Längst werden diese Bauten nicht nur in Fachkreisen, sondern auch bürgerschaftlich wertgeschätzt. Als Keule, die für jeglichen Abriss geschwungen wird, dienen argumentativ nur und immer wieder: Geld und Gebäudetechnik. Diese Argumente gilt es immer wieder zu entkräften, sie sind teils falsch, auf jeden Fall engstirnig und kleingeistig – und von jeder baukulturell relevanten Weitsicht handeln sie nicht. Die legendäre "Gewährleistung" (Juristen sprechen von "Mängelhaftung") im Sanierungsfall als gesetzlich festgeschriebenes Recht des Auftraggebers bezieht sich dezidiert auf die "allgemein anerkannten Regeln der Technik" – nicht aber auf den Erhalt und die Pflege gestaltprägender Materialien, Strukturen und Details. BGB oder VOB/B lassen Interpretationsspielräume, doch zu überlegen ist vielmehr, dass es gar nicht erst zu weitreichenden Sanierungen kommen muss. Dazu gehört eine Instandhaltungspflicht seitens der Eigentümer, die verhindert, dass Gebäudebestand salopp gesagt: herunterkommt und dann leersteht oder abgerissen wird.
Sanierung verschleppen: die Vernichtung von staatlichem Eigentum
Zudem geht es um den Rang des Handwerks, der bis zum Ende der 1970er Jahre nicht in Zweifel stand – aber dann vom Furor der Bauindustrie lobbyistisch verdrängt worden ist. Auch darauf ist zurückzukommen.
So musste der Universitätspräsident Ludger Santen der Landesverwaltung eine "Bedarfsanalyse" vorlegen – Unibauten sind Landesangelegenheit, das Land ist also auch für die fehlende Pflege des staatlichen Gebäudebesitzes zur Rechenschaft zu ziehen. Wohl findet nun jener Präsident das Gebäude erhaltenswert, an erster Stelle stehe aber der "praktische Nutzen", bis zu 5.000 Essen täglich müssen über die Tresen gehen. 4 Man könne nicht "um jeden Preis die Mensa sanieren". Markus Otto, ehemaliger kommissarischer Leiter des Landesdenkmalrates und Ortskurator Saarbrücken der DSD, spricht denn auch von dem Politikversagen bei einer "verschleppten Sanierung".
Überlagert wird die Debatte von der Wirtschaftlichkeitsprüfung der Landesregierung. "Dass man gut beraten gewesen wäre, sich mit diesem Thema frühzeitig zu beschäftigen, will ich gar nicht bestreiten" – sagt Wolfgang Förster, Staatssekretär im Finanzministerium. Er weist jedoch auf Haushaltsberatungen und meint, es könne "nicht alles" finanziert werden. 5
Da tauchen sie auf, die Keulen, die argumentativ geschwungen werden: Nutzen und Geld. Erst wird durch die verschleppte Sanierung Bestandswert vernichtet, dann wird der vernichtete Wert als Grund für einen Abriss benannt. Dabei sind noch keine Kostenschätzungen für Sanierung beziehungsweise Abriss und Neubau der Mensa vorgelegt. 6 All das ist nicht neu, aber stets zu wiederholen und zu konkretisieren, um die Fehler als solche in den Debatten benennen zu können.
Foyer und Ausstellungsfläche in der ehemaligen französischen Botschaft in Saarbrücken, gebaut von Henri Pingusson (Bild: Ursula Baus, 2014)
Foyer und Ausstellungsfläche in der ehemaligen französischen Botschaft in Saarbrücken, gebaut von Henri Pingusson (Bild: Ursula Baus, 2014)
Vive l'Europe? Nicht in Berlin
Es ist gerade für Gebäude, die von den guten Zeiten internationaler Verständigung zeugen, kontinuierliche Pflege nötig. Dass weder Scholz, noch Merz die deutsch-französische Freundschaft in ihrem Wert für Europa begriffen haben – geschweige gepflegt –, lastet auf Bauten wie dem Pingusson, weil ihnen nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt wird. Den Alltag prägt derweil eine Jagd nach Rentabilität, die mit erbärmlicher Banalität im Bauen verbunden ist – und das mangels historischer, semiotischer, ökonomischer und ökologischer Kenntnisse in der Politik, deren Machtarm sehr weit reicht. Nur nicht vom Saarland bis nach Berlin oder umgekehrt.
