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Anrufliste der Autorin, 13. Juli 2026, 11:55
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Wissenschaft, Kultur, Öffentlichkeit
In den sich gerade etablierenden, autoritär-faschistischen Ländern werden der Reihe nach beziehungsweise gleichzeitig Presse, Justiz, Wissenschaft und Bildung vereinnahmt – und dann die politischen Gegner kaltgestellt. Nun stellen wir fest, dass mit den neuen Bundesregierungsbeschlüssen genau solche Strategien auch auftauchen.
Dass zwar der Presse mit Skepsis begegnet wird: nichts Neues, auch nicht schlimm, solang die Presse unabhängig bleiben kann.
Dass Lobbyisten das Sagen in Wirtschaftsfragen haben: nichts Neues, aber schon schlimmer, wenn die Justiz dem ungerechtfertigten Einfluss keinen Einhalt gebieten kann – hierzulande ist das leider so, siehe oben. Die Autolobby ist unfassbar mächtig, wenn es darum geht, ihre eigenen Interessen durchzusetzen und zu vergolden. 1
Dass Bildungsfragen auf die Länder abgeschoben werden: Das war mal eine Garantie für kulturelle Vielfalt und Machtverteilung, ist heute aber eine Garantie für finanzielle Austrocknung der meisten Kulturbereiche inklusive der Schulausbildung.
Kultur, die Ländersache
Das Palladio-Motiv, griechisch konnotiert, taucht hier in einer deutschen Ostseeküstenstadt auf. (Foto: Ursula Baus)
Das Palladio-Motiv, griechisch konnotiert, taucht hier in einer deutschen Ostseeküstenstadt auf. (Foto: Ursula Baus)
Geschichte als Architektur- und Kulturwissenschaft
Um es konkret zu machen. Christian Freigang, seit 2003 Professor für Kunst- und Architekturgeschichte an der Universität Frankfurt und 2012-2024 in dieser Funktion an der FU Berlin, schrieb eine Art elektronisch übermittelten Brandbrief. In dem listete er auf, welche Architekturgeschichts- und Architekturtheorie-Lehrstühle allein in Berlin nicht mehr besetzt, also abgeschafft werden.
> Dementsprechend ausgedünnt wird die TU Berlin.
Im Bereich Kunstgeschichte entfällt die Professur für Architekturgeschichte (Nachfolge Kerstin Wittmann-Englert).
Im Bereich Architektur wird Architekturtheorie (Nachfolge Jörg Gleiter) nicht mehr besetzt.
> Auch an der Humboldt Universität geht es den Themen an den Kragen.
Im Bereich Kunstgeschichte entfällt die Professur für Geschichte der Architektur und des Städtebaus (Nachfolge Kai Kappel).
> Die Freie Universität verabschiedet sich nahezu komplett aus diesen Wissensbereichen.
Geschichte und Theorie der Architektur wird nicht neu besetzt (Nachfolge Christian Freigang).
Architekturgeschichte der Neuzeit (Nachfolge Sebastian Fitzner) wurde nicht wieder ausgeschrieben und entfällt.
Die UdK Fakultät Architektur wird das Fach Kunst- und Kulturgeschichte nicht weiter verfolgen (Nachfolge Susanne Hauser).
Architekturgeschichte bietet keine Kooperation mit Universitäten für entsprechende Abschlüsse.
Die BHT Berliner Hochschule für Technik vermeldet zwar: "Das Studium Architektur bildet Generealist*innen des Bauens aus. Sie entwerfen, gestalten und konstruieren Bauwerke in ihrem städtebaulichen Kontext". 4 Aber in Sachen Baugeschichte und Architekturtheorie gibt es keine Kooperation mit Universitäten für entsprechende Abschlüsse.
