In einem exakt kontrollierten Klima wachsen Gemüse, Obst und Kräuter das ganze Jahr über im Gewächshaus, unabhängig von Wetter und Jahreszeit. (Standbild © Kurzfilm „How Does Food Enter the City?“, TUM Masterprojekt „About Food and Spaces. Exhibit Design“ zusammen mit Nicole Humiński und Nikolai Huber)
In einem exakt kontrollierten Klima wachsen Gemüse, Obst und Kräuter das ganze Jahr über im Gewächshaus, unabhängig von Wetter und Jahreszeit. (Standbild © Kurzfilm „How Does Food Enter the City?“, TUM Masterprojekt „About Food and Spaces. Exhibit Design“ zusammen mit Nicole Humiński und Nikolai Huber)
Ob Milchviehwirtschaft, Gemüseanbau oder Fischfang: Durch die globale Nahrungsmittelproduktion haben sich weltweit Landschaften, Infrastrukturen und Gebäude stark verändert – mit gravierenden Folgen für Natur und Gesellschaft. Im Architekturmuseum der TU in München macht die Ausstellung „Convivium – Nahrungssysteme am Limit“ anhand der gestalteten Umwelt sichtbar, welchen Herausforderungen wir uns zu stellen haben. Und wie gutes Essen für alle möglich wäre.
Seit einigen Jahren praktiziere ich die fünf Betrachtungen des achtsamen Essens und damit das „tiefe Schauen“ der buddhistischen Praxis nach Thich Nhat Hanh. Dazu gehört, dass ich der Erde und dem Universum für das Essen und allen Lebewesen, deren harter Arbeit ich es zu verdanken habe, danke. Wenn ich so auf meinen Teller schaue, dann fehlt es mir und uns hier im globalen Westen an nichts. Wir verfügen während des ganzen Jahres dank der modernen Lebensmittelproduktion über eine große Vielfalt an Lebensmitteln. Obwohl wir es wissen, verdrängen wir ganz gut, dass dahinter eine ausbeuterische Praxis steht, die schwerwiegende soziale und ökologische Folgen mit sich bringt – auch, wenn man achtsame Regeln praktiziert und hauptsächlich Bio-Lebensmittel konsumiert. In der Fachwelt nennt man das kognitive Dissonanz.Als nun das Architekturmuseum der TUM in der Neuen Sammlung der Pinakothek der Moderne in München Anfang des Jahres ankündigte, sich dem Thema der globalen Lebensmittelproduktion mit der Ausstellung „Convivium – Nahrungssysteme am Limit“ zu widmen, wusste ich sofort: Diese Ausstellung muss ich besuchen. Gleichzeitig war mir klar, dass es ein schwerer Gang werden würde, denn man wird unweigerlich auch sein eigenes Verhalten hinterfragen. Was gibt es Persönlicheres an Konsum als unser tägliches Essen?
Rechts: Junge Pflanzen werden für das Eintopfen in die Hängebeete vorbereitet, Parsdorf, Deutschland. (Bild © Jan Müller)
Lebensmittelproduktion und Architektur?
Nun kann man sich zurecht fragen, ob Gewächshäuser und Kuhställe Themen sind, die Architekt:innen und damit das Architekturmuseum etwas angehen. Die Kurator:innen geben darauf Antwort: Es gehe ihnen „weniger um die Gebäude selbst – auch wenn Gewächshäuser, Bauernhöfe, Kuhställe etc. behandelt werden – als vielmehr um die Analyse der sie verbindenden Grundlagen, Zusammenhänge, Grenzen und Gefahren.“ Ziel sei es, die zentralen Herausforderungen der Lebensmittelproduktion anhand der Gebäude, Infrastrukturen, Landschafts- sowie Stadtentwicklungen sichtbar zu machen. Die Ausstellung bewegt sich an den Schnittstellen zwischen Ökologie, Kultur, Gesellschaft, Wissenschaft, Politik und Ökonomie und untersucht die komplexen Netzwerke von Handelsrouten, Arbeitsbedingungen und Technologien anhand gebauter Strukturen.
Im Folgenden werde ich mich exemplarisch auf wenige Themen konzentrieren: die Gewächshäuser in den Niederlanden, was Lachs und Tomate miteinander zu tun haben sowie die Milchviehwirtschaft. Dabei habe ich mich von folgenden Fragen leiten lassen: Was bleibt von den präsentierten Informationen hängen, was habe ich gelernt, was hat mich erstaunt beziehungsweise emotional berührt?
