Klaus Humpert in Badenweiler, 2019 (Bild: Wilfried Dechau)
Klaus Humpert in Badenweiler, 2019 (Bild: Wilfried Dechau)
Nach der Hochschulreife, die Klaus Humpert am Kolleg St. Blasien erwarb, zog es ihn in den frühen 1950er Jahren zum Studium an die TH Karlsruhe, wo er unter anderem bei Egon Eiermann und Otto Ernst Schweizer studierte – Lehrern, die zwischen der Erfahrungswelt der Menschen und der Rationalität des Funktionalismus vermitteln konnten. Geprägt von einer Ernsthaftigkeit und Wahrhaftigkeit, die vielleicht nur eine Generation aufbringen konnte, die Krieg und Zerstörungen ganz unmittelbar erfahren musste, begeisterte er sich für die Aufbruchsstimmung der Nachkriegsmoderne und konnte schon bald seinen eigenen baulichen Beitrag leisten.
Badenweiler, Kurhaus (Bild: PantaRhei, CC BY SA 4.0, 2018)
Badenweiler, Kurhaus (Bild: PantaRhei, CC BY SA 4.0, 2018)
Die Wahrheit der Stadt
Der Ruf an die Universität Stuttgart, wo er als Nachfolger von Egbert Kossak die Professur Stadtplanung und Entwerfen am Städtebau-Institut antrat, bot Humpert allerbeste Möglichkeiten, dem widersprüchlichen Verhältnis von Moderne und Urbanität auf den Grund zu gehen und die gewonnenen Einsichten weiterzugeben. Mit seiner Berufung wandte sich die Städtebaulehre an der Fakultät wieder stärker den räumlichen Dimensionen der Stadt zu. Die großen Modelle, an denen er mit den Studierenden – nicht selten bis in die Nacht hinein – auf den Fluren des Kollegiengebäudes diskutierte, waren Teil eines großen Experiments, das man wohl am besten mit dem Begriff „forschendes Entwerfen“ charakterisieren kann. Die projektierten Stadträume mussten sich immer messen lassen an der konkreten Stadterfahrung. Auf Stadterkundigungen und Exkursionen, zu Fuß und mit dem Fahrrad, suchte Humpert mit seinen Studierenden nach kulturellen Einflüssen und anthropogenen Konstanten im Verhältnis der Menschen zur gebauten Stadt.
2007 bei der Edition esefeld & traub erschienen: Laufspuren
2007 bei der Edition esefeld & traub erschienen: Laufspuren
Klaus Humpert diagnostizierte den Widerspruch zwischen den ständig heruntergebeteten Prinzipen der Europäischen Stadt – Kompaktheit und Dichte, Mischung und soziale Vielfalt – und der Wirklichkeit der Stadtentwicklung. Demgegenüber stand die Erfahrung, dass europäische Städte an ihren Rändern ausfransen, je stärker sie wachsen. Konterkariert nicht bereits der Wunsch, landschaftsnah zu wohnen, die klassischen Planungsprinzipien? Umso mehr überraschte ihn, dass er auf Reisen in die dynamisch wachsenden außereuropäischen Agglomerationen Zeuge informeller Stadtwerdung wurde, die – wie etwa in Nezahualcóyotl, dem im Selbstbau entstandenen Millionenvorort von Mexiko-Stadt – nutzungsgemischte, urbane Quartiere und urbane Kerne hervorbrachte.
Mit seinen Studierenden war Klaus Humpert gleichzeitig als Lehrer und Lernender unterwegs. Es gelang ihm, seine permanente Suche nach Urbanität in eine außergewöhnlich faszinierende Lehre umzusetzen – mit einer intuitiven Pädagogik und einer besonderen Fähigkeit zum ungewöhnlichen Blick auf den Forschungsgegenstand „Stadt“. Spielerisch gelang es ihm, in den Studierenden Begeisterung für lebenswerte Städte zu wecken und ihnen zu vermitteln, wie urbane Räume funktionieren. Weil er Themen früh erkannte, deren Bedeutung erst später zum Allgemeingut wurde, konnte er Studierende zum Entdecken neuer Themen in der Stadtentwicklung motivieren. So entstanden an seinem Lehrstuhl die ersten Entwürfe zur Konversion der riesigen Gleisflächen vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof, einige Zeit bevor diese Planungsaufgabe als Stuttgart 21 Furore machte.
Sein Lehrkonzept, das „Stadtlesen“ und „Entwerfen mit den Bausteinen der Stadt“ ins Zentrum rückte, wurde schulbildend. Viele seiner Absolventen, die an verantwortlicher Stelle in kommunalen Planungsämtern, an Hochschulen oder in freien Büros tätig sind, bezeichnen sich ausdrücklich als Humpert-Schüler.
