Der Bestand wird immer mehr zum Maßstab des Bauens. Das fordert Architektinnen und Architekten – im doppelten Sinne: Sie werden benötigt und herausgefordert. Denn Einfügen heißt fortschreiben – was passend ist, kann nicht durch den Bestand allein festgelegt werden, es zeigt sich erst im Gemachten. Wie Architektur Qualitäten des Ortes aktivieren, den Bestand aufwerten und stärken kann, zeigen drei Beispiele aus Schwaikheim, Gaiberg und Rüsselsheim
Wohn- und Werkhaus Weilerstraße
Nah am Ortskern, nicht weit zum Ortsrand, findet sich das Ensemble aus einem dreigeschossigen Wohnhaus und dem eingeschossigen Werkhaus so in den Hang integriert, dass an der Rückseite im Untergeschoss noch ein offene Einstellhalle für den landwirtschaftlichen Nebenerwerb Platz gefunden hat. Flach geneigt sind die Dächer, so dass wenig unwirtschaftlicher Dachraum entsteht, aber dennoch die ortstypische Bebauung aufgegriffen wird. Auffallend ist vor allem die Fassade aus dunkel lasiertem, sägerauem Holz – zur Straße hin ist sie geschlossen, abstrahiert die hier vorzufindenden Haus- und Gebäudetypen, lässt offen, was sich dahinter verbirgt: Scheune, Remise oder Wohnhaus. Tatsächlich standen hier bis vor Kurzem ein landwirtschaftliches Ensemble aus großer Scheune und kleinerem Wohnhaus. Der im Ort verwurzelten Bauherrenfamilie lag daran, den Charakter der Bebauung zu wahren, den des Orts zu stärken, und neuen, zeitgemäßen Wohnraum zu schaffen. Und so ist nun, anders als zuvor, das Wohnhaus mit sechs großzügigen Zweizimmerwohnungen das größere Gebäude und das kleinere das Werkhaus, in dem der Bauherr noch in überschaubarem Umfang der Zimmerei nachgeht. Es ist so zurückversetzt, dass beide Häuser einen Werkhof bilden.
Nachhaltig sollte das neue Ensemble sein, und da der Bauherr eben gelernter Zimmermann ist, lag es nahe, das Gebäude aus Holz zu konstruieren. Lediglich die den Hangversprung aufnehmenden Sockel sind aus Sichtbeton, darüber sind Wände und Decken aus Holz – ein ressourcenschonendes Material, dank kerngedämmtem Sockel und hoch gedämmter Gebäudehülle erreicht man den KfW 55-Standard, eine PV-Anlage kann zudem einen Großteil des Energiebedarfs decken. Gut durchdacht ist auch die Konstruktion: die Außenwände tragen, ein durchlaufende Träger in der Mittelachse ermöglicht kurze, einheitliche Spannweiten und schlanke Decken, fein austariert das Zusammenspiel der Materialien von Garagentoren und Eingangsbereich, Fassade und Sockel. Und so ist dies Gebäude nicht nur formal eines, das sich bestens in den Kontext fügt – auch die Haltung, in einer Mischung aus Pragmatik, Handwerk und dem Wunsch, etwas langfristig Wertvolles zu schaffen, ist eine, die dem Ort gut tut.
Ort: Weilerstraße 19, 71409 Schwaikheim
Bauherrenschaft: Bauherr:innengemeinschaft Wössner und Hiss, Schwaikheim
Architektur: CAPE Binder Hillnhütter Deisinger, Esslingen mit schleicher.ragaller freie architekten bda, Stuttgart; Projektleitung: Claudia Kaufmann
Tragwerksplanung: Werner & Balci, Esslingen
HLS-Planung: JSP Jürgen Schroth, Nürtingen
Bauphysik: Jens Wössner, Weilerstraße 19, Schwaikheim
BGF: 804,7 qm (587,3 qm Wohnhaus, 217,4 qm Werkhaus)
Baukosten: 1,95 Mio. Euro (KG 100-700 brutto)
Fertigstellung: 2020
Fotografie: Zooey Braun, Stuttgart
Neue Ortsmitte Gaiberg
Im ganzen Ort ist inzwischen Tempo 30 vorgeschrieben, der gelbliche Granit, der für den Außenbereich ausschließlich verwendet und in traditionellen Techniken verlegt wurde, setzt die neue Mitte von der Straße ab und definiert sie als einen in den Straßenbereich ausgreifenden Raum. Die Terrassierung schützt die unterhalb des Straßenniveaus angelegten Freiflächen vor dem Lärm der Landesstraße, die auf dem oberen Niveau verläuft, deswegen ist der erste Versprung höher angelegt. Platzfläche an der Straße oben und die Freiflächen unten sind so deutlich gegeneinander abgesetzt. Auf der untersten Ebene wurde eine wassergebundene Decke als Belag gewählt, ein das Gelände durchziehender Wasserlauf leitet zum in die untere Stützmauer eingebauten Brunnen, der den alten, der sich hier befunden hatte, ersetzt. Sitzquader wurden integriert. Zu dieser unteren Ebene hin öffnet sich mit großzügiger Verglasung der etwa 85 Quadratmeter große Raum hinter tuffsteinverkleideten Wänden. Da auf seinem Dach geparkt werden musste, hatte die Decke hohe Traglasten aufzunehmen. So wie der Hang durch die Terrassierung seine charakteristischen Qualitäten bekommt, so wurde auch hier aus der Schwierigkeit eine Qualität abgeleitet: Dach und Wand sind als Faltwerk aus ebenen Dreiecken ausgeführt, das dem Raum zu etwas Besonderem macht.
