Der Begriff der Heimat hat in Krisenzeiten Konjunktur – meist allerdings als ein nostalgisches oder sogar reaktionäres Konzept. Damit könnte sich die Krise der Demokratie verschärfen. Wendet man den Heimatbegriff so, dass er in die Zukunft weist, könnte er ein Mittel gegen die Krise sein, die seine Konjunktur begünstigte.
Der Heimatbegriff kommt meist etwas verstaubt daher. Er scheint in einem Dilemma zwischen ländlichem Kitsch und konservativer Vereinnahmung gefangen zu sein – ganz zu schweigen von seiner Nutzung in rechtsextremen Erzählungen. Der professioneller Diskurs meidet den Begriff daher weitestgehend, um ja nicht den Anschein zu erwecken, rechte Konnotationen über seine Benutzung heraufzubeschwören. Doch genau hier liegt eine Gefahr: Den Begriff nicht zu verwenden, spielt den rechten Kräften in die Karten, die ihn unter der Prämisse einer ethnischen Exklusivität und Ungleichheit zur Legitimation eigener Narrative vereinnahmen. Unter Diskreditierung der Gegenwart bemüht konservative und rechtspopulistische Rhetorik ein Vokabular, das Vergangenes verteidigt und wiederherzustellen verspricht. Vorschlägen zur solidarischen und demokratischen Gestaltung der Zukunft wird damit das Misstrauen ausgesprochen.Aus Heimat wird Beheimatung
Diesen Gedanken bestätigt die Zwickauer Professorin für Pädagogische Psychologie, Beate Mitzscherlich, die Prozesshaftigkeit und Handeln in Bezug auf einen „als Heimat betrachteten oder zur Heimat zu machenden Raum“ betont. 4 Alltagspraktiken der Beheimatung könnten demnach zur Bewältigung der aktuellen Krise der Demokratie beitragen, ja sogar „Demokratie demokratisieren“, wie es Gabu Heindl benennt. 5 Die damit verbundene Emanzipation von der Retrospektive befähigt das Individuum in der Beheimatung zur Teilhabe und Gestaltung. Einem gesellschaftlichem Wandel würde damit Vorschub geleistet, Deren Beschränkung durch strukturelle und systemische Zwänge kann Beheimatung überwinden: „Heimat“ könnte als Summe alltäglicher Handlungen eine emanzipatorische, gar revolutionäre, Praxis sein.
Heimat Realism
Gemeinsam graben sie den zarten Denk- und Gehversuchen einer solidarischen und inklusiven Organisation des Zusammenlebens das Wasser ab. Das Spektakel stärkt die ohnehin schon dominanten Machtinteressen und verhindert damit Bestrebungen, es zu unterminieren. Werden Vorstellungen anderer Wirtschaftssysteme als dem des Kapitalismus, wie sie Mark Fisher in „Capitalist Realism“ beschrieben hat, unterdrückt, werden auch alternative Formen des menschliche Zusammenleben und neue Alltagspraktiken kaum noch denkbar. 7
Betäubt damit die Allgegenwärtigkeit des Spektakels das menschliche Bedürfnis nach Beheimatung, weil das von Lefebvre benannte Bedürfnisses nach schöpferischer Tätigkeit unterdrückt wird?
Beheimatung durch transformatives Alltagsleben
Helen Hesters These des „Domestic Realism“, die auf „Capitalist Realism“ aufbaut, schlug in eine ähnliche Kerbe. Sie sieht in der Emanzipation von traditionellen häuslichen Komponenten des menschlichen Zusammenlebens den Ausgangspunkt alternativer Zukunftsvorstellungen. 8 Bei Hesters ist das Begehren anderer Formen des Wohnens die Voraussetzung dafür, sie sich konkret vorstellen zu können, genauso sollte dem Recht auf Stadt ein Recht auf Beheimatung vorausgehen; das Recht, sich durch Alltagspraktiken zu beheimaten. Erst durch subjektive und emanzipierende Standortbestimmungen kann die für das Recht auf Stadt notwendige Differenz zwischen Individuum einerseits und Forderungen der Gemeinschaft andererseits – also das Recht auf Anerkennung von Individualität – zutage treten und Gemeinschaft bereichern. Die revolutionäre Kraft der Beheimatung würde dann in der Erfahrung von Selbstwirksamkeit und der Unmittelbarkeit liegen – vorerst unabhängig vom Ort.
Doch wie?