Forschung und Praxis
Heruasgegeben mit Klaus Brenner und Sibylle Becker: Fundamental Principles of Urban Growth. Müller + Busmann, Wuppertal 2002
Heruasgegeben mit Klaus Brenner und Sibylle Becker: Fundamental Principles of Urban Growth. Müller + Busmann, Wuppertal 2002
Erschien 2001: Klaus Humpert und Martin Schenk: Entdeckung der mittelalterlichen Stadtplanung. Das Ende vom Mythos der gewachsenen Stadt, Theiss, Stuttgart 2001
Erschien 2001: Klaus Humpert und Martin Schenk: Entdeckung der mittelalterlichen Stadtplanung. Das Ende vom Mythos der gewachsenen Stadt, Theiss, Stuttgart 2001
Sein gewinnendes Wesen, gepaart mit klaren Vorstellungen über die Architekturlehre, machte Klaus Humpert zu einem erfolgreichen Dekan an der Fakultät 1 in Stuttgart. Mit Verhandlungsgeschick legte er den Grundstein für eine von Konsens getragene Struktur des Studiums und der Organisation der Institute, die auch heute – in schwierigeren Zeiten – noch nachwirkt und beflügelt. In Gesprächen mit dem Wissenschaftsministerium und dem Rektorat setzte er eine ausgezeichnete Ausstattung mit studentischen Arbeitsplätzen durch. Die hohe Erfolgsquote der Absolventen geht bis heute auf das „Lernen voneinander“ in gut ausgestatteten Studios zurück.
Humperts Dekanat steht auch für die Einrichtung des Fachgebiets „Städtebau in Asien, Afrika und Lateinamerika“, heute „Internationaler Städtebau“, mit dem sich die Fakultät international öffnete. Als Ausdruck für sein vorbildlich gelebtes, integriertes Aufgabenverständnis an der Fakultät steht die unter seiner Ägide vollzogene Änderung des Namens in „Fakultät 1 Architektur und Stadtplanung“. Er, der gelernte Architekt, vermochte die Professorenkolleg*innen zu überzeugen, dass nicht jeder, der eine gute Türklinke entwerfen kann, die Befähigung zum Entwurf eines lebendigen Stadtquartiers oder eines Stadtplatzes hat, sondern dass der qualifizierte Um- und Weiterbau der Stadt auf ein Studium der Anatomie des Städtischen gründen müsse.
In wechselnden Arbeitsgemeinschaften mit meist jungen Kollegen stellte sich Klaus Humpert immer wieder der städtebaulichen Praxis, arbeitete an Konzepten für den öffentlichen Raum und an städtebaulichen Rahmenplänen – so zum Beispiel für Ludwigsburg oder Krefeld. In Krefeld erinnert man sich gerade im aktuellen Diskurs über das Innenstadtkonzept an Humperts Worte, dass man sich zwar keiner herausragenden Baudenkmale rühmen könne, aber der über mehrere Epochen entstandene Stadtgrundriss das alles überragende Monument Krefelds sei.
Uni-Campus Westend in Frankfurt. Hinter dem Poelzig-Bau entstanden nach dem Masterplan von Ferdinand Heide neue Gebäude der Goethe-Uni; der Wettbewerb dazu war 2002. (Bild: CC BY SA 3.0, Goethe-Uni)
Uni-Campus Westend in Frankfurt. Hinter dem Poelzig-Bau entstanden nach dem Masterplan von Ferdinand Heide neue Gebäude der Goethe-Uni; der Wettbewerb dazu war 2002. (Bild: CC BY SA 3.0, Goethe-Uni)
Der Preisrichter
Juriert hat er nicht nur städtebauliche Projekte wie die Entwicklung des Stuttgarter Bahnhofsquartiers, das Bielefelder Universitätsviertel Hof Hallau oder den Campus Westend in Frankfurt, sondern auch öffentliche Räume wie den Wiesbadener Bahnhofsplatz oder die deutsch-französische Landesgartenschau in Kehl/Straßburg sowie eine Vielzahl Stadtbild prägender Wohn- und Gewerbebauten wie das Regensburger Kultur- und Kongresszentrum oder der Neubau des Terminals 3 am Flughafen Frankfurt.
Mit Leidenschaft trat er dafür ein, dass Neubauten Wege in der Stadt nicht unterbrechen, sondern begleiten, selbst dort, wo es nur schwer umzusetzen war, wie beim Bank- und Verwaltungszentrum LBBW am Stuttgarter Hauptbahnhof. Besonders wichtig war ihm der neue Stuttgarter Hauptbahnhof, weil mit dem Projekt Christoph Ingenhovens eine in seinen Augen geniale lichtführende Konstruktion Frei Ottos in Stuttgart verwirklicht werden konnte. Da war Klaus Humpert wieder ganz Architekt.
Im Diskurs zur Planungs- und Baupolitik in Freiburg meldete er sich auch nach seiner Emeritierung wieder zu Wort. So, als er den Siegerentwurf im Wettbewerb für den Platz der Alten Synagoge vehement gegen den Wunsch nach „allgemeiner Verwaldung“ verteidigte. Stand Humpert hier konsequent hinter der städtischen Planung, so wandte er sich entschieden gegen die Entwicklung des Dietenbachgeländes zum neuen Stadtquartier. Er war der Meinung, dass die bis 2030 benötigten Wohnungen schneller und kostengünstiger auf dem stadteigenen Rieselfeld zu verwirklichen seien als am Dietenbach mit seinem 380 Eigentümern. So blieb er auch als Pensionär ein streitbarer Stadtbürger in seiner Heimatstadt.
Klaus Humpert (Bild: Wilfried Dechau)
Klaus Humpert (Bild: Wilfried Dechau)
Mit Klaus Humpert, der am 10. Oktober 2020 in Freiburg gestorben ist, haben wir einen Lehrer, Kollegen und Freund verloren, der sich lebenslang mit inspirierender Leidenschaft und Kraft für humane, urbane Städte eingesetzt hat. „Die Wahrheit der Stadt“, schrieb der amerikanische Architekturhistoriker Spiro Kostof einmal, „liegt in der Veränderung“. In Klaus Humperts Werk hat dieses Theorem seinen besten Ausdruck gefunden.