Was sollen wir tun? Eine Frage, die sich für Architektinnen und Architekten nicht leicht beantworten lässt. Dabei brauchen wir gerade in den Krisenzeiten gute Architektur. Und den Mut, deren Grenzen auszuloten.
Erinnert sich noch jemand an den Streit zwischen Meinhard von Gerkan und Christoph Ingenhoven aus dem Jahr 2008? In einem Interview des Spiegel ging es um die Frage, ob, wie und für welche Bauherrschaft man in nichtdemokratischen Ländern bauen dürfe. »Bauen für Despoten?« war das Interview überschrieben. Ingenhoven vertrat die Ansicht, »wir Architekten sollten versuchen, uns auf Märkte in den demokratischen Ländern mit freier Presse zu konzentrieren«, bezweifelte, dass es vertretbar ist, in nichtdemokratischen Staaten Repräsentationsbauten zu entwerfen. Gerkan berief sich auf Baukultur, auf »ein Defizit der baukulturellen Entwicklung«, darauf, dass man als Architekt Lebensqualität jenseits der Ideologie schaffen könne. Und er führte das Argument des Technologieexports an: »Deutschland ist, was ökologisches Bauen anbetrifft, führend in der Welt. In China haben wir die erste Fassade mit außenliegender Beschattung an einem Hochhaus gebaut. Wir Deutschen sind diejenigen, die so etwas in die Welt hinaustragen können.«
Auf den Baustellen in Katar sind seit der Vergabe der WM mehrere Tausend Gastarbeiter ums Leben gekommen. Im Bild das Al-Janoub Stadion, entworfen von Zaha Hadid Architects, während des Baus. (Foto: Matt Kiefer, flickr.com)
Auf den Baustellen in Katar sind seit der Vergabe der WM mehrere Tausend Gastarbeiter ums Leben gekommen. Im Bild das Al-Janoub Stadion, entworfen von Zaha Hadid Architects, während des Baus. (Foto: Matt Kiefer, flickr.com)
Erzwungene Gratwanderungen
Evolution Tower, Moskau, 2014. Architekten: Tony Kettle in Zusammenarbeit mit Karen Forbes. (Foto: Wikimedia Commons, CC BY 4.0, Ninara)
Evolution Tower, Moskau, 2014. Architekten: Tony Kettle in Zusammenarbeit mit Karen Forbes. (Foto: Wikimedia Commons, CC BY 4.0, Ninara)
Auf Facebook gab Stefan Forster, der ebenfalls seine russischen Projekte gestoppt hatte, Einblick in die damit verbundene Gratwanderung. Die Entscheidung ist, so lässt er erkennen, nicht leichtfertig gefallen, man habe aber keine andere Wahl gehabt. „In den Jahren unserer Zusammenarbeit haben sich, über die Arbeit, sehr positive Kontakte mit jungen Russen ergeben. Viele von ihnen haben Jahre im Westen zugebracht, entweder zum Studieren oder Arbeiten. Keiner von Ihnen fühlt sich vom Westen bedroht, keiner hat Bock auf dieses Kalter-Krieg-Geplapper der Führung. Alle wollen eigentlich so frei, unabhängig und gut leben wie wir.“
Dies zeigt, was Moral heißt: Regeln, die auf der Basis von (wie auch immer entstandenen) Übereinkünften Menschen nahelegen, wie richtig zu handeln sei. Moral übersetzt die als Basis des Zusammenlebens geltenden Werte, Normen oder Tugenden in konkrete Handlungsanleitungen. Moral legitimiert auch jenes wirtschaftliche und politische Handeln, das Druck auf andere ausübt. Im Zweifel bleibt den Betroffenen eben keine andere Wahl – mögen sie dabei auch Skrupel, Bedenken oder Gewissensbisse haben, weil sie wissen, dass die Moral etwas von ihnen verlangt, was schwer zu akzeptieren ist. Die Literatur ist voll von solchen Konflikten. Aber die aktuelle Lage bietet sie auch. Sie ist geprägt von vielen Stimmen, die vorgeben zu wissen, was richtig ist. Die zwischen Gut und Böse trennen und dabei so schnell urteilen, dass das Verstehen zu kurz kommt – Meinrad von Engelberg hatte das letzte Woche dargelegt, wie groß dabei die Kluft zwischen Vergessen, Weißwaschen, Verbieten und dem Gedenken, Zuhören und Argumentieren werden kann.
