Wieder geht eine IBA zu Ende, dieses Mal in Thüringen. Sie präsentiert ihr Wirken nun in Apolda im reaktivierten Eiermannbau. Ihr Aufgabenheft war gut gefüllt, und das IBA-Team hat mit bemerkenswertem Elan diese Herausforderung angenommen. Das Ergebnis von zehn Jahren Arbeit ist beeindruckend – und ernüchternd zugleich. Es zeigt, dass uns eine IBA allein nicht mehr weiterhilft, wenn die Bereitschaft fehlt, aus ihr Konsequenzen zu ziehen.
Das Sachbuch des Jahres 2023 ist von Ewald Frie: „Ein Hof und elf Geschwister“. Frie beschreibt den Wandel der Landwirtschaft aus einer persönlichen Perspektive und „die Spannungen, die sich zwischen Stadt und Land entwickelt haben und uns gegenwärtig intensiv beschäftigen“, so das Juryurteil. Die IBA Thüringen, die in diesem Jahr ihre Tätigkeit beenden wird, hat genau dies zum Thema gemacht: die Spannungen zwischen Stadt und Land. „Stadt und Land sind sich ähnlich geworden, gleich sind sie dennoch nicht“ heißt es direkt auf einer langen Tafel am Beginn der Ausstellung, die unter dem Titel »StadtLand. Von Thüringen lernen« zum Abschluss der IBA-Tätigkeit im reaktivierten Eiermannbau in Apolda (bis zum 29. Oktober) zu sehen ist, der selbst eindrucksvolles Exponat ist.Unter dem Titel „Die Menschen ziehen vom Land in die Stadt. Dort träumen sie vom Land“ heißt es weiter: „Entwickelt sich das Verhältnis von Stadt und Land weiter auseinander – Überdruck hier, Unterdruck dort – gibt es Verdruss und Protest. Menschen fühlen sich abgehängt. Lebensqualitäten und Chancen sollen gerecht verteilt sein. Aber wie organisiert man den Alltag in Stadt und Land? Und wo entstehen neue StadtLand Lebensmodelle?“
Das ist das eine Hauptthema dieser IBA: Die neuen Lebensmodelle, die sich erst beschreiben lassen, wenn man die Stadt und das Land nicht mit vermeintlich unverrückbaren, gegensätzlichen Qualitäten ausstattet, sondern die Wechselwirkungen beschreibt, die Landschaft und Land, Landstädte und Landwirtschaft, Infrastruktur, Mobilität, Energie, Versorgung und Stadt miteinander in ein enges Beziehungsgeflecht setzen. Und hier, in diesem Beziehungsgeflecht, eben nicht entweder auf der Stadt oder auf dem Land, sind die Lebensmodelle verortet, die erst dann gestaltbar werden, wenn all die vielfachen Verbindungen zur Kenntnis genommen werden – so erst macht der weite Umgriff der IBA Thüringen Sinn, der auf den ersten Blick an Überforderung grenzt. Energiewende, Mobilitätswende, Werstoffwende: Ein Tableau in der Ausstellung macht sichtbar, wie sehr die Dinge zusammenhängen und es die eine große Wende geben muss, soll das Land eine Zukunft haben.
Die IBA der kleinen Orte
Deswegen geht es auch zentral um die Landwirtschaft, die – siehe Ewald Frie – nicht mehr der Träger des kulturellen und sozialen Selbstverständnisse in der Form ist, wie sie es ein Mal war. Das Vakuum, das bleibt, ist noch nicht wieder gefüllt. Nur noch 1,3 Prozent der Bevölkerung sind in der Land- und Forstwirtschaft tätig, 1950 waren es noch 25. Statt einer Verlusterzählung wird bei der IBA aber die ganzheitlich-räumliche Betrachtung konsequent weiterverfolgt: Die Bauwende brauche die Landwende: „Wo sonst, wenn nicht auf dem Land sollen erneuerbare Energien gewonnen und nachwachsende Rohstoffe geerntet werden?“ Und sie dürfen nicht weit transportiert werden, wenn der Gewinn in der Ökobilanz nicht wieder durch den Transport aufgezehrt werden soll. Alles hängt mit allem zusammen. Eine lediglich als Versorgungsindustrie und Baustofflieferant betriebene Land- und Forstwirtschaft wird dem, was sie leisten kann und leisten muss, nicht mehr gerecht. Die IBA Thüringen macht den Vorschlag, sie einzubinden in eine neue Erzählung von der Region, in der kulturelle Aktivität, soziale Arbeit, Organisationstalent und die praktische Kompetenz zusammenfinden.