Wegen der Pandemie konnte noch kein Pächter gefunden werden – doch dass sich inzwischen auf den Außenflächen ein Markttag etablieren konnte, zeigt, dass hier die richtigen Schritte unternommen wurden, um die Ortsmitte zu einem Raum der Gemeinschaft zu machen.
Ort: Hauptstraße 25, 69251 Gaiberg
Bauherrin: Gemeinde Gaiberg
Architektur/Innenarchitektur: Ecker Architekten BDA+BDIA, Heidelberg
Team Ecker Architekten: Dea Ecker, Robert Piotrowski, Peter Borek, Annabelle Fuchs, Joachim Schuhmacher
Frei- und Verkehrsanlagen: Ecker Architekten BDA+BDIA, Heidelberg mit SFN GmbH, Walldorf
Tragwerksplanung: Engelsmann Peters GmbH, Stuttgart
Lichtplanung: Anselm von Held, Berlin
Nettogrundfläche Gebäude: 130 qm
Frei- und Verkehrsanlagen: 1.650 qm
Fertigstellung: 2020
Fotografie: Brigida González, Stuttgart
Wohnen am Verna-Park in Rüsselsheim
Insgesamt 50 Wohnungen sind auf die Gebäude verteilt, der Mix enthält Wohnungen für Singles, Studierende, Familien und barrierefreie Wohnungen für Senioren. Um die Fassaden in das Umfeld einzubetten, wurde ein roter Backstein mit Kohlebrand und einer hellen eingebrannten Schlämme veredelt. Die individuell angefertigten Klinker wurden handwerklich in Riemchen gebrochen und im Mörtelbett auf die Fassaden aufgebracht – eine Vollklinkerfassade hatte das Budget nicht hergegeben, denn um bezahlbaren Wohnraum zu sichern, waren die Baukosten streng gedeckelt. Am südlichen Ende, etwas abgesetzt von den anderen, bekam lediglich das siebte Haus, das an der Ecke, einen lindgrünen Putz. Die Farbe spiegelt die der Villa, die am nördlichen Ende des Areals das Eckgrundstück besetzt, sie zu wählen war aber auch deswegen eine kluge Entscheidung, weil es so besser in den heterogenen Bestand fügt. Es entsteht so nicht der Eindruck , hier hätte man eine Wohnanlage in den Bestand hineingezwängt. Und es zeigt, wie sorgfältig die Architekten diesen Bestand studiert haben.
Ort: Frankfurter Straße 41, 65428 Rüsselsheim am Main
Bauherrin: gewobau Gesellschaft für Wohnen und Bauen Rüsselsheim mbH
Architektur: Baur & Latsch Architekten PartG mbB, München | Thaler Latsch und Partner Architekten mbB | + architekten GbR, Frankfurt am Main
Freiraumplanung: HinnenthalSchaar Landschaftsarchitekten GmbH, München | FREIRAUM Rabsilber + Heckmann GbR, Wiesbaden
Tragwerksplanung: Weisbrod + Partner, Osthofen
HLS: eta energietechnik und technische ausrüstung ingenieurbüro
Grundstücksfläche: 3.160 qm
Bebaute Fläche: 1.380 qm (ohne Tiefgarage)
Brutto-Grundfläche: 6.250 qm
Wohnfläche: 2.625 qm
Fotografie: Sebastian Schels