Zwischen Baustelle und Bankenturm. Die Zukunft der Städtischen Bühnen Frankfurts ist ungewiss. Bild: PxHere, CC BY 2.0
Noch hat Frankfurt das Image einer weltoffenen Stadt mit vielfältiger Kultur. Nicht nur die Paulskirche, auch die Rolle als Vorzeigestadt der Moderne ist Teil dieser Identität: In den 1920er Jahren das Neue Frankfurt, eine international gefeierte Modellstadt der sozialen Stadtplanung, nach dem Zweiten Weltkrieg das in der Architektur des Wiederaufbaus manifestierte Bekenntnis zum demokratischen Neuanfang in der Metropole des Wirtschaftswunders. Doch dieses Image ist bereits ausgehöhlt.
Immer eiliger werden die Symbolbauten der Moderne aus dem Stadtbild getilgt, vorzugsweise ersetzt durch Imitate einer vormodernen Bebauung. Eine Geschichtsverfälschung, der nach einem überraschenden Beschluss Ende Januar jetzt ein weiteres Wahrzeichen demokratischen Kulturverständnisses zum Opfer fallen soll: die Doppelanlage für Schauspiel und Oper der Städtischen Bühnen. Und kaum hatte die Stadtverordnetenversammlung deren Abriss beschlossen, schon standen Investoren und Privatinitiativen mit Visualisierungen und PR-Broschüren für ihre Vorstellungen eines Theater-Neubaus parat. Der Projektentwickler Groß & Partner zeichnete das Bild eines spektakulären Eventpalastes inklusive Aussichtsplattform und Flaniermeile direkt am Mainufer, der „unserem“ Frankfurt „in der Zukunft hilft, unsere Stellung im Städteranking zu halten und zu steigern“. Die Frankfurter Freunde der Rekonstruktion waren mit einer neuen Initiative dabei: Dieses Mal soll das historistische Schauspielhaus von 1902 wieder aufgebaut werden. Schon vor mehr als einem Jahr hatte eine private Bürgerstiftung angekündigt, großzügig spenden zu wollen – allerdings nur gegen die Bedingung, die Bühnen in Zukunft privat betreiben und damit nicht an die öffentlichen Vergabeverfahren – als auch den Architektenwettbewerb – gebunden zu sein 1 .Investorenparadies Frankfurt – wem gehört die Stadt?
Sie könnten sich das nicht leisten, ließe ihnen die politische Führung der Stadt nicht den Spielraum dazu. Die Art, wie einige der gewählten Repräsentant*innen ihre politischen Verantwortlichkeiten an privatwirtschaftliche Akteure oder einflussreiche Bürger auslagern, hat ebenso wenig mit einer Bürgerbeteiligung zu tun wie eine Diktatur des Massengeschmacks mit Demokratie.
In der architektonischen Umgestaltung des Stadtbilds spiegelt sich das wider. Frankfurt hat sich schon lange einen Ruf als Investorenparadies gemacht, in dem Politiker leicht das Augenmaß verlieren, wenn wirtschaftliche Erfolgsversprechen gemacht werden. Auf dem Altar der Geschäfte städtische Werte und gesunden Menschenverstand gleichermaßen zu opfern, ist in Frankfurt nichts Neues, man denke an den Skandal um den Immobilienunternehmer Jürgen Schneider oder die Affäre um die Diamantenbörse. Welche öffentlichen Werte und Besitztümer die Stadt dieses Mal zu opfern bereit ist, sprengt allerdings den Rahmen des bisher üblichen.
Ein Geschenk an die Frankfurter
Dabei wäre ein Teilerhalt bautechnisch ebenso im Rahmen des Möglichen wie die Sanierung der Glasfassade – der Sanierungsbedarf an Foyer und Saal sei vergleichsweise gering, wie der Architekt Stefan Forster bei einer Pressekonferenz zu einer Petition zur Zukunft der Städtischen Bühnen am 9. März erklärte. In einem offenen Brief an die Stadt fordern die Unterzeichner unter anderem, das Wolkenfoyer und andere schützenswerte Gebäudeteile unter Denkmalschutz zu stellen.
Angriff auf Kultur für alle
In jedem Fall ist schwer vorstellbar, dass das vielfältige Repertoire der städtischen Bühnen, das vom Anstoß kultureller Diskurse lebt, noch Raum in den repräsentativen Neubauten finden wird, von dem Frankfurts Eliten träumen. Das Publikum aus allen Schichten der Gesellschaft, das für diese Inhalte so zahlreich erschienen ist, wäre dort ohnehin nicht mehr willkommen. Die Entscheidung der Stadtverordnetenversammlung ist nicht nur ein Angriff auf ein Bauwerk – sie ist ein Angriff auf den städtischen Kulturbetrieb an sich.
Verfahrensmängel und ein zweifelhafter Beschluss
Angesichts des bisherigen Verfahrensverlaufs muss man sich fragen, ob hier wirklich die Durchführbarkeit einer Sanierung geprüft oder eine Rechtfertigung für einen Neubau konstruiert werden sollte. Wurden die Kosten für die Sanierung künstlich in die Höhe getrieben, um die viel kritisierten hohen Kosten für einen Neubau zu relativieren, der im Gutachten von 2017 noch die teuerste Variante war? Schon die Höhe der 2017 geschätzten Sanierungskosten weckte Zweifel. In seiner Stellungnahme zur Machbarkeitsstudie von 2017 mahnte Hans Erhard Haverkampf, ehemaliger Baudezernent der Stadt Frankfurt, Inkorrektheiten bei der Berechnung an. Die von ihm veranschlagte Schätzung lag noch weit unter 200.000 Euro – ein Bruchteil der aktuell veranschlagten Summe.
