Ein Blick in die Geschichtsbücher von Architektur und Städtebau zeigt, dass es nicht an Ideen und Vorstellungen mangelt, wie „richtige“ Stadt oder „ideale“ Architektur auszusehen habe. Doch in der Realität bleiben nur Versatzstücke, Unvollständiges zurück. Daran zeigt sich, wie wenig Architekt:innen von den Herstellungsbedingungen der Räume verstehen, in denen sie arbeiten. Es scheint, als fürchteten sie sich, dass es ihre Kompetenz beschneiden würde, wenn sie Aushandlungsprozesse und gewachsene, stabile, großräumige Strukturen berücksichtigten. Das Gegenteil ist der Fall.
Vergessen wird, dass Städtebau gesellschaftlich mitgetragen werden muss, denn Städtebau ist immer auch Gesellschaft und umgekehrt. 2 Um an der Stadt von heute mitarbeiten zu können, muss es den Fachleuten aus Architektur und Städtebau gelingen, eine Verbindung zu den alltäglichen Interessen, Bedürfnissen und Bedingtheiten herzustellen.
Das ist keine neue Erkenntnis. Camillo Sitte hält bereits um 1889 fest: „Sowohl das moderne Leben als auch die moderne Technik des Bauens lassen eine getreue Nachahmung alter Stadtanlagen nicht mehr zu, eine Erkenntnis, der wir uns nicht verschließen können, ohne in unfruchtbare Phantasterei zu verfallen. […]; nur wenn wir prüfen, worin das Wesentliche dieser Leistungen besteht und wenn es uns gelingt, das bedeutungsvoll auch auf die modernen Verhältnisse anzuwenden, kann es gelingen, dem scheinbar unfruchtbar gewordenen Boden eine blühende Saat abzugewinnen.“ 3
Die Stadt des Alltags und die Rolle der Architekt:innen
Raum(infra)strukturen als wichtige Verbündete
Das wohl bekannteste Beispiel solcher morphologischer Untersuchungen in der Architekturgeschichte ist die Stadt Florenz. Noch heute lassen sich Handelswege und Stadtbefestigungen bis hin zum überformten Amphitheater aus der Zeit der Römer am Stadtkörper des historischen Zentrums ablesen, ebenso außerhalb gelegene Entwässerungsstrukturen, die einst von den Römern zur Trockenlegung der Poebene angelegt worden sind. Hier zeigt sich, in den Worten des Architekturhistorikers Sylvain Malfroy, eine „Präsenz der Dinge“, welche Form und Gestalt der Stadt von heute maßgeblich mitprägt. 8
Strukturen überdauern den gesellschaftlichen Wandel jedoch nicht aufgrund bloßer Historizität, sondern weil stetig neue gesellschaftliche Interessen in sie eingeschrieben werden können. Flüsse etwa werden befestigt, um Naturgefahren vorzubeugen, Sümpfe trockengelegt, um fruchtbares Land zu gewinnen, Wohn- und Ökonomiegebäude der kurzen Wege halber direkt an den Handelswegen errichtet, Bestandsbauten umgenutzt und erweitert. Die Entwicklung von immer leistungsfähigeren Transportmitteln führt dazu, dass Wegenetze weiter ausgebaut werden. Aufgrund solcher gesellschaftlicher Einschreibungen sind Raum(infra)strukturen unverrückbar geworden, weil sie immer auch Formen gesellschaftlicher Strukturen sind, was sie zu wichtigen Verbündeten in der städtebaulichen Praxis macht. 9 Hinzu kommt: Da Menschen biografische Bindungen zum Raum entwickeln und Raum Teilidentitäten des Menschen mitbestimmt, schaffen überdauernde Raumstrukturen gemeinsame, integrierende Bezugspunkte und verbinden auch Generationen von Menschen untereinander. Gleichzeitig sind ebendiese Raum(infra)strukturen funktionalräumlich bestimmt, reichen über Grenzen hinweg, setzen unterschiedlichste Gebiete zueinander in Beziehung. Und sind damit Antwort auf die großen Defizite städtebaulicher Praxis, die insbesondere den parzellen- und grenzüberschreitenden, funktionalräumlichen Maßstab, aber auch die Beziehung von Menschen zu ihrem unmittelbaren baulichen Umfeld zu wenig berücksichtigt.
Zwei Beispiele
Emscher Park und Ouest lausannois sind dabei Stadtentwicklungen, bei denen städtebauliche Vorstellungen über Jahrzehnte hinweg aufrechterhalten werden müssen, um konkrete Resultate nach sich zu ziehen. Entsprechend wichtig ist die Resilienz der Planungen. Entsprechend wichtig ist die Resilienz der Planungen. Deswegen sollten städtebauliche Konzeptionen, die zuvor beschriebenen räumlichen und damit auch gesellschaftlichen Eigenarten in das städtebauliche Grundgerüst aufnehmen. So schaffen sie einen robusten räumlichen Rahmen für die Dynamik der Stadtentwicklung. Aus einer Formursache räumlicher Strukturen resultiert hier also auch eine Wirkursache. Das bedeutet jedoch nicht, den Status quo zu reproduzieren. Im Gegenteil.
Relationales Entwerfen als Arbeiten am Ort
Über das relationale Entwerfen, das Entwerfen in Bezügen, lassen sich so also Beziehungen unterschiedlicher Interessen und Notwendigkeiten herstellen, ohne dass dabei das Wissen von Architektur und Städtebau in Mitleidenschaft gezogen wird. 13 Ein solches relationales Entwerfen stellt denn auch die intellektuelle wie handwerkliche Fähigkeit der Architekt:innen in den Vordergrund, Leistungen, die es – anstelle der vielbeschworenen architektonischen Autonomie – in die Waagschale zu werfen gilt.
