Arbeiten aus desm Entwurfsstudio "Neues Umbauen 2 in 1" an der Professur für Entwerfen, Umbau und Denkmalpflege, TUM. Foto: Moritz Bernoully
Klimawandel? Boden, ein schützenswertes, weil unvermehrbares Gut? Demografischer Wandel? Bauen und Kreislaufwirtschaft? Alles unwichtig – jedenfalls dann, wenn das Thema Einfamilienhäuser und dessen Präsenz in politischen Diskussionen als Gradmesser dient. Das Deutsche Architekturmuseum nimmt nun einen neuen Anlauf, die Debatte über Einfamilienhäuser anzuschieben. Und führt gleich noch weitere Themen an, die dabei eine Rolle spielen sollten.
„Das Comeback des Einfamilienhauses“ titelte die Tagesschau im Juli 2025. Ach, war das Einfamilienhaus je weg gewesen? Der Grund für die Headline: steigende Genehmigungszahlen, die sich im weiteren Jahresverlauf verstetigten. Insgesamt war die Zahl der Baugenehmigungen für neue Einfamilienhäuser 2025 gegenüber dem Vorjahr deutlich auf 44.500 gestiegen, mit den Zweifamilienhäusern waren es etwa 57.000. Schwankungen, ja, aber Comeback? Denn so viel hat sich dann doch nicht geändert. Ein- und Zweifamilienhäuser sind und waren in Deutschland über die letztem Jahrzehnte mit inzwischen mehr als 16 Millionen und über 80 Prozent aller Wohnhäuser die dominante Wohnform; mehr als die Hälfte davon sind freistehende Einfamilienhäuser. Statt mit Behauptungen vom Comeback zu suggerieren, es hätte eine Zeit gegeben, in der sie unbedeutend war, sollte man doch besser mal etwas kritischer über diese flächen- und damit ressourcenintensive Wohnform sprechen. Denn es wird mit ihr nicht nur unverhältnismäßig viel Boden versiegelt und Verkehr erzeugt, auch für das Leben im Alter ist sie eine Last. Angesichts des demographischen Wandels sind die Millionen von Einfamilienhäusern eine schwere Option für die Zukunft. Wie mit dem enormen Bestand jetzt und vor allem in ein paar Jahren umgegangen werden soll, bleibt eine unbeantwortete Frage, die später nur um so schwieriger zu beantworten sein wird, wenn man sie jetzt ignoriert.Licht und Schatten des American Way of Life
Die deutsche Politik orientierte sich daran. Kein Zufall, dass sich der Kanzlerbungalow von Sep Ruf von 1964 einschließlich einem allerdings im Innenhof liegenden Swimming-Pool, dem „Palais Schaumbad“, am amerikanischen und nur vermeintlich unpolitischen Vorbild orientierte. Wohneigentum sollte „gegen den Sozialismus imprägnieren“, heißt es in der Ausstellung: „Nach der Rückkehr der Männer von der Front diente das Eigenheim der Wiederherstellung ihrer Privilegien und der Redomestizierung der Hausfrau.“ Hier wurde die „unbesiegbare Nation“ zur friedlichen: „Wer Haus und Garten hegt, zettelt keinen Krieg an.“ Ein merkwürdiger Friede: In Deutschland unterblieb die Wertschätzung der Frauen und deren Anteil am Wiederaufbau; in den USA war die Suburbia-Politik mit strikter Rassentrennung verknüpft. Erst 1968 setzte der „Fair Housing Act“ der Diskriminierung bei Vermietung und Verkauf von Immobilien zumindest auf dem Papier ein Ende. Die Ausstellung zeigt weitere Schattenseiten des American Dream, Angela Strassheim macht das Einfamilienhaus als Ort patriarchaler Gewalt zum Thema ihrer Arbeit, Weronika Gęsicka dekonstruiert die konservativen Ideale und vermeintliche Vorstadtidyllen, Gabriele Galamberti zeigt die grotesken Waffensammlungen einiger Einfamilienhausbesitzer. Je Kopf sei in den USA mehr als eine legale Waffe im Umlauf.
Für Deutschland zeigen ein umfangreiches Archiv der Zeitschrift „Schöner Wohnen“ und ausgewählte, an die Wand gebrachte Beiträge, wie das konservative Bild der Rollenverteilung von Mann und Frau mal mehr, mal weniger subtil transportiert wurde. In der Küche steht selbstverständlich die Frau, während der Mann im Bett sein Frühstück zu sich nimmt. Wenn sich mit einer geschickten Anordnung in der Küche Wege sparen lassen, dann sparte wer Zeit und Kraft? Genau. Die Hausfrau.
Ressource Einfamilienhaus
Ein Instrument der Politik
Auch die Fallstudie Sennestadt, die Engelke aufnimmt, stellt solche Bezüge her. Sie folgt nämlich dem bereits im Nationalsozialismus entwickelten Leitbild der gegliederten und aufgelockerten Stadt. Dieses Leitbild war als Publikation von Göderitz, Rainer und Hoffmann 1957 vorgelegt worden, basierte aber auf einer schon vor dem Kriegsende veröffentlichungsreifen Version. In dieser Veröffentlichung wird die Großstadt als „Krankheit“ voller „entarteter Formen“ dargestellt, das Einfamilienhaus wird, so Engelke, „ganz unverblümt als biopolitisches Werkzeug zur Anhebung der Geburtenzahlen dargestellt, um die demografischen Folgen des Krieges zu kitten.“ Und so kommt Engelke zum Schluss, dass der ideologische Gehalt des Einfamilienhauses von gestern sei – „und keineswegs unhinterfragt architektonisch fortgeschrieben werden könne.“
Genau das ist aber derzeit der Fall. Es braucht also noch viel Geduld und Beharrlichkeit, bis die Diskussion über die Einfamilienhäuser so geführt wird, wie es ihrer Relevanz für Zukunft von Stadt und Land entspricht.
Suburbia. Träume vom Eigenheim – Wege aus der Wohnungskrise.
bis 18. Oktober 2026, Deutsches Architekturmuseum (DAM), Frankfurt am Main
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Kuratorenteam: Philipp Engel, Jorun Jensen, Valerie Kronauer, Jan Engelke, Rosanna Umbach