Großprojekte sind nicht mehr das beherrschende Thema des Architektur- und Planungsdiskurses. Dabei gibt es sie, die großen Aufgaben. In einer kleinen Serie stellen wir Großprojekte vor, die nicht der klassischen oder konventionellen Vorstellung von ihnen entsprechen, sich dennoch als Mammutaufgaben stellen. Der erste Teil behandelt die Frage nach dem Bild der Stadt, das die Diskussion über sie prägt und damit den Rahmen dafür steckt, welche Aufgaben wir in ihr behandeln. Dieser Rahmen ist schon lange viel zu eng gesteckt.
Die fragile Balance ist nachhaltig gestört. Läden gehen ein, Kaufhäuser schließen. Der Druck auf Freiflächen ebenso gewachsen wie die Ansprüche an den Privatraum. Es wurde vor allem im letzten Jahr darüber spekuliert, ob die dichte Stadt noch die richtige Antwort auf Fragen der Zukunft ist. Doch mit der Aussicht, dass wir bald wieder in das gewohnte Leben zurückkehren, scheint sich auch der städtebauliche Diskurs darüber zu beruhigen. Aber wir sollten die Fragen, die sich in der Pandemie gestellt haben, nicht vom Tisch wischen, denn sie haben sich schon zuvor gestellt. Und wenn man diese Fragen ernst nimmt, geht es nicht mehr allein um die Stadt, sondern um die Region. Das trifft auf die Lebenswirklichkeit vieler Menschen ohnehin besser zu.Wie gut ist dicht?
Auch aus anderer Perspektive scheint die Forderung nach Dichte fragwürdig. Denn der ungebrochen anhaltende Immobilienboom, der es vielen zunehmend schwer macht, bezahlbaren Wohnraum in der Nähe ihrer Arbeitsstelle zu finden, zeigt: Dichte ist vor allem eine Sache immobilienökonomischer Rentabilität. Im Vorwort zum Band »Gesellschaft durch Dichte« stellt Gerhard Boeddinghaus 1995 fest, schon in den 1960er-Jahren hätten erfahrene Stadtplaner prophezeit, »dass eifrige Spekulanten sich die Thesen von der anzustrebenden höheren Dichte der Bebauung so schnell wie rücksichtslos zunutze machen würden. So kam es dann auch.« 2 Gemessen an den Gewinnmargen, die heute teilweise als völlig leistungslose Gewinne im Immobilienbusiness eingestrichen werden, war die Lage in den 1960er-Jahren ja noch entspannt. Umso erstaunlicher, wie klar damals schon formuliert wurde, was heute die bittere Realität ist, die mit jedem Tag, an dem nicht versucht wird, sie zu ändern, schlimmer wird.
Leichtere Fragen
Stadt muss regional gedacht werden, damit die Nutzungen und Funktionen der dichten Kerne wie der peripheren Wohngebiete, die Transport- und Pendlerwege ebenso Berücksichtigung finden wie Teilhabe und Verteilungsgerechtigkeit. Ökologische Folgekosten des Verkehrs werden nach wie vor allenfalls unzureichend und keinesfalls mit steuernder Wirkung dem Verursacher, sondern der Allgemeinheit aufgebürdet. Dass auf Nahrungsmittel sieben Prozent Mehrwertsteuer erhoben werden, auf Kerosin aber keine – wem ließe sich das plausibel vermitteln?
Es scheint, als arbeite sich der Diskurs um Dichte noch an den Fehlern der Stadtplanung der Nachkriegszeit ab, als ob die nicht schon lange bekannt wären. Der Streit um die Neubesetzung der Senatsbaudirektorin in Berlin macht deutlich: Viele aus der Architektenschaft kleben noch immer an veralteten Klischees der guten und der schlechten Stadt. Man begegnet hier dem Verhaltensschema, das Daniel Kahneman in »Schnelles Denken, langsames Denken« so einleuchtend beschrieben hat: Wenn man eine schwierige Frage nicht beantworten will (oder kann), beantwortet man eine, die einfacher zu beantworten ist und so ähnlich klingt. 3 Es ist wie beim Witz über den Menschen, der nachts unter einer Straßenlaterne seinen verlorenen Geldbeutel sucht. Gefragt, ob er ihn denn auch hier verloren habe, antwortet er: „Nein. Aber hier sehe ich etwas.“ Wenn man die Herausforderung der regionalen, vernetzten Agglomerationen nicht annehmen will, redet man von der kompakten europäischen Stadt. Wenn man nicht über die Bodenfrage reden will, fordert man 400.000 neue Wohnungen jährlich. Kann man machen. Hilft aber im Jahr 2022 einfach nicht mehr weiter. Und dabei haben wir die Gebiete ja noch gar nicht in den Blick genommen, die dünn besiedelt sind, die Menschen verlieren, in denen Nahversorgung schwer aufrecht zu erhalten, Infrastruktur zu hohen Kosten zu unterhalten ist. Sie abgekoppelt von den prosperierenden Regionen zu behandeln ignoriert genau die Zusammenhänge, die die Probleme hervorruft. Wir müssen endlich anfangen, dezentral und regional zu denken. Die Aufgabe besteht darin, sich vom Bild der dichten Stadt als dem Gegenüber des Landes zu lösen, um beide in ihren Wechselbeziehungen zueinander diskutieren und gestalten zu können.
Ursachen oder Symptome
Und wenn die Pandemie tatsächlich zur Folge hat, dass Menschen, deren Job es zulässt, im Home-Office zu arbeiten, zu einer steigenden Attraktivität peripherer und ländlicher Standorte führt, dann stellen sich Fragen, die durch Dichte nicht zu lösen sind. Weder die, welche neuen Verkehrswege dadurch erzeugt werden könnten – auch hier könnte es den Bumerang-Effekt geben, dass die eingesparten Wege an anderer Stelle durch weitere Wege wieder kompensiert werden könnten. Noch die nach der sozialen Segregation auf regionaler Ebene, die ohnehin schon eine Realität ist, sich aber verschärfen könnte: Denn es sind ja (von wenigen Ausnahmen abgesehen) nicht die gut bezahlten Jobs, die nicht aufs Home-Office ausweichen können. Es wäre fatal, wenn man wieder einmal vergeblich hofft, die Kräfte des Marktes würden die Probleme der überhitzten Wohnungsmärkte schon von alleine lösen. Die vom Bündnis Bodenwende geforderte Enquete-Kommission zur Bodenfrage wäre ein wichtiger Schritt in eine andere Richtung, ein aktiver Schritt dazu, in Zusammenhängen zu denken. Es wäre einer, um Ursachen statt Symptome bekämpfen zu können. Wer allein von der dichten Stadt träumt, redet allenfalls von notwendigen Voraussetzungen für Lösungen. Nicht von ausreichenden.
(3) Michael Müller: Drei Stadtmodelle In: ders.: Kultur der Stadt. Essays für eine Politik der Architektur. Bielefeld 2010
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- 1Ernst Ulrich von Weizäcker, Anders Wijkman u.a.: Wir sind dran. Club of Rome: der große Bericht. Gütersloh 2018, S. 75
- 2Gesellschaft durch Dichte. Kritische Initiativen zu einem neuen Leitbild für Planung und Städtebau 1963/ 1964. In Erinnerung gebracht von Gerhard Boeddinghaus. Braunschweig/ Wiesbaden 1995, S. 10
- 3Daniel Kahnemann: Schnelles Denken, langsames Denken, München 2011. S. 280 ff.