Ob es einen Unterschied zwischen Architektur und dem „bloßen Bauen“ gibt, ist seit geraumer Zeit immer wieder Bestandteil von Debatten. Mal wird auf vernakuläre Bauten und „Architektur ohne Architekt:innen“ verwiesen, mal geht es um vermeintliche Schönheit, die, so denn erreicht, Architektur vom nicht näher bestimmten, aber irgendwie unschönen Rest scheidet. Dass unsere gebaute Umwelt in Stadt und Land aber so aussieht wie sie aussieht, hat viel damit zu tun, dass es in der Produktion von gebautem Raum – auf der Ebene des Stadt- wie des Hausbaus – vielfach nur um die Befriedigung von Marktmechanismen geht. Regelt der Markt, dann bleibt ein Recht auf Wohnen ebenso auf der Strecke wie die Schönheit.
Der US-amerikanische Kulturanthropologe und Publizist David Graeber hat 2013 in einem Beitrag für das Magazin „Strike!“ erstmals „Über das Phänomen der Bullshit-Jobs“ geschrieben. 2018 hat er die aus diesem Essay gesammelten Erkenntnisse und Reaktionen zu dem Buch „Bullshit-Jobs. Vom wahren Sinn der Arbeit“[5] zusammengetragen und erweitert. Darin beschreibt er jene Arbeiten als „Bullshit-Jobs“, die keinen gesellschaftlichen Mehrwert erzeugen. „In einem echten Bullshit-Job ist häufig nicht klar, was jemand eigentlich tun soll, was er über seine Tätigkeit sagen kann und was nicht, wen man fragen kann und was, wie viel und innerhalb welcher Parameter erwartet wird, dass man so tut, als ob man arbeitet, und welche Dinge stattdessen zulässig sind und welche nicht. Das ist eine elende Situation. Auf Gesundheit und Selbstwertgefühl hat sie häufig verheerende Auswirkungen. Kreativität und Fantasie bröckeln.“[6]
Bullshit-Jobs und Bullshit-Architektur
Wir finden dieses Prinzip auch in der zeitgenössischen Architektur. In all jenen „Bullshit-Architekturen“, die der Gesellschaft keinen Mehrwert bieten, ja schlimmer noch: ihr mitunter gar Schaden zufügen. In Projekten zum Beispiel, die ihren Sinn und Zweck schon erfüllt haben, ehe das erste Fundament auch nur gegossen ist. Die Spekulation mit Land und die Investition in Architektur als Renditeobjekt hat zu jenen Bauten geführt, die wir landauf und landab bestaunen können und deren Zweck nicht primär die Schaffung von Wohnraum ist, sondern das Abschöpfen kurzfristiger Gewinne. Mit Blick auf die Grundlagenbegriffe der Architektur wie „Zweck“ und „Funktion“ haben diese Projekte ihren Zweck schon erfüllt, wenn ein Entwickler die Planung gewinnbringend an den nächsten verkauft hat, die Funktion des Wohnens beispielsweise müssen jene Bauten dieser Logik folgend also gar nicht mehr ausfüllen. Der Druck, der auf dem „Renditeobjekt“ lastet, wird vom Erwerb des Baugrunds und dessen gewinnbringendem Weiterverkauf, über die Planung und ihrer gewinnbringenden Veräußerung, immer höher.
Wo Planung nicht Architektur wird
Die dabei entstehende Form gehorcht stets ausschließlich dem Kostendruck. Auf der Maßstabsebene der Stadt entsteht ein Städtebau aus der bloßen Addition flächenmaximierter Kuben, der Raum der Allgemeinheit schmilzt auf ein Mindestmaß zusammen, das sich aus Abstandsflächen und Aufstellarealen der Feuerwehr zusammenaddiert. Auf den folgenden Maßstabsebenen finden wir das gleiche Prinzip mit Blick auf kosten-optimierte Flächen, die an den Wohnbedürfnissen unserer Zeit ebenso vorbeigehen wie an gestalterischem Mindestanspruch, und rein wirtschaftlich argumentierten Anlagetechniken, die die multikomplexe Gemengelage des Anthropozän mit der nachträglichen Applikation von Technik zu lösen versprechen. Das Ergebnis ist paradoxerweise das gleiche wie in der Postmoderne, über die Jörg Gleiter schreibt: „Wo die floating signifiers keinen Bezug mehr auf ein Ergon haben, löst sich selbst das Ergon auf. Alles ist dann Parergon. Denn das Ergon hat kein Medium mehr, durch das es auf sich aufmerksam machen könnte. Das Wesen der Dinge bleibt unthematisiert. Nichts kann jetzt mehr auf den Mangel des Ergons verweisen.“ Wo in der Postmoderne die von der Form losgelösten Zeichen zu einer Sinnentleerung der Architektur führten, führt heute die kapitalistische Idee von Rendite durch Landerwerb und Bebauung zu einer Form, die gleichermaßen der „Kernform“ wie der „Kunstform“ beraubt zu sein scheint, weil sie auf obskure Weise das einlöst, was Robert Venturi, Denise Scott Brown und Steven Izenour der architektonischen Moderne vorwarfen: Ihre Form als solche führe „kein Eigenleben mehr, sondern sie wird zum mehr oder minder automatischen oder magisch-zufälligen Ausdruck der jeweiligen Verhältnisse“[9], sprich zu dem, was der Bauteilkatalog der Hersteller im engen Korsett des Kostenrahmens gerade noch so hergibt.
Der Text basiert auf einem längeren Essay, der 2024 unter dem Titel „Form als architektonisches Werkzeug. Überlegungen zur Form in der Architektur“ in dem von Uwe Schröder herausgegeben Band „Identität der Architektur VI: Form in der Architektur“ im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König veröffentlicht wurde.
[1] Jörg H. Gleiter: Architekturtheorie zur Einführung, Hamburg 2022, S. 202 ff.
[2] Carl Bötticher, Die Tektonik der Hellenen (2 Textbände und Tafelband), Potsdam 1852, zitiert nach: https://doi.org/10.11588/diglit.4578, Seitenaufruf: 04.05.2026
[3] Jörg H. Gleiter: Überschuss an Form, in: Die Architekt 6/22 „Form. Grundlagen der Architektur VI“, Berlin 2022, S. 46 ff.
[4] Vitruv: De Architectura Libir decem. Zehn Bücher über Architektur, Wiesbaden 2004, S. 27
[5] David Graeber: Bullshit-Jobs. Vom wahren Wert der Arbeit, Stuttgart 2018
[6] Graeber (2018), S. 218
[7] Graeber (2018), S. 46
[8] Hans-Jochen Vogel: Mehr Gerechtigkeit! Wir brauchen eine neue Bodenordnung – nur dann wird Wohnen auch wieder bezahlbar, Freiburg/Basel/Wien 2019, S. 38
[9] Robert Venturi, Denise Scott Brown und Steven Izenour: Lernen von Las Vegas. Zur Ikonographie und Architektursymbolik der Geschäftsstadt, Braunschweig/Wiesbaden 1979, S. 110