Träne und Teleskop
Architektur, die 2022 die höchste Auszeichnung verdient. Das Burkina Institute of Technology von Kéré Architekture 2020. Francis Kéré ist der diesjährige Pritzker-Preisträger. (Foto: © Francis Kéré)
Architektur, die 2022 die höchste Auszeichnung verdient. Das Burkina Institute of Technology von Kéré Architekture 2020. Francis Kéré ist der diesjährige Pritzker-Preisträger. (Foto: © Francis Kéré)
Die Serie »In-Between« von Henrik Spohler zeigt eindrucksvoll, wie sehr die für die globalen Warenzirkulation errichtete Infrastruktur neue Landschaften erzeugt. Spohler führt eindruckvoll vor Augen, wie sehr Umwelt durch ein komplexes geflecht vieler konstruiert wird. (Bild: Henrik Spohler)
Die Serie »In-Between« von Henrik Spohler zeigt eindrucksvoll, wie sehr die für die globalen Warenzirkulation errichtete Infrastruktur neue Landschaften erzeugt. Spohler führt eindruckvoll vor Augen, wie sehr Umwelt durch ein komplexes geflecht vieler konstruiert wird. (Bild: Henrik Spohler)
Kollektive Arbeit
Protest in Moskau gegen den Krieg in der Ukraine. Auf der Fahne steht in russisch: „Freiheit, Wahrheit, Frieden“. Urheber des Werkes ist der russische Architekt, Publizist und Künstler Sergei Sitar. (Foto: Свобода, CC-BY-ND)
Protest in Moskau gegen den Krieg in der Ukraine. Auf der Fahne steht in russisch: „Freiheit, Wahrheit, Frieden“. Urheber des Werkes ist der russische Architekt, Publizist und Künstler Sergei Sitar. (Foto: Свобода, CC-BY-ND)
Das »Despoten-Interview« erweist sich so gesehen auch nach 14 Jahren als wenig ergiebig. Die Arbeit in anderen Ländern mit dem dortigen baukulturellen Defizit und dem Sendungsbewusstsein in Sachen ökologischen Bauens zu begründen, hat mindestens einen faden Beigeschmack. Und auf die Frage, warum Ingenhoven es abgelehnt hatte, sich am Wettbewerb für den Bau des vietnamesischen Parlaments zu beteiligen, hatte er nicht geantwortet, weil das ein antidemokratischer Staat sei, in dem die Pressefreiheit nicht gelte, sondern »weil die finanziellen und die Copyright-Bedingungen in den Auslobungsunterlagen absolut katastrophal waren.« Ach so.
»Gestern fand zum einmonatigen Andauern des Ukraine-Kriegs eine bemerkenswerte Protestaktion im Zentrum von Moskau statt. Aktivisten hingen aus Protest gegen den Ukrainekrieg und die bedrückende Situation in Russland gegen 7:00 Ortszeit eine 10 Meter große Ukraine-Fahne von der Krim-Brücke. Auf der Fahne steht in russisch: »Freiheit, Wahrheit, Frieden«. Urheber des Werkes ist der russische Architekt, Publizist und Künstler Sergei Sitar. 1969 in Moskau geboren, ist er hierzulande bekannt geworden u.a. durch seine langjährige Tätigkeit für die Architekturfachzeitschrift »Projekt International« und seine maßgebliche Beteiligung am Projekt Shrinking CIties als Co-Kurator und Künstler. Am heutigen Freitag steht er wegen der Aktion in Moskau vor Gericht.
Die Protestaktion ist nicht nur ein Zeichen oppositioneller Kräfte in Russland, sondern auch ein Verweis auf die dortige dramatische Situation bzgl. Meinungs- und Pressefreiheit, Menschenrechte und politischer Verfolgung, die unserer Aufmerksamkeit verdient. Die demokratisch-freiheitlichen Kräfte Russlands verdienen unsere volle Solidarität. Daran fehlt es aber. So erhalten russische Exilanten in der Regel kein Visum für die EU, die DFG hat alle Wissenschaftskooperationen mit Russland aufgekündigt u.a.«
Das ist es mir wert
- 1Der Wortlaut der Mail vom 25. März, dessen Absender aus Sicherheitsgründen hier nicht genannt wird: