Für 42 Kinder zwischen 0 und 6 Jahre von Studierenden und Mitarbeitenden ist hier Raum geschaffen worden, in einer Kinderküche mit Essraum wird mit den Kindern gekocht, auch bei Elternabenden oder Veranstaltungen kann auf sie zurückgegriffen werden. Dem Büro Aline Hielscher Architektur gelang es, ohne die Struktur und den Charakter des Baus grundsätzlich zu überspielen, ihn eine freundlich zeitgemäße Atmosphäre verströmen zu lassen. Dafür haben die Architekt:innen neue Fensterelemente aus Holz und Aluminium einbringen lassen, die aus einer Festverglasung und einem geschlossenen Flügelelement bestehen. Die geschlossenen Flächen setzen ebenso wie die Türen mit einem gedeckten, hellen Rotton einen neuen Farbakzent, der das neue Innenleben nach außen trägt und wunderbar mit dem hellen Grau der konstruktiven Bauteile harmoniert. Innen wird der Rotton in Bädern und Küche aufgegriffen. Türkis für Fliesen in den Sanitärräumen für Personal und Eltern ergänzt das Farbspektrum.
Ansonsten sind die neuen Einbauten im Naturton des Nadelholzes gehalten, aus dem sie bestehen: die Garderobe, die Einbauregale, die Treppen- und Rampenanlage mit Kletterwand im Bewegungsraum, die ein Spielen auf mehreren Ebenen ermöglicht und zwischen den Ebenen des Geschosses und dem Zugang ins Freie vermittelt. An den Bewegungsraum angrenzend sind im Sockelgeschoss zudem ein Schlafraum und Personalräume untergebracht, Küche und Gruppenräume mit Garderoben und Sanitärräumen liegen im Erdgeschoss. Niedrige Fensterbänke im großzügig bemessenen Flur eigenen sich als Sitzplätze für die auf ihre Kinder wartende Eltern. Die zurückhaltende Beleuchtung mit leichtem Retroflair zeigt das feine Gespür der Architekt:innen für eine überzeugende Balance zwischen neuen Akzenten und Respekt vor der Geschichte und der Atmosphäre des Bestehenden.
Ort: Friedrich-Zollinger-Str. 1a, 06217 Merseburg
Auftraggeber: Studentenwerk Halle AÖR
Architektur: Aline Hielscher Architektur, Leipzig
Tom Döhler, Aline Hielscher, Wiebke Kessler, Johanna Knigge, Florian Tobschall
Bauüberwachung: Dr. Manfred Arlt (Architektur und Denkmalpflege Thomas Zaglmaier)
Tragwerksplanung: DSH GmbH
Wärmeschutz: Wohlrab, Landeck & Cie.
Brandschutz: Joachim Maske
HLS: Wohlrab, Landeck & Cie.
ELT: Schimmel + Schönemann
Küchenplanung: Triebe und Triebe GbR
Freianlagenplanung: Sascha Kleine
Fertigstellung: 2023
Baukosten: 1,7 Mio. € brutto (KG 300, 400)
Fotografie: Célia Uhalde
Umbau der Martinskirche in Stuttgart
Doch darauf wollte die Evangelische Kirchengemeinde nicht warten – und gab sich und dem Haus die Chance, in einem offenen Prozess einen Weg in eine Zeit zu finden, in der Kirchenräume als offene Orte der Gemeinschaft und des Quartiers gebraucht werden. 2006 wurde das Kölner Büro Prinzmetal beauftragt, mit temporären Formaten sich den Raum mit den Menschen des Quartiers neu anzueignen. Das Experiment gelang: Die Martinskirche wurde entdeckt als Raum für Feste, für kulturelle Veranstaltungen, für Diskussionen, für lebendigen Austausch, für Workshops, für die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Und die Architektur musste dafür nicht einmal großartig umgebaut werden, um zum milieu-offenen Raum der Begegnung und der Spiritualität zu werden; der Kirchenbau erwies sich als offener und variabler als vermutet.
Der dritte große Bereich ist der Kirchenraum. Er kann als Gesamtraum mit und ohne Bestuhlung genutzt werden, zu den Stirnseiten können aber auch kleinere Räume abgetrennt werden. Nur wenige Eingriffe wurden vorgenommen. Die Empore wurde neu gestaltet, erhielt eine zusätzliche Treppe, abtrennbare Kapellen entstanden auf und unter der Empore. Der Altarbereich wurde vergrößert, um als Bühne dienen zu können, er kann durch fahrbare Holzpodeste noch zusätzlich vergrößert werden. Diese Podeste können aber auch frei im Raum positioniert werden, für Workshops, Diskussionen etwa. Durch eine Leinwand lässt sich der Altarraum in einen intimen Raum verwandeln, ohne dass er vollständig abgeschlossen werden müsste. So sind ein Vielzahl von Nutzungen und Raumkonfigurationen möglich, die während der partizipativen Erprobungsphase erprobt wurden. Es wurde ein neuer Ort geschaffen, der sich neue Begegnungen und Erlebnissen öffnet, es wurde das Haus und der Raum bewahrt – und mit ihm nicht nur graue Energie, sondern auch Geschichte und Erinnerungen.
