Visualisierung: Michel Desvigne Paysagiste MDP, Paris
Visualisierung: Michel Desvigne Paysagiste MDP, Paris
Visualisierung: Michel Desvigne Paysagiste MDP, Paris
Visualisierung: Michel Desvigne Paysagiste MDP, Paris
Klimaschutz versus Kulturschutz
Gebautes bleibt, der öffentliche Raum unterliegt in seiner Funktionalität, Erscheinungsform und materielen Gestaltung den politischen Entscheidungen. (Bild: Karus; MDP)
Der erste Preis (das renommierte Pariser Büro Michel Desvigne Paysagiste) berücksichtige mit seiner geschickten Verteilung von „Bauminseln“ neben einigen verbleibenden Blickschneisen auf Fassadenausschnitte Hauptbedingungen des Umbaus: Das Freihalten der Flächen für „Klassik am Odeonsplatz“ sowie für die temporären Tribünen des Oktoberfestzugs und der traditionellen Trachtenparaden. So viel Geschichtspflege im Namen der Eventkultur muss sein!Ja! Es ist gut, wenn der stinkende und zumeist stehende Verkehr der Ludwigstraße reduziert und Fahrrädern und Fußgängern Priorität eingeräumt wird! Ja, es ist gut für das Stadtklima, so viele grüne Bäume wie irgend möglich in die innere Stadt zu pflanzen, besonders in Zeiten, in denen die einst mutige, auf Ursachenbekämpfung zielende Klimapolitik der Grünen von den Regierenden unverholen rückabgewickelt wird! Meint der Autor, für den Grün immer noch eine Farbe der Hoffnung ist.
Aber es ist nicht gut, wenn die gute Absicht Kollateralschäden verursacht, die die über zweihundert Jahre tradierte historische Identität der Stadt bis zur Unkenntlichkeit verhunzt. Vor genau vierzig Jahren kämpfte der Autor mit einer Bürgerinitiative gegen den hypertrophen (infolge immerhin etwas abgespeckten) Neubau der Bayerischen Staatskanzlei im Unteren Hofgarten. Schnee von vorgestern? Keineswegs, es geht auch heute wieder darum, das einzigartige und wohldurchdachte stadtbaukünstlerische Gefüge der Münchner Stadterweiterung nach der Erhebung Bayerns zum Königreich 1806 als städtebauliches Kapital zu erkennen und als historischen Kern Münchens zu bewahren.
Die Untere Ludwigstraße als Paradeplatz: "Inspizierung des Buerger Militairs", Farblithographie von Gustav Kraus 1842; rechts: Die Obere Ludwigstraße als Fanmeile 1842: Bei der Ankunft bejubelt München Marie von Preußen, die 16-jährige, protestantische Braut des Kronprinzen Maximilian. Farblithographie von Gustav Kraus.
Die Untere Ludwigstraße als Paradeplatz: "Inspizierung des Buerger Militairs", Farblithographie von Gustav Kraus 1842; rechts: Die Obere Ludwigstraße als Fanmeile 1842: Bei der Ankunft bejubelt München Marie von Preußen, die 16-jährige, protestantische Braut des Kronprinzen Maximilian. Farblithographie von Gustav Kraus.
Das kulturelle Gedächtnis
Ja! Die heute von vielen skeptisch als feudalistisch und elitär beäugte Prachtstraße zwischen Feldherrnhalle und Siegestor war ein Stück weit „Herrschaftsarchitektur“, die nicht nur Renaissancefassaden aus Florenz und Rom zitiert, sondern auch mit der napoleonischen Staatsarchitektur in Paris konkurrieren wollte. Bei näherem Hinsehen stellt sie sich aber als eine seinerzeit durchaus fortschrittliche public-private-partnership von Monarchie, Adel und aufstrebendem Bürgertum dar. Der Landschaftsplaner Sckell, dem ab 1807 die Neugestaltung des Englischen Gartens als erstem Öffentlichen Volkspark Europas (heute leider völlig übernutzte und pflegebdürftige grüne Lunge der Stadt) zu danken ist, wollte eine vierreihige Allee durch die lockere ländliche Bebauung bis zum Dorf Schwabing führen. Der 1816 nach München berufene Architekt Klenze ergriff hingegen die Chance, eine der jungen Hauptstadt und der damaligen Wohnungsnot angemessene urbane Verdichtung über einem Raster von Straßen und repräsentativen Platzräumen mitsamt einer herrschaftlichen Magistrale durchzusetzen, die der Stadterweiterung bis heute ein funktionierendes Rückgrat gibt. Klenze wollte verhindern, dass München sich bis Schwabing „hindorfen“ würde.