Finanzamt in Saarbrücken (Foto: Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Dziallas)
Finanzamt in Saarbrücken (Foto: Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Dziallas)
Die Landesregierung hatte bei ihrer Entscheidung für einen Abriss auf die Unwirtschaftlichkeit einer Sanierung hingewiesen. Die Stiftung Denkmalschutz zweifelt offenbar an diesem Argument und fordert die Landesregierung in dem Offenen Brief mit Nachdruck auf, die Gutachten vorzulegen, die zu der Entscheidung geführt hätten." 7 Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hatte im November 2025 Klartext geliefert. 8 Daraufhin hatten Stadt und Land ein Konzeptverfahren initiiert – und den Investoren anheimgestellt, ob sie Abriss oder Denkmalschutzberücksichtigung vorziehen. Perfider geht's nicht. Im Februar 2026 setzte sich allerdings mit Peter Gross Bau ein Verfahrensgewinner durch, der sich zur denkmalgerechten Sanierung und zum Erhalt der äußeren Gestalt bekannte. 9
Der Bestand braucht das Handwerk
Das Haus ist, wie einige andere bemerkenswerte Einfamilienhäuser aus dieser Epoche im Saarland, aus Rücksicht auf die Bewohner nicht im Architekturführer Saarland publiziert worden. Nach dem Tod von Krajewskis Ehefrau entschied sich die Familie zum Verkauf des Hauses. Der neue Eigentümer gab mir freundlicherweise die Erlaubnis, das Gebäude in seinem jetzigen Zustand zu dokumentieren. Und den Schlüssel zum Haus gleich mit dazu, was meine Arbeit erheblich vereinfachte… Vielen Dank auch dafür!"
Grundriss, Raumentwicklung und Details dieses Hauses lassen ins Schwärmen kommen. Der Topografie angepasst, erschließt Splitlevel die Ebenen. Einbaumöbel sind dem räumlichen Gefüge angepasst, das in wunderbaren Materialien – Travertin, Holz, Farbenstimmigkeit in den mit Fliesenplänen perfekt realisierten Sanitärbereichen, die Details bei Hausschild und Kamingestaltung – das alles lassen die "Bauhausstil-Häuser" und Villenarchitekten der Gegenwart nahezu vollständig vermissen. Beim Haus Krajewski kann man mit Fug und Recht von Baukunst reden, die seinerzeit noch ohne Preise von "Schöner Wohnen", HÄUSER-Award und ähnlichem auskam. Auch dieses Haus ist wie die Mensa ein: Gesamtkunstwerk, das darüberhinaus den Beweis liefert, dass Funktionalität und Gesamtkunstwerk einander nicht widersprechen oder gar ausschließen.
Neubau 2025 am Standort Haus Krajewski (Foto: Ursula Baus)
Neubau 2025 am Standort Haus Krajewski (Foto: Ursula Baus)
Das Typenhaus
Mit klar strukturiertem Grundriss, eingeschossig barrierefrei bietet das Typenhaus beste Möglichkeiten.
Mit klar strukturiertem Grundriss, eingeschossig barrierefrei bietet das Typenhaus beste Möglichkeiten.
