Stadt für Alle – die Forderung nach Teilhabe ist heute aus Architektur- und Stadtentwicklungsdiskursen kaum wegzudenken. Besonders in Projekten, in denen nach gemeinwohlorientierten und partizipativen Leitlinien agiert wird, fungiert Stadt für Alle als Leitmotiv und Versprechen von Teilhabe und Inklusivität. Doch eingelöst wird das Versprechen in den meisten Verfahren nicht. Das muss aber nicht so blieben. Ein Erfahrungsbericht.
Der Anspruch auf eine Stadt für Alle geht auf die Tradition städtischer Kämpfe um Zugehörigkeit, Teilhabe und Macht zurück – ein Anspruch, der sich aus der Debatte um das Recht auf Stadt speist, die auf Henri Lefebvre zurückgeht und bis heute von ihm geprägt wird. Lefebvre verstand die Stadt nicht als fertiges Produkt, sondern als Prozess. Für ihn stellte das Recht auf Stadt kein juristisches Recht dar, sondern vielmehr eine politische Forderung nach Freiheit, Teilhabe, Aneignung und Mitgestaltung des städtischen Lebens. 1 Später griff Peter Marcuse diese Gedanken und Forderungen auf und verdichtete sie in seiner Critical Planning Theory, indem er der Frage nachging, auf wen sich dieses Recht auf Stadt bezieht, und wer von urbanen Veränderungsprozessen profitiert und wer systematisch ausgeschlossen wird. 2Diese Fragen sind weiterhin relevant. Aktuelle Beiträge von Niloufar Tajeri 3 , Noa K. Ha 4 , Hamidou Maurice Bouguerra 5 und Kim Ha Tran 6 legen unterschiedliche Formen struktureller Ausschlüsse in Architektur- und Stadtentwicklungsprozessen offen. Diese Beiträge zeigen: In Zeiten zunehmender Polarisierung und politischer Verschiebungen wird die Frage, wer eingeschlossen ist (und wer nicht), wenn wir von Allen 7 sprechen, eine zutiefst politische.
Aber selbst in Projekten, in denen explizit mit partizipativen Verfahren gearbeitet wird, sind Prozesse nicht automatisch gerechter gestaltet. In vielen gut gemeinten Ansätzen von Stadt für Alle besteht eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Planungsrealität; die Repräsentation und das Einbringen aller Perspektiven, insbesondere Marginalisierter, bleibt häufig aus. Eingelöst werden soll das Versprechen einer Stadt für Alle häufig durch institutionell geprägte Methoden und Verfahren, die oft von professionalisierten Agenturen organisiert und moderiert werden. In ihnen wird selten genau gefragt, an wen sich die Projekte tatsächlich richten, die für „die“ Stadtgesellschaft oder für „die“ Nachbarschaft gedacht sind. Stattdessen reduziert das Zusammenfassen Aller in Alle die vielfältige Stadtgesellschaft zu einer abstrakten Masse, in der Unterschiede, Machtverhältnisse und ungleiche Zugänge unsichtbar werden. Das führt dazu, dass auch partizipativ und inklusiv gedachte Stadtproduktion in der Praxis nicht frei von Ungleichheit, strukturellem Rassismus, Klassismus, Unterdrückung und Segregation ist. Partizipation setzt Zeit, Ressourcen und oft auch bestimmte soziale Kompetenzen voraus. Gehört werden vor allem jene, die über diese Kapazitäten verfügen. Viele Perspektiven und Lebensrealitäten bleiben dadurch außen vor – nicht aus Desinteresse, sondern aufgrund struktureller Barrieren. 8
Quartier:PLUS
Am Anfang des Projekts Quartier:PLUS, das ich als Studentin initiiert hatte, war die Euphorie groß, ich hatte den idealistischen Anspruch, dass Alle im Quartier teilhaben und mitgestalten sollten. Aus dieser Haltung heraus wurde das Projekt auf unterschiedlichen Ebenen kommuniziert und verschiedene Formate wurden erprobt, um möglichst viele Bewohner*innen zu erreichen. Diese Haltung war und ist notwendig. Jedoch zeichnete sich mit der Zeit ab, dass bestimmte Personengruppen regelmäßig teilnehmen konnten, während andere Gruppen zunehmend fehlten. Dadurch verengten sich die Perspektiven, die in den Prozess eingebracht werden. In der Folge wurden Umfragen, Diskussionen und Visionen weniger multiperspektivisch, sondern spiegelten vor allem die Erfahrungen und Sichtweisen jener wider, die kontinuierlich präsent waren. Entsprechend zeigte sich auch in den Ergebnissen, dass bestimmte Themen, Bedarfe und Perspektiven nicht vertreten waren. Blickt man vor diesem Hintergrund auf das kommunizierte Versprechen Stadt für Alle zurück, wurden Lücken sichtbar.
