Umbau und Bestandserhalt sind nicht nur wichtig, um das Klima nicht noch weiter zu belasten. Was sie wert sind, zeigt sich manchmal auch in direkter Konfrontation mit dem Neuen, das in der Nachbarschaft des Erhaltenen entsteht. Nicht selten ist man um den Bestand froh, weil er die Standardware des Gegenwärtigen bereichert und ihm einen anderen Charakter entgegensetzt. Dafür kann das alte Gebäude ein Highlight seiner Zeit gewesen sein, muss es aber nicht. Zwei Beispiele aus Berlin und Nürnberg zeigen, wieviel gewonnen wird, wenn wir umbauen und sanieren.
Kornversuchsspeicher, Berlin
Die alte Ziegelfassade wurde aufgearbeitet, gereinigt, ergänzt, von innen mit Calcium- Silikatplatten gedämmt, und die Speicherfenster nach historischem Vorbild und in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege entweder aufgearbeitet oder ersetzt. Am neueren Bauteil waren die Schäden etwas größer, die Betonkonstruktion musst aufwändig saniert werden. Die Ausfachungen waren dazu entfernt worden, sie wurden größtenteils wiederverwendet. Um für ausreichende Belichtung zu sorgen, sind großformatige Fenster eingesetzt worden, die an der Nordseite zusätzlich schmale Balkone erhielten.
An der Schnittstelle zwischen den beiden Gebäudeteilen ist der neue Erschließungskern eingesetzt worden, ergänzt um Sanitärbereiche. Dessen Sichtbetonoptik fügt sich passend in die Sprache des sanierten Bestands, nimmt im Bereich des Erdgeschosses und der obersten Etage durch eine verspringende Brettschalung noch Bezug zur Fassadenprofilierung der neuen Aufstockung.
Nutzen lässt sich das gerade eröffnete Haus nun für Büros, Ausstellungen und Veranstaltungen gleichermaßen. Dem neuen Quartier verhilft es zu einem markanten Charaktergebäude, das auf die mehr oder minder austauschbaren Neubauten abstrahlt und ein wenig über die verpasste Chance hinwegtröstet, auch auf städtebaulicher Ebene das zu leisten, was im Kornversuchsspeicher so gut gelungen ist: Alt und Neu miteinander zu verbinden.
Kornversuchsspeicher, Berlin
Sanierung, Aufstockung und Umnutzung eines denkmalgeschützten Speichers
Hedwig-Porschütz-Stra.e 20, 10557 Berlin
Bauherrinn: Adler Group
Bauherrin-Vertretung: Heide Siegmund-Schultze
Architektur: AFF Architekten (LP 1-5 und LP8, künstlerische Oberleitung)
Tragwerksplanung: ISKP Ingenieure, Berlin
Landschaftsplanung: capattistaubach urbane landschaften, Berlin
TGA: Passau Ingenieure GmbH, Berlin
Bauphysik: ISRW - Institut für Schalltechnik, Raumakustik, Wärmeschutz
BGF 3.588,02 qm
BRI 12.520 m3
Planungs- und Bauzeit: 2018–2023
Kohlektiv, Nürnberg
Doch zurück zum „Kohlektiv“ – das nicht, wie man vermuten mag, genossenschaftlich oder ähnlich organisiert ist, sondern seinen Namen der Vermarktung wegen bekam. Nicht, dass das Bestandsgebäude zu der Zeit, als es errichtet worden ist, nicht auch von einer Architektur war, die man genauso auch in anderen Städten und an anderen Orten hätte finden können. Der nüchterne, aber gut proportionierte Betonskelettbau aus den 1960er Jahren, mit Ausfachungen aus Beton und Klinkerfliesen, weist als repräsentative Bauteile vor allem die beiden Treppenhäuser auf, ist in Bauweise, Volumenkomposition und Details ein typisches Zeugnis seiner Zeit. Die Eigenheit, die es dem Quartier verleihen kann, besteht also weniger darin, eine regionale Bauweise zu repräsentieren, sondern die Geschichte des Ortes, die Nachkriegszeit mit dem Heute zu verbinden.
Die Obergeschosse wurden bis auf die Rohbaustruktur rückgebaut und neu so organisiert, dass sich flexibel Mieteinheiten verschiedener Größe einrichten lassen. Drei größere Einheiten sind jeweils mit Sanitär- und Teeküchenzeile ausgestattet und in sich flexibel unterteilbar. Die Treppenhäuser wurden sorgfältig restauriert, die Geländer etwas erhöht, unumgänglich leider, aber so bewältigt, dass es kaum stört. Sichtbar bleibt zudem die Tragstruktur, Wände setzen Farbakzente, die Farbpalette ist aus dem Bestand und der Entstehungszeit des Hauses abgeleitet. Das gilt auch für das Außen. Die neu gedämmte Fassade, deren Fenster sich in Proportionen an die ursprüngliche Fassade anlehnen, ist in Sandtönen gehalten, verschiedene handwerkliche Putzstrukturen bilden die ursprüngliche Gestaltung aus Tragwerk und Ausfachungen ab. Geländer und Vordach bekamen die für Güterwaggons lange übliche rostbraune Farbe. Selbst das Kunstwerk von Silke Wagner an der Ostseite, gut sichtbar von der S-Bahn, lässt sich in seiner Neonröhrenoptik als eine poppig-hintergründige Reminiszenz an die Bauzeit des Gebäudes verstehen. Ursprünglich wurde es zur WM 2006 entworfen und greift den Namen eines 1986 gegründeten englischen Fanzines auf, das sich gegen Rassismus im Fußball engagiert, thematisiert aber vor allem gesellschaftlich relevante Tendenzen, die im Fußball exemplarisch sichtbar werden. Auch so lässt sich, wenn man will, von der Geschichte lernen.
Kohlektiv. Sanierung und Weiterentwicklung ehemalige Hauptverwaltung Güterbahnhof
Kohlenhof, Sophie-Germain-Straße 12 90443 Nürnberg
Auftraggeber: Aurelis Real Estate Service GmbH
Architektur: Andreas Ferstl Architekten
Mitarbeitende AFA: Andreas Ferstl, Andreas Demharter, Anna Jacob, Peter Moos, Dennis Brandt, Maximilian Peter, Eva Hoffmann
Projektsteuerung: GCA Projektmanagement + Consulting
Tragwerksplanung: C-I-P GmbH Ingenieure
Haustechnik: GEC GmbH & Co. KG
Elektroplanung: Frey Donaubauer Wich mbH
Bauphysik: PMI GmbH
Landschaftsarchitekten: Adler Olesch Landschaftsarchitekten
BGF: 4300 qm BGF
Planungs- und Bauzeit: 2018–2022