Synthese so zweifelsfrei ein heroischer Akt einer Weltverbesserung, sondern ganz wesentlich ästhetischer Eigensinn, der sich vielen politischen Zielen unterordnen konnte. 1 „Der Glaube, dass durch Gestaltung eine humane Umwelt hergestellt werden könne, ist einer der fundamentalen Irrtümer der Pioniere der modernen Bewegung“, so viel später Lucius Burckhardt. 2
Zumutung schön machen
Bild: C. Holl
Bild: C. Holl
Aber es gibt noch etwas, was Fragen aufwirft. Es betrifft den merkwürdigen Umgang mit dem bereits Existierenden. Es können sich beim neuen Europäischen Bauhaus Organisationen bewerben, um Partner zu werden. Dennoch bleibt die Struktur hierarchisch – die Entscheidung trifft die Kommission. Ist das der richtige Weg, um tatsächliche Bewegungen, Bewegungen von unten einzubinden, Bewegungen wie Fridays4Future und ihre Architekturversion Architects4Future, die zuletzt eine wichtige Petition für ein klima- und sozialverträgliches Bauen initiiert hatte? Was ist mit den bereits bestehenden offiziellen Initiativen, wie der Forschungsförderung Zukunft Bau? Hier wurde unter anderem das sehr viel beachtete Projekt „Einfach bauen“ gefördert. Es gibt sicher zahlreiche andere Beispiele aus anderen Ländern, die hier ebenso zu erwähnen wären. Der zentralistische Top-Down-Ansatz aus Brüssel gibt sich, entkleidet der schönen Worte, vor diesem Hintergrund eher als Machtdemonstration denn als offenes Kooperationsangebot. Warum nicht den Weg der Leipzig Charta gehen, in (sicher mühseliger) Abstimmungsarbeit einen länderübergreifenden Konsens erarbeiten, an dessen politischen Zielen sich je nach Lage in den Ländern andocken kann, was auf anderer Ebene schon existiert und ausgebaut werden kann? Wäre das nicht eher geeignet, eine dezentrale und kleinteilige Struktur aufzubauen, eine, die viel besser als eine zentralisierte Institution die Bedingungen und Möglichkeiten für das Zusammenleben und ein klimagerechtes Bauen und Sanieren vor Ort berücksichtigen könnte und deswegen eine bessere Antwort auf die Klimaschutz-Herausforderung geben könnte? Das schließt ja nicht aus, dass verbindliche Ziele im Hinblick auf relevante Werte eingefordert werden und einzuhalten sind.
It's the Infrastructure, stupid
Grubengrund der Rössing-Mine bei Swakopmund, Namibia. (Bild: Ikiwaner, GFDL 1.2, via Wikimedia Commons)
Grubengrund der Rössing-Mine bei Swakopmund, Namibia. (Bild: Ikiwaner, GFDL 1.2, via Wikimedia Commons)
Infrastrukturen seien, so Dietrich Erben in der Europa-Ausgabe der arch+ vom letztem Juli „bei allem Wandel der Technik und der Intensität territorialer Durchdringung überzeitliche Konstanten politischer Kommunikation.“ 6So gesehen wäre es vollkommen klar, warum es auf der Internetseite des neuen Europäischen Bauhauses heißt: „Our conversation will shape our future“. Es geht um eine sichtbar und vermittelbar auch zukünftig stabile und die Verhältnisse stabilisierende Energiepolitik. Architektur, Design und Planung dient dabei dazu, die auf dieser Energiepolitik aufbauende Infrastruktur als gesetzt zu akzeptieren und dafür die entsprechenden Produkte zu liefern.
Grundsätzliche Fragen – Fragen von Macht und Politik – blieben bislang wohl kaum zufällig ungestellt. Wie wirkt sich eine Kreislaufwirtschaft auf Lieferketten und Stadtplanung aus? Wie gestaltet man Bodenpolitik als Klammer zwischen Ökologie und sozialer Gerechtigkeit, wie den im Rahmen einer globalen Klimapolitik notwendigen Ausgleich zwischen EU- und Nicht-EU Staaten, insbesondere des globalen Südens? Wie verstehen wir Migrations- und Ernährungsfragen als Teil des pathetischen „Lebens im Einklang mit der Natur“? Die Klimafrage und die der Gestaltung von Orten, Landschaften und Städten ist mit all diesen Fragen verknüpft, aber sie lösen wir nicht mit Kultur. Mit Kultur – mit Architektur, Design, Stadt- und Landschaftsplanung – könnten wir aber die richtigen Fragen stellen. Ob die Kommission sie hören will?
Das ist es mir wert
- 1Wie wenig sich die Kommission um das tatsächliche Bauhaus kümmert, zeigt ein Blick in das Factsheet, (sic!) das ästhetisch einer Immobilienbroschüre gleicht. Hier wird zentral Gerrit Rietvelds berühmter Stuhl gezeigt, den er aber entwarf, bevor das Bauhaus gegründet wurde. Rietveld selbst war nie am Bauhaus.
- 2Lucius Burckhardt (1970): Design heisst Entwurf, nicht Gestalt! In: Ders. (2012): Design heisst Entwurf. Zwei Texte und vier Aquarelle mit einem Vorwort von Bazon Brock. Hg. v. Jesko Fezer, Oliver Gemballa, Matthias Görlich. Studienhefte. Problemorientiertes Design 3. Adocs Verlag, Hamburg, S. 9. zitiert nach dem Eintrag auf dem Blog von Sandra Meireis vom 29. Oktober, Europäisches Bauhaus oder zur Kulturalisierung von Politik
- 3"Die heute sichtbar gewordenen Krisenerscheinungen der modernen Architektur gehen weniger auf eine Krise der Architektur zurück als vielmehr darauf, dass dies sich hat bereitwillig überfordern lassen." Jürgen Habermas (1982): Moderne und postmoderne Architektur; in: Ders. (1990): Die Moderne – ein unvollendetes Projekt. Philosophisch-politische Aufsätze. Leipzig, S. 69
- 4Architecture must be committed – this is both its weakness and its strength. Reinier de Graaf im Interview mit Nadin Heinich, in: Fast Forward (2020) No. 1, Cash and the City, Berlin, S. 6
- 5Stephan Lessenich (2016) Die Externalisierungsgesellschaft. In: Arch+ (2020) Nr. 239, Europa, S. 3 Die gesamte Ausgabe – Infrastrukturen der Externalisierung – ist zur Lektüre unbedingt zu empfehlen.
- 6Dietrich Erben: infrastruktur, Architektur und politische Kommunikation – Eine Skizze. In: Arch+ (2020) Nr. 239, Europa, S. 75