Die Erfahrungen machen für mich heute – als Vorsitzende des Bürgervereins am Schwarzen Berge e. V., dem Träger des Projekts Quartier:PLUS, und als Mitglied im Team des Forschungsprojekts “collective takeover” am Schwarzen Berg – deutlich, dass eine Stadt für Alle nicht durch universelle Lösungen, sondern durch kontextbezogene, sensible und immer wieder neu auszuhandelnde Prozesse entsteht. Im Austausch mit Kolleg*innen, Bewohner*innen und Kooperationspartner*innen entstand ein gemeinsames Nachdenken darüber, wie Prozesse gestaltet werden und wer in ihnen sichtbar wird – oder unsichtbar bleibt. Um diese Muster und Fehlstellen nicht nur zu beobachten, sondern auch zu verstehen, erwiesen sich für mich die Intersektionalitätstheorien als entscheidender Hebel, um Planungskulturen künftig inklusiver zu gestalten. Sie halfen mir auch, meine eigene Perspektive zu erweitern und Stadt für Alle kritisch zu reflektieren, nicht nur als Frage der Einladung, sondern als Ausdruck struktureller Ungleichheiten zu begreifen.
Jugendfest "Beats am Berg“ mit lokalen Akteuren am Schwarzen Berg, 2023. (Bilder: Yamen Abou Abdallah)
Intersektionalität als Hebel
Collins’ Konzept wurde inzwischen vielfach grafisch übersetzt, um sichtbar zu machen, wie Privilegien und Marginalisierung gleichzeitig wirken können und sich gegenseitig verstärken. Intersektionalität deckt strukturelle Unterdrückung auf und ist unerlässlich, um verschiedene Formen der Diskriminierung zu erkennen und Diskursräume zu schaffen, in denen verhandelt werden kann, wie man der Diskriminierung begegnet. Als kritischer Fokus macht Intersektionalität deutlich, dass Architektur und Planung keine rein technischen Disziplinen sind, sondern soziale Praktiken, die Machtverhältnisse reproduzieren oder verändern können. Ein intersektionaler Blick schärft damit den Anspruch einer Stadt für Alle und ermöglicht ein differenzierteres Verständnis davon, wer mit diesem Alle tatsächlich gemeint ist. Um Räume für Alle ernsthaft zu versprechen, gilt es daher, Intersektionalität als Planungsprinzip zu begreifen, marginalisierte Perspektiven ins Zentrum zu rücken und offenzulegen, welche Ungleichgewichte durch strukturelle Bias entstehen.
bell hooks beschreibt einen notwendigen Paradigmenwechsel: den Perspektivwechsel, der „Margin“ ins Zentrum rückt. Margin, der Rand, wird dabei nicht als Defizit verstanden, sondern als Ort von Widerstand, Wissen und „Radical Openness“. Übertragen auf die Forderung nach einer Stadt für Alle bedeutet dies, Perspektiverweiterung nicht nur einzufordern, sondern auch eigene Grenzen anzuerkennen – und andere Lebensrealitäten nicht als Abweichung, sondern als konstitutiven Bestandteil urbaner Wirklichkeit zu begreifen.
Stadt für Alle als fortlaufende Aufgabe
Stadt für Alle ist kein Muss – und Alle einzubeziehen bleibt ein utopischer Anspruch. Umso wichtiger ist es, nicht Vollständigkeit zu versprechen, sondern ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass unterschiedliche Lebensrealitäten in Projekten fehlen, und es wichtig ist, darauf zu reagieren. Hier liegt das Potenzial und die Chance dafür, ein Verständnis von Stadt zu entwickeln, das sensibel mit Differenzen, Kapazitäten und unterschiedlichen Fähigkeiten umgeht und diese als Ausgangspunkt für einen neuen kollektiven, transformativen und solidarischen Ansatz begreift.