Die Disziplinen der Architektur und des Städtebaus stehen in der Verantwortung, Beheimatung im Gebauten zu ermöglichen. Denn Alltag bedarf eines Raumes der Aushandlung. An welchen Orten schlägt sich die Differenz der Stadt in Teilhabe und Gestaltung, die Beheimatung in demokratiefördernden Prozessen nieder? Es braucht öffentliche Räume, in denen wir uns als Gesellschaft reiben, Diskussionen aushalten und austragen, wo wir in einen konstruktiven Austausch untereinander treten können, um Demokratie zu stärken. Martina Baum und Markus Vogl machen mit dem Typus des Täglich dazu einen Vorschlag – ein öffentliches und inklusives Gebäude der Interaktion, der Debatte und der Stadtproduktion, das durch sein Angebot die Emanzipation von Konsumierenden zu Gestaltenden fördern soll. (10) Die Qualität eines solchen Angebotes entscheidet sich schlussendlich an seiner Zugänglichkeit. Dabei ist nicht zu vergessen: Die Qualität des „sich Beheimatens“ ist abhängig von der Art und Weise, wie wir Menschen um uns herum begegnen: Es muss das Fundament einer Demokratie sein, einander mit Empathie, Toleranz, Verantwortungsbewusstsein, Solidarität und Respekt zu begegnen.
Zwar braucht es Blochs kollektives Ziels der Utopie, doch er schiebt nach: „Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch.“ 10 Ihm gelingt es, menschlichen Wunschvorstellungen im Alltag nachzuspüren, ihnen Raum und Zeit zu geben und damit der Prospektive im Jetzt zur Manifestation zu verhelfen.
Damit kann dem Zielbild Heimat, weil es so menschlich und nahbar ist, eine Kraft erwachsen, die aus der Individualität heraus ein solidarisches und inklusives Miteinander im Alltag befördert. Unmissverständlich muss es damit als Ordnungsgröße in die demokratische Teilhabe integriert werden, damit Pluralität und Prozessualität von Heimat anerkannt werden kann. Jene beiden Parameter sind unter demokratischen Vorzeichen unverhandelbar und bedeuten, dass Heimat nach einer ständigen Herstellung, emotionalen Besetzung und Reflexion verlangt: Damit wird sie zur immerwährenden gesellschaftlichen Handlung, zur unendlichen Aufgabe und Handlungsmaxime der Gegenwart erhoben. In diesem Sinne vermögen eine revolutionäre Emanzipation und emanzipatorische Revolution des Alltagslebens die Öffentlichkeit über die Einmischung in sich selbst zu verändern und die Demokratie zu demokratisieren – still und leise, aus dem Kleinen, Großes wollend.
Dem Essay liegt meine Masterthesis zugrunde, die 2025 an der Universität Stuttgart bei Prof. Dr. Martina Baum und Prof. Sybil Kohl entstanden ist. Dabei wuchs die Arbeit vor dem Hintergrund einer biographischen Auseinandersetzung mit meinem „Heimatdorf“, dem ich trotz einer wechselseitigen Ablehnung durch das Queer-Sein den Willen nach Beheimatung abtrotzte. Die ausgewählten Bilder sind Ausschnitte aus zu Fotoessays verarbeiteten Streifzügen. CN
(11) Rainer E. Zimmermann (Hrsg.): Ernst Bloch - Das Prinzip Hoffnung, Berlin 2016, S. 381
- 1Rainer E. Zimmermann (Hrsg.): Ernst Bloch - Das Prinzip Hoffnung, Berlin 2016, S. 381
- 2nach Henri Lefebvre, Christoph Schäfer: Das Recht auf Stadt, Hamburg 2016
- 3Henri Lefebvre, Christoph Schäfer: Das Recht auf Stadt, Hamburg 2016, S.149
- 4Beate Mitzscherlich: Heimat als subjektive Konstrukton, 2019, S.189
- 5Gabu Heindl: Stadtkonflikte: Radikale Demokratie in Architektur und Stadtplanung, Wien 2022, S.13
- 6nach Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels, Berlin 1996. (Erstveröffentlichung Paris 1967). Debord beschreibt das Spektakel als die Selbstherrschaft der Warenwirtschaft im Kapitalismus.
- 7nach Mark Fisher: Capitalist Realism, New York 2022
- 8Helen Hester: Promethean Labors and Domestic Realism, in: e-flux Architecture, 2017
- 9Theodor Heuss: Erziehung zur Demokratie, in: Nachrichtenblatt der Militärregierung für den Stadtkreis Stuttgart, 18.10.1945.
- 10Martina Baum, Markus Vogl: Täglich, Weimar 2022