Fußball – das ist die schnöde Wahrheit, an der Saison für Saison Fantasien zerschellen – ist ein Geschäft. Genauer: ein Geschäft mit dem Gefühl der Fans, ein Geschäft mit einer ganzen Kultur. Viele Auswüchse dieser Kultur waren und sind nicht schön. Man muss für diese Feststellung nicht unbedingt Nick Hornby und seine Erinnerungen an die 1980er-Jahre zitieren[1], es genügt ein Blick auf die Tribünen heutiger Stadien und das, was dort gerufen, gestickert und choreografiert wird, und darauf, wie sich vornehmlich junge Männer dort benehmen. Dennoch bleibt es für viele mindestens die schönste Nebensache der Welt. Albert Camus will gar alles, was er „im Leben über Moral oder Verpflichtungen des Menschen gelernt habe“, dem Fußball verdanken. Entsprechend kultisch verehrt werden die Stätten, in denen dieser Fußball gespielt wird. Mitunter sind sie architektonisch interessant, oft sind es „nur“ die kollektiven Erinnerungen an sagenumwobene Siege oder Niederlagen, die sich mit den jeweiligen Stadien verbinden. Zwei dieser legendären Spielstätten stehen derzeit zur Diskussion.
Raum für und in Bewegung
Dazu kommen später zwei Champions-League-Finale – in denen einmal Bayern München den spanischen Klub FC Valencia und einmal Real Madrid den Stadtrivalen Atlético besiegen, jeweils im Elfmeterschießen, sowie unzählige Derby della Madonnina, wie das Duell der beiden Mailänder Vereine als Verweis auf die vergoldete Madonnenstatue auf einer der Spitze des Mailänder Doms genannt wird. Denn das ist eine weitere Besonderheit: Mit Inter und AC teilen sich zwei wirklich große Clubs dieses Stadion. Wer die Fan-Rivalitäten aus Liverpool, Glasgow, London oder Lissabon kennt, weiß um diese spezielle Konstellation. Schon das Eröffnungsspiel in San Siro am 19. September 1926 war ein solches Derby della Madonnina.
Notti magiche vs global eventism
Nahezu alle Stadionneubauten der letzten 20 Jahre auf der Insel sprechen die gleiche Sprache: Das Ziel ist Unterhaltung ohne Ecken und Kanten, Fußballspiele, bei denen die Zuschauenden an den digitalen Endgeräten weltweit die Adressaten sind und längst nicht mehr die Fans vor Ort. Der Sport hat sich entkoppelt vom Ort, richtet sich mit global vermarkteten Stars an ein weltweites Publikum. Ein Stadion, dass sich innerhalb dieser Logiken nicht einfach nutzen und ebenso gewinnbringend einspannen lässt, stört da bloß. Es geht um TV-Milliarden und nicht um den Genius loci, die Zuschauer im Stadion selbst sind nurmehr Staffage. Fankultur mit Charakter ist ebenso wenig gewünscht wie Baukultur mit Charakter. Ein Schicksal, das nun auch San Siro droht – mindestens dem gesamten Stadtteil und nicht nur dem Stadion, das nach ihm benannt ist.
[1]Nick Hornby: Fever Pitch. Gollancz, London 1992
[2] So starben bei der „Katastrophe von Heysel“ am 29. Mai 1985 bei der Partie zwischen dem FC Liverpool und Juventus Turin, Endspiels des Fußball-Europapokals der Landesmeister 1984/85, durch eine Massenpanik im Heysel-Stadion im Brüsseler Stadtteil Laeken 39 Menschen. Im Jahr 1989 war das Stadion von Sheffield Wednesday Schauplatz der „Hillsborough-Katastrophe“, als 97 Fans des FC Liverpool während des Halbfinalspiels im FA Cup gegen Nottingham Forest zu Tode gedrückt wurden.
[3]https://www.kicker.de/ac-mailand-auszug-aus-dem-meazza-stadion-wird-konkreter-995463/artikel (11.11.2025)
[4]https://www.acmilan.com/en/news/articles/club/2021-12-21/populous-cathedral-a-new-home-for-inter-and-ac-milan (11.11.2025)
[5]https://stadiumdb.com/news/2025/04/italy_ongoing_debates_over_inter_and_milans_new_stadium (11.11.2025)
[6]https://www.kicker.de/abriss-des-giuseppe-meazza-stadions-naht-neue-spielstaette-fuer-milan-und-inter-1150930/artikel (11.11.2025)
[7]https://www.manutd.com/en/news/detail/statement-man-utd-confirms-ambition-to-build-a-new-stadium-at-old-trafford (11.11.2025)