Intersektionale Ansätze in partizipativen Stadtentwicklungsprojekten zu berücksichtigen, würde weit mehr als die bloße Beteiligung unterschiedlicher Gruppen bedeuten. Sie verlangen, es nicht als gegeben hinzunehmen, wie Machtverhältnisse wirken. Sie verlangen, die eigene Position und die Bedingungen zu reflektieren, unter denen Entscheidungen getroffen werden. In diesem Sinne kann Stadt für Alle bedeuten, immer wieder neu zu lernen, zuzuhören, zu teilen und zu verlernen. Stadt für Alle kann so als ein behutsames Zugehen auf das verstanden werden, was jenseits der eigenen Normalität liegt – getragen von intersektionalen Prinzipien, die Konflikte nicht vermeiden sollen, sondern sie als Teil von Gerechtigkeit erkennen helfen. Denn eine Stadt für Alle ist kein Zustand, der erreicht werden kann. Sie ist und bleibt ein stetiges Aushandeln.
(2) Vgl. Peter Marcuse, „Whose right(s) to what city?“, in Cities for People, Not for Profit: Critical Urban Theory and the Right to the City, hg. von Neil Brenner, Peter Marcuse, und Margit Mayer (London New York: Routledge, 2012), 36.
(11) Vgl. Patricia Hill Collins, Black feminist thought: knowledge, consciousness, and the politics of empowerment, Perspectives on gender (Boston: Unwin Hyman, 1990), 18.
- 1Vgl.Henri Lefebvre, Das Recht auf Stadt, mit Christoph Schäfer, Nautilus Flugschrift (1968; Deutsche Erstausgabe, Hamburg: Edition Nautilus GmbH, 2016), 189.
- 2Vgl. bell hooks, Yearning: Race, Gender, and Cultural Politics (New York London: Routledge, 2015), 150, https://doi.org/10.4324/9781315743110
- 3Vgl. Niloufar Tajeri, „And We Do Not Inhabit Single-Issue Spaces“, ARCH+ (Berlin), Zeitgenössische feministische Raumpraxis, Nr. 246 (Februar 2022): 176–81.
- 4Vgl. Noa K. Ha, „Zur Kolonialität des Städtischen“, in Decolonize the City! zur Kolonialität der Stadt - Gespräche, Aushandlungen, Perspektiven, 1. Auflage, hg. von Zwischenraum-Kollektiv (Münster: UNRAST Verlag, 2017), 75–87.
- 5Vgl. Hamidou Maurice Bouguerra, Hrsg., „Rassistische Stigmatisierung von (post)-migrantischen Stadtteilen als soziale Brennpunkte – Über den sozial-räumlichen Wert ethnischer Kolonien für die (Stadt)-Gesellschaft“, in Stadt und Rassismus: Analysen und Perspektiven für eine antirassistische Urbanität (Erscheinungsort nicht ermittelbar: Unrast Verlag, 2021), 95–111.
- 6Vgl. Kim Ha Tran, „Über fehlende Zugänge in der Architektur“, Stadt Bauwelt, Stadt und Rassimus, Bd. 236, Nr. 26.2022 (Dezember 2022): 22–25.
- 7Im Unterschied zur üblichen Schreibweise wird in diesem Beitrag „Alle“ groß geschrieben, um deutlich zu machen, dass sich die Beschreibung aller nicht in einer egalisierenden Zusammenfassung leisten lässt, sondern eine Summe von Individuen umfasst, die sich voneinander in vielen Aspekten unterscheiden.
- 8Vgl. Karin Hartmann, „Unlearn Architektur“, in Unlearn Patriarchy 2, 1. Auflage (Berlin: Ullstein, 2024), 39.
- 9Dieser Abschnitt basiert auf autoethnografischen Reflexionen der Tätigkeit der Autorin im Projekt Quartier:PLUS.
- 10Vgl. Kimberle Crenshaw, „Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics“, University of Chicago Legal Forum, Nr. Issue 1, Article 8 (1989), https://chicagounbound.uchicago.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1052&context=uclf
- 11Vgl. Hanna Noller und Ayat Tarik, „The Importance of Multi-Roles and Code-Switching in Living Labs“, Buildings and Cities 6, Nr. 1 (November 2025): 952–68, https://doi.org/10.5334/bc.616