Was hat die IBA gemacht?
Man erfährt, wie die IBA mit der Stiftung trias Boden für das Gemeinwohl sichert, wie der Baustoff Holz eingesetzt werden kann, wie er mit computergestützten Methoden verarbeitet werden kann. Vor der Tür steht das IBA Timber Prototype House als Demonstrationsobjekt für neue Fertigungsmethoden im Holzbau. Man erfährt, wie man Bestände wieder aktivieren kann. Es wird anschaulich gemacht, wie Material, das aus alten Häusern geborgen wurde, wiederverwendet werden kann. Der Leerstand ist in Thüringen eine relevante Größe, er heißt im IBA-Sprech Leergut: „Der Gebäudebestand ist Speicher, Lager und graue Energie. Er ist unser kollektives Gedächtnis, ökonomischer Wert, Flächenreserve und Nutzungspotenzial für die Zukunft.“ Expert:innen – Leergut-Agenten – beraten bei der Wiedernutzung von leergefalleneme Bestand mit organisatorischem, bautechnischem, rechtlichem oder finanztechnischem Wissen, im Umgang mit Voreigentümern, Geldgebern und Verwaltung.
Projekte allein sind keine Lösung
Eine IBA, die sich, wie diese, so viel auf die Agenda gesetzt hat, die dazu Wege öffnet, ohne sie alle beschreiten zu können, dafür zu kritisieren, dass sie sich überfordert hat, zeigt vor allem eines: dass wir nicht mehr isoliert einzelne Aspekte zukünftiger Gestaltung des Zusammenlebens und unseres Lebensraums perfektionieren können. Das ist zu wenig. Eine Kritik an einer IBA sorgt letztlich nur dafür, das Versagen im Alltag zu bemänteln: Nicht das, was die IBA sich vorgenommen hat, ist eine Nummer zu groß, sondern die IBA ist für das, was ansteht, ein zu schwaches Instrument – ihre Qualität ist, genau das eindrucksvoll gezeigt zu haben. Die IBA Thüringen ist nun schon die neunte des 21. Jahrhunderts, Wien und der IBA Parkstad eingerechnet, vor 2000 waren es fünf. Es wird uns nicht helfen, eine nächste IBA auszurufen, wie schön und eindrucksvoll auch immer sie gelingen mag. Hat die IBA Heidelberg gezeigt, dass Verwaltung anders agieren können muss, zeigt diese IBA, wie wichtig es ist, Land- und Forstwirtschaft zu transformieren, regionale Vernetzungen in den Blick zu nehmen und zivilgesellschaftliches Engagement zu stützen und zu fördern, die Verbindung von Alltagsbewältigung und Infrastrukturen auf den Prüfstand zu stellen. Sind wir dazu bereit? Oder wollen wir notwendiges Handeln unter dem Deckmantel einer weiteren IBA weiter aufschieben?
IBA Abschlussausstellung ›StadtLand. Von Thüringen lernen‹.
Eiermannbau, Apolda, Auenstraße 11
Bis 29. Oktober.
Weitere Information >>>
Weiteres
Open Air Ausstellung Nordhausen. Bis 29. Oktober
Wanderausstellung ›STADTLAND:Kirche‹, Erfurt , bis 15. August
Begleitendes Rahmenprogramm
unter >>>
Publikationen zur Ausstellung im Finaljahr der IBA Thüringen
IBA Thüringen GmbH (Hg.: StadtLand Projekte. Für eine neue Raumpraxis. M Books, Weimar, 2023
IBA Thüringen GmbH (Hg.), StadtLand Perspektiven. Für eine neue Raumkultur. M Books, Weimar, 2023
- 1Stadt. Land. StadtLand. Plädoyer für eine neue territoriale Logik. S. 35-50. hier S. 47 IBA Thüringen GmbH (Hg.), M Books, Weimar, 2023
- 2Baden-Württemberg: https://www.statistik-bw.de/Presse/Pressemitteilungen/2021143 Nordrhein-Westfalen: https://www.haushaltssteuerung.de/weblog-kommunalstrukturen-in-nordrhein-westfalen.html