Städtebau der Assoziationen als Arbeiten vor Ort
Nichtsdestotrotz offenbart sich in diesem Zusammenhang ein weiteres städtebauliches Defizit alltäglicher Aushandlungsprozesse: Im Alltag der Entscheidungsfindung werden andere Kriterien priorisiert als in Planungsbüros. Denn bei Entscheidungsträgern stehen nicht abstrakte städtebauliche Ideen an vorderster Stelle, sondern persönliche, individuelle Interessen und Ziele wie Funktionalität, Kosten, Lage, Erschließung, wobei sich die Entscheidungsträger:innen umgekehrt der Auswirkungen ihrer Entscheidungen auf den Raum meist nicht bewusst sind. 17 Für zukunftsfähigen Städtebau aber müssen diese stetig im Auge behalten und berücksichtigt werden. Und darum ist und bleibt ein Arbeiten der Planenden vor Ort innerhalb gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse zwingend erforderlich.
Mit jedem neuen Akteur, jeder neuen Akteurin, der oder die so eingebunden werden kann, verdichtet sich eine Stadtvorstellung – wird zur Stadtwirklichkeit. In diesem Sinne handelt es sich um einen Städtebau innerhalb gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse, in Echtzeit, vor Ort und mit einer städtebaulichen Absicht als Orientierung – oder, wie Pierre Feddersen es ausdrückt: „Man muss dranbleiben und die Idee immer wieder erklären.“ 18
Hier zeigt sich ein „Städtebau der Assoziationen“, der sich nicht in einem Kampf um Alternativen erschöpft, sondern gemeinsames Arbeiten ebenso wie das Einbringen jeweils spezifischer Kompetenzen vor Ort erfordert. 19 Ein Städtebau, der sich bestehender gesellschaftlicher und räumlicher Eigenarten und kultureller Bedingtheiten bewusst ist und sich diese zunutze macht, um die Realisierungschancen lokal-spezifisch entwickelter und damit zukunftsfähiger Stadtvorstellungen zu verbessern. 20
(2)[sta_anchor id="23"] Vgl. Stefan Kurath, „Realismus hinzufügen. Zur Überwindung der Dauerkrise in Städtebau und Stadtentwicklung“, in: Andri Gerber und Stefan Kurath (Hg.), „Stadt“ gibt es nicht! Unbestimmtheit als Programm in Architektur und Städtebau, DOM publishers, Berlin 2016, S. 177–197.
- 1Von Stadtgründungen in nicht demokratischen Staaten etc. abgesehen. Da ist das Machtverhältnis ein anderes.
- 2Angelus Eisinger, Städte Bauen. Städtebau und Stadtentwicklung in der Schweiz 1940–1970, gta Verlag, Zürich 2004, S. 280.
- 3Camillo Sitte, „Der Städtebau in seinen künstlerischen Grundsätzen“, Birkhäuser, Basel 2002, S. 14 (Erstauflage 1889).
- 4Vgl. Bruno Latour, Das Parlament der Dinge. Für eine politische Ökologie, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001, S. 296.
- 5Matthias Gross, „Kollektive Experimente im gesellschaftlichen Labor – Bruno Latours tastende Neuordnung des Sozialen“, in: Martin Voss und Birgit Peuker, Verschwindet die Natur? Die Akteur-Netzwerk-Theorie in der umweltsoziologischen Diskussion, transcript, Bielefeld 2006, S. 165–181.
- 6Stefan Kurath, Stadtlandschaften Entwerfen? Grenzen und Chancen der Planung im Spiegel der städtebaulichen Praxis, transcript, Bielefeld 2011, S. 445.
- 7Vgl. Eisinger 2004 (wie Anm. 3); vgl. Kurath 2011 (wie Anm. 6)
- 8Sylvain Malfroy und Gianfranco Caniggia, Die morphologische Betrachtungsweise von Stadt und Territorium, Triest Verlag, Zürich 2018, S. 50.
- 9Martina Löw, Raumsoziologie, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001, S. 226.
- 10Lorette Coen (Hg.), Im Westen die Zukunft, infolio, Gollion 2012, S. 76.
- 11Gespräch mit Pierre Feddersen am 11. Dezember 2020.
- 12Pierre Feddersen anlässlich eines Vortrages organisiert durch die Zürcher Studiengesellschaft für Bau und Verkehrsfragen, ZBV, 16. Januar 2013, online >>>
- 13Kurath 2011 (wie Anm. 6), S. 545.
- 14Ebd., S. 443; Rossi (2015): Aldo Rossi, Wissenschaftliche Selbstbiografie, Park Books, Zürich 2015, S. 19.
- 15Stefan Kurath, „Mitwirkungen durch Architektur – oder ein Missverständnis mit fatalen Auswirkungen“, in: Andreas Jud, Philippe Koch (Hg.), Bauen ist Weiterbauen. Lucius Burckhardts Auseinandersetzung mit Architektur, Zürich: Triest 2012, S. 103-104.
- 16Andri Gerber und Stefan Kurath, „Vom Spiegelei zum Rührei“, DU 904, Dezember 2020, S. 18–21.
- 17Angelus Eisinger, „Herausforderungen und Entwicklungsperspektiven für das Stadtland Schweiz“, in: Angelus Eisinger und Michel Schneider (Hg.), Stadtland Schweiz, Birkhäuser, Basel 2003, S. 392.
- 18Ruedi Weidmann im Interview mit Pierre Feddersen, „Kann aus der wirren Vielfalt Stadt werden?“, Tec21, 47, 2012, S. 25.
- 19Vgl. Latour 2001 (wie Anm. 5), S. 289.
- 20Kurath 2011 (wie Anm. 6), S. 537.