Drei neue Bücher lenken den Blick auf unterschiedliche Epochen, Räume, Aufgaben und Konzepte. Sie regen zu Neu- und Wiederentdeckungen an, sie liefern Futter, um aktuelle Diskurse zu reflektieren. Empfehlungen zum Jahresbeginn.
Gezeigt werden fast 60 Projekte aus zehn europäischen Städten der „zweiten Reihe“ (Mosayebi/Kraus). Also nicht London, Berlin, Paris, sondern Zagreb, Köln, Porto, Lyon, Oslo, Athen und die vier englischen Städte Manchester, Liverpool, Sheffield und Leeds.
Darunter finden sich große Projekte des sozialen Wohnungsbaus in den insbesondere in den späten 1960ern und frühen 70ern üblichen Großformen, aber auch Bauten in städtischen Blöcken mit wenigen Wohnungen. Unter den Architekten sind bekannte Namen wie Alvaro Siza, James Stirling und Oswald Matthias Ungers vertreten, größtenteils aber dürften die Entwurfsverfasser unbekannt sein. Dokumentiert werden die Gebäude ausführlich in Plänen, historischen und aktuelleren Fotos sowie in Beschreibungen, wobei man sich doch hin und wieder eine Bildbeschreibung, eine Planbeschriftung, eine Angabe über die Anzahl der Wohnungen, der Infrastruktur oder die Angabe vom Zeitpunkt der Fotos gewünscht hätte.Je Stadt führt ein Essay in den politischen und gesellschaftlichen Kontext ein, in dem die Gebäude entstanden. Die Aufbruchstimmung nach der friedlichen Revolution in Portugal, die große Autonomie und Gestaltungsmöglichkeiten der englischen Behörden, der Aufbau und die Entwicklung wohlfahrtsstaatlicher Strukturen in Norwegen und deren Bedeutung für den Wohnungsbaus etwa. Diese Essays sind zentraler Teil des Buchs, sie helfen, die Bauten einzuordnen, ihre Besonderheiten zu erkennen und die Verknüpfung von neuen Ideen und dem Bauen in der großen Zahl einschätzen zu können. Darüberhinaus ist das Buch ein inspirierender Fundus auch an Grundrissen und Gestaltungsoptionen. Der beeindruckende Reichtum an Ideen und Formen, Materialien und Konstruktionen ist ein großer Schatz, den zu bewahren dieses Buch einen Beitrag liefert – wenn auch in wenigen Fällen es nur noch Bewahren auf Papier ist, denn wenige der dokumentierte Bauten wurden bedauerlicherweise bereits abgerissen.
Eingeführt mit den ersten Projekten, ist das Buch nach Bauaufgaben gegliedert und macht so die enorme Bandbreite des Werks sichtbar: Bauten für die Kirche finden sich darunter ebenso wie Wohn- und Bürogebäude, Straßenbahnhaltestellen, Museen und Bibliotheken, eine Gebäude für Klinikwäschereien und eine Trinkwasseraufbereitungsanlage.