Baubar, Camus-Dietsch Bungalow, Scheidter Berg, Saarbrücken
Baubar, Camus-Dietsch Bungalow, Scheidter Berg, Saarbrücken
Baubar, Camus-Dietsch Bungalow, Scheidter Berg, Saarbrücken
Baubar, Camus-Dietsch Bungalow, Scheidter Berg, Saarbrücken
Raymond Camus stellte erstmals 1948 den Patentantrag für sein Beton-Fertigteil-Hausbausystem. Mit Fred Dietsch eröffnete Camus die Société Camus-Dietsch Constructeurs. 1957 beantragte er ein weiteres Patent, und zwar für eine Sandwich-Konstruktion der Außenwände. Die Fertigteile waren dreischalig mit innerer Betonwand, Dämmschicht und äußerer Betonschicht. Die Publikation zeigte die Vielfalt der Fertigteilkombinationen. Anders als Fertighaushersteller ging es hier um individuelle, preisgünstige Wohnhausherstellung ohne "Stilvorgaben" – modulare Bausysteme sind keine Fertighäuser. (siehe )
Raymond Camus stellte erstmals 1948 den Patentantrag für sein Beton-Fertigteil-Hausbausystem. Mit Fred Dietsch eröffnete Camus die Société Camus-Dietsch Constructeurs. 1957 beantragte er ein weiteres Patent, und zwar für eine Sandwich-Konstruktion der Außenwände. Die Fertigteile waren dreischalig mit innerer Betonwand, Dämmschicht und äußerer Betonschicht. Die Publikation zeigte die Vielfalt der Fertigteilkombinationen. Anders als Fertighaushersteller ging es hier um individuelle, preisgünstige Wohnhausherstellung ohne "Stilvorgaben" – modulare Bausysteme sind keine Fertighäuser. (siehe )
Hausbau und Raumbildung, Freiheit versus Pflicht
Hegen und Pflegen!
Und mal ehrlich: Wenn heute ein Neubau mit Travertin, massiven Holzeinbauten, exzellenter Handwerksarbeit entstehen soll: Dann ist er so teuer, dass auch solvente Bauherrschaften die Finger davon lassen. Aus den 1960er-80er Jahren gibt es in Deutschland aber dermaßen viele, handwerklich herausragend realisierte Gebäude, die jeder Rettung wert sind. Den baukünstlerisch anspruchsvollen Bestand, den es in Hülle und Fülle gibt, durch regelmäßige, handwerklich richtige und planerisch kluge Weitsicht zu erhalten, ist das Gebot der Stunde, dem mit verpflichtender Pflege Folge zu leisten ist. Aber da hört man schon wieder das Geschrei: "Ich lass‘ mir doch nicht vorschreiben, was ich mit meinem Haus zu tun habe." Leider führt hier eine falsch verstandene Freiheit bei kenntnislosen und beratungsresistenten Menschen zu beklagenswerten Fehlentscheidungen.
- 1dazu: https://www.moderne-regional.de/uni-mensa-als-weltkulturerbe/
- 2ARD SR, 26.6.2025 (verfügbar bis 26.6.2027): https://www.ardmediathek.de/video/wir-im-saarland-das-magazin/uni-mensa-saarbruecken-sanierung-oder-abriss/sr/Y3JpZDovL3NyLW9ubGluZS5kZS9NQS1XSU1TXzE1NTAyNC9zZWN0aW9uLzQ
- 3https://mensa50.bauarchiv.org/
- 4siehe Anm. 1, 2:30
- 5siehe Anm. 1, 5:00
- 6s.a. Timo Steppat: Der Kampf um den Denkmalschutz. In Saarbrücken sind Gebäude unter Denkmalschutz vom Abriss bedroht. Das liegt nicht nur am Geld. In: FAZ., 12.1.2026 - https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/saarbruecken-gebaeude-unter-denkmalschutz-sind-vom-abriss-bedroht-accg-110811866.html
- 7https://www.sr.de/sr/home/nachrichten/politik_wirtschaft/scharfe_kritik_an_abriss_des_saarbruecker_finanzamtes_100.html
- 8https://www.denkmalschutz.de/pressemitteilung/finanzamt-saarbruecken-abrissoption-ist-ein-armutszeugnis.html
- 9https://www.denkmalschutz.de/pressemitteilung/vernunft-setzt-sich-auch-in-saarbruecken-durch.html