Top-Modell Venlo-Gewächshaus
Außenansicht, Schnitt und Rauchabzugsplan eines niederländischen Anbaugewächshauses, Tafel in Pieter de la Court van der Voort, Byzondere aenmerkingen (Leiden, 1737), Sondersammlungen, Universitätsbibliothek Utrecht
Außenansicht, Schnitt und Rauchabzugsplan eines niederländischen Anbaugewächshauses, Tafel in Pieter de la Court van der Voort, Byzondere aenmerkingen (Leiden, 1737), Sondersammlungen, Universitätsbibliothek Utrecht
Die ausgeklügelte Technologie hinter Gewächshäusern macht dem normalen, natürlichen Anbau Konkurrenz – hier im Bayer Forward Farming-Demonstrationsgewächshaus „De Ruiter Experience Center”, Bleiswijk, Niederlande (Bild © Johannes Schwartz)
Die ausgeklügelte Technologie hinter Gewächshäusern macht dem normalen, natürlichen Anbau Konkurrenz – hier im Bayer Forward Farming-Demonstrationsgewächshaus „De Ruiter Experience Center”, Bleiswijk, Niederlande (Bild © Johannes Schwartz)
„Westland ist ein gutes Beispiel dafür, wie Stadtrandgebiete zu einem Terrain für aufkommende ‚Technonaturen‘ wurden.“ Víctor Muñoz Sanz und Grace Abou Jaoude 1
Viele Fischer:innen aus Westafrika haben ihre bisherige Arbeit verloren und müssen inzwischen in den Gewächshäusern im spanischen Almería ihr Geld verdienen. Viel ist es nicht. (Bild © Neal Haddaway)
Viele Fischer:innen aus Westafrika haben ihre bisherige Arbeit verloren und müssen inzwischen in den Gewächshäusern im spanischen Almería ihr Geld verdienen. Viel ist es nicht. (Bild © Neal Haddaway)
Tischgemeinschaft im Plastikmeer
Das Tier ist anwesend
Wenn Tiere selbst zu Infrastrukturen werden – hier im rotierenden Melkstand im Dairy Campus Leeuwarden Standbild aus dem Film „The True Type“. (© Nicole Humiński und Víctor Muñoz Sanz. Kamera: Nikolai Huber. Produktion: Andjelka Badnjar, Andres Lepik)
Wenn Tiere selbst zu Infrastrukturen werden – hier im rotierenden Melkstand im Dairy Campus Leeuwarden Standbild aus dem Film „The True Type“. (© Nicole Humiński und Víctor Muñoz Sanz. Kamera: Nikolai Huber. Produktion: Andjelka Badnjar, Andres Lepik)
Der moderne Kuhstall ist ein Paradebeispiel für die zunehmenden Widersprüche und Absurditäten der heutigen Nahrungsproduktion. Milchviehbetrieb De Klaverhof in Moerdijk, Niederlande. (Bild © Johannes Schwartz)
Der moderne Kuhstall ist ein Paradebeispiel für die zunehmenden Widersprüche und Absurditäten der heutigen Nahrungsproduktion. Milchviehbetrieb De Klaverhof in Moerdijk, Niederlande. (Bild © Johannes Schwartz)
Aufklärung statt erhobenem Zeigefinger
Gutes Essen, gutes Leben
Das Konzept „Hinterglobes“ macht die territorialen Abhängigkeiten der Nahrungsproduktion sichtbar – Luftaufnahme der Rinderaufzuchtbetriebe der High Plains. Texas. (Bild © Google Earth, Airbus, Maxar Technologies)
„Ein Umdenken im Verhältnis Stadt und Land wird entscheidend sein, um das Ungleichgewicht in unserer Beziehung zur Natur zu beseitigen.“ Carolyn Steel
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Convivium – Nahrungssysteme am Limit
Convivium – Nahrungssysteme am Limit
Herausgegeben von Andres Lepik und Andjelka Badnjar
Mit Beiträgen von Grace Abou Jaoude, Betina Albrecht, Maximilian Atta, Andjelka Badnjar, Sepp Braun, Giulia Bruno, Jean-Marc Caimi, Niklas Fanelsa, Neal Haddaway, Nikolai Huber, Nicole Huminski, Diego Inglez de Souza, Natalie Judkowsky, Nikos Katsikis, Kees de Klein, Andres Lepik, María D. López Rodríguez, Jan Müller, Víctor Muñoz Sanz, Sofia Nannini, Raj Patel, Valentina Piccinni, Stefan Pielmeier, Olga Pindyuk, Réka Rozsnyói, Tiago Saraiva, Katrin Schneider, Johannes Schwartz, Gent Shehu, Rafael Sousa Santos, Carolyn Steel, Amelie Steffen, Sinan von Stietencron, Dániel Szalai, André Tavares, Mark Titley, Öykü Tok und José Luis Vicente Vicente.
ArchiTangle
, 2026, 58 Euro
- 1Víctor Muñoz Sanz und Grace Abou Jaoude: „Automatisierung in niederländischen Gewächshäusern und neue Lebensmittelproduktion“. In: Convivium – Nahrungssysteme am Limit, 2026, TUM, S. 55
- 2Sofia Nannini und Víctor Muñoz Sanz: „Das materielle und technische System der Rinderhaltung“. In: Convivium – Nahrungssysteme am Limit, 2026, TUM, S. 126
- 3Carolyn Steel: „Das Paradoxon der Nahrungsmittel“. In: Convivium – Nahrungssysteme am Limit, 2026, TUM, S. 42