Schon die ersten Bauten zeigen, dass von Lom sich mit den damals neuen Ideen, den geschichtlichen Kontext zu berücksichtigen und dem Bestand wieder Wert beizumessen, nicht nur auseinandergesetzt hatte, sondern mit der Umsetzung dieser neuen Ideen auch die Basis für den Erfolg des Büros legen konnte. Neben dem erwähnten Wohn- und Bürohaus waren dies infolge eines Wettbewerbsgewinns die Sanierung und der Neubau von Häusern in der Stadtmitte von Lemgo, eine Kirche in Herten sowie das LVR-Freilichtmuseum in Kommern. In diesen Bauten lassen sich schon früh die Elemente ausmachen, die von Loms Arbeit fortan prägen sollten: Die kontextuelle Einfügung, die aus der Konstruktionslogik entwickelten Raumgefüge, die Arbeit mit dem Bestand – in Herten etwa war es im Wettbewerb lediglich von Lom gewesen, der vorgeschlagen hatte, die neogotische Kirche nicht abzureißen, sondern sie umzubauen und zu erweitern. Die ersten Kapitel erschließen die Bauten über Interviews, in denen von Lom Geschichte und Entwurfsprinzipien erläutert, dann werden sie in gut verständlichen Kurztexten (Autorin: Sybille Fanelsa) mit Fotos und Plänen dokumentiert. Interviews über unrealisierte Kölner Projekte und die Bedeutung des Wettbewerbs für die architektonische Praxis sowie ein Gastbeitrag Ludmila Siman runden die Publikation ab, der noch ein Werksverzeichnis mit 155 vom Architekten selbst ausgewählten Projekten beigefügt ist.Die Architektur des Büros von Lom ist vielfach ausgezeichnet worden. Sie ist Zeugnis einer Epoche bundesrepublikanischer Architektur, die trotz eigener und eigensinniger Qualität auch den Stil der Zeit aufgreift und abbildet. Gerade weil dabei nicht immer die ganz große Architektur entstanden sein mag, aber stets ein Respekt vor Bauherrschaft, Nutzerinnen und Kontext eingeflossen ist, ist diese Architektur eine, die gleichzeitig alltäglich und besonders zu sein vermag. In den Interviews wird ein Einblick in die Veränderungen gegeben, denen die Berufspraxis des Architekten dieser vier Jahrzehnte unterworfen war. Insofern ist diese Biografie auch ein architektur- und zeitgeschichtliches Dokument.
Im Buch stellen die beiden Büroinhaber, Jana Richter und Henri Praeger, den Grundsätzen vor, denen sie dabei folgen.
Anhand von inzwischen vier realisierten Ausbauhäusern zeigt sich, wie vielfältig das Grundprinzip variiert werden kann. Der Rohbau kann eine Stahlbeton- oder eine Holzkonstruktion sein, Ausbauhäuser können in den Bestand integriert werden, in ihnen können Baumaterialien wiederverwendet werden und sie können so errichtet werden, dass sie als Materiallager zukünftigen Bauens dienen.
Unterschiedliche Fassaden ergeben sich ohnehin aus dem Konzept. Ob Holz, Schindeln oder Putz – alles ist möglich. Neben dem Prinzip der Trennung von Rohbau und Ausbau gibt es weitere Aspekte, die allen Häusern gemein sind. Alle sind von einer Baugruppe aus Selbstnutzerinnen getragen. Damit sind auch Wege des gemeinsamen Planens, von Gemeinschaftsräumen und gegenseitiger Unterstützung möglich. Die große Flexibilität des Rohbaus erlaubt es, dass die Mitbestimmung auf die Ausbaufragen konzentriert ist, ohne dass Gestaltungsvariationen eingeschränkt werden. Nur so kann das Konzept seine preisparende Wirkung voll entfalten. In allen Häusern ist der Einsatz der Technik weitest möglich reduziert, sie ist leicht zugänglich, wartungsarm und in Teilen reparabel oder ersetzbar. Zukünftiges Weiter- und Umbauen ist mitgedacht, die bauphysikalischen Berechnungen und der sommerliche Wärmeschutz sind auf die Raumaufteilung hin ausgelegt, die die höchsten Anforderungen stellt.Das Buch ist üppig bebildert, die Prinzipien in Plänen anschaulich dargestellt, gehen aber nicht tief in die Details. Das ist vielleicht auch nicht nötig, da die Idee ja ist, auf gängige Standardlösungen zu setzen und aufwändige Details zu vermeiden. Die knappen, sehr fokussierten Texte bieten die wichtigen Informationen, um zu verstehen, wie diese Ausbauhäuser konzipiert wurden und funktionieren. Nur in einigen Details bleiben unbeantwortet. Wie wurden die Holzkonstruktion so durch Lufträume voneinander getrennt, dass Schallübertragung minimiert werden konnte? Was, wenn bei den Modellen, die nicht genossenschaftlich organisiert sind und in eine Wohneigentümergemeinschaft münden, die Gemeinschaft nicht erhalten bleibt, wenn einer der Eigentümerinnen ausziehen oder (mit Gewinn womöglich) verkaufen möchte? Doch hier endet vielleicht gerade auch die Aufgabe der Architektinnen. Das in ihrer Verantwortung für einen anderen Wohnungsbau Liegende haben sie geleistet.