Im Bestand: Sieht nach der Veranda einer amerikanischen Ranch aus, entstand aber im Hof einer süddeutschen Kleinstadt. Dumm nur: Dass ein Fallrohr vor dem Pfosten nötig ist, wurde beim Bau der Treppe – links im Bild – offenbar zu spät bemerkt. (Foto: Ursula Baus)
Im Bestand: Sieht nach der Veranda einer amerikanischen Ranch aus, entstand aber im Hof einer süddeutschen Kleinstadt. Dumm nur: Dass ein Fallrohr vor dem Pfosten nötig ist, wurde beim Bau der Treppe – links im Bild – offenbar zu spät bemerkt. (Foto: Ursula Baus)
Bauen im Bestand
Öffentlichkeit, Wirtschaft, Zivilgesellschaft
Gewiss, es verlagern sich Dispute ins Internet und in die Social Media-Blasen. Architekturmuseen und -galerien thematisieren zudem aktuelle Entwicklungen und Projekte. Doch die longue durée der Geschichtswissenschaft 5 , die niemals ohne das mühsam erarbeitete (Vor-)Wissen und Überarbeiten ihrer eigenen Geschichte und Methoden auskommt und den akademischen Rahmen existenziell braucht, wird gerade von der Kulturpolitik abgeschafft. 6
Sehr beliebt bei Investoren: "Villa im Bauhaus-Stil". Wissen Investoren, was es mit dem Bauhaus auf sich hat, wenn eine AfD-Landesregierung in dessen Struktur eingreift? (Bild: Ursula Baus)
Sehr beliebt bei Investoren: "Villa im Bauhaus-Stil". Wissen Investoren, was es mit dem Bauhaus auf sich hat, wenn eine AfD-Landesregierung in dessen Struktur eingreift? (Bild: Ursula Baus)
Dass vom Bundesminister für Kultur, Wolfram Weimer, und der Ministerin im Bundesbauministerium, Verena Hubertz, bezüglich unseres heutigen Themas nichts zur erwarten ist: geschenkt. Bauen, Bauen, Bauen. Bauturbo und Sondervermögen für Infrastruktur und Klimafonds. Es geht um viel, um sehr viel Geld, das in den nächsten Jahren ausgegeben wird, wobei wertvolle Bausubstanz auf der Strecke bleiben und historisch relevante, "identitätsstiftende" Kontexte ignoriert werden. Parallel werden Architekturgeschichte und -theorie drastisch in der Ausbildung zurück gefahren. Eingedenk der Tatsache, dass die Lesebereitschaft und -kompetenz nachkommender Generationen rapide sinkt, ist die politische Beschleunigung des Abbaus von Architekturgeschichte- und theorie ein einziges Elend.
Vitruv? Ein Vulkan in Griechenland.
Gottfried Semper? Ein Komponist, der sich ein Opernhaus in Dresden geleistet hat.
Das Pantheon? Eine Asservatenkammer für Panther, Tiger und Co.
Statistisch werden Leseschwächen festgestellt? Dann schafft man das Lesen als Lehrfach ab. (Foto: Ursula Baus)
Statistisch werden Leseschwächen festgestellt? Dann schafft man das Lesen als Lehrfach ab. (Foto: Ursula Baus)
Der Wahnsinn hat Methode, man muss dafür nicht in die USA schauen. Hierzulande deklassieren Ministerin Reiche und Kanzler Merz Klimafragen als sekundär – als Vorstufe zur Leugnung des Phänomens. Konservative, extremistische Kreise verwenden daneben Geschichtsnarrative, als seien sie Handelsware.
Was tun?
Die genannten Fälle in Berlin sind entschieden. Doch muss man bundesweit vergleichbare Situationen im Blick behalten. Es können Interventionsstrategien und -formate entwickelt werden, die dem kulturpolitischen Irrsinn effizient, das heißt mit politischen Konsequenzen entgegenwirken. Der Einfluss der "klassischen" Presse sinkt, im lokalen Bereich sprießen Initiativen und Aktionskünste, im Internet verzeichnen Kulturformate allerdings mäßige Reichweiten. Im akademischen Kontext ist es noch schwieriger, weil hier die Hebel der Entscheidungsmacht sehr kraftvoll von oben nach unten wirken. Solidarität tut auch Not, um hier den Druck im Sinne einer gesellschaftsrelevanten Aufwertung von Architekturgeschichte und -theorie zu erhöhen. Es eilt!
- 1informativ dazu: https://www.lobbycontrol.de/ueber-uns/
- 2https://www.bundeswahlleiterin.de/service/wahltermine.html
- 3Tim Frehler: So will die AfD Sachsen-Anhlt umbauen. In Magdeburg präsentiert die AfD, was sie im Fall einer Machtübernahme umsetzen würde. In: Süddeutsche Zeitung, 13. Juli 2026
- 4https://www.bht-berlin.de/b-arch
- 5Fernand Braudel: Geschichte und Sozialwissenschaften. Die longue durée. In: Marc Bloch, Fernand Braudel, Lucien Febvre; Schrift und Materie der Geschichte. Vorschläge zu einer systematischen Aneignung historischer Prozesse. Frankfurt am Main 1977
- 6Christian Freigang wird in "die architekt" demnächst die Genese der Geschichtswissenschaft erläutern und deren Relevanz verdeutlichen. Ich danke ihm hier für Gespräche im Vorfeld.