Die Stadt – ein großes Dorf?
Es ging Klenze in seiner Stadtbaukunst um „eine Abfolge bedeutender architektonischer Bilder“. Das galt, nachdem München die zahlungsfähigen Privatiers ausgegangen waren, gleichermaßen für den nördlichen Abschnitt mit den modernen Staatsbauten Friedrich von Gärtners im Anschluss an Klenzes Kriegsministerium (Blinden- und Salineninstitut, Staatsbibliothek, Ludwigskirche und Universität), die zu den besten Werken des romantischen Klassizismus zählen und damals von Fachleuten und Touristen aus ganz Europa bewundert wurden.
Stadtplan 1838 (aus O. Hederer, Die Ludwigstraße, 1942; Bild-Digitalisierung: Diaarchiv des Kunstgeschichtlichen Seminars, Universität Hamburg)
Stadtplan 1838 (aus O. Hederer, Die Ludwigstraße, 1942; Bild-Digitalisierung: Diaarchiv des Kunstgeschichtlichen Seminars, Universität Hamburg)
Baum- oder Geschichtsinsel
Dass eine Paradestraße, die als überlanger, architektonisch streng gefasster Saalplatz angelegt wurde, nicht ohne totalen Gesichtsverlust in einen lässigen „Boulevard“ transformiert werden kann (wie die Auslober meinen), ahnten hoffentlich auch die hochkarätigen Fachleute, die im Preisgericht saßen, darunter der Chef der Bundesstiftung Baukultur (Reiner Nagel), der oberste Denkmalpfleger des Freistaates (Mathias Pfeil) und der Doyen der bayerischen Architekturgeschichte (Winfried Nerdinger). Sie wirkten vermutlich am städtischen Wettbewerb nur mit, um – wie es in solchen Konfliktlagen stets heißt – das Schlimmste zu verhüten. Auch falls das im Vergleich tatsächlich zutreffen sollte: Die Aufgabenstellung war von vornherein falsch, und man wird den Eindruck nicht los, dass die Klimaangst willkomener Anlass zu einer semantischen Um- und Abwertung der noch immer wirkmächtigen Prachtstraße ist, die sich als demokratische Aneignung eines ideologisch verdächtigen Erbes versteht.
Schon 1987 hatte sich der zuständige Sachpreisrichter im Katalog der Ausstellung „Romantik und Restauration“ die Argumente der einst gegen den König opponierenden Ständeversammlung zu eigen gemacht und ein vernichtendes Urteil über dessen autokratische Baupolitik gefällt: „Die gesamte Kunstpolitik Ludwigs war auf seine Selbstverherrlichung und seinen Nachruhm gerichtet, zu ihrer Durchführung war er buchstäblich bereit über Leichen zu gehen.“ Und ja: Auf den historischen Abbildungen sieht man oft Militär, Stern-Gründer Henri Nannen schwärmte 1937: „Aus dem Kreuzweg der Bewegung wird die via triumphalis des neuen Reiches“, und Oswald Hederer eröffnete seine rundum sachliche architekturhistorische Untersuchung der Ludwigstraße 1942 mit dem Konterfei des „Führers“. Angesichts solcher Kontaminationen soll wohl nicht nur die Herrschaftsachse durch „Bauminseln“ gebrochen werden. Im Siegerentwurf wird auch der Odeonsplatz mit dem Reiterdenkmal des Königs, das ihm die dankbare Kommune erst viele Jahre nach seiner Abdankung stiftete, in eine riesige Buddelkiste verwandelt, damit unsere Kleinsten nicht zu heimlichen Monarchisten oder am Ende gar zu Nazis mutieren. „Der Herrschaft Größe vor der Kunst verschwindet“, dichtete der abgedankte Monarch 1848. Auch wenn man diesem Bescheidenheitsgestus nicht auf den Leim gehen mag, war Ludwig I., dem München unbestreitbar nachhaltigste Grundlagen seiner kulturellen Bedeutung verdankt, zum Glück keine Präfiguration Donald Trumps, und Klenze trotz seiner Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus kein Ahnherr Albert Speers.