Den Vorschlägen zur Privatisierung hat der Leiter der Stabsstelle „Zukunft der städtischen Bühnen“, Michael Guntersdorf, eine öffentliche Abfuhr erteilt. Der Geschäftsführer der DomRömer AG, die den Bau der neuen Altstadt zu verantworten hat, weiß wovon er spricht und kennt sich mit den Interessenslagen privater Investoren und rechtspopulistischer Agitatoren gleichermaßen bestens aus.
Wenn Repräsentanten städtischer Politik sich an Geschmacksfragen abarbeiten, lenken sie nicht nur davon ab, dass die Stadt an den Bedürfnissen der breiten Bevölkerung vorbei regiert – sie arbeiten auch rechtsextremen Populisten in die Hände. Gerade die Überbewertung populistischer Geschmacksfragen legt das größte Manko des gesamten Verfahrens offen: Eine öffentliche Debatte der Mandatsträger mit der Stadtgesellschaft über die Erwartungen, die diese an einen städtischen Theaterbetrieb in der Tradition einer für alle Gesellschaftsschichten offenen Kultur ohne Hemmschwelle stellen, hat nie stattgefunden. Diese muss aber zwingend an erster Stelle der Planung stehen. Die Stadt hat den zehnten Schritt vor dem ersten gemacht.
Die ständige Beschwörung der „Zukunftsfähigkeit“ der Städtischen Bühnen, die Abriss und Neubaupläne rechtfertigen soll, wird ohne diese Grundlage zum Bumerang. Zum Beispiel beim Thema technische Ausstattung: Es ist nicht weiter überraschend, wenn ein Jürgen Groß noch nie etwas von Digitalsparen gehört hat und allen Ernstes behauptet, "wenn die Kultur Bestand haben möchte, gerade mit Blick auf die neuen Medien und technischen Möglichkeiten, muss sie funktionsfähig sein." Selbstverständlich interessiert sich ein am Effektegewitter digitaler Firmenevents orientierter Investor, der intellektuell genauso in den 1990er Jahren stecken geblieben ist wie die Frankfurter Rekonstruktivisten im 19. Jahrhundert, nicht für kulturrelevante Fragen. Beispielsweise die, ob die Besucher der Städtischen Bühnen die hinter den Schauspielern eingeblendeten digitalen Bespielungen wirklich als kulturelle Bereicherung wahrnehmen oder auch ohne Bedauern darauf verzichten würden.
Nur das Grün des Geldes?
Gegenwärtig stellt das Coronavirus die Zukunft von Veranstaltungsstätten generell in Frage, die Prognosen der Wissenschaft zur Klimakatastrophe werden von den Meldungen aus aller Welt noch übertroffen, immer breitere Teile der Bevölkerung sorgen sich um die Sicherheit ihrer existentiellen Grundversorgung. Die Chancen stehen schon schlecht genug, den Kulturbetrieb in den nächsten Jahren ohne große Abstriche so zu erhalten, wie er jetzt ist. Die Vorstellung, in dreißig Jahren gäbe es in Frankfurt noch die Infrastruktur, die finanziellen Ressourcen und vor allem den Bedarf für darüber hinausgehende Prestigeprojekte ist mehr als realitätsfern – das entspricht dem geistigen Niveau der Klimawandelleugner.
Für die Zukunft der Bühnen suggerieren Politik und Investoren im Schulterschluss, die Würfel seien längst gefallen und jeder Widerstand zwecklos. Eine Haltung, mit der die Stadt auch die Aktivist*innen des Radentscheids abzuspeisen versuchte. Mittlerweile hat sich die Stadt die gegen ihren massiven Widerstand erzwungenen Zugeständnisse an die Radfahrer auf die eigene Fahne geschrieben. Ein Signal, vorgeblich endgültige Beschlüsse nicht einfach hinzunehmen – und die bislang versäumte Debatte nachzuholen. Was passiert, wenn die Zivilgesellschaft nicht aktiv wird, zeichnet sich bereits ab: Luxusappartements am Willy-Brand-Platz statt "Kultur für Alle" – es wäre nicht das erste Mal, dass die Stadtpolitik ihre Bürger mit Zugeständnissen an die Privatwirtschaft überrascht, denen sie eben noch eine markige Abfuhr erteilt hat.
Das Journal Frankfurt, auf deren Internetseite der Entwurf zuerst veröffentlicht worden war, widersprach postwendend, berief sich dabei allerdings auf das Büro OMA. Von dort hieß es: "Wir sind stolz auf unseren kooperativen Ansatz, der nicht die alleinige Urheberschaft betont, sondern gleichzeitig den individuellen Ausdruck und die Meinungen respektiert. OMA steht nachdrücklich hinter diesem Design und hofft, dass es zu einem produktiven Gespräch über die Zukunft der Frankfurter Oper beiträgt."
https://www.journal-frankfurt.de/journal_news/Kultur-9/Staedtische-Buehnen-Rem-Koolhaas-OMA-steht-nachdruecklich-hinter-diesem-Design-35413.html
- 1"Die Stiftung kann die Neue Oper Frankfurt ohne Berücksichtigung des öffentlichen Vergaberechts mit großer Wahrscheinlichkeit kostengünstiger als die Stadt bauen." https://www.stiftung-neue-oper-frankfurt.de/memorandum/
- 2Niklas Maak berief sich dabei in der FAZ auf Koolhaas selbst: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/entwurf-fuer-frankfurter-buehnen-neubau-kein-koolhaas-16654886.html