Ort: Eckartstraße 2, 70191 Stuttgart
Auftrageberin: Ev. Gesamtkirchengemeinde Stuttgart
Architektur: Prinzmetal, Gerald Klahr, Aaron Werbick, Köln
Projektsteuerung: NPS Bauprojektmanagement
Tragwerksplanung: Engelsmann Peters GmbH
Brandschutz: UMT Umweltingenieure
E-Planung: Zeeb+Frisch
HLS-Planung: Zeeh Schreyer Planungsbüro
Medienplanung: Wireworx
Bauphysik: TEB GmbH
Restauratorische Konzeption: Mäule u. Krusch
Nutzfläche: 1.109 qm
BGF: 2.358 qm
Fertigstellung: 2023
Fotografie: Brigida González
Umbau einer Scheune in Neuenstein
Weyell Berner Architekten hatten das Ziel, den Bestand nicht nur zu erhalten, sondern auch dessen Atmosphäre und Struktur zu bewahren. Sie haben dafür einen konzeptionellen Ansatz gewählt, der die „Haus im Haus“-Idee mit einem Ineinanderflechten des Bestehenden mit dem Neuen verbindet. Zum einen wird das alte Gebäude als Witterungsschutz und Hülle genutzt, die es erlaubt, den Neubau im Innern ressourcenschonend zu betreiben. Quer in den bestehenden Bau wurde, nachdem einige Einbauten entfernt wurden, ein neuer Baukörper eingesetzt, mit Sanitärräumen und Kasse im Erdgeschoss sowie Büroräumen im Obergeschoss. Durch diese Intervention wird die Scheune auch räumlich neu erfahrbar: mit offenen, hohen Bereichen und einem schmalen Durchgang, an dessen Anschluss sich der Raum erneut weitet.
Als zweite neue Intervention zeigt sich der neue, vor dem Bestand gesetzte Giebel, der dem Haus ein neues Gesicht gibt, in dem sich die Idee des Weiterbauens bildlich nach außen präsentiert. Die Regelmäßigkeit und Dichte der neuen Struktur verleihen dem Haus nun genau jene Anmutung des Fremdartigen, die es braucht, um ohne Opposition zum Bestand Neugier und Freude am Entdecken zu wecken. Weil die Hülle im Bereich dieses Giebels transluzent gehalten ist, wird die Südfassade bei Nacht wie ein Leuchtkörper sichtbar, bei Tag macht er den Dachstuhl von innen erlebbar. Ein neues Vordach überführt den neuen Giebel aus dem Flächigen in eine dreidimensionale Struktur, es bietet soviel Schutz, dass die Fläche vor der Scheune die Nutzungsoptionen im Freiraum erhöhen. Die Spuren des Bestands und dessen Gebrauchs blieben erkennbar, das Neue wird ebenfalls lesbar, ohne sich übertrieben inszeniert absetzen zu müssen. Auch nach innen hat sich die bestehende Struktur erweitert. Neue Holzstäbe stabilisieren den Bestand, nehmen die Lasten des neuen Giebels auf; der neue Einbau scheint darin wie eingewoben. Miriam Weyell und Florian Bernern nennen die Arbeiten der finnische Textildesignerin Johanna Gullichsen als Referenz.
Auch darüber hinaus wurden die Prinzipien des Landwirschaftsbaus beibehalten. Das Holz kommt aus lokalen Quellen, alle tragenden und nicht-tragenden Bauteile sind sichtbar gefügt, rückbaubar und recyclebar. Dank des Konzepts, das die Raumhüllen ineinander fügt und den Bestand zum Puffer der neuen Räume macht, kann der gesamte Energiebedarf aus erneuerbaren Quellen gedeckt werden. Büro, Kassen-, Besprechungsraum und Sanitärbereiche werden über eine Luft-Wärmepumpe mit Fußbodenheizung beheizt. Eine PV-Anlage mit Batterie-Zwischenspeicher liefert die dazu nötige Energie, Überschüsse werden direkt in Netz eingespeist. In den Sommermonaten deckt die Scheune gar den Energiebedarf des ganzen Betriebs. Das Regenwasser der Dachflächen wird in zwei Zisternen gesammelt und für die Bewässerung der umliegenden Pflanzenzucht genutzt. Ein Umbau im Geist des Alten, ohne gestrig zu sein.
Ort: Haller Straße 17, 74632 Neuenstein
Auftraggeber: Baumschulen Vogg GmbH, Neuenstein
Architektur (Entwurf und Gestalterische Bauleitung): Weyell Berner Architekten, Zürich; Miriam Weyell, Florian Berner
Architektur (Ausführung): Steinbach Schimmel Architekten, Öhringen; Ulrich Schimmel, Mandy Ibrahim
Tragwerksplanung: Wieland + Meissner Ingenieurgesellschaft mbH, Öhringen; Gerhard Meissner
Holzbau: Zimmerei Stefan Kraft, Nitzenhausen; Stefan Kraft, Patricia Böhringer
Schreinerarbeiten: Schreinerei Melber, Neuenstein; Christiane Melber
Sanitär, Lüftung: Karl Hüftle GmbH Sanitär, Neuenstein; Peter Hüftle
Elektroarbeiten: Schnell GmbH, Neuenstein; Peter Schnell
Baumeister und Umgebungsarbeiten: Sanwald Garten & Landschaftsbau GmbH, Emmertshof; Hubert Sanwald
Fertigstellung: 2024
Fotografie: Hans Stypa
Florian Berner, Weyell Berner Architekten